Ist Microsoft reumütig oder nur raffiniert? Zu dem immer stärkeren Engagement des IT-Riesen in der Open-Source-Szene kann man verschiedener Meinung sein.
“Das sind Firmen, die Open Source unterstützen” heißt es auf der Webseite der Linux Foundation, auf der sie Firmen präsentiert, die ihre Mitglieder sind. Und auf dieser Seite prankt schon seit einiger Zeit das Logo eines ehemaligen Erzrivalen: Microsoft. Jetzt wird Microsoft auch noch Sponsor der Open Source Initiative (OSI), Linux Magazin Online meldete das letzte Woche.
Scheinbar hat sich Microsofts Haltung gegenüber freier Software radikal verändert. Wen der IT-Riese früher als seinen Feind und das ärgste Übel ansah, den umarmt er heute und greift ihm hilfsbereit unter die Arme. Und viele Open-Source-Funktionäre bedanken sich dafür artig. O-Ton Patrick Mason, Noch-Präsident der OSI: “Ich denke, es gibt kein größeres Zeugnis für die Reife, die Rentabilität, das ihr entgegengebrachte Interesse und den Erfolg von Open-Source-Software, als nicht nur die Anerkennung von Microsoft, sondern auch seine Unterstützung als Sponsor sowie seine Beteiligung als Mitwirkender an so vielen Open-Source-Projekten und Communities.” Andere sind derselben Meinung. Etwa Ubuntus Chef Mark Shuttleworth. “Es ist nicht so, dass Microsoft uns das Spielzeug klaut”, sagt er, “sondern eher so, dass wir es mit ihm teilen, um jedem die bestmögliche Erfahrung zu ermöglichen.”
Freundeslob und Feindestadel sind von zweifelhaftem Adel. [1]
Allerdings: Nicht jeder ist dieser Meinung. Richard Stallman zum Beispiel nicht. Winfuture meldet das. Er argwöhnt noch immer, dass die Umarmung eher Versuch des Erdrückens ist. Insbesondere richtet sich Stallmans Unmut gegen das neue Windows Subsystem for Linux (WSL) in Windows 10. Eine Komponente, von der Shuttleworth sagt: “”WSL bietet Anwendern, die sich in der Windows-Umgebung gut auskennen, eine größere Auswahl und Flexibilität und erschließt gleichzeitig eine neue potenzielle Nutzerbasis für die Open-Source-Plattform.” Für Stallman bringt dasselbe Tool “freie Software nicht weiter, kein Stück”. “Das Ziel der Freie-Software-Bewegung ist es, Anwender von proprietären Programmen und Systemen zu befreien, die ihnen die Freiheit verweigern. Ein nicht-freies System, wie Windows oder Mac OS oder iOS oder Chrome OS oder Android, bequemer zu machen, ist ein Rückschritt in der Kampagne für die Freiheit.”
Wer hat recht? Wie so oft ist wahrscheinlich beides zu Teilen wahr. Microsoft verfolgt auch mit seinem Open-Source-Engagement sicherlich zu allererst wirtschaftliche Ziele. Es hat kein ideologisches Motiv wie Stallman. Trotzdem kann es objektiv dazu beitragen, dass freie Software prosperiert: Mit Geld, mit Ideen, mit Manpower. Wer aber das Ziel verfolgt, proprietäre Software letztendlich zur Gänze abzuschaffen, dem muss diese Hilfe zu Recht vergiftet erscheinen.
Warum leben wir noch nicht in dieser reinrassigen Open-Source-Welt? Weil sich auch mit Closed Source noch gutes Geld verdienen lässt. Weil Kunden gerne bereit sind, auf ein Stück potenzielle Freiheit zu verzichten, wenn sie dafür Software erhalten, die ihnen einen Vorteil verschafft, die ihre Bedürfnisse besser erfüllt, als der Appell, einem idealistischen Ziel zu folgen. Vielleicht stimmt ja:
Alle Weltverbesserung ist Utopie. [2]
Rück-Sichts-voll
Jens-Christoph Brendel
[1] Marie von Ebner-Eschenbach: Aphorismus
[2] Walther Rathenau: aus “An Deutschlands Jugend”




