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Interview mit dem Maintainer des Linux-Kernels 2.4

Kernel-Hüter

von Achim Leitner
Erschienen im Linux-Magazin 2003/12

Nach seinem Wechsel von Conectiva zum Hardwarehersteller Cyclades sprach Marcelo Tosatti mit dem Linux-Magazin. Er verrät die Gründe für seinen Jobwechsel und seine Pläne für Kernel 2.4. Außerdem lobt er Linux, weil es Brasilien und der Dritten Welt zu mehr Unabhängigkeit verhilft.

In der Linux-Welt hält Marcelo Tosatti eine der wichtigsten Positionen: Er ist Maintainer des 2.4er Kernels. In dem Interview verspricht er, dass der Wechsel zu Cyclades keinesfalls seine Arbeit an Linux beeinträchtigen wird.

Linux-Magazin: Was hat dich zu deinem Jobwechsel bewogen?

Marcelo Tosatti: Weil Cyclades interessante Projekte hat und weil es ein brasilianisches Unternehmen ist. Sie hatten ein gutes Angebot und natürlich ging es auch um Geld.

Linux-Magazin: Womit wirst du dich bei Cyclades befassen?

Marcelo Tosatti: Mit dem 2.4er Kernel und dem Kernel im Allgemeinen, nicht nur 2.4. Ich werde im Forschungs- und Entwicklungsteam arbeiten. Genauer gesagt: Momentan arbeite ich an Treibern, aber ich werde mich mit jedem Linux-Thema befassen, das mir Cyclades gibt.

Linux-Magazin: Sogar mit GUI-Applikationen?

Marcelo Tosatti: Nein ... aber wenn Cyclades ein GUI braucht, na ja, dann werde ich es liefern.

Linux-Magazin: Wie viel Zeit wirst du als Kernel-2.4-Maintainer aufwenden können?

Marcelo Tosatti: Ich werde in der Regel sechs Stunden am Kernel arbeiten und zwei an anderen Sachen. Wir haben eine Vereinbarung, dass die Cyclades-Aufgaben meine Kernel-Arbeiten nicht stören dürfen. Cyclades sponsort meine Kernel-Arbeiten.

Linux-Magazin: Du hast bereits erwähnt, dass Cyclades ein brasilianisches Unternehmen ist. Habt ihr euch schon früher kennen gelernt?

Marcelo Tosatti: Ich kenne die Cyclades-Leute in Brasilien; dort war ich ein paar Mal. Ich wohne allerdings woanders - ich arbeite von zu Hause aus -, daher habe ich die Cyclades-Zentrale in Brasilien ein paar Mal besucht. Dabei habe ich die Cyclades-Leute gut kennen gelernt und jetzt kenne ich auch die deutschen Mitarbeiter.

Die Zukunft von Conectiva

Linux-Magazin: Wie siehst du die Zukunft deines alten Arbeitgebers Conectiva?

Marcelo Tosatti: Es geht ihnen gut. Vorher hatten sie vier Kernel-Leute und jetzt noch zwei. Viele Menschen sprechen mich auf die Ereignisse bei Conectiva an. Es könnte der Eindruck entstehen, dass irgendwas schief läuft - das stimmt aber nicht. Wir zwei haben nur ein besseres Angebot angenommen. In Brasilien gibt es viel Linux-Entwicklung.

Linux-Magazin: Hast du dich bei Conectiva ausschließlich mit Kernel-Entwicklung befasst?

Marcelo Tosatti: Nein, ich habe im Enterprise-Support gearbeitet und bei der Entwicklung der Distribution geholfen: bei den Paketen, mit Patches und einigen Userspace-Sachen.

Linux in Brasilien

Linux-Magazin: Apropos Conectiva und Brasilien: Welche Rolle spielt Linux in Brasilien?

Marcelo Tosatti: Die Technologie und die Lizenz gibt den Ländern der Dritten Welt die Chance, nicht mehr Sklaven irgendeiner Technologie zu sein. So kann jedes Land eigene Technologien und eigene Techniker entwickeln, und das ist offensichtlich gut so. In Brasilien wird Linux von Tag zu Tag bekannter. Vor einigen Monaten gab es ein großes Event zum Thema Open Source in der brasilianischen Regierung. Die Sache wächst. Es gab eine Free-Software-Woche im brasilianischen Kongress. Alle Abgeordneten haben sich die Zeit genommen, um mehr über freie Software zu erfahren.

Linux-Magazin: Was ist mit der brasilianischen Industrie. Fängt sie auch an, Linux einzusetzen?

Marcelo Tosatti: Auch dort wird Linux eingesetzt. Es gibt viele Gründe. Ein Großteil der Windows-Installationen besteht aus Raubkopien und eine Anti-Piraterie-Agentur versucht, User beim Einsatz von illegalen Windows-Kopien zu erwischen.

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