Aus Linux-Magazin 05/2015

Semiprofessionelle Video-Editoren

© kawing921, 123RF

Gute digitale Camcorder sind längst erschwinglich und selbst normale Digitalkameras liefern heutzutage Videos in HD-Auflösung. Schnitt- und Videobearbeitungs-Programme sind daher gefragt wie nie. Die Bitparade stellt drei Vertreter für den Linux-Desktop vor.

Um aus einer gut gefüllten Speicherkarte einen sehenswerten Film zu machen, braucht es keine großen Budgets. Wer ein Schnittprogramm besitzt und beherrscht, hat schon die halbe Miete. Auch für den Linux-Desktop gibt es nicht lineare Video-Editoren (siehe Kasten “Nicht lineares Arbeitsprinzip”). Drei Programme stellen in dieser Bitparade ihre Leinwandtauglichkeit unter Beweis: zunächst das kommerzielle Programm Lightworks [1], danach folgen die beiden Open-Source-Vertreter Cinelerra [2] und Kdenlive [3]. Die Kandidaten sollten zeigen, welche Formate sie im- und exportieren, wie gut sie schneiden, welche optischen Effekte sie kennen, ob Bild-im-Bild-Einblendungen und Bluescreen-Maskierungen (siehe Kasten “Bluescreen-Verfahren”) möglich sind. Die Tabelle 1 fasst die Ergebnisse zusammen.

Tabelle 1

Features im Überblick

 

Lightworks

Cinelerra

Kdenlive

Getestete Version

12.0.2

4.6

0.9.10

Lizenz

proprietär

GPLv2

GPLv2

Preis

Free: kostenlos; Pro: 20 bis 340  US-Dollar

kostenlos

kostenlos

Importformate

DVCAM/DVCPRO 25, DVCPRO 50 und HD, unkomprimiert SD/HD 8 und 10 Bit, Mpeg 2/4, IMX 30, 40 und 50, AVCHD (M2T, M2TS, Mpeg 4, H.264), Avid DNxHD, AVC-Intra 50 und 100, XDCAM Ex/HD, Apple Pro Res, RED R3D, DPX 8, 10 und 16 Bit, Bildfolgen (u.  a. BMP, DPX, Jpeg, PNG und Tiff), Broadcast Wave Format

Quicktime, Bildfolgen (Open EXR, Raw), Avi, Mpeg 2/4, DVD-Video, Ogg Theora/Vorbis

Mini DV, HDV, AVCHD (Mpeg 4, H.264), Flash, Matroska, andere Ffmpeg-/Libav-kompatible

Exportformate

Free: H.264/Mpeg 4 bis 1280  x  720 Pixel; ab Pro: H.264/Mpeg 4 bis 1920  x  1080 Pixel, DVCAM/DVCPRO 25, DVCPRO 50 und HD, unkomprimiert SD/HD 8 und 10 Bit, Mpeg 2/4, AVCHD (M2T, M2TS, H.264, Mpeg), AVC-Intra 50, 100 und 200, XDCAM (Ex, HD, HD 50 422), Bildfolgen, Bluray, DVD (MTS, M2TS und MPG), Broadcast Wave Format, Quicktime

Quicktime, Bildfolgen (Open EXR, Raw), Avi, Mpeg 2/4, DVD-Video, Ogg Theora/Vorbis

Mpeg 2, hochaufgelöstes MP4 und H.264, Vob-Dateien für das DVD-Mastern, Ffmpeg-/Libav-kompatible

Lernkurve

lange Einarbeitungszeit

lange Einarbeitungszeit

relativ einsteigertauglich

Schnitt

+++

++

+

Bild im Bild

+++

++

++

Effekte

relativ wenige, aber exzellente Qualität

viele in sehr guter Qualität

sehr viele in teilweise guter Qualität

Kommandozeile/Scheduling

Batch-Rendering, Kommandozeile, Renderfarm-Unterstützung

Scheduling und Bash-Skripte für MTL-Backend

Stabilität

+++

++

Bluescreen-Verfahren

Diese Technik verwenden Film- und Fernsehmacher, um Gegenstände oder Personen nachträglich vor einen Hintergrund zu setzen. Häufig handelt es sich um einen blauen Hintergrund, da diese Nuance selten beim menschlichen Körper vorkommt. Analog dazu kann auch eine grüne Schlüsselfarbe zum Einsatz kommen (Greenscreen-Technik), welche die Hauttöne weniger verfremdet. Bei der modernen digitalen Bearbeitung ist jede beliebige Nuance zum Definieren der Schablonen möglich; daher spricht man auch vom Chroma-Key-Verfahren.

Nicht lineares Arbeitsprinzip

Bei dieser Vorgehensweise schreibt ein Programm zunächst lediglich die Namen und Parameter der geplanten Operationen mit. Das geht blitzschnell und erzeugt kaum Systemlast. Erst das finale Exportieren stößt das eigentliche Bearbeiten an. Eine Vorschau berechnet die Videoschnitt-Software während des Abspielens in Echtzeit, was natürlich je nach Anzahl der Effekte nur beim Verkleinern oder einem schnellen Rechner ruckelfrei funktioniert.

Im Gegensatz dazu führen lineare Schnittprogramme wie etwa Avidemux [6] alle Schritte sofort aus. Dazwischen liegt also jeweils ein Rechenzyklus, der abhängig von der Datenmenge, der Ausstattung und Performance des Computers mehr oder weniger Zeit verschlingt. Das Bearbeiten größerer Videodateien ist mit einer solchen Software nicht besonders effizient, die Anwender sollten jede Menge Wartezeit einplanen.

Die Tester arbeiteten unter Arch Linux (64 Bit). Sie verfütterten neben eigenen Aufnahmen den Science-Fiction-Kurzfilm “Tears of Steel” an die Programme. Dieser entstand im Rahmen des Mango-Projekts [4] mit der 3-D-Grafiksoftware Blender. Außerdem arbeiteten sie mit “The Visual Effects of Betty Boom” [5]. Beide Filme stehen unter der freien Lizenz Creative Commons Attribution 3.0.

Lightworks

Der erste Kandidat spielt den Old Star: Lightworks [1] ist seit 1989 im Markt und stammt aus dem Hause Edit Share. Das kommerzielle Programm, das unter einer proprietären Lizenz steht, ist zwar kostenlos erhältlich, setzt allerdings eine Zwangsaktivierung per Internet voraus. Die ist alle sieben Tage zu erneuern, was aber unbegrenzt möglich ist.

2011 kündigte der Hersteller eine Open-Source-Release seiner Software an; die Veröffentlichung ist aber bis heute nicht erfolgt [7]. Die Variante Free gibt es für Windows, OS  X und Linux auf der Homepage. Die Tester schauten sich Version 12.0.2 vom Dezember 2014 an.

Dem gegenüber steht die Bezahlvariante Lightworks Pro. Für einen Monat zahlen Anwender rund 20  US-Dollar, für ein Jahr zirka 135  US-Dollar. Eine Lizenz, die nicht ausläuft, schlägt mit rund 340  US-Dollar zu Buche und enthält kostenlose Upgrades für kleinere Versionssprünge. Wer auf eine neue Lightworks-Release aktualisieren möchte, zahlt extra. Die monatliche Lizenz gilt für einen Arbeitsplatz, die beiden anderen Varianten erlauben zwei Aktivierungen. Weitere sind über den Shop erhältlich.

Die kostenlose Lightworks-Ausgabe enthält alle Bearbeitungsfunktionen der Pro-Version, nur für den Export steht lediglich H.264-komprimiertes Mpeg 4 in einer Auflösung bis zu 1280 mal 720 Pixel zur Verfügung – was für den Upload zu Videoplattformen aber völlig genügt.

Mit Lightworks erhalten Benutzer ein Programm, das sich schon in vielen Blockbuster-Produktionen bewährt hat. Die Software startet im Vollbildmodus, doch die Oberfläche mit ihren vom Windowmanager unabhängigen Unterfenstern ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Hilfreich ist, dass Anwender die Anordnung ihrer Lightworks-Fenster in beliebigen Kombinationen speichern können. Überraschend für ein Profi-Schnittprogramm ist die eingeschränkte Multi-Screen-Tauglichkeit. Nur die Videovorschau im Vollbildmodus nutzt einen vorhandenen zweiten Monitor.

Zahlreiche Videos, Onlinetrainings und ein Demoprojekt sind über die Abteilung »Tutorials« der Lightworks-Webseite erhältlich. Insgesamt warten hier etliche Stunden Lernmaterial. Die meisten Filme fahren ein gemächliches Tempo und richten sich an absolute Einsteiger. Wer bereits Vorkenntnisse hat, findet hier wenig Neues. Anleitungen für Fortgeschrittene, die beispielsweise auf die Effekte näher eingehen, wären wünschenswert.

Sollte Lightworks abstürzen, geht maximal die letzte Operation verloren, denn das Programm schreibt alle Änderungen sofort auf Platte. Da bei einer nicht linear arbeitenden Software mit Undo/Redo-Funktion der »Speichern« -Button tatsächlich seinen Sinn verliert, ist das eine gute Lösung, und Anwender müssen sich nicht um das regelmäßige Sichern kümmern.

Einschneidend

Ein eigenes Playerfenster bildet einen Schneidetisch nach. Anwender spielen den Film im oberen Teilfenster bis zum Anfang des Bereichs ab, den sie ausschneiden möchten. Mit den Pfeiltasten regeln sie die Position Frame-genau. Die Knöpfe mit den Rauten markieren entweder Start- oder Endpunkt; als zweite Markierung gilt der parkende Wiedergabecursor. Die Auswahl landet im Bereich »Edit« (Abbildung 1) als virtueller Clip ohne Gegenstück auf der Festplatte. Ein »Edit« nimmt beliebig viele Schnipsel und Effekte auf, sodass die Software auf eine gesonderte Trackansicht für die endgültige Montage verzichten kann.

Abbildung 1: In »Edit« (Teilfenster mit dem roten Rand) landen die ausgewählten Bereiche.

Abbildung 1: In »Edit« (Teilfenster mit dem roten Rand) landen die ausgewählten Bereiche.

Das Unterfenster »Edit« zeigt in einer Spuransicht die Audio-Waveform an. So können Benutzer Schnitte bequem mit Sprache oder Geräuschen synchronisieren. Weitere »Inserts« aus einem Player fügt Lightworks an der Cursorposition ein. Wenn es im »Edit« -Fenster eine Bereichsmarkierung gibt, dann überschreibt »Replace« diese mit der aktuellen Playerauswahl. Darüber hinaus bietet das Programm Buttons zum händischen Löschen von Markierungen.

Lightworks kann jedes »Edit« exportieren. So benötigt die Software keine zentrale Montage-Zeitleiste wie etwa Cinelerra und Kdenlive. An ihre Stelle tritt einfach ein weiteres »Edit« . Jedes von diesen nimmt beliebig viele Ausschnitte aus anderen Edits oder direkt aus Rohvideos auf. Das Konzept erlaubt somit, Projekte in beliebig viele Hierarchie-Ebenen zu gliedern.

Ein Klick in die Nähe einer Schnittfuge erweitert das »Edit« -Fenster zur Doppelbildansicht. Es zeigt die Frames vor und nach dem Schnitt an. Der Abspielbutton oder die Pfeiltasten verschieben entweder die Schnittkanten des rechten oder des linken Clips respektive beide – je nachdem, ob der Nutzer rechts oder links neben die Fuge oder darauf geklickt hat. Dieses direkte Gegenüberstellen der Szenen-Enden erleichtert das passgenaue Aneinanderfügen verschiedener Takes sehr. Keiner der anderen Testkandidaten bietet Vergleichbares. Hinzu kommt die intuitive Markierungsfunktion für Video-Ausschnitte. Diese Features alleine verhelfen Lightworks zu einer Topnote in der Kategorie Schnitt.

Harte Schnitte, insbesondere zwischen Szenen mit unterschiedlicher Beleuchtung, wirken oft unangenehm. Lightworks korrigiert diese mit fünf Übergangseffekten, die ein Kontextmenü nach einem Rechtsklick auf eine Fuge offeriert: Überblenden (»Dissolve« ), Nachglühen (»Luma Wipe« ) und drei Schiebetür-Effekte. Cinelerra und Kdenlive bieten hier mehr Übergänge an; von denen hat es jedoch bisher kaum einer ins Fernsehen oder Kino geschafft.

Bühnenzauber

Rund 60 Video-Effekte hat Lightworks im Programm. Das Spektrum reicht von leistungsfähigen Farb- und Belichtungskorrektur-Filtern über Schärfe-/Unschärfefilter, Maskierungsfunktionen bis hin zu dezenten Verfremdungseffekten mit Spots oder Mosaiken. Hinzu kommen Presets für die am häufigsten genutzten Funktionen. Eigene Einstellungen speichern Benutzer auf Wunsch als Templates ab. Alle Filter sind in sehr guter Qualität umgesetzt – wie von einem Profi-Schnittprogramm zu erwarten. Im Gegensatz zu Kdenlive hält sich der erste Kandidat bei den Verfremdungseffekten dezent zurück und trägt nicht zu dick auf, was schnell amateurhaft wirkt.

Gut gemischt

Vor jedem Schieberegler in den Effekt-Einstellungen steht ein Stoppuhr-Button. Ist er aktiviert, gelten die Effektparameter nur an der aktuellen Cursorposition. Für fließende Übergänge genügt es, zu einer anderen Stelle im Video zu spulen und dort andere Werte einzutragen. Das Diagramm-Icon in der Lightworks-Konfiguration öffnet eine Kurvenansicht, die den Verlauf der Parameter visualisiert. Benutzer können hier bestimmte Frames herauspicken und ihnen gesonderte Einstellungen zuweisen.

Die Software errechnet Zwischenwerte für glatte Übergänge. Das Verfahren heißt Keyframing. Zwar beherrschen alle drei Testkandidaten diese Technik, die Umsetzung in Lightworks besticht jedoch mit einem übersichtlichen GUI, das maximale Kontrolle bietet.

Lightworks unterstützt die Bild-im-Bild-Technik, bei der eine verkleinerte Aufnahme über einer großen schwebt (siehe Abbildung 2). Die Software erzeugt solche Einblendungen mit dem DVE-Effekt. Anwender legen zwei Videospuren in der Trackansicht übereinander und weisen der oberen Spur den Effekt zu. In den Einstellungen skalieren und positionieren sie optional das kleine Fenster. Anordnung und Größe dürfen sich wie bei allen Effekten im Zeitverlauf verändern. Das kleine Bild kann also etwa über das große wandern oder langsam zur vollen Größe anwachsen.

Abbildung 2: Bild-im-Bild-Effekte mit schwebenden kleinen Aufnahmen und eindrucksvollen räumlichen Schwenks erfordern nur das Ziehen einiger Lightworks-Regler.

Abbildung 2: Bild-im-Bild-Effekte mit schwebenden kleinen Aufnahmen und eindrucksvollen räumlichen Schwenks erfordern nur das Ziehen einiger Lightworks-Regler.

Auch beim Blue- beziehungsweise Greenscreen-Verfahren hat Lightworks die Nase vorn. Sein »Chromakey« -Filter wählt einen Farbbereich nach den Parametern Hue (Farbton), Saturation (Sättigung) und Luminance (Helligkeit) zum Freistellen aus. So erscheint der vor grünem Hintergrund gefilmte Mann aus “The Visual Effects of Betty Boom” [5] in einer Szene aus “Tears of Steel” [4] (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Der »Chromakey«-Filter entfernt den grünen Hintergrund aus dem Track V1.

Abbildung 3: Der »Chromakey«-Filter entfernt den grünen Hintergrund aus dem Track V1.

Zuerst nimmt das Pipettenwerkzeug die Farbwerte des grünen Hintergrunds auf. Dann nehmen Nutzer Feinjustierungen für Farbton, Sättigung und Helligkeit vor. Dabei hilft ein Klick in die Checkbox Reveal, was die Maske als schwarz-weiße Silhouette sichtbar macht. Eventuelle Löcher fallen dadurch sofort auf. Der Regler »Remove spill« reinigt das Bild von eventuellen grünen Resten. Die Funktion korrigiert zudem den Farbstich der dicht am Hintergrund positionierten Person.

Cinelerra

Der zweite Kandidat steht unter der GPLv2. Cinelerra [2] stammt aus der Softwareschmiede Heroine Virtual Ltd. Die erste Version erschien 2002, im September 2014 veröffentlichten die Entwickler 4.6. Optisch ist das Programm keine Rita Hayworth. Von der vorsintflutlichen Oberfläche sollten sich Anwender aber nicht abschrecken lassen, denn technisch gesehen ist das Schnittprogramm auf der Höhe der Zeit. Die vier Teilfenster ordnen Nutzer unabhängig voneinander an; sie verteilen sich auch auf mehrere Monitore. Die Position speichert Cinelerra auf Wunsch ab.

Abzüge in der B-Note gibt es für die gewöhnungsbedürftige Bedienung. Wer die Tastaturshortcuts allerdings beherrscht, hat ein hocheffizientes Werkzeug an seiner Seite. Bei den ersten Schritten hilft das gute englische Handbuch, das auf der Projektseite verlinkt ist. Insgesamt läuft Cinelerra stabil, solange man die Finger vom Open-GL-Treiber lässt. Auf dem Testrechner versetzte dieser zusammen mit der Nvidia-3-D-Beschleunigung dem Programm stets umgehend den Todesstoß.

Niemand würde Cinelerra aufgrund dieser Mängel für die Profiliga aufstellen – wäre da nicht der Videoschnitt selbst. Das Programm punktet hier mit einem recht intuitiven Verfahren. Als virtueller Schneidetisch dient das linke obere Teilfenster, der Betrachter. Mit dem Ziffernblock navigieren Anwender schnell und in Normalgeschwindigkeit durch das Video beziehungsweise springen direkt zu einem Einzelbild. Die Tastaturshortcuts erscheinen, sobald die Maus die Steuerungsbuttons berührt. Die öffnende Klammer markiert den Anfang, die schließende das Ende der Auswahl.

Aufnahme läuft!

Nach dem Speichern landet der selektierte Bereich in einem Clip. Aus dem Reiter »Clips« im Unterfenster »Ressources« ziehen Nutzer die Schnipsel beliebig oft auf die Tracks im Hauptfenster. Auch aus dem Haupttrack exportieren sie fertig montierte Bereiche inklusive Effekte als Clip und ziehen diesen später wieder auf die Trackansicht.

In der Regel sollen Szenen nur einmal im Film auftauchen. Daher übertragen Anwender ihre Auswahl ohne Umweg über einen Clip in die Zeitleiste. [V] fügt das Schnipsel an der Cursorposition ein, die im Zeitstrahl des Hauptfensters durch einen roten Strich markiert ist. Existiert dort eine Markierung, überschreibt [B] sie mit der Auswahl im Betrachter.

Nach der Montage können Nutzer die Schnitte feinjustieren und ziehen dazu mit der Maus die Clip-Enden zurecht. Das Fenster »Compositor« rechts oben zeigt eine Vorschau der neuen Zusammensetzung. Das Navigieren auf dem Zeitstrahl und das Markieren eines Ausschnitts funktioniert dort genauso wie im Betrachter. Die Abspielmarke im Compositor und in der Haupttrack-Ansicht bewegen sich synchron.

Cinelerra bringt rund 60 Video-Effekte mit und setzt dabei stärker auf Spielereien als das gediegenere Lightworks. Die häufig benötigten Korrekturfilter, die etwa Farben, Helligkeit und Sättigung anpassen, sind ebenfalls vorhanden. Lightworks setzt hier eher auf Alltagstauglichkeit und richtet sich an Produzenten von Spielfilmen oder Reportagen. Cinelerra ist etwas experimentierfreudiger und bedient vermutlich Macher von Musikvideos etwas besser. Um die Effekte im Zeitverlauf zu variieren, aktivieren Benutzer das Schlüsselicon im Hauptfenster oder Compositor. Danach gelten alle Einstellungen lokal und die Software errechnet glatte Zwischenwerte.

Der richtige Dreh

Als einziges Programm im Test enthält Cinelerra ein simuliertes Kamera-Projektor-System (siehe Skizze in Abbildung 4), das unter anderem beim Bild-im-Bild-Verfahren zum Einsatz kommt. Eine virtuelle Kamera filmt einen Ausschnitt aus einem Quellvideo. Er landet in einem Arbeitspuffer und Cinelerra fügt dort die Effekte ein. Das Ergebnis bildet ein virtueller Projektor auf dem Ausgabebildschirm ab. Dieser entspricht einem Frame im fertigen Video.

Abbildung 4: Cinelerras Kamera-Projektor-System simuliert die Arbeit analoger Kameras und Belichter.

Abbildung 4: Cinelerras Kamera-Projektor-System simuliert die Arbeit analoger Kameras und Belichter.

Auf diese Weise stellt die Software Schwenks im Raum nach. Kamerafahrten und -zooms können Nutzer nach dem Keyframe-Prinzip steuern. Ob die Zuschauer einen Unterschied zu gewöhnlichen Verschieben- und Zoom-Filtern wahrnehmen, ist fraglich. Abbildung 5 zeigt das Compositor-Fenster, in dem Projektor und Kamera einen Track verkleinert und nach links oben verschoben haben. Außerdem haben die Tester einen Perspektiv-Effekt hinzugefügt. Cinelerra erlaubt damit genauso effektvolle Bild-im-Bild-Einblendungen wie der erste Kandidat Lightworks.

Abbildung 5: Das Kamera-Projektor-System ermöglicht unter anderem Bild-im-Bild-Effekte. Auf diese wenden Nutzer optional eine 3-D-Verzerrung an.

Abbildung 5: Das Kamera-Projektor-System ermöglicht unter anderem Bild-im-Bild-Effekte. Auf diese wenden Nutzer optional eine 3-D-Verzerrung an.

Der Filter »Chroma key (HSV)« für das Blue- oder Greenscreen-Verfahren ist ähnlich leistungsfähig wie der von Lightworks – allerdings etwas fummelig zu bedienen. Beispielsweise verwandelt die Schaltfläche »Use color picker« den Mauszeiger nicht in eine Pipette. Vielmehr übernimmt die Software nach einem Klick darauf den Wert, den der Nutzer zuvor mit dem Pipettenwerkzeug im Compositor aufgenommen hat. Sobald Anwender die Checkbox »Show Mask« aktivieren, zeigt Cinelerra die Greenscreen-Maske als schwarz-weiße Silhouette. So fallen eventuelle Löcher schnell auf. Die Regler unter »Spill light control« dämpfen verbliebene Blau- oder Grünspritzer in neutrales, weniger störendes Grau ab.

Anders als in Lightworks glättet der Chroma-Key-Filter bei diesem Kandidaten die sich oft ergebenden zackigen Kanten nicht. Daher ist es sinnvoll, nachträglich einen Blur-Filter anzuwenden. Dieser wirkt nur auf den Alphakanal, der zusätzlich zu den Farbinformationen die Transparenz der einzelnen Bildpunkte speichert (siehe Abbildung 6). Diesen Schritt können Lightworks-Nutzer einsparen. Dafür haben Cinelerra-Anwender die volle Kontrolle darüber, wie stark das Glätten ausfällt.

Abbildung 6: Cinelerras Chroma-Key-Filter ermöglicht perfekte Blue- oder Greenscreen-Montagen. Die gezackten Kanten sollten Nutzer mit einem Unschärfefilter glätten, der auf den Alphakanal wirkt.

Abbildung 6: Cinelerras Chroma-Key-Filter ermöglicht perfekte Blue- oder Greenscreen-Montagen. Die gezackten Kanten sollten Nutzer mit einem Unschärfefilter glätten, der auf den Alphakanal wirkt.

Kdenlive

Zugegeben, Kdenlive [3] den Boliden Lightworks und Cinelerra entgegenzusetzen ist ein bisschen wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Der KDE-Video-Editor richtet sich eher an Hobbyanwender als an Profis, die Entwickler legen eindeutig mehr Wert auf die intuitive Bedienung als auf den professionellen Workflow. Dennoch haben sich die Tester Kdenlive in Version 0.9.10 angeschaut, denn es beherrscht alle Testdisziplinen und braucht sich vor allem bei der Effektausstattung nicht vor der Konkurrenz zu verstecken. Das Handbuch [8], das auf viele Videotutorials verlinkt, sei allen Einsteigern ans Herz gelegt.

Das KDE-Schnittprogramm startet ein großes Fenster mit vier fest verankerten Panels. Anwender können viele Bedienelemente einklappen, sodass sich Kdenlive besser für kleine Displays eignet als die Konkurrenz. Alle Unterfenster dürfen Nutzer auch ablösen und auf einem zweiten Bildschirm platzieren. Die Kdenlive-Oberfläche ist damit äußerst handlich. Im Standardlayout (siehe Abbildung 7) befindet sich links oben die Liste mit den importierten Clips (Abschnitt »Projektbaum« ). Anwender gruppieren diese optional in Ordnern.

Abbildung 7: Kdenlive versammelt zunächst alle Funktionen im Hauptfenster. Wer mehrere Bildschirme besitzt, kann die Unterfenster abtrennen.

Abbildung 7: Kdenlive versammelt zunächst alle Funktionen im Hauptfenster. Wer mehrere Bildschirme besitzt, kann die Unterfenster abtrennen.

Der rechte obere Bereich zeigt auf zwei Tabs den Clip-Monitor, der unbearbeitete Clips abspielt, und den Projektmonitor, der eine Vorschau auf das Gesamtprojekt inklusive aller Effekte bietet. Der gesamte untere Bereich ist für die Zeitleiste reserviert, auf der Anwender die Einzelclips montieren. Die drei Reiter »Effektliste« , »Effektmagazin« und »Übergang« erlauben Zugriff auf alle verfügbaren Effekte, auf jene des in der Zeitleiste aktiven Clips sowie Übergangseffekte.

Schlecht abgeschnitten

Kdenlive-Nutzer haben drei Möglichkeiten, einen Clip zu beschneiden. Am einfachsten ist es, die Ränder des auf der Spuransicht platzierten Clips nach innen zu ziehen. Das KDE-Programm blendet an den mit der Maus verschiebbaren Enden grüne Pfeile ein. Wer Frame-genau arbeiten möchte, platziert den Wiedergabecursor im Projektmonitor – seine Position erscheint in der Zeitleiste als schwarze Linie, Mausoperationen rasten daran ein. Alternativ schneidet [Umschalt]+[R] den Clip in zwei Teile. Denen können Benutzer danach gesondert Effekte zuweisen. Dass die im Profibereich bewährte Trennung von Schneidewerkzeug und Montagetrack nur halbherzig umgesetzt ist, gibt allerdings Abzüge in der B-Note.

Auf den ersten Blick fehlt die Möglichkeit, einen Ausschnitt für die spätere Verwendung zwischenzuspeichern. Nach etwas Suchen fanden die Tester diese Teile dann doch im Clip-Monitor. Benutzer klicken mit der rechten Maustaste auf die Zeitleiste, um einen Bereich zu markieren. Ein Rechtsklick auf das Video öffnet schließlich ein Menü mit der Option »Bereich speichern« . Leider sichert Kdenlive diese Teile nicht innerhalb der Projekte, sondern als eigene Dateien mit der Endung ».mlt« . Anwender müssen diese jedes Mal von Hand importieren. Immerhin verschlingen die Teilstücke keinen Plattenplatz, denn es handelt sich nicht um Videos, sondern um Anweisungen für die Bibliothek MLT [9] beim abschließenden Rendern.

Postproduktion

Beim Schneiden großer Clips stellt sich das als Manko heraus, denn es ist nicht sehr praktisch, ein langes Rohvideo auf die Zeitleiste zu ziehen, wo schon zurechtgeschnittene kurze Szenen liegen. Anwender müssen daher entweder viel scrollen oder viel zoomen – für Videos in Spielfilmlänge ist das ungeeignet. Negativ fiel den Testern zudem auf, dass Kdenlive häufiger abstürzte als die anderen Kandidaten. Außerdem kam es gelegentlich zu Problemen beim Exportieren.

Mit über 110 Video-Effekten, die vor allem das Zusatzpaket »frei0r-plugins« bereitstellt, übertrifft Kdenlive die beiden Mitbewerber zahlenmäßig. Manche Effekte haben derzeit den Status »experimentell« , beispielsweise der Faceblur-Filter, der automatisch alle Gesichter im Video unkenntlich machen soll. Im Test gelang das nicht einmal ansatzweise. Andere Effekte sind eher Spielereien – ob Benutzer mit ihnen etwas anfangen können, hängt vom Charakter des Videoprojekts ab. Für seriöse Dokumentationen taugen die Filter der Rubrik »Spaß« eher nicht, und auch in Urlaubsvideos können zu dick aufgetragene Verfremdungen schnell peinlich wirken. Wer jedoch experimentelle Clips produzieren möchte, wird die Vielzahl schätzen.

Selbstverständlich ist die unverzichtbare Farb- und Belichtungskorrektur vorhanden. Gut gefällt, dass die Kdenlive-Effektliste eine Suchfunktion enthält. Anwender schweben mit dem Mauszeiger über einem Eintrag, um eine kurze Beschreibung zu erhalten. Bild-im-Bild-Effekte (siehe Abbildung 8) gelingen mit dem Filter »Pan and Zoom« .

Abbildung 8: Einfache Bild-im-Bild-Effekte gelingen in Kdenlive mit »Pan and Zoom«.

Abbildung 8: Einfache Bild-im-Bild-Effekte gelingen in Kdenlive mit »Pan and Zoom«.

Sind 3-D-Spielereien gewünscht, kommt zusätzlich »Rotate and Shear« ins Spiel. Voraussetzung dafür sind allerdings zwei Videospuren: Immer wenn ein tiefer liegendes Video durchscheinen soll, braucht Kdenlive offenbar einen Composite-Übergangseffekt, der sich über den ganzen überlagerten Bereich erstreckt.

Der Bluescreen-Filter enttäuscht auf den ersten Blick. Anwender wählen über »Color key« lediglich die Hintergrundfarbe und stellen unter »Variance« die Farbtoleranz ein. Selbst mit dem größtmöglichen Wert, bei dem noch keine Löcher in der darüber eingeblendeten Szene erscheinen, bleiben am Rand der Silhouette leuchtend grüne Ränder stehen (siehe Abbildung 9, kleines Bild). Allerdings ist Kdenlive mit seinem Latein hier noch nicht am Ende: Benutzer sollten zusätzlich den Filter »Key Spill Mop Up« bemühen. Mit den Einstellungen »De-Key« und »Desaturate« unterdrückt er die grünen Farbsäume. Die letzten Zacken im Umriss entfernt schließlich »Alpha Operations« (siehe Abbildung 9, großes Bild).

Abbildung 9: Kdenlive bringt ganz ansehnliche Blue-/Greenscreen-Effekte zustande.

Abbildung 9: Kdenlive bringt ganz ansehnliche Blue-/Greenscreen-Effekte zustande.

Reif für den Oscar?

Im Test kamen selten Zweifel auf, dass Lightworks ganz oben aufs Siegertreppchen gehört. Das Programm überzeugte mit seiner Stabilität, mit seinen Schnittwerkzeugen sowie den beigelegten Filtern. Die Anzahl der Effekte ist zwar kleiner als bei der Konkurrenz, aber dafür liegen sie in exzellenter Qualität vor. Wer andere Formate als Mpeg 4/H.264 (1280 mal 720 Pixel) exportieren möchte, muss in die Tasche greifen und die Lightworks-Pro-Variante erwerben. Diese hat zwar ihren Preis, gemessen an den Budgets der Filmstudios fällt er aber recht moderat aus. Anwender sollten einige Zeit einplanen, um sich mit der Software vertraut zu machen, denn die Entwickler legen mehr Wert auf Effizienz als auf laienverständliche Bedienkonzepte. Lightworks Algorithmen und Techniken sind dafür Hollywood-reif.

Auch Cinelerra spielt trotz eher schleppender Weiterentwicklung im letzten Jahrzehnt in der Profiliga. Zwar müssen sich Anwender mit einer extravaganten Benutzerführung und einer Programmoberfläche aus der Stummfilmzeit herumschlagen, wer sich aber einmal eingearbeitet hat, entlockt dem Urgestein der freien Videobearbeitung in Rekordzeit sehr gute Ergebnisse. Gelegenheitsanwender dürfte das Programm dagegen vermutlich noch mehr frustrieren als Lightworks.

Kdenlive taugt am ehesten für Nutzer, die nicht Tage oder Wochen an Einarbeitungszeit investieren möchten. Technisch gesehen kann es mit Lightworks und Cinelerra nicht mithalten, wie der Greenscreen-Test zeigte. Für hochwertige Hobbyprojekte reicht das KDE-Programm jedoch allemal. Den Testern gefiel vor allem die intuitive Benutzeroberfläche. Die teils verspielten Effekte sind inzwischen so zahlreich, dass Vorstadt-Fellinis mehr als einen verregneten Nachmittag zum Ausprobieren aller Features benötigen.

Wer Kdenlive noch zu komplex findet, der werfe einen Blick auf Openshot [10], das genau wie Pitivi [11] im Casting zu diesem Test ausgeschieden ist. Während Pitivi sich mit mangelhafter Stabilität in der aktuellen Version 0.94 disqualifiziert hat und dauernd den Dienst quittierte, eignet sich Openshot durchaus für Anfänger in Sachen Videoschnitt.

Es ist das Programm der Wahl, wenn es darum geht, schnell einen Film zurechtzuschneiden oder einfache Effekte einzubauen. Im Vergleich mit den hochkarätigen Testkandidaten fällt die Software jedoch weit zurück, da sie weder Keyframes für im Zeitverlauf wechselnde Effektparameter noch Bluescreen-Maskierung unterstützt.

DELUG-DVD

Auf der DELUG-DVD dieses Magazins befindet sich der Quellcode von Cinelerra 4.6. Außerdem liegen die beiden Kurzfilme aus dem Test bei: “Tears of Steel” und “The Visual Effects of Betty Boom”.

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 8 HeftseitenPreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
1 Kommentar
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Mike
7 Jahre her

Ein neuer Artikel zu diesem Thema wäre sehr wünschenswert. Was Cinelerra angeht, es gibt mittlerweile deutliche Verbesserungen. Die neuste Version Cinelerra GG Infinity hat Features wie 8K Editor, LV2 Support (Calf Studio Gear), Arbeitet mit Smart Foldern, hat FFmpeg integriert, kann Motion Tracking, Motion Graphics, usw. Ist echt ein Blick wert. https://www.cinelerra-gg.org

Nach oben