Aus Linux-Magazin 05/2007

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

Der Spiritus Rector der Wikipedia wirft ein neues Projekt ins Rennen: Wikisaria soll den großen Suchmaschinen mit einer Mischung aus breiter Community und finanzieller Rückendeckung Konkurrenz machen.

“Eine Sache, die ich wirklich beherrsche, ist der Aufbau von Communities”, zitiert die “New York Times” Jimmy Wales. Seit sich die freie Enzyklopädie Wikipedia zum Selbstläufer entwickelt hat, befindet sich ihr Schöpfer auf der Suche nach neuen Projekten, in denen er diese Fähigkeit einbringen kann.

Abbildung 1: Mit guter finanzieller Ausstattung und aktiver Mitarbeit der Seitenbesucher soll Wikisaria künftig eine bessere Suchmaschine ins Web bringen. Die Projekt-Homepage erläutert die Hintergründe.

Abbildung 1: Mit guter finanzieller Ausstattung und aktiver Mitarbeit der Seitenbesucher soll Wikisaria künftig eine bessere Suchmaschine ins Web bringen. Die Projekt-Homepage erläutert die Hintergründe.

Next Generation

Wales\’ neueste Idee soll keinem geringeren als dem Giganten Google das Fürchten lehren, dessen Name sich bei großen Teilen der vernetzten Welt als Synonym für die Suche im Internet etabliert hat. Eine freie, Community-gesteuerte und Wiki-inspirierte Suchmaschine soll den Großen Konkurrenz machen.

“Die Suche ist fundamentaler Bestandteil der Internet-Infrastruktur”, stellt Wikia Search ([1] und Abbildung 1), die Webseite der Wiki-basierten Suchmaschine, fest und fährt lapidar fort, “und derzeit ist sie kaputt.” Das mag zufriedene Benutzer von Google, Yahoo & Co. überraschen, doch “kaputt” bezieht sich nicht auf die Funktionsfähigkeit, sondern auf den Mangel an Freiheit, Community, Verantwortung und Transparenz, ähnlich wie bei proprietärer Software.

Hartes Pflaster

Der Suchmaschinenmarkt ist hart umkämpft, weil eine gute Position darin außer einträglichen Werbeeinnahmen eine direkte Kontrolle über das WWW verspricht. Das musste im letzten Jahr sogar der Autohersteller BMW erfahren, dessen deutsche Webseite Google kurzerhand aus seinem Index strich. BMW nutzte so genannte Doorway-Pages und verstieß damit gegen die Aufnahmebedingungen der Suchmaschine. Diese Technik zur Manipulation von Suchmaschinen füllt Hunderte bis Hunderttausende Homepages automatisch mit populären Schlagwörtern, die nur die Robots der Suchmaschinen sehen.

Doch die Kriterien von Google & Co. sind selten so nachvollziehbar wie im Falle der Doorway-Pages. So argwöhnen beispielsweise Google-Skeptiker Herabstufungen ihrer Seiten aus inhaltlichen Gründen. Da nur Google selbst die Ranking-Kriterien kennt, lässt sich dieser Vorwurf weder bestätigen noch entkräften. Auch die Sammelwut nach persönlichen Daten sowie die Kooperation mit Zensurbehörden in China stärkten in den letzten Jahren die Sorge um die Meinungsfreiheit im Internet, solange sie der Kontrolle einiger weniger Unternehmen wie Google und Yahoo unterliegt.

Schwung für eine alte Idee

Eine freie Suchmaschine soll also für nichts weniger als die Demokratie antreten und nebenbei auch bessere Ergebnisse liefern. Das provisorisch Wikisaria getaufte Projekt befindet sich derzeit noch im Stadium der Ideensuche, obwohl seine Vorgänger bereits fast fünf Jahre alt sind: Unter dem Namen 3apes startete im September 2002 ein Webverzeichnis, das mehr einem Telefonbuch als einer modernen Suchmaschine glich. Auf einer frei editierbaren Wiki-Seite trugen Benutzer ihrer Ansicht nach interessante Internetadressen ein und kategorisierten sie nach Schlagwörtern.

Im Jahr 2004 regte Jimmy Wales den Aufbau einer verbesserten Suchmaschine an, deren Ergebnisse die Benutzer selbst anpassen und verbessern sollten. Das neue Projekt hörte auf den Namen Wikia, schlief mangels aktiver Beteiligung allerdings bald wieder ein.

Den Namen Wikia verwendet mittlerweile ein Hoster, der Platz für Wikis zu verschiedenen Themen anbietet; auch die Homepage dieser freien Suchmaschine steht dort. Der jetzige Name Wikisaria setzt sich aus dem bereits bekannten hawaiianischen Wort “wiki” für schnell sowie dem japanischen “saria” für herumstöbern zusammen.

Wikisaria soll nicht mehr, sondern bessere Suchergebnisse liefern als die großen Konkurrenten. Ähnlich wie beim Kampf gegen E-Mail-Spam liegt der Hauptnutzen einer Suchmaschine inzwischen nicht mehr nur im Auffinden von Informationen, sondern in der Abstufung nach Relevanz. Eine Aufgabe, die Google nach Ansicht von Jimmy Wales nicht zufrieden stellend erfüllt.

Das Gegenrezept von Wikisaria beruht auf der erhofften massenhaften Kooperation freiwilliger Helfer, die zuverlässiger als jeder Algorithmus erkennen, ob ein Suchtreffer interessant ist oder nicht. Gemäß Wiki-Prinzip soll jeder Wikisaria-Teilnehmer fehlende Suchergebnisse hinzufügen und fälschlicherweise oben rangierende Treffer herabstufen.

Geldfrage

Die Frage, ob die menschlichen Helfer mit den Rechenzentren von Google überhaupt konkurrieren können, stellt sich erst dann, wenn Wikisaria eine ausreichende Anzahl freiwilliger Teilnehmer zur Mitarbeit motivieren kann. Anders als Wikipedia ist das Projekt nämlich auf finanzielle Gewinne durch Werbung ausgerichtet. Freiwillige Mitarbeit zu Gunsten eines profitorientierten Unternehmens dürfte aber nicht jedermanns Sache sein.

Diesen Widerspruch überwinden sieht Jimmy Wales als seine größte Herausforderung bei dem neuen Projekt. Er möchte eine Wikisaria-Community aufbauen, die ihre Mitglieder nicht als Beta-Tester ohne großen Einfluss missbraucht. Stattdessen sollen sie die Strategie des Projekts gemeinsam ausarbeiten.

Bei der Suche nichts Neues?

Fehlende Transparenz und mangelnde Mitbestimmung durch die Benutzer sind zweifellos Mankos der großen Suchmaschinen. Dennoch ist es fraglich, ob Wales\’ Konzept der Community-basierten Suchmaschine wirklich eine neue Qualität mit sich bringt.

Auch Google bezieht individuelle Bewertungen der Relevanz von Webseiten indirekt mit ein, indem dafür die Anzahl der Links auf eine Homepage berücksichtigt wird. So genannte Social-Bookmarking-Seiten wie [http://digg.com] verfolgen ebenfalls ein sehr ähnliches Prinzip, indem sie das Sammeln und Kategorisieren von Links an ihre Besucher delegieren.

Eine erste Wikisaria-Version soll schon in den nächsten Wochen starten. In der Anfangsphase hoffen die Initiatoren vor allem viele Benutzer zu finden, die die Inhalte der Suchmaschine aufbauen und stetig verbessern. In dieser Phase wird sich wohl abzeichnen, ob Wikisaria den kritischen Punkt überwinden und wie Wikipedia zum Selbstläufer wird, der immer mehr neue Benutzer anzieht, die die Qualität verbessern.

An finanziellen Mitteln scheint es Wikisaria jedenfalls nicht zu fehlen. Neben dem Kapital, das Jimmy Wales persönlich in das ehrgeizige Projekt einbringt, stehen der neuen Suchmaschine noch vier Millionen US-Dollar von mehreren Investoren zur Verfügung. Hinzu kommt eine Einlage in unbekannter Höhe vom Online-Buchhändler Amazon. Dies alles ist schon Grund genug, um Wikisaria ernst zu nehmen und seine Entwicklung aufmerksam zu verfolgen.

Abbildung 2: Das World Wide Web wächst täglich, ohne Suchmaschinen ist die Navigation fast unmöglich. Wikisaria soll den Markt aufbrechen und demokratisieren. Bild von Wikimedia [2].

Abbildung 2: Das World Wide Web wächst täglich, ohne Suchmaschinen ist die Navigation fast unmöglich. Wikisaria soll den Markt aufbrechen und demokratisieren. Bild von Wikimedia [2].

Karotten-Quark-Bratlinge

Wer nicht nur bei Suchmaschinen, sondern auch bei den Mahlzeiten auf der Suche nach Alternativen ist, sollte einmal Karotten-Quark-Bratlinge probieren. Zutaten: 500g Karotten, ein Rosmarinzweig, 100g Magerquark, 150g Haferflocken, 50g geriebener Schnittkäse, ein Esslöffel gehackte Petersilie, zwei Esslöffel Sonnenblumenkerne.

Zur Zubereitung die Karotten schälen, in kleine Stücke schneiden und mit wenig Wasser zusammen mit dem Rosmarinzweig etwa 15 Minuten weich kochen. Im Mixer mit dem Quark pürieren, Haferflocken, Käse und Petersilie untermischen und mit Salz abschmecken.

Daraus mit angefeuchteten Händen vier Bratlinge formen, diese in den Sonnenblumenkernen wenden und in der Pfanne mit etwas Öl bei mittlerer Hitze von beiden Seiten drei bis vier Minuten lang goldbraun braten. (pkr)

Infos

[1] Wikia Search: [http://search.wikia.com]

[2] Das Wikimedia-Commons-Bild des Benutzers Chris 73 ist unter der Creative-Commons-Lizenz frei erhältlich: [http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:WorldWideWebAroundGoogle.png]

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