Aus Linux-Magazin 09/2016

Besichtigungstour zu den skurrilsten Linux-Distributionen

© Antonio Oquias, 123RF

Seit den frühen 90ern schießen die Linux-Distributionen wie Pilze aus dem Boden. Das Linux-Magazin blickt zurück auf ein paar besonders erstaunliche oder schräge Exemplare.

Auch wenn die Syntax anderes vermuten lässt, steht der Name des klassischen Linux-Tools »awk« nicht für Awkward (zu Deutsch etwa “tolpatschig”), sondern für die Namen seiner Autoren, nämlich Alfred Aho, Peter Weinberger und Brian Kernighan. Kryptische Namen zu geben sei eine lange etablierte Unix-Tradition, heißt es auf einer Seite des Debian-Wiki [1], die sich mit den Namen traditioneller Linux-Tools beschäftigt.

Abbildung 1: Nur ein kleiner Ausschnitt aus dem umfangreichen Stammbaum der Linux-Distributionen. Die Grafik wartet unter <custom name="key" srcset=

http://futurist.se/gldt/«.” width=”300″ height=”139″ /> Abbildung 1: Nur ein kleiner Ausschnitt aus dem umfangreichen Stammbaum der Linux-Distributionen. Die Grafik wartet unter http://futurist.se/gldt/«.

Denn, steht dort weiter, häufig halten Entwickler die Namen ihrer Tools für selbsterklärend oder sie glauben, dass sie die User ohnehin nicht interessieren. Dieser Denkschule folgen offensichtlich viele Macher der mehr als 500 Linux-Distributionen weltweit (Abbildung 1, [2]). Bereits die frühen Vertreter trugen wahlweise kryptische Abkürzungen (LSD, LST, DLD) oder recht merkwürdige Namen wie Yggdrasil (Abbildung 2).

Abbildung 2: Yggdrasil gehörte zu den frühen Linux-Distributionen und ließ sich von einer CD starten.

Abbildung 2: Yggdrasil gehörte zu den frühen Linux-Distributionen und ließ sich von einer CD starten.

Das Linux-Magazin nimmt das Jubiläum “25 Jahre Linux” zum Anlass, eine (zugegeben unvollständige) Typologie seltsamer Linux-Distributionen aufzustellen, denn in den zweieinhalb Jahrzehnten kreuzte eine Menge von ihnen unseren Weg. Während einige davon noch putzmunter in die Zukunft blicken, ist bei anderen nicht recht klar, welche Zielgruppe sie anpeilen oder ob sie überhaupt noch am Leben sind.

Linux für Zombies

Apropos untot: Die passende Linux-Distribution für Zombies ließ sich recht einfach ermitteln. Sie heißt Undead Linux aka Evil Entity [3] und hauchte 2003 trotzdem ihr Leben aus. Das heißt, die zugehörigen Domains sind frei, möglicherweise geistern im Bittorrent-Universum noch Kopien umher, auf der Suche nach Gehirnen von Linux-Nutzern. Evil Entity, das “böse Wesen”, ist übrigens der Erzfeind der Comicfigur Scooby Doo und laut einem Wikia-Eintrag eine “schwebende Masse dunkelgrüner Tentakel”. Wer sofort an Suse als perfekte Basis für Evil Entity denkt (Grün!), liegt falsch. Tatsächlich basierte Evil Entity auf Slackware und setzte auf einen eher düster anmutenden Enlightenment-Desktop (Abbildung 3).

Abbildung 3: Ein tschechisches Blog erlaubt noch einen nachträglichen Eindruck von Evil Entity, das Enlightenment als Desktopumgebung nutzte, aber inzwischen nicht mehr unter uns weilt.

Abbildung 3: Ein tschechisches Blog erlaubt noch einen nachträglichen Eindruck von Evil Entity, das Enlightenment als Desktopumgebung nutzte, aber inzwischen nicht mehr unter uns weilt.

Als näher am Leben erwies sich der Fokus der Distribution, der auf dem Abspielen von Multimedia-Dateien lag – sie wollten doch nur Filme schauen.

Je kaputter, desto besser

Auch Void Linux [4], der Name steht je nach Übersetzung für “gleichgültig” oder “nichtig”, wurde einst von seinem Hauptentwickler schon für tot erklärt. Das Ganze stellte sich aber als Aprilscherz heraus [5], die totgeglaubte Distribution schaffte es kürzlich gar auf den Titel der Ausgabe 04/16 der Linux-Magazin-Schwester “Linux User”.

Hervorstechende Features der Rolling Release sind ein eigenes Buildsystem, ein selbst entwickeltes Paketsystem namens Xpbs und der Verzicht auf Systemd. An dessen Stelle setzt Void-Linux, das darauf besteht, kein Fork einer anderen Distribution zu sein, auf Runit [6].

Einen absoluten Sonderfall bietet Damn Vulnerable Linux (DVL, [7]). Wie ein guter Wein wird das infektiöse Linux selbst nach seinem Ableben immer besser. Thorsten Schneider, ein Dozent der Uni Bielefeld, hatte 2007 Version 1.0 von DVL als Admin-Albtraum voller Sicherheitslücken veröffentlicht, damit Sicherheitsforscher mit ihr experimentieren. Seit 2012 entwickelt offenbar niemand mehr das auf Debian und Damn Small Linux basierende DVL weiter, womit die Zahl der nicht behobenen Sicherheitslücken naturgemäß wächst – in diesem Fall eine klassische Win-Win-Situation.

Am Abgrund

Suicide Linux [8] klingt zunächst wie eine ironiebegabte und aufstrebende Linux-Distribution mit optimistischer Ausrichtung und Zukunftsplänen, entpuppt sich aber bei der Recherche als feuchter Traum für masochistisch veranlagte Sysadmins. Genau genommen handelt es sich um ein Debian-Paket, das bei jedem falsch eingegeben Befehl mit Rootrechten ein »rm -rf /« absetzt und so sämtliche Daten auf der Festplatte löscht. Schwarze Pädagogik [9] für Linux-Admins, wenn man so will.

Auch der Name Devil-Linux [10] dürfte bei zart besaiteten Usern höllische Schweißausbrüche auslösen – doch völlig unberechtigt. Im Gegenteil. Das einzig teuflische an der leichtgewichtigen Linux-Distribution, die von CDs oder USB-Sticks bootet, ist der Verzicht auf eine grafische Oberfläche (Abbildung 4). Das macht aber nichts, dient sie doch erfahrenen Admins als Router- und Firewall-System und inzwischen auch als dedizierter Server für Anwendungen.

Abbildung 4: Nicht nur beim Booten verzichtet Devil-Linux auf eine grafische Oberfläche.

Abbildung 4: Nicht nur beim Booten verzichtet Devil-Linux auf eine grafische Oberfläche.

Der Fokus liegt auf der Sicherheit: Die meisten Binaries sind mit GCC Stack Smashing Protection übersetzt, der Kernel setzt auf GR-Security und Pax. Aktuell arbeiten die Macher ganz bodenständig an Version 1.8.0, Exorzisten dürfen also zu Hause bleiben.

Höllenspektakel

Dringt Devil-Linux nur dem Namen nach in religiöse Gefilde vor, tauchen andere Distributionen gleich richtig ein. Denkt man zumindest sofort, wenn die Rede auf die Ubuntu Satanic Edition (Abbildung 5, [11]) kommt.

Abbildung 5: Die Ubuntu Satanic Edition (Webseite) zielt vor allem auf Heavy-Metal-Anhänger ab, hat aber leider bereits Rost angesetzt. Dafür ist freie Heavy-Metal-Mucke eingebaut.

Abbildung 5: Die Ubuntu Satanic Edition (Webseite) zielt vor allem auf Heavy-Metal-Anhänger ab, hat aber leider bereits Rost angesetzt. Dafür ist freie Heavy-Metal-Mucke eingebaut.

Ein Linux für Teufelsanbeter sei das aber nicht, beschwert sich gleich einer in den 666 (!) Kommentaren auf der About-Seite [12]: “Als spiritueller Satanist finde ich [die Distribution] beleidigend. Wenn die Themes mehr in Richtung Satanismus gingen und weniger in Richtung düstere Bilder und Heavy Metal, wäre ich womöglich interessierter.” Neben verletzten Gefühlen macht das Zitat die Stoßrichtung der Satanic Edition deutlich – sie zielte auf Heavy-Metal-Fans.

Auf der Webseite warten Wallpaper mit Feuer, Totenköpfen und halbnackten Frauen in beliebiger Reihung sowie Heavy-Metal-inspirierte Musiksammlungen, die Namen wie “Music for the Damned” oder “Distro of the Beast” tragen. Das Ganze war wohl nur zeitweise witzig, übrig blieb auf der Webseite die Undead-Live-CD (Version 666.9) mit einem völlig veralteten Ubuntu 10.10 und Gnome 2 als Desktop. Echt teuflisch!

Himmel hilf!

Christen haben es da etwas besser. Zwar schätzt Distrowatch die Ubuntu Christian Edition (Abbildung 6, [13]) als “schlafend” ein, immerhin erhält das zugrunde liegende Ubuntu 12.04 noch bis April 2017 Updates.

Abbildung 6: Die Christian Edition setzt auf verschiedene Sorten von Bibelstudien-Software.

Abbildung 6: Die Christian Edition setzt auf verschiedene Sorten von Bibelstudien-Software.

Dans Guardian sorgt dafür, dass die Kinder beim Surfen nicht aus Versehen beim eben beschriebenen Teufelszeug landen, an Bord sind christliche Tools wie Xiphos (Bibelstudien) und Open LP (Präsentationsplattform für Kirchen). Die meisten Pilger zur Webseite kommen übrigens aus den USA, gefolgt von Polen.

Sabily lautete der Name der in Frankreich produzierten Ubuntu Muslim Edition [14], die aber 2011 den Gebetsteppich einrollte. Wohl auch, weil sich die einzelnen Tools problemlos im Standard-Ubuntu nachinstallieren lassen. Laut Wikipedia [15] installierte Sabily arabische Sprachpakete vor und brachte Programme für Koranstudien, einen islamischen Kalender sowie eine Erinnerungssoftware für Gebetszeiten mit.

Weitere Versionen von Sabily waren geplant, faktisch ist aber Ubuntu 11.10 mit Unity-Desktop die letzte angebotene. Das erhält schon länger keinen Support mehr, weshalb Distrowatch die Distribution für tot erklärt. Mit Ojuba-Linux [16] existiert ein leicht angestaubtes Pendant zu Sabily, das auf Fedora basiert. Die letzte Version dieser arabischen Distribution mit einigen islamischen Tools stammt vom März 2014.

Wellness und Pasta

Viele Deutsche halten Buddhismus ja für praktizierte Wellness, auch bei Bodhi Linux [17] wird nicht sofort klar, wie viel Religion und wie viel Wellness in der Ubuntu-basierten Distribution steckt. Religiös angehaucht sind vor allem die Begriffe. Bodhi kann sich auf denselben Wortstamm wie Buddha stützen und steht für den buddhistischen Erkenntnisvorgang. Auch der Moksha-Desktop (Abbildung 7) deutet auf diese Richtung hin, das Wort steht in den indischen Religionen ungefähr für Erlösung und Erleuchtung.

Abbildung 7: Moksha-Radiance ist eines der Themes für den Moksha-Desktop.

Abbildung 7: Moksha-Radiance ist eines der Themes für den Moksha-Desktop.

Auf der anderen Seite kommt mit Enlightenment 17 auch ein “erleuchteter” Desktop zum Einsatz, womöglich ist Moksha also einfach eine Übersetzung des Wortes. Spezielle religiöse Software installiert Bodhi jedenfalls nicht vor, die aktuelle Version 3.2 ist im März 2016 erschienen, Buddha gefällt das.

Mit weit weniger Wohlgefallen dürfte hingegen seine nudelige Gottheit, das fliegende Spaghetti-Monster [18], auf seine Anhänger und die Landschaft der Linux-Distributionen als solche schauen. Das Linux für Pastafaris, einst von Linux Format halb im Scherz angekündigt [19], bleibt wohl weiterhin ein parmesanbestreuter Wunsch. Bislang hat sich kein siebtragender Entwickler oder Pirat gefunden, um die zentralen Glaubensinhalte auf einem Linux-Desktop zu versammeln.

Wäre das Ganze eine Art religiöser (Distributions)-Wettbewerb, läge wohl der Buddhismus nach Punkten vorn. Denn nur Bodhi Linux wartet mit einem aktuellen Glaubensbekenntnis auf.

Betreut surfen mit Kim Jong-un

Religion und Ideologie sind mitunter zwei Seiten derselben Medaille [20]. Das lässt sich nicht nur an Zeitrechnungen ablesen. Während Europäer das Jahr 2016 nach Christi Geburt zählen, befinden sich die Nordkoreaner laut Chuch’e-Ideologie im Jahre 105 nach Kim Il-sungs Geburt. Ein Fakt, dem auch der Kalender von Red Star OS [21] Tribut zollt, einem auf Fedora basierenden Linux-Derivat, das OS X ähnelt und im nordkoreanischen Intranet zu Hause ist. Ins richtige Internet will der Chef seine Bürger nicht lassen, auch sonst lässt sich eher von “betreuter Computerarbeit” sprechen.

Abbildung 8: Idyll mit Flakgeschützen: Nordkoreas Linux-Macher verstehen volles Rohr was von Romantik.

Abbildung 8: Idyll mit Flakgeschützen: Nordkoreas Linux-Macher verstehen volles Rohr was von Romantik.

Zu den Features von Red Star OS 3.0 gehört es, Dokumente und Bilder mit einem Wasserzeichen zu versehen, das die verschlüsselte Seriennummer der Festplatte als Basis verwendet. So lässt sich für das Regime nachvollziehen, welchen Weg ein Dokument auf den Rechnern der Nutzer nimmt. Im Zweifelsfall kann der eingebaute Virenscanner auch mit Hilfe einer schwarzen Liste bestimmte Dokumente zensieren.

Die Hacker sind nicht sicher, ob das System auch Hintertüren enthält, schließen aber nicht aus, dass diese tief im System versteckt sind oder über Updates auf die Rechner gelangen. Sie bescheinigen Red Star OS aber auch, dass die Entwickler viel Gehirnschmalz in das System gesteckt haben. Für Fans ideologisch aufgeladener Kunst liegen auch einige interessante Wallpaper bei (Abbildung 8).

Unter der roten Flagge

Für Red Flag Linux (Abbildung 9, [22]), einem seit 1999 in China entwickelten Linux-Derivat auf Fedora-Basis, gibt es keine Berichte über eingebaute Überwachungstechnologien. Allerdings berichtete “Associated Press” 2008, dass die Regierung Internetcafés in Nanchang 2008 dazu zwingen wollte, von Windows auf Red Flag zu wechseln. Ein Sprecher von Red Flag erklärte jedoch, das gelte nur für die Server-Seite, um die Nutzerzahlen besser zu bewältigen und einen Virenschutz zu erhalten.

Abbildung 9: Auch die rote Fahne von Red Flag Linux flatterte nur eine Dekade lang.

Abbildung 9: Auch die rote Fahne von Red Flag Linux flatterte nur eine Dekade lang.

Um China autark von Windows zu machen und zugleich ein sicheres Betriebssystem zu erhalten, begann die Akademie der Wissenschaften 1999 mit der Arbeit an Red Flag Linux. In den folgenden Jahren entstand eine passende Firma, erschienen mehrere kommerzielle Releases und schloss die Firma Partnerschaften unter anderem mit Compaq, Oracle und HP. Die Distribution setzte auf KDE als Desktop, es gab zudem ein Abkommen mit Trolltech, um einen Ableger für Embedded-Systeme zu schaffen.

2006 soll Red Flag Linux schließlich über einen Marktanteil von 80 Prozent unter den Linux-Distributionen verfügt haben. Nachweisen lässt sich das nicht. Der 2014 angemeldete Konkurs der Firma Red Flag Software lässt aber Zweifel an der landesweiten Linux-Beflaggung aufkommen, ein IDC-Analyst machte den geringen Bekanntheitsgrad und die Konkurrenz von Red Hat und Suse Linux Enterprise für die Pleite mitverantwortlich [23].

Damit ist die Linux-Geschichte in China allerdings nicht zu Ende. Im Jahr 2014 wies die chinesische Regierung ihre Behörden an, für neu angeschaffte Rechner künftig kein Windows 8 mehr zu nutzen. Der neue Stern am Linux-Himmel heißt Kylin [24]. Das gibt es in verschiedenen Versionen, eine davon ist ein offizielles Ubuntu-Derivat.

Cuba libre

Ebenfalls auf Ubuntu basierte Nova-Linux [25], eine kubanische Linux-Variante, ursprünglich kam Gentoo zum Einsatz. Noch 2009 sah Hector Rodriguez, Chef der Informatik-Universität in Havanna (UCI), eine Linux-Verbreitung von 20 Prozent in Kuba und peilte für 2014 die Marke von 50 Prozent an.

Doch auch Nova habe den Betrieb eingestellt, heißt es im entsprechenden Distrowatch-Eintrag, die Webseite sei nicht mehr erreichbar. Das stimmt zwar, dennoch erschien im Herbst 2015 laut Softpedia [26] eine neue Version 5.0 von Nova, und die UCI gab Ende Mai 2016 bekannt, auf diese zu wechseln.

Unlizenzierte Windows-Versionen existieren auf Kuba zwar weiterhin, aber zumindest für Universitäten und Behörden wünscht sich Kuba einen Wechsel auf Linux. Selbst wenn das Land die Lizenzgebühren an Microsoft zahlen könnte und wollte, verhinderte auch das langjährige Embargo der USA gegen Kuba, dass Windows offiziell auf die Insel gelangte. Erst ab 2015 lockerten die USA das Embargo

Welches Ubuntu die Nova Lightweight Edition 2015 verwendet, ließ sich nicht herausfinden, Ubuntu 14.04 dürfte für den Job in Frage kommen. Laut Softpedia soll jedenfalls der mitgelieferte Installer die Installation vereinfachen und setzt die Distribution auf die Guano-Desktop-Umgebung, einen LXDE-Fork. Wenn aber die Rechner auf Kuba so alt sind wie die dort herumfahrenden Autos, dürfte selbst der schlanke Guano-Desktop bei einigen angegrauten Modellen an seine Performancegrenzen stoßen.

Die lieben Kleinen

Kein Problem, auch dafür gibt es Linux-Distributionen. Eine der ersten, HJ LUs Boot-Root [27], lief 1991 auf 5,25-Zoll-Disketten. Um das Linux von der Festplatte zu starten, musste der Benutzer noch den Master Boot Record per Hand nachjustieren. Die Popularität von Boot-Root hielt sich daher in Grenzen.

MCC Interim Linux [28] dürfte dagegen einigen Linux-Veteranen ein Begriff sein, das MCC stand für Manchester Computing Centre. Die Diskettensammlung stellte ab 1992 eine rudimentäre Unix-Umgebung bereit. Lang, lang ist’s her, selbst in seiner kleinsten Variante würde der Kernel heute wohl kaum auf eine Diskette passen.

Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Freesco [29], das verspricht von einer Diskette mit 1,44 MByte Speicherplatz zu starten, auf einen alten Kernel setzt. Freesco hat nichts mit der SCO Group [30] zu tun, sondern steht für Free Cisco und möchte eine Firmware-Alternative für kommerzielle Cisco-Router sein. Um das System zu starten, genügt es, die Datei »fresco.Version« auf eine Floppydisc zu kopieren.

Zum Einsatz kommt ein recht betagter Kernel der 2.0-Reihe, die letzte Version 0.4.5 stammt vom März 2014. Seitdem sucht der Hauptentwickler übrigens nach einem Nachfolger [31], der die zugrunde liegende Bibliothek modernisiert.

Etwas größer, aber noch immer extrem klein, ist Tiny Core Linux (TCL, [32]), dessen neueste 64-Bit-Varianten es als Core Pure (12 MByte) und Tiny Core Pure (24 MByte) gibt. Sie tragen die Versionsnummer 7.2 und stammen vom Juli 2016. TCL betrachtet sich nicht als eigenständige Linux-Distribution, sondern bietet lediglich einen Kernel mit Busybox und einem elementaren FLTK-Desktop (Abbildung 10) an.

Abbildung 10: Tiny Core Linux ist modular und braucht in der einfachsten Variante sehr wenig Platz.

Abbildung 10: Tiny Core Linux ist modular und braucht in der einfachsten Variante sehr wenig Platz.

Auch Damn Small Linux [33] ist mit seinen 50-MByte-Images tatsächlich verdammt platzsparend, allerdings datiert die letzte Release 4.4.11 vom 27. September 2012 und die Webseite ist inzwischen nicht mehr erreichbar.

Das bootfähige Image des alten Eisfair [34] mit Kernel 2.22.0 bringt ebenfalls nur 54 MByte auf die Wage, wird aber aktiv entwickelt. Die ISOs der aktuellen Versionen des Nachfolgers Eisfair-ng vom Februar belegen hingegen bereits 260 MByte (64 Bit) beziehungsweise 190 MByte (32 Bit). Es gibt sie unter anderem für Versionen des Raspberry Pi.

Namensauffällig und zugleich beliebt bei Admins ist die österreichische Distribution Grml [35], gesprochen “Grummel”. Es handelt sich um ein Debian-basiertes Rettungssystem, dessen kleine 64-Bit-Variante 230 MByte groß ist. Da sie offiziell vom November 2014 stammt, sahen sich die Entwickler dazu gezwungen, das Projekt per Blogeintrag als am Leben zu melden [36].

Abbildung 11: Puppy gehört zu den Klassikern unter den Linux-Winzlingen und heißt nach einem Chihuahua.

Abbildung 11: Puppy gehört zu den Klassikern unter den Linux-Winzlingen und heißt nach einem Chihuahua.

Bleibt noch das wohl bekannteste Mini-Linux, Name: Puppy (Abbildung 11, [37]). Das sei keine Linux-Distribution, schreiben die Entwickler, sondern eine Kollektion verschiedener Linux-Distributionen. Es gibt

  • offizielle Puppy-Linux-Distributionen, die das Puppy-Team betreut,
  • woof-built Puppy-Linux-Distributionen, die für spezielle Zwecke angepasst sind,
  • inoffizielle Derivate (so genannte Puplets), meist von Puppy-Enthusiasten neu gemastert.

Größenmäßig bewegen sich die ISOs im niedrigen 200-MByte-Bereich. Meist bieten sie einen vollständigen Linux-Desktop, wenn auch mit recht rudimentären Programmen. Dafür macht auch Puppy alte Rechner wieder vollständig nutzbar. Der Name der Distribution basiert übrigens auf dem des putzigen kleinen Chihuahua von Hauptentwickler Barry Kauler, der – eine traurige Geschichte – eines Tages plötzlich spurlos in die Wildnis entschwand.

Gettin’ down on Friday

Um nun nicht in allzu tiefer Traurigkeit zu versinken, zeigt Listing 1 Auszüge eines aufmunternden kleinen Songs namens Friday. “Obwohl ihre Mutter an der Qualität des Textes zweifelte, gab sie dem Willen ihrer Tochter nach”, heißt es im Wikipedia-Eintrag [38] zu Rebecca Blacks Liedchen.

Listing 1

Friday

01 [...]
02 Everybody's lookin' forward to the weekend, weekend
03 Friday, Friday
04 Gettin' down on Friday
05 Everybody's lookin' forward to the weekend
06
07 Partyin', partyin' (Yeah)
08 Partyin', partyin' (Yeah)
09 Fun, fun, fun, fun
10 Lookin' forward to the weekend
11 [...]

Historisch betrachtet eine falsche Entscheidung. Der Song der 13-Jährigen ging viral, das zugehörige Video [39] erhielt die meisten Negativbewertungen aller Zeiten. Friday wurde wahlweise als “schlechtester Song aller Zeiten”, “bizarr” und “unbeholfen” bezeichnet. Das hielt Nerdopolis, einen Fan von Displaymanager Wayland und Rebecca Black zugleich, nicht davon ab, seiner Wayland-Test-Distribution den Namen Rebecca Black OS [40] zu verpassen.

Die Debian-basierte Zusammenstellung gibt es für 32- und 64-Bit-Systeme, sie startet eine Wayland-Live-Session. Sie bringt neben Wayland-Toolkits und -Anwendungen einige Desktop-Shells und Compositors auf Wayland-Basis mit, etwa Hawaii, Orbital, Papyros und den Weston Example Desktop. Die letzte Version 4.7.16 erschien kürzlich. Durchaus nützlich das Ganze.

Bieberismus

Weniger trifft das auf Justin Bieber Linux [41] aka Biebian zu, das dem singenden Teeniestar gewidmet ist (Abbildung 12). Der namenlose Distributions-Erfinder erklärt freimütig, dass sein Linux ein Witz sei. Die Idee entstand im 4chan-Channel [42]. Der alleinige Unterschied der Distribution zu einem gewöhnlichen Puppy sind einige mitgelieferte Justin-Bieber-Wallpaper. Dass die Distribution auf Puppy Linux Lucid 525 basiere, sei Teil des Witzes, erklärt der Macher. Tatsächlich war Justin Bieber im Distributions-Entstehungsjahr 2011 gerade einmal 17 Jahre alt und damit ein “Welpe”. Updates für die Distribution gab es nie.

Abbildung 12: Die Webseite von Justin Bieber Linux, das auf einem 4chan-Gag basiert.

Abbildung 12: Die Webseite von Justin Bieber Linux, das auf einem 4chan-Gag basiert.

Biebian war jedoch nicht die erste Distribution, die sich einem Teenie-Star widmete. Die Macher von Biebian nannten das lilagetränkte Hannah Montana Linux (HML) als ihr Vorbild.

Sitcom-Linux

Die Disney-Sitcom Hannah Montana mit Miley Cyrus in der Hauptrolle wurde zwischen 2006 und 2010 gedreht und erfreute sich bei einem meist sehr jungen und überwiegend weiblichen Publikum großer Beliebtheit. Die Figur war bei Mädchen laut einer Umfrage von 2011 beliebter als Barbie, es gab Filme und Videospiele und eben auch die nicht ganz ernst gemeinte Linux-Distribution.

Abbildung 13: Die Macher von Hannah Montana Linux haben sich beim Theme ziemlich reingehängt.

Abbildung 13: Die Macher von Hannah Montana Linux haben sich beim Theme ziemlich reingehängt.

HML [43] basierte auf Kubuntu und brachte KDE 4.2 mit. Das Themeing ging wesentlich weiter als bei Biebian, es schloss neben Wallpapers auch das Grub-Menü, den Bootsplash und den Anmeldebildschirm ein (Abbildung 13). Der Installationsassistent begrüßte die entzündeten Augen mit Lila und Neongrün, selbst die Icons waren teilweise angepasst. Ein Youtube-Video [44] zeigt HML in seiner ganzen Pracht, der Macher schreibt: “Ich hab es installiert, damit ihr es nicht müsst.”

Das Leben ist ein Ponyhof

Hat man sich erst mal an die grafischen Zumutungen von Hannah Montana Linux gewöhnt, schockiert auch Pony OS 3.0 mit seinem knallbunten Pony-Hintergrund und den entsprechenden Icons nicht mehr. Da es sich allerdings nicht um ein Linux handelt – die Macher verwenden einen eigenen Kernel –, soll der Link auf das Video [45] genügen.

Special Agents

Während sich die oben genannten Linuxe mehr oder weniger gut in bestimmte Kategorien pressen lassen, gibt es noch die einen oder anderen merkwürdig benannten Kandidaten, die nicht so recht einzuordnen sind.

Was die Macher von Hiweed Linux 2004 geraucht haben, lässt sich forensisch nicht mehr nachvollziehen. Da es sich jedoch um eine chinesische Distribution handelt, basiert der Name womöglich auf einem sprachlichen Missverständnis. Jedenfalls heißt das Linux inzwischen Deepin [46], aktuell ist die Version 15.2. Es basiert auf Debian Unstable und verwendet mit dem Deepin Desktop Environment einen selbst entwickelten Desktop (Abbildung 14). Auch sonst haben die Entwickler viele Werkzeuge speziell für die Distribution gebaut.

Abbildung 14: Die Macher vom Deepin-Linux haben einen eigenen Desktop entwickelt.

Abbildung 14: Die Macher vom Deepin-Linux haben einen eigenen Desktop entwickelt.

Auch Yello Dog Linux [47] war eine Zeit lang bekannt wie ein gelber Hund, denn es lief nicht nur auf Apples Power-PC-Architektur, sondern auch auf der Playstation 3 von Sony. Es eignete sich besonders für den Betrieb auf Clustern. Die letzte bekannte Version 7.0 erschien 2012, ließ sich aber nur in Verbindung mit einem recht kostspieligen IBM Powerlinux 7R2 Server verwenden, den die Amerikaner aktuell für um die 20000 US-Dollar anbieten.

Kann das weg?

Andere Linux-Distributionen versuchten indes neue Marschrichtungen einzuschlagen, um Dinge zu ändern, die sie für falsch halten. Zu nennen ist hier etwa Gobolinux [48], das das Dateisystem als Datenbank für den Paketmanager verwenden und die bekannte Filesystem Hierarchy (FSH) über Bord werfen möchte. Die Macher erhoffen sich davon “ein sauberes System”. Als Desktop verwendet Gobolinux Enlightenment. Die letzte Release stammt vom May 2014, Distrowatch bezeichnet die Distribution aber als weiterhin aktiv.

Auf einer Mission sind auch die Macher der Static Linux Distribution [49], abgekürzt Stali (nicht Stalin). Wie schon die Gobolinux-Entwickler ignorieren sie die offizielle Dateisystem-Hierarchie und verzichten auf den Einsatz von Systemd. Zugleich, und das ist wohl der wichtigste Punkt, bieten sie Software aus Performancegründen nur als statisch gelinkte Binärdateien an. Wo es geht, komme die Musl Libc zum Einsatz, um die Größen ihrer statisch gelinkten Binaries zu reduzieren. Stali soll einen besseren Fußabdruck im Speicher erzielen, da es auf dynamisches Linken verzichtet. Zugleich folgt das Projekt einer eigenen “Suckless”-Philosophie, die auf der Webseite nachzulesen ist [50].

Während die beiden letztgenannten Distributionen endlich wieder Ordnung im Dateisystem schaffen möchten, lässt Chaos [51] dies eher nicht vermuten. Tatsächlich steht der Begriff Chaos aber für Clustered High Availability Operating System, von dem System erschien 2005 die letzte Ausgabe. Die Spezialdistribution kam im High Performance Computing zum Einsatz und verwandelte gewöhnliche i586-Rechner mit Hilfe einer Live-CD in einen funktionierenden Open-Mosix-Knoten. Das klappte schon damals, ohne die Festplatte zu berühren, allein über den Arbeitsspeicher.

Resümee

Justin Bieber Linux macht deutlich: Jeder Depp kann ohne großen Aufwand eine eigene Linux-Distribution bauen, indem er im einfachsten Fall die Hintergrundbilder ändert. Kritiker haben das immer wieder moniert, dabei zeigen sich aber auch durchaus positive Effekte.

In diesem evolutionären Prozess entstanden auch viele nützliche Programme und innovative Features, seien es neue Paketmanager, Desktops oder Initsysteme. Da kann es schon mal passieren, um im evolutionären Bild zu bleiben, dass ab und an ein Dodo dabei ist. Vor allem aber erstaunt die schiere Masse an Distributionen, die mit Linux als Basis in den letzten Jahrzehnten das Licht der Welt erblickt haben. Und immer noch kommen weitere hinzu.

Anzumerken sei zudem, dass viele der vorhandenen Systeme gar keine breite Masse an Nutzern ansprechen wollen. Sie sind vielmehr dazu optimiert, einen bestimmten Zweck zu erfüllen, ganz im Sinne der Unix-Philosophie: “Do one thing and do it well.”

Infos

  1. Debian-Wiki: https://wiki.debian.org/WhyTheName
  2. Linux-Stammbaum: http://futurist.se/gldt/
  3. Undead Linux aka Evil Entity: https://distrowatch.com/table.php?distribution=evilentity
  4. Void Linux: http://www.voidlinux.eu
  5. Todesanzeige für Void-Linux: http://www.voidlinux.eu/news/2014/04/void-is-dead.html
  6. Initsystem Runit: https://www.linux-magazin.de/Ausgaben/2014/05/Runit/
  7. Damn Vulnerable Linux: https://distrowatch.com/table.php?distribution=dvl
  8. Suicide Linux: https://qntm.org/suicide
  9. Schwarze Pädagogik: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_P%C3%A4dagogik
  10. Devil-Linux: http://www.devil-linux.org
  11. Ubuntu SE: http://ubuntusatanic.org
  12. About-Page von Ubuntu SE: http://ubuntusatanic.org/news/about/
  13. Ubuntuce: http://ubuntuce.com
  14. Sabily: https://distrowatch.com/sabily
  15. Wikipedia-Eintrag zu Sabily: https://en.wikipedia.org/wiki/Sabily
  16. Ojuba Linux: https://en.wikipedia.org/wiki/Ojuba_Linux
  17. Bodhi Linux: http://www.bodhilinux.com
  18. FSM: https://de.wikipedia.org/wiki/Fliegendes_Spaghettimonster
  19. Linux für Pastafaris: http://www.linuxformat.com/content/new-distro-announcement
  20. Religion und Ideologie: https://de.wikipedia.org/wiki/Ideologie#Ideologie_und_Religion
  21. Red Star OS: https://de.wikipedia.org/wiki/Red_Star_OS
  22. Red Flag Linux: http://www.redflag-linux.com/en/about.php?class1=1&class2=2
  23. Red Flag meldet Konkurs an: http://www.zdnet.com/article/chinas-home-grown-linux-os-shutters/
  24. Kylin: https://en.wikipedia.org/wiki/Kylin_(operating_system)
  25. Nova-Linux: http://www.nova.cu; Webseite ist selten erreichbar
  26. Nova 5.0: http://news.softpedia.com/news/cuba-s-national-ubuntu-based-gnu-linux-os-to-get-a-gorgeous-lightweight-edition-491941.shtml
  27. HJ LUs Boot-Root: https://lwn.net/Articles/91371/
  28. MCC Interim Linux: https://en.wikipedia.org/wiki/MCC_Interim_Linux
  29. Ein-Disketten-Linux Freesco: http://freesco.sourceforge.net
  30. SCO Group: https://en.wikipedia.org/wiki/SCO_Group
  31. Nachfolgersuche: http://www.freesco.info/support-forum/viewtopic.php?f=1&t=17703
  32. Tiny Core Linux: http://tinycorelinux.net
  33. DSL: https://de.wikipedia.org/wiki/Damn_Small_Linux
  34. Eisfair: http://www.eisfair.org
  35. Grml: https://grml.org
  36. Grml lebt: http://blog.grml.org/archives/394-Is-Grml-still-alive.html
  37. Puppy: http://puppylinux.org
  38. Rebecca Black: https://de.wikipedia.org/wiki/Rebecca_Black
  39. Friday-Video: https://www.youtube.com/watch?v=kfVsfOSbJY0
  40. Rebecca Black OS: https://sourceforge.net/projects/rebeccablackos/
  41. Justin Bieber Linux: http://biebian.sourceforge.net
  42. Biebian-Ankündigung: http://www.murga-linux.com/puppy/viewtopic.php?t=68377
  43. Hannah Montana Linux: http://hannahmontana.sourceforge.net
  44. HML im Video: https://www.youtube.com/watch?v=aFbKja6rKm0
  45. Pony OS: https://www.youtube.com/watch?v=ssEiNhD_5Dk
  46. Deepin-Linux: https://www.deepin.org
  47. Yellow Dog Linux: https://de.wikipedia.org/wiki/Yellow_Dog_Linux
  48. Gobolinux: http://www.gobolinux.org
  49. Static Linux Distribution: http://sta.li
  50. Suckless-Philosophie: http://suckless.org/philosophy
  51. Chaos: https://en.wikipedia.org/wiki/CHAOS_(operating_system)
DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: HeftseitenPreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben