Aus Linux-Magazin 02/2001

Brave GNU World

Weitere Themen-Vorschläge gesucht: Die möglichen Logos für das Debian Jr.-Projekt

Diese Kolumne berichtet über aktuelle Entwicklungen innerhalb des GNU Projektes und versucht, Einblicke in die zugrundeliegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: Debian Jr., GTKtalog, Jam, der GNU Font Editor, GNU Typist, ISoSy und das MIX Development Kit.

Willkommen zu einer neuen Ausgabe von Georg’s Brave GNU World. Beginnen will ich heute mit einem Projekt, das allen Familienvätern und -müttern gefallen dürfte.

Debian Jr.

Das Debian Jr. Projekt [5] wurde von Ben Armstrong ins Leben gerufen, um eine spezielle Debian-Distribution für “Kinder von 1 bis 99” zu erstellen. Ziel ist die Kinder früh spielerisch an den Computer im Allgemeinen und das Debian-System im speziellen heranzuführen. Im Alter von zehn Jahren sollte die Benutzung einer Debian-GNU/Linux- oder GNU/Hurd-Distribution für damit großgewordene Kinder keine Probleme mehr bereiten.

Der aktuelle Entwicklungs-Fokus liegt auf der Altersgruppe von bis zu acht Jahren, um dann die Gruppe bis zwölf im zweiten Schritt anzugehen. Die erste Anlaufstelle sind die Eltern, Lehrer, älteren Freunde und Verwandten, die bereits Debian benutzen und es gerne mit den Kindern in ihrem Leben teilen möchten. Genau genommen hat das Debian-Jr.-Projekt also zwei Zielgruppen:

Für diese erste Gruppe, die im weitesten Sinne die Systeme administrieren werden, soll die Installation von kindgerechten Paketen und vorbereiteten Setups vereinfacht werden. So soll es beispielsweise zu den einzelnen Themenbereichen Task-Pakete geben, die in bekannter Debian-Manier Abhängigkeiten zu den für diese Aufgabe benötigten Programmpaketen aufweisen.

Die zweite Zielgruppe sind natürlich die Kinder. Die Programme müssen für sie leicht benutzbar und auf ihre Bedürftnisse zugeschnitten sein – außerdem soll die Bedienung Spaß machen, da dies ein wesentlicher Motivationsfaktor ist. Doch es gibt noch einen dritten Aspekt, der bei der Anpassung auf Kinder beachtet werden muss. Wie Ben Armstrong es ausdrückt: falls es irgendeinen Weg gibt, ein System außer Betrieb zu setzen, wird ein Kind ihn sehr, sehr schnell finden.

Seine eigene Tochter hat ihn damit zum Wahnsinn getrieben, dass sie das Passwort täglich geändert und am nächsten Tag vergessen hat. Und dann war da noch der Tag, als sie sich entschloss, in ihrem Dateieditor Pico jedes nur vorstellbare File inclusive MP3-Files, Tar-Archive, den Kernel und /dev/dsp in ihren Buffer zu laden.

Aus diesem Grund sollte ein gewisser Teil der Aufmerksamkeit auf das sogenannte Kidproofing verwandt werden. Dazu gehört beispielsweise das großzügige Einführen von ulimits und Quotas sowie die Beschränkung des Zugriffs auf einige Werkzeuge und Funktionen. Ein Schelm, wer glaubt, die hier gewonnene Erfahrung könne sich unter Umständen für die Konfiguration von Arbeitsplatzrechnern in so manchem Unternehmen nutzen lassen.

Weitere Themen-Vorschläge gesucht: Die möglichen Logos für das Debian Jr.-Projekt

Weitere Themen-Vorschläge gesucht: Die möglichen Logos für das Debian Jr.-Projekt

Die Frage, warum ausgerechnet Debian als Fundament für dieses Projekt dient, beantwortet Ben Armstrong damit, dass er Debian aufgrund seiner starken Orientierung auf Freie Software bevorzugt.

Es ist ein offenes System, bei dem viele Entwickler als Nutzer angefangen haben und aus Spaß an der Sache damit begannen, das System weiterzuentwickeln. Dies sei für ihn die ideale Basis, um Kinder an den Umgang mit Computern heranzuführen. Dir große Stärke des Systems, dass es von Freiwilligen erstellt wird, ist nach seiner Ansicht auch eine der größten Schwächen, da sich die Koordination der Zusammenarbeit gelegentlich als schwierig erweist.

Natürlich kann Ben dieses große Projekt nicht alleine bewerkstelligen – die Zahl der Mitstreiter ist zu groß, Auf der Mailingliste sind im Moment 160 Personen eingetragen. Dennoch gibt es noch immer Bedarf an Hilfe. Gerade die Anpassung an andere Sprachen wäre sinnvoll. Weiterhin wird nach einem geeigneten Logo gesucht, und es ist geplant, “Debian Jr.”-Themes zu basteln.

Persönlich halte ich dieses Projekt für außerordentlich sinnvoll, da es Kinder früh an Computer heranführt. Dass sie dabei mit Open-Source-Software arbeiten, ist ganz sicher nicht von Nachteil. Dies erscheint mir eine gute erste Prägung im Umgang mit Technologien und Informationen.

Damit komme ich zu zwei Projekten, die etliche Leute interessieren dürften.

GTKtalog

GTKtalog [6] von Yves Mettier ist ein auf GTK+ basierendes Programm zum Katalogisieren von CDs. Besitzer von umfangreichen CD-Sammlungen dürften es schätzen lernen, da es das Auffinden von Files vereinfacht. Auch MP3-CDs sind damit rasch erfasst. GTKtalog hat eine Fähigkeit, die es darüberhinaus besonders nützlich macht, denn es findet auch Dateien innerhalb von tgz– oder rpm-Archiven.

Zu den drängendsten Problemen zählt nach der Ansicht von Yves die mangelnde Dokumentation und die fehlenden deutschen und italienischen Menüs. Für etliche andere Sprachen ist die Internationalisierung bereits vollständig.

GTKtalog bringt Ordnung nicht nur ins CD-Chaos: Hier werden die Dateiformate ausgewählt, die Programm katalogisiert.

GTKtalog bringt Ordnung nicht nur ins CD-Chaos: Hier werden die Dateiformate ausgewählt, die Programm katalogisiert.

Für die Suche gibt es zwei Bildschirmmasken, hier ist die ausführlichere zu sehen.

Für die Suche gibt es zwei Bildschirmmasken, hier ist die ausführlichere zu sehen.

Ansonten plant er, die Funktionalität zu verbessern. Es gibt an einigen Stellen Dinge, die der Autor nicht als Bug bezeichnen möchte, die aber benutzerfreundlicher gelöst werden sollten. Für das Schreiben der Dokumentation wäre zudem Unterstützung von außen sinnvoll, da davon eine zusätzliche Qualitätssicherung des Programms erhofft werden kann. Außerdem würde Yves Mettier die Dokumentation aus Sicht des Autors verfassen, was seiner Ansicht nach nicht unbedingt die sinnvollste Perspektive für den Leser der Dokumentation darstellt.

Für die weitere Entwicklung gibt es ein relativ umfangreiches TODO-File, welches der Autor der Reihe nach abarbeiten will. Doch obwohl noch daran entwickelt wird, ist GTKtalog definitiv benutzbar, weshalb es auch seinen Weg auf die Mandrake-Distribution gefunden hat.

Yves Mettier hebt hervor, dass eine der schönsten Seiten des Entwickelns für ihn die E-Mails sind, die er erhält. Manchmal handelt es sich dabei um Überraschungen, wie eine weitere Übersetzung oder einen größeren Patch. Selbstverständlich steht GTKtalog unter der GNU General Public License.

Auch das nächste Projekt beschäftigt sich damit, Daten zu katalogisieren.

Jam

Im Gegensatz zum vorherigen Projekt konzentriert sich Jam [7] auf Musik-CDs. Es ist in der Lage, sowohl MP3 CDs als auch normale Musik-CDs zu verwalten. Jam erfasst alles in einer MySQL-Datenbank.

Besonders interessant ist auch die Möglichkeit, CD-Listen als XML-Files zu ex- beziehungsweise importieren. Da die Datenbank auch ein “Owner”-Feld besitzt, kann man zum Beispiel die Listen eines Freundes importieren und weiß so über dessen Bestand ebenfalls Bescheid.

Auch auf der Textkonsole können Informationen übersichtlich dargestellt werden diese Erkenntnis belegt uns ein Blick auf die Oberfläche des CD-Katalogisierungsprogramms Jam

Auch auf der Textkonsole können Informationen übersichtlich dargestellt werden diese Erkenntnis belegt uns ein Blick auf die Oberfläche des CD-Katalogisierungsprogramms Jam

Geschrieben wurde Jam von Fabian Mörchen und Thomas Schwarzpaul unter der GNU General Public License. Unschön ist dass Jam auf einige proprietäre (wenn auch kostenlose) Bibliotheken zurückgreift. Dies erzeugt im Wesentlichen dieselbe Problematik, wie sie KDE vor ein paar Jahren hatte. Daher wäre es auf längere Sicht wohl besser, die proprietären Komponenten entweder durch Freie Software zu ersetzen oder daran zu arbeiten, diese zu Freier Software zu machen.

Als Problem sehen die Autoren im Moment noch die Installation an, die auf manchen Systemen nicht automatisch funktioniert. Glücklicherweise ist es relativ einfach, das Programm von Hand zu installieren. Was weitere Features angeht, so ist vor allem eine GUI geplant, da Jam bisher rein kommandozeilenorientiert ist. Außerdem möchten die Autoren gerne ein Output-Backend für HTML und TeX hinzufügen. Jam soll auch Playlists verwalten lernen und diese dazu zu verwenden, CDs oder Tapes zu erzeugen. Für die Zukunft ist auch geplant einen MP3-Player und -Encoder anschließen und CD-Cover drucken zu können. Bis dahin ist noch einiges zu tun und Hilfe ist ausdrücklich willkommen.

Entstanden ist das Projekt ursprünglich als Studienarbeit, die den Autoren dann so gut gefiel, dass sie sie als Freie Software herausgegeben haben. Dies hat noch den Nebeneffekt, dass der Sourcecode sauber strukturiert und leicht verständlich ist.

GNU Font Editor

Der GNU Font Editor (GFE) [8] ist ein junges GNU Projekt von Anuradha Ratnaweera. Es handelt sich dabei um einen GTK+ basierten grafischen WYSIWYG-Editor für Fonts, der nach seiner Fertigstellung sowohl Raster- als auch Vektor-Zeichenätze unterstützen wird. Die Zielgruppe sind dabei professionelle Designer und Endanwender.

Da die bisher existierenden Programme größtenteils nur über die Kommandozeile benutzbar waren beziehungsweise auf nicht-freien Toolkits wie Motif basierten, sah der Autor hier Handlungsbedarf. Allerdings wird er sich bei seiner Arbeit durchaus an bestehenden Lösungen wie den GNU-Fontutils orientieren. Momentan unterstützt GFE nur BDF-Zeichensätze, daher ist der nächste wichtige Schritt auch die Unterstützung von PCF-Zeichensätzen (für X-Window) und danach PS-Fonts. Später will er sich dann TTF und anderen Formaten annehmen.

Schwierigkeiten erwartet er spätestens in dem Moment, wenn die vektorbasierten Fonts mit aufgenommen werden, da die gemischte Repräsentation bisher noch nicht vollständig durchdacht ist. Wenn GFE allerdings fertig ist, wird es ein außerordentlich nützliches Tool sein, da mit ihm Fonts verschiedener Formate in nur einem Programm ineinander überführt werden können. Zudem wird es sich optisch sehr gut in die GTK/GNOME GUI einfügen. Bis dahin muss jedoch noch einiges getan werden und Anuradha hätte vor allem gerne mehr Leute auf der Mailingliste, für mehr gegenseitige Kontrolle, und um die Entwicklung voran zu bringen.

GNU Typist

Auch GNU Typist [9] ist ein frischgebackenes GNU-Projekt. Es ist ursprünglich ein Programm von Simon Baldwin, der auch eine freie Java Version betreut [10]. Das davon abgeleitete GNU-Projekt wird von Igor und Vladimir Támara gelenkt.

Typist ist ein Programm, um das richtige und effiziente Tippen zu erlernen und üben. Dabei unterstützt GNU Typist verschiedene Keyboard-Layouts und ist über NLS internationalisiert. Es wurde bisher auf der x86-Plattform für GNU/Linux, WinNT und DOS kompiliert. Auch für AIX und Sparc/SunOS hat man es bereits erfolgreich eingesetzt.

Das Programm ist als ein Interpreter für Unterrichtsfiles konzipiert, die beliebig erweitert werden können. Weitere Files für andere Sprachen und Keyboardlayouts ist die wesentliche Aufgabe, die im Moment ansteht. Das nächste Projekt ist zwar für viele Leute nicht von unmittelbarer Bedeutung, dürfte aber für Menschen interessant sein, die im Internet eine Shopping-Seite betreiben oder dies planen.

ISoSy

Das “Internationale Shopping System” (ISoSy) [11] von Stefan Zapf ist ein auf PHP und MySQL basierendes Online-Shopping-System unter der GNU General Public License. Es ist stabil, einfach anzupassen und es existiert eine logische Trennung zwischen generellem Design, Inhalt und dem Sourcecode.

Das Projekt unterstützt multiple Sprachen und Währungen und speichert die Kunden- und Bestellungsdaten in einer einzigen Datenbank. Hierdurch wird es möglich, eine Seite oder ein Bestellinterface für alle Kunden zu haben. Das Projekt ist einsetzbar, und gerade kleine und mittlere Unternehmen können auf diese Art und Weise den Kontakt zu ihren Kunden verbessern.

Das HTML-Design stammt von Robert Ükoetter alias Athelas. Stefans Pläne für die Zukunft sind, die Anpassung noch einfacher zu machen, einige der Parameter aus dem Sourcecode in ein Optionsfile auszulagen und Dinge wie eine automatische Umschaltung der Währung bei Auswahl einer anderen Sprache.

Auf lange Sicht möchte er gerne ein GTK/C++ basiertes Programm schreiben, das die Datenbank initialisiert, ihren Inhalt verwaltet und automatischen FTP-Transfer zum Server unterstützt. Dazu sucht er Kontakt zu PHP-Hackern sowie Leuten mit C- und GTK-Erfahrung. Für ihn liegt der besondere Wert dieses Projekts darin, dass sich eine Möglichkeit eröffnet, Geld mit Freier Software zu verdienen, ohne die Ideale der Community zu verlieren.

MDK

MIX ist der von Donald Knuth in seinem Buch “The Art of Computer Programming” [13] beschriebene mythische Computer, der in MIXAL, (MIX Assembly Language) programmiert wird. Das MIX Development Kit (MDK) [12] von Jose Antonio Ortega Ruiz erlaubt es in einer MIX Virtual Machine MIXAL Programme zu entwickeln und auszuführen. Das MDK enthält ein MIXAL Assembler Inter-face und die erwähnte MIX Virtual Machine mit ihrem Kommandozeilen-Interface. Anders als bei dem Mixal-Projekt [14] verfügt das MDK über Debugging und unterstützt Block-Devices. Außerdem besitzt MDK eine relativ vollständige Dokumentation. Unschön ist nach Aussage von Jose nur, dass MDK im Moment keine grafische Nutzerschnittstelle hat. Daher ist die Entwicklung eines Ncurses und/oder GTK+/GNOME-Frontends der nächste Schritt. Danach plant er auch MMIX, die von Knuth geplante RISC-basierte Version des MIX, zu unterstützen.

Schluss für heute

So, das war dann mal wieder die Kolumne für diesen Monat. Gerade weil ich in letzter Zeit stark mit der Organisation der FSF Europe und dem GNU Business Network beschäftigt bin, wäre es gut, ein paar Freiwillige zu haben, die mir bei der Themensuche und -sichtung für die Brave GNUWorld zur Hand gingen. Wer Lust hat sich hier einzubringen, der möge sich unter der bekannten Adresse bei mir mir melden [1]. Diese Adresse steht natürlich auch allen anderen offen, die Kommentare, Anregungen, Ideen oder ähnliches loswerden möchten.( tfr) n

Infos

[1] Ideen, Anregungen, Kommentare an die Brave GNU World: column@gnu.org

[2] Homepage des GNU-Projektes: http://www.gnu.org/

[3] Homepage von Georg’s Brave GNU World: http://brave-gnu-world.org

[4] “We run GNU” Initiative: http://www.gnu.org/brave-gnu-world/rungnu/rungnu.de.html

[5] Debian Jr. Projekt Homepage: http://www.debian.org/devel/debian-jr

[6] GTKtalog Homepage: http://gtktalog.sourceforge.net/

[7] Jam Homepage http://www.mybytes.de/jam/

[8] GNU Font Editor Homepage: http://www.gnu.org/software/gfe/gfe.html

[9] GNU Typist http://www.gnu.org/software/gtypist

[10] Typist (Java Version) http://www.ocston.org/~simonb/typist/

[11] International Shopping System Homepage: http://isosy.sourceforge.net/

[12] MIX Development Kit Homepage: http://mdk.sourceforge.net/

[13] Donald Knuth, “The Art of Computer Programming”, Addison Wesley http://Sunburn.Stanford.EDU/~knuth/taocp.html

[14] Mixal-Projektbeschreibung: http://www-cs-faculty.stanford.edu/~knuth/mmix.html

Der Autor

Georg C. F. Greve fasst seit Kernel 0.9 nur noch GNU/Linux an und ist mit dem Xlogmaster zum GNU Projekt gekommen. Ein großer Teil seiner Freizeit geht in seine GNU Aktivitäten als Ansprechpartner für Europa, doch glücklicherweise findet er auch noch Zeit zur C/C++ Programmierung und dank der Unterstützung durch ID-PRO kann er nun an seinem aktuellen Projekt GNU AWACS arbeiten. Seine ursprüngliche Profession ist die Physik und momentan ist seine Hauptaufgabe die fachübergreifende Diplomarbeit mit der Informatik. E-Mails erreichen ihn unter greve@gnu.org.

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