Streit bei Debian: Neuer Sekretär gesucht

Die aktuellen Wahlen rund um Debian Lenny führen zu Streit: Der Sekretär des freien Projekts, Manoj Srivastava, ist nach heftigen Diskussionen von seinem Posten zurückgetreten. Als eine mögliche Konsequenz wird sich die Veröffentlichung von Lenny wohl weiter verzögern.

In einer Mail auf der Entwicklerliste gab Srivastava seine Entscheidung bekannt und erklärt den plötzlichen Rücktritt: „Ich gebe zu, dass ich mit der aktuellen Abstimmung Fehler gemacht habe. (…) Die Menge an Gift, die verspritzt wird, macht es mir unerträglich an irgendwelchen Versuchen teilzunehmen, dieses Chaos zu ordnen.“ Auslöser für den Streit war die kürzlich anberaumte Abstimmung über einzelne Bestandteile zur nächsten Version des freien Betriebssystems Debian GNU/Linux 4.0, Codename Lenny. Mit E-Mail vom 14. Dezember rief der Projektsekretär zur Stimmabgabe in sieben Punkten, darunter zum Debian Sozialvertrag sowie zu einigen Bestandteilen der Debian Free Software Guidelines (DFSG). Wesentliche Abstimmungsteile behandelten die Aufnahme proprietärer Software in das freie Betriebssystem sowie Lizenzfragen. In dem Aufruf hatte Srivastava Themen zur Abstimmung gestellt, zu denen er nach Meinung einiger Projektmitglieder nicht berechtigt war, und Teile davon wurden als widersprüchlich empfunden. Ein Beispiel für die Kritik ist die Reaktion von Steve Langasek auf den Wahlaufruf: „(…) Es macht den Anschein, dass die o. g. Abstimmung ihm die Befugnis geben würde, den Text der DFSG zu ändern (…) Ich würde darum bitten, dass der Vorschlagende diesen Beschluss zurückzieht.“

Viele Reaktionen äußern Unverständnis über die Art und Weise, wie manche Kritik geäußert wird. Der langjährige Debian-Entwickler Bdale Garbee appelliert an das Verantwortungsgefühl aller Projektmitarbeiter. In einem Posting zum Rücktritt Srivastavas schreibt er: „Als Manoj und ich zum Debian-Projekt kamen, waren da nur ein paar Dutzend von uns, und es herrschte tatsächlich eine andere und positivere Atmosphäre. (…).“ Er glaubt, dass dies auch weiterhin möglich sei und beruft sich auf ein Zitat von Margaret Mead, nach dem eine kleine Gruppe engagierter Menschen viel verändern kann: „Ich habe dieses Zitat oft genutzt um zu erklären, warum Freie Software so erfolgreich war, wie sie es bis heute ist. Ich denke, das paßt auch hier. Jeder von uns muss für sich selbst seine Verantwortung akzeptieren für den Beitrag, den wir zur Atmosphäre im Debian-Projekt leisten. Das ist der einzige Weg, wie wir „Dinge zurück aufs Gleis“ bekommen und unsere Energie wieder auf den wahren Grund konzentrieren, weshalb wir hier sind: Ein freies Betriebssystem zu schaffen.“ Darin stimmt der Debian-Entwickler und FTP-Master des Projekts Jörg Jaspert mit ihm überein. Er hält den aktuellen Streit für überzogen und ärgert sich, dass hierdurch die Veröffentlichung von Lenny vermutlich weiter verzögert wird. Im Gespräch mit Linux-Magazin Online kommentiert er trocken: „Entweder sind am Ende alle tot, oder wir werden mit Lenny fertig und releasen.“

Den Sekretärsposten übernimmt nun kommissarisch Bdale Garbee, und in einer weiteren Mail an die Entwickler bittet der Projektleiter Steve McIntyre bis zum 12. Januar um Bewerbungen für einen Nachfolger.

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