Open Attic bietet viele sehr komfortable Funktionen für die Administration von Netzwerkspeichern. Version 2.0 legt jetzt mit vielen Features und einer von Grund auf neu gestalteten Oberfläche nach.
Die Administration von Storage-Systemen gehört nicht gerade zu den Lieblingsaufgaben eines Admin. Es hilft aber nichts: Speicher sind integraler Bestandteil praktisch jedes IT-Setup. Wer es sich leisten kann, greift zu Storage-Appliances von EMC, Netapp & Co.: Die zeichnen sich vorrangig dadurch aus, dass sie viele technischen Details hinter einer schönen Oberfläche verstecken und eine gehörige Menge Intelligenz mitbringen, was für Admins sehr komfortabel ist.
Der Nachteil solcher fertigen Speicherlösungen ist, dass die verlangten Preise für eine gewisse Exklusivität sorgen. Das gilt im aktuellen Hype rund um die Cloud umso mehr. Denn wer verteilte und redundante Datensilos von riesigen Dimensionen braucht, muss bei den etablierten Herstellern ganz schön tief in die Tasche greifen.
Open-Source-Lösungen haben dieses Problem in der Regel nicht. So erklärt es sich, dass Projekte wie Ceph oder DRBD in den vergangenen Jahren schöne Stücke vom großen Storage-Kuchen abbekommen konnten.
Fehlendes Management
Dass die günstigen Eigenbau-Storages nicht den ganzen Kuchen bekamen, hat einen Grund: Während sich bei EMC & Co. alltägliche Aufgaben wie das Anlegen neuer Volumes oder der Austausch von Festplatten unkompliziert gestalten, ist bei Bastelspeichern viel Handarbeit angesagt. Die Protokollproblematik kommt hinzu: Wer den physischen Speicher eines Servers über verschiedene Protokolle anbieten will, also zum Beispiel via NFS und I-SCSI, bekommt es mit einer Vielzahl von Diensten zu tun. Zudem stellt sich die Frage, wie es eigentlich mit Redundanz aussieht.
Die Fuldaer Firma IT-Novum tritt mit ihrem Produkt Open Attic an, diese Probleme aus der Welt zu schaffen. Open Attic verspricht dem Admin ein Wunschlos-glücklich-Paket: Auf Basis physischen Speichers sollen sich die gängigen Protokolle per Mausklick einrichten lassen. Auch Redundanz – etwa über DRBD – gehört zum Leistungsumfang. Eine Weboberfläche, die alle Funktionen leicht zugänglich machen soll, garniert das Angebot.
Open Attic ist für Leser des Linux-Magazins kein unbekanntes Projekt: Zweimal war es bereits Thema, nämlich 2013 [1] und 2014 [2] mit den in diesen Jahren jeweils aktuellen Versionen 1.0 und 1.1 (Abbildung 1). Der Leistungssprung, den die Entwickler damals binnen eines Jahres hinlegten, sorgte definitiv für Wohlwollen, war es ihnen doch gelungen, die meisten der Kritikpunkte an Version 1.0 zu tilgen. Umso gespannter war die Redaktion, als das Projekt ankündigte, die erste Betaversion von Open Attic 2.0 stünde zum Testen bereit.
Zankapfel Installation
Das Thema Installation war besonders anfangs ein Problem. Die Version 1.0 kam mit einem obskuren Shellskript daher, das auf Systemen mit Debian Wheezy auszuführen war. Nur dort konnte es überhaupt gelingen, Open Attic wie empfohlen zu betreiben. Bei Version 1.1 hatten die Entwickler von IT-Novum bereits nachgebessert und boten immerhin Pakete an, die auf Debian und Ubuntu nutzbar waren. Das Nachsehen hatten in beiden Fällen die Nutzer von SLES- oder RHEL-basierten Systemen.
Im europäischen Markt mag dieser Minimalismus vielleicht funktionieren, denn viele Server laufen hierzulande unter Ubuntu oder dessen Stammvater Debian GNU/Linux. Den großen US-Markt und mit ihm die gesamte US-Szene freier und offener Software verprellten die Entwickler aber damit. Auf der anderen Seite des großen Teiches ist nun mal Red Hat unangefochten die Nummer eins in Sachen Linux.
Das hat IT-Novum inzwischen offenbar erkannt. Denn Open Attic 2.0 wird die erste Version der Software sein, die Pakete auch für Red Hat Enterprise Linux und damit kompatible Distributionen wie Centos bietet. De facto vergrößert diese Maßnahme den Kreis möglicher Nutzer um ein Vielfaches. IT-Novum dürfte davon doppelt profitieren: Einerseits ist es nun durchaus denkbar, dass Open Attic auf Community-Interesse künftig auch in Amerika trifft, andererseits vergrößert sich auch der Kreis der möglichen Kunden für die Enterprise-Variante.
Bei Redaktionsschluss fehlte in der Kurzanleitung zur Open-Attic-Installation leider noch eine genaue Übersicht über die nötigen Befehle, um Open Attic auf einem RHEL-basierten System zum Laufen zu bringen. Bis zur fertigen Version dürften die Entwickler das nachrüsten. Die RPM-Pakete gibt es jedenfalls bereits auf der Website des Projekts [1].
Tatsächlich unterscheidet sich die Installation auf RHEL-Systemen auch nicht großartig von den Schritten, die auf einem Debian-basierten System nötig wären. Schließlich kommt Open Attic mit einer Vielzahl von Hilfswerkzeugen, die weite Teile des Setups automatisch bewerkstelligen.
Alles neu
Mit Abstand das wichtigste Feature bei Open Attic 2.0 ist das Web-basierte GUI (Abbildung 2). Darüber erreichen Admins die einzelnen Open-Attic-Funktionen komfortabel. Das GUI ist außerdem die Komponente, die Open Attic zumindest in den Augen von IT-Novum zum SAN-Killer werden lässt. Über die Kommandozeile (oder auch über spezielle eigene GUIs) könnten Admins sich Dienste wie I-SCSI oder NFS zwar auch selbst konfigurieren – die grafische Oberfläche von Open Attic soll demgegenüber aber für komfortable Administrierbarkeit an zentraler Stelle sorgen, die nach außen funktional und einfach und nach innen potent und mächtig ist.
Das GUI von Open Attic 1 erfüllte bisher durchaus die Anforderung, viel Funktionalität zu bieten. Bisweilen war es zu viel: Nicht immer erschloss sich dem Admin auf Anhieb, wieso spezielle Funktionen an dieser oder jener Stelle im Menü zu finden waren. Und überhaupt wirkte die grafische Oberfläche bislang etwas altbacken und überladen. Es war erkennbar, dass die Entwürfe des ersten GUI wohl von keinem professionellen GUI-Designer stammten.
Open Attic 2 reagiert auf das Problem mit einem vollständigen Redesign aller GUI-Komponenten. Als technische Basis setzen die Entwickler dabei auf Angular JS und Bootstrap. Der Umbau war radikal: Wer sich mit dem GUI von Open Attic 1 schon beschäftigt hat, zieht daraus kaum Vorteile für Open Attic 2. An einem behutsamen Übergang war dem Hersteller wohl nicht gelegen, anders ist nicht zu erklären, dass sich neben den optischen Elementen auch die Menüstrukturen vollständig geändert haben.
Bei Open Attic 1 war das GUI zweigeteilt, links fand sich ein umfassendes Baum-Menü und rechts der Bereich mit den Funktionen des gerade ausgewählten Moduls. Die Zweiteilung existiert in Open Attic 2 im Ansatz zwar ebenfalls, doch haben die Entwickler das Menü ausgemistet. Gerade noch sechs Links existieren, über die sich vorhandene Speichergeräte verwalten lassen.
Das Dashboard ist die neue Startseite des Open-Attic-GUI: Hier erhält der Admin einen schnellen Überblick über die Hardware des Servers, auf dem die Open-Attic-Installation läuft. Außerdem ruft er von hier die Wizards auf – ein neues Feature von Open Attic 2.0, das später noch zur Sprache kommt.
Angenehmes GUI
Nach einer kurzen Eingewöhnung erweist sich die Nutzung des neuen GUI als sehr angenehm (Abbildung 3). Viele Aufgaben, die bei der Vorgängerversion zu einer Klickorgie führten, sind nun schneller erledigt. Dazu gehören zum Beispiel das Anlegen neuer Pools oder die Arbeitsschritte, die beim Tausch einer ausgefallenen Festplatte auszuführen sind. In das Systemmenü sind nun viele Einträge abgewandert, die die Open-Attic-Konfiguration betreffen und die vorher teils unbeholfen im Hauptmenü versteckt waren.
Last but not least wird Open Attic die Möglichkeit bieten, verschiedene Instanzen seiner selbst über die Grenzen eines Clusterknotens hinweg zu steuern: Open Attic 2.0 soll erstmals auch mit Ceph zurechtkommen. Der Menüpunkt »Hosts« deutet an, dass Open Attic künftig auch die Zustände anderer Clusterknoten erkennen und steuern kann.
Wie von Zauberhand
Als sehr angenehme Erweiterung für Admins erweisen sich die Wizards, die Bestandteil der Software sind. Sie sollen die Wunschkonfiguration mit wenigen Mausklicks möglich machen: Will der Admin etwa einen neuen Speicherdienst wie NFS oder Samba installieren und konfigurieren, hilft der File-Storage-Wizard weiter. Über einfache Fragen bringt er in Erfahrung, was der Admin haben möchte. Entsprechend richtet er dann das Volume ein.
Open Attic kann über Wizards Volumes für Datei-basierte Speicherdienste anlegen, alternativ sind auch per I-SCSI exportierte VM-Speicher oder Raw-Laufwerke eine Option. Schließlich soll ein Ceph-Wizard die Admins dabei unterstützen, frische Open-Attic-Knoten zu Mitgliedern eines bestehenden Ceph-Clusters zu machen.
In Sachen API
APIs sind heute Erfolgsvoraussetzungen – Cloudumgebungen wie das allgegenwärtige Open Stack machen es vor. Hier gehören APIs zum guten Ton, denn die Nutzer verwenden die Schnittstellen der einzelnen Cloudservices, um bei Bedarf Dienste zu aktivieren oder eine bestimmte Konfiguration zu erreichen.
IT-Novum stattete Open Attic schon frühzeitig mit einem API aus, das aber auf dem RPC-Prinzip beruhte. RPC ist komplex und bedarf eigener Clients. APIs nach dem Restful-Prinzip auf Basis von HTTP haben diese Probleme nicht. In Version 2 folgt Open Attic konsequent dem Beispiel vieler anderer Projekte und liefert eine Restful-Schnittstelle.
Ihr zur Seite steht zudem ein API-Recorder (Abbildung 4), der die Automatisierung in Open Attic erleichtern soll. Grob erklärt geht es darum, dass Admins sich über Skripte die Aufgaben vom Hals schaffen, die regelmäßig und immer gleich zu erledigen sind.
In Open Attic 2.0 exerziert der Admin den gesamten Ablauf dazu einmal im GUI durch und lässt derweil den API-Rekorder laufen. Der spuckt dann ein Skript aus, das alle durchgeführten Arbeitsschritte enthält. Soll später der Vorgang erneut ablaufen, ruft der Admin das API-Skript auf und erspart sich so eine weitere Klick-Orgie im Webinterface.
Dass die IT-Novum-Entwickler bei der Umsetzung dieses Feature mitgedacht haben, zeigt ein Detail: Das API-Skript ist tatsächlich ein fertiges Python-Skript, das der Admin bloß noch aufrufen muss – die Verbindung zur Restful-Schnittstelle gehört zum Skript dazu.
Und Ceph?
Der Storage-Markt präsentiert sich heute fundamental anders als vor gut drei Jahren bei der Veröffentlichung von Open Attic 1.0. Denn im Unterschied zu damals sind verteilte Speicherlösungen heute ein fixer Faktor. Netapp und EMC haben vermehrt mit dem Umstand zu kämpfen, dass einst treue Kunden ihr Geld lieber bei Red Hat lassen und sich mit Hardware von der Stange einen Ceph-Cluster ins Rechenzentrum stellen.
Der Erfolg von Objektspeichern wie Ceph geht auch an Open Attic nicht spurlos vorbei. Das gilt umso mehr, da IT-Novum sich in den vergangenen Jahren immer wieder als großer Fan von Open Stack gezeigt hat und seine Produkte aktiv im Open-Stack-Kontext bewirbt.
Davon ist Open Attic nicht ausgenommen – ganz im Gegenteil: Kaum ein Produkt aus dem von IT-Novum gebotenen Portfolio eignet sich so perfekt, um eine zentrale Rolle in einer Cloud zu spielen wie Open Attic. Auch Clouds brauchen Speicher in großen Mengen, der gut integrierbar und unkompliziert zu handhaben ist. Und eben das ist zumindest das erklärte Ziel von Open Attic.
Konsequent hält sich IT-Novum an den Platzhirsch, und die Entwickler gehen das Thema Ceph in Open Attic 2.0 an. Was im ersten Moment wie ein einfaches Open-Attic-Plugin wirkt, ist praktisch aber viel umfangreicher. Denn anders als ein einzelner Speicherserver verlangt die Verwaltung eines Ceph-Clusters, dass jede Open-Attic-Instanz innerhalb eines Clusters stets über die Zustände aller anderen Rechner Bescheid weiß, um entsprechend handeln zu können. Praktisch geht es bei der Integration von Ceph in Open Attic um nicht weniger als um ein neues GUI für Ceph.
Nicht allein
GUIs für Ceph sind kein leichtes Unterfangen. Davon kann auch Inktank, das zu Red Hat gehört und dort Ceph betreut, ein Lied singen. Das Unternehmen aus Los Angeles legte mit Calamari bereits vor Jahren einen Vorschlag vor. Letztlich konnte Calamari aber nie den durchschlagenden Erfolg erzielen, den man sich bei Inktank von der Software versprach. Mitschuld mag auch der Umstand gewesen sein, dass Calamari anfangs nur zusammen mit einem Vertrag über Ceph-Support von Inktank zu bekommen war.
Mittlerweile stellt Red Hat die Software zwar ohne Zugangshürde zur Verfügung, der Verbreitung von Calamari [4] war die Vorgeschichte aber nicht zuträglich. Auch gibt es nach wie vor Gründe, die gegen Calamari sprechen. Schon die Installation gestaltet sich holprig, und wer bereits ein Automatisierungswerkzeug wie Puppet oder Chef benutzt, bekommt mit Calamari trotzdem noch die Alternative Saltstack übergebraten.
IT-Novum ist mit Open Attic in der Lage, nicht nur ein einzelnes Storage-Produkt anzubieten, sondern eine Lösung, mit der sich Storage-Systeme umfassend managen lassen. Der erste Blick auf Open Attic 2 legt nahe, dass man diesen Vorteil in Fulda nutzen möchte – aktuell ist es bereits möglich, grundlegende Monitoring- und Wartungsaufgaben für Ceph-Cluster mit Open Attic durchzuführen.
So kann Open Attic etwa erkennen, ob ein Ceph-Cluster grundsätzlich funktioniert, ob alle erwarteten MON-Server auch tatsächlich online sind und in welchem Zustand sich die einzelnen Festplatten des Ceph-Clusters befinden. Auch die Abbildung der Crushmap, also der internen Verteilerkonfiguration von Ceph, ist in Open Attic möglich.
Ob die Nutzer der freien Open-Attic-Version überhaupt in den Genuss der Ceph-Integration kommen, stand zu Redaktionsschluss indes noch nicht fest: Lenz Grimmer, Product Manager für Open Attic, überlegt nach eigener Aussage im Augenblick, das Ceph-Plugin für Open Attic nur im Rahmen der kommerziellen Version von Open Attic anzubieten.
Wer Open Attic nutzen möchte, um Ceph-Cluster zu verwalten, müsste demnach einen entsprechenden Support-Vertrag abschließen und dafür natürlich auch bezahlen. Für die Verbreitung von Open Attic wäre es aber förderlicher, die Ceph-Funktionalität auch der Community-Version zu spendieren. Dann würde Open Attic nämlich sogar zu einer Alternative für jene, die sich ein Ceph-GUI wünschen, aber Calamari nicht mögen.
Fazit
In Version 2.0 macht Open Attic einen großen Sprung nach vorn, vor allem mit der völlig neu gestalteten grafischen Oberfläche. Beim Webinterface hat sich obendrein nicht nur die Optik geändert, sondern auch die Logik: Aus Sicht des Admin wirkt die Administration per Open Attic nun sehr viel intuitiver als zuvor. Das deutlich weniger überladene Menü und das geänderte Fensterschema tun ein Übriges. Beim Vorgänger wirkte das Webinterface zusammengebastelt, der neue Anstrich ist dagegen professionell.
Pfiffig ist auch, dass Open Attic auf den Restful-Zug aufspringt und mit einer runderneuerten Programmierschnittstelle an den Start geht. Der Rekorder, der aus Abläufen im Webinterface Python-Skripte erzeugt, ist zudem eine sehr praktische Angelegenheit.
Rüffel verdient IT-Novum hingegen derweil noch für die Dokumentation der API-Schnittstelle – die war zu Redaktionsschluss noch weitgehend unvollständig. De facto war das Produkt im Test allerdings auch eine Betaversion. Man darf aber hoffen, dass IT-Novum bis zur endgültigen Version 2 von Open Attic hier noch nachlegt.
Darüber hinaus sind es die kleinen Neuerungen in Open Attic 2, die viel Spaß machen. Etwa die Wizards, mit denen Admins komfortabel Standardaufgaben erledigen lassen. Keine Kleinigkeit ist hingegen die Unterstützung für Ceph-basierte Speicher: Open Attic 2 wird mit Ceph-Unterstützung kommen, womit die Open-Attic-Entwickler eine lange vorgetragene Forderung der User erfüllen. Ob tatsächlich alle Anwender in den Genuss des Ceph-Plugins kommen, ist einstweilen unklar.
Infos
- Martin Loschwitz, “Wildwuchs aufräumen”: Linux-Magazin 3/13, S. 66
- Martin Loschwitz, “Dachausbau”: Linux-Magazin 9/14, S. 68
- Open Attic 2.0, Beta-Download: http://apt.openattic.org
- Calamari: https://ceph.com/category/calamari/









