
Kontrahenten im Streit um Code-Freigabe: Eric S. Raymond, Open-Source-Protagonist, und Carla Fiorina, Chefin von HP.
Ein ereignisreiches Linux-Jahr geht zu Ende. Ein kurzer, notgedrungen unvollständiger Abriss lässt uns zurückblicken auf die Business-Welt im Zeichen freier Software.
Es war wie eine rauschende Ballnacht: Am Ende des Jahres 1999 überschlugen sich die freudigen Botschaften. Junge Unternehmen, die sich der freien Software verpflichtet fühlten, schienen auf einem Siegeszug ohnegleichen zu sein. Die Etablierten beeilten sich, den Anschluss nicht zu verpassen. Die Welt war im Umbruch. Inzwischen ist Linux “Business as usual” Es bleibt bei einer positiven Bilanz, aber einige der fröhlich Feiernden befinden sich am Morgen nach dem Fest in einer heftigen Katerstimmung.
Doch beginnen wir mit den guten Nachrichten. Freie Software im Allgemeinen und, um wenigstens zu Anfang des Artikels dem Erfinder des Konzepts der freien Software Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, GNU/Linux im besonderen, haben ihren Weg in dem Mainstream des Computer-Business vollendet. Zumindest als Server-Betriebssystem ist Linux von den Großen der Branche voll akzeptiert. So hat Hewlett Packard im August das freie Betriebssystem zur strategischen Plattform erklärt. Es steht in einer Reihe mit HP-Unix und Windows 2000. In diesem Zusammenhang ist die Reaktion von Eric S. Raymond interessant, der HP-CEO Carla Fiorina in einem offenen Brief aufforderte, sich eindeutiger zu freier Software zu bekennen und beispielsweise den Code von HP Unix freizugeben. Das Schreiben endet mit den Worten: “Show us the code, Ms. Fiorina. That\’s where the real cooperation starts.” Der Brief und Fiorinas Antwort sind unter [1] beziehungsweise [2] nachzulesen. Letztere enthält zahlreiche Hinweise auf Linux- und Open-Source-Aktivitäten bei HP, auf die einzeln hinzuweisen uns hier der Platz fehlt.
Geballtes Server-Know-how

Kontrahenten im Streit um Code-Freigabe: Eric S. Raymond, Open-Source-Protagonist, und Carla Fiorina, Chefin von HP.

Kontrahenten im Streit um Code-Freigabe: Eric S. Raymond, Open-Source-Protagonist, und Carla Fiorina, Chefin von HP.
Compaq führte seine schon im letzten Jahr begonnene Strategie für Linux auf der Alpha-Plattform fort. Früchte trägt diese beispielsweise in den Sandia-Forschungslabors in New Mexico, wo ein Cluster aus Linux-betriebenen Alpha-Servern entsteht, der derzeit mit etwa 1300 Nodes arbeitet. Dieser Cluster namens Antarctica soll die Nummer 20 auf der Hitliste der weltweit schnellsten Computer werden [3]. Auch auf den Intel-basierten Servern der Proliant-Reihe ist Linux bei Compaq unter den aktiv unterstützten Betriebssystemen. Dabei macht sich das Unternehmen vor allem bei der Einführung von Enterprise-Features wie Hochverfügbarkeit oder Hardware-Monitoring stark. Eine Übersicht über Compaqs Linux-Aktivitäten findet sich unter [4].
Die meisten positiven Linux-Schlagzeilen generierte im fast vergangenen Jahr mit Sicherheit IBM. Das Investment von 200 Millionen Dollar allein in Europa, das IBM im Juli ankündigte, war sogar Stoff für die Tagespresse. Daneben ging etwas unter, dass IBM auch in Ostasien die gleiche Summe für Linux investiert. Immerhin ist IBM derzeit der einzige Konzern zu sein, der über eine unternehmensweite Open-Source-Strategie verfügt und die Schnittstellen zur Community einigermaßen klar definiert hat. Das Linux-Magazin berichtete ausführlich darüber [5].
Symbiose zwischen Groß und Klein
Für Linux und die Start-Ups im Open-Source-Bereich ist das Engagement der Schwergewichte der IT-Branche ein zweischneidiges Schwert. Es mag tatsächlich so etwas wie eine symbiotische Beziehung zwischen Entwicklern freier Software und Unternehmen wie Hewlett Packard oder IBM geben. Die Weiterentwicklung eigener Betriebssysteme verschlingt dort einiges an Ressourcen, die sich mit dem Lizenzverkauf allein kaum wieder einspielen lassen. Mit Linux als plattformübergreifendem Unix-artigen Betriebssystem hingegen lassen sich diese erstens einsparen, und zweitens ein erheblicher Beitrag zur Konsolidierung der hauseigenen Server-Linien leisten, wie unter anderem das Re-Branding bei IBM zeigt. Dort firmiert jetzt alles, von RS/6000 über AS/400 bis hin zu den S/390-Mainframes unter dem Sammelbegriff e-Server. Und auf all diesen Plattformen ist die Linux-Portierung weitgehend abgeschlossen. Damit eröffnet sich die Chance, langfristig auf die Entwicklung und Pflege hauseigener Betriebssysteme ganz zu verzichten und trotzdem nicht noch einmal in verhängnisvolle Abhängigkeit von einem einzelnen Softwareunternehmen zu geraten.
Frisst die Revolution ihre Kinder?
Im Gegenzug profitiert Linux von den Enterprise-Features, welche die Hardwarehersteller im eigenen Interesse in die Entwicklung einbringen müssen, soll ihre Strategie erfolgreich sein. Nicht zu unterschätzen ist ebenfalls der Image-Gewinn, den freie Software durch das Engagement großer Unternehmen zu gute kommt. Eine typische Win-Win-Situation also?
Es mehren sich die Anzeichen, dass das nicht ganz zutrifft. Im Moment sieht es wohl eher so aus, dass nicht Microsoft, und ganz gewiss auch nicht Sun zu den Verlierern dieser Entwicklung zählen, sondern dass die Revolution beginnt, ihre eigenen Kinder zu fressen.
Zu den “Opfern” scheinen in erster Linie Start-Ups zu gehören, die ihr Geschäftsmodell allein oder vorrangig auf Service aufbauen, Firmen wie Linuxcare in den USA oder ID-Pro hierzulande, um die zwei prominentesten Beispiele zu nennen. Linuxcare hatte im Sommer vergangenen Jahres, vorrangig aufgrund von personellen Problemen, seinen Börsengang abgesagt (und ist inzwischen wohl ganz froh darüber), ID-Pro steht zum Jahresende mit massiven Liquiditätsproblemen entweder vor dem Bankrott oder einer nicht ganz freundlichen Übernahme, wie Gerüchte besagen. Sicher spielen bei derartigen Stories, die hoffnungsfroh beginnen ernüchternd enden, eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle, und beide Beispiele sind auch schwer miteinander zu vergleichen: Dennoch, der Markt für Consulting, Support und Service aller Art ist ein gefährlich glatter Boden für den, der außer Dienstleistungen nichts oder nur wenig zu bieten hat.
Wachstums-Chancen oder Nischenexistenz?
Aus den oben beschriebenen Symbionten werden im Service-Bereich schnell Konkurrenten, die um Schlüsselkunden und Mitarbeiter buhlen. Nicht ganz unwahrscheinlich ist es, dass dabei die Consulting-Sparten der Konzerne, wie IBM Global Services, Siemens Business Services oder in Zukunft wohl auch die mit der Telekom vereinigten Debis-Systemhäuser die Nase vorn haben werden. Den “Jungen” blieben dann mehr oder minder große Nischen, oder unattraktive Märkte, belebt mit Konkurrenzunternehmen ähnlicher Größe und Herkunft, wo sie gezwungen wären, Gladiatorenkämpfe auszuführen. Noch ist es jedoch nicht Zeit für endgültige Aussagen. Möglicherweise sind die “early adopters” auch nur ein klein wenig zu früh am Markt gewesen und die Zeit der großen, erfolgreichen Unternehmen mit einem rein auf Open Source Software beruhenden Geschäftsmodell liegt noch vor uns. Das wäre ein Thema für einen Rückblick auf das vor uns liegende Jahr. Schauen wir uns im stattdessen die Ereignisse des Jahres 2000 im Schnelldurchlauf an.
Der Pinguin im Zeichen des Bären – Linux und dieBörse
Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Das Jahr 2000 hat zwar für Linux die allgemeine Anerkennung in der IT-Welt und darüber hinaus gebracht, aber es war auch ein desillusionierendes Jahr für alle, die mit Linux den schnellen Euro oder Dollar machen wollten. Zu Jahresanfang setzten sich zunächst die Höhenflüge der Technologiewerte fort, die im Herbst 1999 begonnen hatten. Linux-Aktien profitierten dabei stärker als andere. Vor allem erstmals an der Börse gehandelte Werte erhielten einen Vertrauensvorschuss, der sich in selten zuvor erlebten Kurssteigerungen ausdrückte. VA Linux stellte noch im Herbst 1999 einen NASDAQ-Rekord auf, als die Aktie am ersten Handelstag von 30 auf 240 Dollar stieg. Kam die erfolgreiche Börseneinführung von Red Hat im letzten Jahr noch als Überraschungserfolg, wurden die Nachfolger, wie VA Linux, Caldera oder Linuxmall, von vornherein zu Hätschelkindern der Analysten und Investoren. Caldera Systems kündigte im Zuge dieser Höhenflüge am 13. Januar seinen Börsegang an und wurde am 21. März erstmals an der NASDAQ gehandelt.
Aber schon im Frühjahr kippte die Stimmung an den Aktienmärkten. Von der nun folgenden Baisse waren Linux-Werte wiederum deutlich stärker betroffen als der Durchschnitt. Mittlerweile liegen viele Aktien unter dem Ausgabepreis, trotz positiver Meldungen und und nach wie vor guter Geschäftslage, und kaum ein Unternehmen traut sich aufgrund der anhaltenden “Schlechtwetterstimmung” an die Börse.
So wurde es auch nichts mit dem geplanten Börsengang von SuSE im Herbst, von dem Insider noch im Frühsommer munkelten. Die Irrationalität der Aktienmärkte wirkt eben in beide Richtungen gleich stark. Von den Auswirkungen waren auch zahlreiche Linux-Aktivisten betroffen, die an den schnellen Erfolg von Linux glaubten und entsprechende Aktien ins Depot nahmen. Der Erfolg von Linux ist zwar eingetroffen, aber anders als gedacht. Dass sich das Betriebssystem durchsetzt, heißt nunmal nicht zwangsläufig, dass Red Hat viel Geld verdient.
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Das Kapital: Investitionen in Open-Source-Firmen
Viele Linux- und Open-Source-Unternehmen mussten sich um eine mangelnde Kapitaldecke im Jahr 2000 keine Sorgen machen. Bereits im Januar, also noch vor der Erstnotierung an der NASDAQ, bekam Caldera eine Finanzspritze von 30 Millionen Dollar. Beteiligt waren daran unter anderem Sun, Citrix, Novell und SCO. TurboLinux konnte sich im gleichen Monat über 57 Millionen Dollar freuen. Reibungslos lief auch die Anschubfinanzierung von Eazel, des Unternehmens, in dem Macintosh-Veteranen die Nutzerfreundlichkeit des GNOME-Desktops auf ein neues Niveau heben wollen. 15 Millionen flossen im Januar in das Start-Up, unter anderem von Intel. Accel Partners schob im April noch einmal elf Millionen nach. Die Wagniskapital-Gesellschaft war in der Vegangenheit schon frühzeitig an UUNET, Realnetworks und Macromedia beteiligt.
Freie Web Application Server standen bei den Investoren ebenfalls hoch im Kurs, auch wenn diese den Trend erst gegen Ende des Jahres erkennten. Im August bekam Lutris Technologies, die Heimat von Enhydra, 16 Millionen Dollar von einem Konsortium, bestehend aus Compaq, NEC, Deutsche Banc Alex. Brown und der Chase Manhattan Bank. Wo Enhydra ist, kann Zopen nicht weit sein. Auch Digital Creations (http://www.digicool.com), die Firma der Zope-Schöpfer, konnte noch im Jahr 2000 eine Finanzierungsrunde über 12 Millionen Dollar abschließen. Beteiligt war unter anderem wieder Intel.
Liebesheiraten und Vernunftsehen: Kooperationen, Fusionen,Expansionen
Für Wirbel in der Linux-Gemeinde sorgte die erste große Übernahme des Jahres: Im Februar kaufte VA Linux Andover.net mit den Community-Sites Slashdot und Freshmeat. Der Kaufpreis betrug eine knappe Miliarde Dollar in Aktien, wenn man den Kurs zum Zeitpunkt der Übernahme zugrunde legt.
Das alteingesessene Unix-Unternehmen SCOkündigte im Januar noch Server-Produkte für Linux an, im Sommer war die Rede von einer eigenen Linux-Distribution und pötzlich erklärte Caldera, die Server-Software-Sparte von SCO komplett übernehmen zu wollen. Im August angekündigt, stehen der Fusion derzeit noch einige formal-juristische Probleme im Weg. Spätestens Anfang 2001 soll die Vereinigung der beiden Unternehmen jedoch vollendet sein. Caldera besitzt dann einen gewachsenen, gut organisierten Vertriebskanal und mit Unixware ein vor allem bei Unternehmen mittlerer Größe gut eingeführtes Produkt: eine gute starke Position verglichen mit anderen Distributoren, die viel Kraft in den Vertrieb stecken müssen.
Noch einige weitere Übernahmen: Lineo kauft unter anderem die potentiellen Konkurrenten im Embedded-Bereich Zentropix und RT-Control (uCLinux), VA Linux holt sich mit dem Kauf von Precision Insight das Grafik-Know-How von Daryll Strauss, David Dawes und Brian Paul ins Haus, außerdem wird die Hardware-Basis durch den Erwerb von TruSolutions (1U-Rackserver) und NetAttach (Network Attached Storage) weiter ausgebaut.
SuSE trat weniger durch aggresive Firmenkäufe als durch stetige Expansion in Erscheinung. Der Vertrieb in den USA wurde ausgebaut, es entstanden Niederlassungen unter anderem in Tschechien, Italien und Venezuela. Turbolinux baut sich eine europäische Präsenz auf; viele weitere Aktivitäten dieser Art erfolgten im Laufe des Jahres, alle aufzuählen ist unmöglich.
Was für ein Jahr
Linux hat seinen festen Platz in der IT-Welt gefunden und wird auf immer mehr Systemen heimisch. Das haben die Entwicklungen im letzten Jahr überdeutlich gezeigt. Welche auf Open Source beruhenden Geschäftsmodelle haben jedoch eine Chance zu überleben. haben. muss die Zukunft zeigen. Am deutlichsten ist der Vormarsch des freien Betriebssystems derzeit im unteren bis mittleren Serverbereich und bei den Embedded Systems zu sehen (die in diesem Bericht leider zu kurz kamen). Wie die Welt des Desktops aussehen wird, ist derzeit offen. Der kurze Abriss wäre jedoch unvollständig, ohne die GNOME Foundation [11] und die KDE League [12] zu erwähnen, Lobby-Organisationen, die mit Hilfe der Industrie hier den Durchbruch schaffen wollen. (uwo)
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Infos |
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[1] “Show us the code, Ms. Fiorina.” Offener Brief von Eric S. Raymond: http://linuxtoday.com/news_story.php3?ltsn=2000-10-18-009-06-NW-CY [2] Carly Fiorinas Antwort: http://www.linux.hp.com/open_letter.html [3] Antarctica-Supercomputer: http://www.sandia.gov/media/NewsRel/NR2000/antarct.htm [4] Linux-Infoseite bei Compaq: http://www5.compaq.com/products/software/linux/ [5] Der sanfte Riese, IBM und Open Source: Linuxmagazin 08/2000, Seite 52 [6] Interbase Public License: http://www.borland.com/interbase/IPL.html [7] The Open Group Public License: http://www.opengroup.org/openmotif/license/ [8] Open Cascade: http://www.opencascade.org/ [9] Datenbank SAP DB: http://www.sap.com/solutions/technology/sapdb/ [10] OpenOffice: http://www.openoffice.org/ [11] GNOME Foundation: http://www.gnome-foundation.org/ [12] KDE League: http://www.kdeleague.org/ |
Copyright © 2002 Linux New Media AG
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