Trends und Probleme im wachsenden Markt der Virtualisierung

Ron Hovsepian und Steve Ballmer besiegeln die Zusammenarbeit von Novell und Microsoft. Teil der Kooperation ist Virtualisierungstechnologie.

Virtuelle Maschinen sind im Großrechner-Umfeld seit Jahrzehnten bekannt und auch Produkte wie die VMware sind schon seit etlichen Jahren auf dem Markt. Dennoch steht die Virtualisierung erst am Anfang ihrer Karriere – und schon dieses Jahr dürfte deutlich mehr Bewegung in den Markt kommen. Die wichtigsten Trends sind in diesem Artikel erklärt.

Zur Zeit lassen sich fünf wichtige Entwicklungen bei der Virtualisierung erkennen. Die erste ist der Schritt zu Hypervisor-Technologien. Xen als Open Source-Lösung setzt auf diesen Trend, von VMware gibt es eine solche Lösung und Microsoft wird beim nächsten Release des Windows Server “Longhorn” auch auf diesen Ansatz setzen. Bei Hypervisor-Lösung läuft nur eine schlanke Schicht für die Virtualisierung der Hardware, aber kein volles Host-Betriebssystem wie beispielsweise heute bei der VMware Workstation. Entsprechend ist der Overhead der Virtualisierung deutlich geringer. Außerdem wird das Konzept zunehmend auch direkt von Hardware-Anbietern unterstützt, wie beispielsweise die Kooperation von XenSource und AMD zeigt.
Diesen Ansatz nutzen auch virtuelle Clients. Die Idee, Clients in Form von virtuellen Maschinen auszuliefern, die zentral konfiguriert werden, hat einiges für sich. Mit solchen Ansätzen ist ein sehr viel höheres Maß an zentraler Kontrolle möglich als bei lokalen Installationen. Durch Signaturen lässt sich auch sicherstellen, dass die virtuellen Clients nicht manipuliert sind, was vor allem für sicherheitssensitive Umgebungen wichtig ist. Natürlich gibt es hier auch Herausforderungen zu lösen, von der spezifischen Anpassung von Konfigurationseinstellungen bis hin zu der erforderlichen Netzwerkbandbreite.
Statt das gesamte System auszuliefern, können aber auch Anwendungen in Form virtueller Images bereitgestellt werden. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um eine Virtualisierung in dem Sinne, dass eben virtuelle Maschinen genutzt werden und jede Anwendung in einer eigenen Maschine läuft. Vielmehr geht die Tendenz hier dazu, virtuelle Images zu nutzen, die nach Bedarf zu einem Image kombiniert werden. Man kann sich aber durchaus vorstellen, dass man auch mehrere virtuelle Maschinen laufen hat, um bestimmte Applikationen zu schützen. Ob das allerdings der richtige Weg für Endbenutzer ist, bleibt abzuwarten. Denn der durchschnittliche Anwender kann heute zwar mit mehreren Anwendungen auf seinem Rechner umgehen, mit mehreren virtuellen Maschinen auf einem physischen System ist er aber nicht vertraut.

Soft-Appliances im Vorwärtsgang

Dagegen werden im Server-Bereich Soft-Appliances schnell an Bedeutung gewinnen. Schon heute gibt es einzelne Beispiele dafür. So liefert Novell eine Teilkomponente seines neuen Novell Access Manager 3 als Soft-Appliance, basierend auf dem SLES, aus. Das hat Vorteile für Anbieter und Nutzer. Anbieter müssen keine geeignete Hardware auswählen und supporten, sondern können sich auf die Soft-Appliance fokussieren. Nutzer wiederum bekommen nicht immer weitere physische Systeme, sondern virtuelle Maschinen, die sie nach Bedarf auf vorhandenen oder neuen Servern einsetzen können.
Die fünfte wichtige Entwicklung ist die Zusammenarbeit zwischen Microsoft auf der einen Seite und Novell sowie XenSource auf der anderen Seite. Schon vor einiger Zeit haben Microsoft und XenSource angekündigt, dass virtuelle Maschinen der einen Plattform auf den Hypervisor-Plattformen des jeweils anderen Anbieters lauffähig werden sollen. Und bei der unlängst verkündeten Partnerschaft von Novell und Microsoft nimmt die Virtualisierung eine zentrale Position ein. Außerdem arbeiten die beiden Anbieter auch an Standards und Lösungen für das Management von virtuellen Systemen in einem heterogenen Umfeld.

Ron Hovsepian und Steve Ballmer besiegeln die Zusammenarbeit von Novell und Microsoft. Teil der Kooperation ist Virtualisierungstechnologie.

Ron Hovsepian und Steve Ballmer besiegeln die Zusammenarbeit von Novell und Microsoft. Teil der Kooperation ist Virtualisierungstechnologie.

Konsequenzen für Entwickler und Anwender

Virtualisierung bietet also zukünftig deutlich mehr Möglichkeiten als das heute der Fall ist. Das hat für Anwender ebenso wie für Entwickler und Hersteller Konsequenzen.
Eine Frage wird sein, welche der Virtualisierungsprojekte im Open Source-Umfeld auf Dauer erfolgreich sein können. Xen hat hier eine gesicherte Position, nachdem es sowohl von Red Hat als auch von Novell als sehr

wichtig eingeschätzt wird. Im Vorteil sind aber im heterogenen Umfeld von den Anbietern sicherlich XenSource und Novell durch ihre Abkommen mit Microsoft. Red Hat fehlt in diesem Bereich dagegen Glaubwürdigkeit. Für Umgebungen, in denen ein gemischter Betrieb von Linux und Windows nicht vorgesehen ist, spielt das keine Rolle.

Neben Xen gibt es noch andere Virtualisierungsprojekte wie beispielsweise OpenVZ. Durch den starken Fokus auf Xen scheint es im ersten Moment so, als ob solche Projekte keine wirkliche Chance haben. Das ist aber nicht zwingend der Fall. Denn neben den zentralen, virtuellen Servern gibt es weitere Bereiche, in denen die Virtualisierung von Bedeutung ist. Das beste Beispiel sind virtualisierte Clients. Aber auch Umgebungen, in denen mit sehr vielen relativ ähnlichen Servern gearbeitet wird, profitieren von spezifischen Ansätzen für die Virtualisierung, wie sie beispielsweise OpenVZ auf dem Betriebssystem-Niveau liefert. Hier muss man die weitere Entwicklung einerseits der Projekte und andererseits der Nutzungsformen von Virtualisierung beobachten. Zur Zeit spricht aber einiges dafür, dass Open Source-Projekte, die neben Xen bei der Virtualisierung bestehen möchten, eine klare Differenzierungsstrategie benötigen.
Für Software-Hersteller stellt sich gerade bei Open Source-Projekten die Frage, welche Form der Distribution man zukünftig wählen möchte. Soft Appliances stellen einen interessanten Ansatz dar, um einerseits die Hürden bei der Installation und Basiskonfiguration von Anwendungen zu minimieren und andererseits Software auch in Umgebungen bereitzustellen, in denen Linux vielleicht heute noch nicht die Akzeptanz hat. Hier wird auch die Zusammenarbeit von Microsoft mit XenSource und Novell interessant. Denn nach der Verfügbarkeit von Longhorn kann man in solche Umgebungen virtuelle Maschinen – eben als Soft Appliances liefern – die aus Sicht der Windows-Anwender “friendly” sind. Virtualisierung kann so auch als trojanisches Pferd für Linux dienen.
Wichtig ist aber auch, dass Soft Appliances aus Sicht von Kunden sehr viel unproblematischer sind als einzelne Anwendungen. Damit kann die Schwelle für die Einführung neuer Anwendungen gesenkt werden ? es wird nur eine neue, autarke Maschine eingeführt, die begrenzt konfiguriert werden muss, und nicht eine Anwendung mit spezifischen Anforderungen an das Betriebssystem und das Zusammenspiel mit vorhandenen Anwendungen.
Aus Sicht der Anwender muss man allerdings auch hier vorsichtig sein. So stellt sich die Frage, wie einfach die Soft-Appliance tatsächlich in der Nutzung ist. Das Maß, in dem die Anwendung vorkonfiguriert und in dem sie konfigurierbar ist, muss man in jedem Fall hinterfragen. Wichtig ist auch, welche Virtualisierungstechnologie genutzt wird. Xen ist hier derzeit wohl die unproblematischste Basis, wenn es um Server-Lösungen geht.
Für Anwender bietet Virtualisierung aber viele Vorteile. Neben den bereits angesprochenen Treibern zählt dazu auch die bessere Auslastung vorhandener physischer Server. Allerdings setzt das auch leistungsfähige Lösungen für das Virtualisierungsmanagement voraus, also den Umgang mit virtuellen Maschinen und ihre Zuordnung zu physischen Systemen. Hier haben alle Initiativen noch einiges an Arbeit zu leisten.

Tendenz zu weniger Leistung

Interessant ist sicher auch die Frage nach der zukünftigen Bedeutung von Blade-Servern in einer stärker virtualisierten Welt. Grundsätzlich gibt es bei Virtualisierungsstrategien eine Tendenz zu weniger und leistungsfähigeren Servern, auf denen eine größere Zahl virtueller Maschinen parallel laufen. Blade-Server zielen dagegen auf viele kleine Systeme in einem physischen System mit allerdings sehr leistungsfähiger Kommunikation zwischen den einzelnen Blades ab. Insofern sind diese Ansätze etwas widersprüchlich. Welcher Ansatz oder welche Mischform gewählt wird, hängt letztlich von den Anwendungen und damit den spezifischen Anforderungen an Server ab.
Eines ist aber deutlich: Man muss sich heute intensiv mit der Virtualisierung auseinandersetzen. Sie bietet viele Chancen sowohl für Anwender als auch für Software-Hersteller. Kurzfristig wird dabei die Server-Virtualisierung im Mittelpunkt stehen. Es spricht aber einiges dafür, dass auch Clients “virtueller” werden, auch wenn es hier noch mehr offene Fragen gibt. In jedem Fall ist die Virtualisierung ein Thema, das bei Auswahlstrategien sowohl für Anwendungen als auch für neue Hardware einbezogen werden muss.

Der Autor
Martin Kuppinger ist Analyst, Journalist und Berater. Sein Tätigkeitsfeld umfasst einerseits das Systemmanagement und Netzwerke, andererseits das Identity Management, wo er mit Kuppinger Cole + Partner in den vergangenen Jahren ein Analystenunternehmen aufgebaut hat. Weitere Informationen zum Autor und seinen Aktivitäten finden sich unter kuppinger.de.
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