Rück-Sicht 35/17

Die Linux-Nachrichten der letzten Woche handelten auch von Mut und Übermut. Letzterer war vielleicht das Motiv hinter einer völlig verquasten Wahlhilfe der Wikimedia Foundation und Mut muss man denen zusprechen, die nach wie vor unbeirrt gegen Googles Android-Monopol anzurennen versuchen.

Sprich mit langen, langen Sätzen – solchen, bei denen du, der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, deren du  so sehr benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze  schön ineinandergeschachtelt, so dass der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet … [1]

Diesen Ratschlag haben sich die Schöpfern des Digitalomaten  schon ganz gut zu Herzen genommen. Linux Magazin-Online verweist darauf. Eine Kostprobe: “Stellt die Erlaubnis gezielter Angriffe auf informationstechnische Systeme durch Behörden als reguläres Ermittlungsinstrument eine Gefahr für die IT-Sicherheit und damit für die Allgemeinheit dar und lässt sie sich nicht in Einklang bringen mit dem vom Bund ausgegebenen Ziel, auf eine Absicherung der in Deutschland verwendeten IT-Systeme hinzuwirken?” Hier wurde schon beinah meisterlich der Satzrahmen überdehnt und auch der kleine Kunstgriff, den Leser durch eine Negation ins Stolpern zu bringen, funktioniert grandios. Ein Dilettant hätte hier gefragt: “Verstößt sie gegen das Ziel…?” und die Katastrophe wäre komplett gewesen – der eine oder andere hätte die derart naiv gestellte Frage womöglich verstanden!

Die Wikimedia-Experten für Sprache und Stil haben aber nicht nur ihren Tucholsky gelesen, sondern selber originelle Tricks ersonnen, um den Leser so wirkungsvoll wie möglich zu verschrecken. Ein zweifellos gelungener Coup ist es beispielsweise, ihm kommentarlos Paragrafen um die Ohren zu hauen: “Wie stehen sie in diesem Zusammenhang zu Nr. 3 AEAO zu § 52 AO?” Ein anderer subtiler Kunstgriff besteht darin, verständliche  Worte durch Neuschöpfungen zu ersetzen, die gleichzeitig das delikate Aroma von Kanzleistil in den Text bringen: “Sollen die Betreibenden von Plattformdiensten…” Hier bestand ganz klar die Gefahr, dass das gebräuchliche Wort “Betreiber” verstanden worden wäre.

Recht wirkungsvoll ist auch, dass die vorgegebenen Antwortalternativen – etwa “Stimme zu” / “Stimme nicht zu” – zu Aussagen passen würden, denen man sich anschließen kann oder nicht. Tatsächlich sind sie aber mit Fragen kombiniert. Was soll es nun bedeuten, dass man zum Beispiel der Frage “Soll es keine … Vorgaben geben?” zustimmt? Eine raffiniert getarnte und deshalb um so effektivere Fußangel. Kurz: Wenn man partout nicht verstanden werden will, dann kann man es kaum besser machen.

Wiederkehr der Untoten

Die Versuche, ein Linux-Betriebssystem für Mobilgeräte neben Android zu etablieren, sind so zahlreich wie erfolglos. Die Geschichte beginnt schon 2005, als Nokia Maemo startet. Dem folgt 2007 Intels Moblin. Beide wollten Linux auf Mobilgeräte bringen, beide scheiterten. Das hinderte sie aber nicht, sich zusammenzutun und 2010 Meego zu gründen. Meego hatte genau so wenig Erfolg, aber bald einen ebenso wenig erfolgreichen Partner, das 2007 unter dem Dach der Linux Foundation entstandene Limo. Limo hatte sich zuvor  2008 mit Lips vereinigt (Linux Phone Standard Forum). Android war zu dieser Zeit noch kein Gegner – die potenten Mitbewerber hießen Blackberry und Symbian – trotzdem bekam Linux damals im Mobilfunkmarkt keinen Fuß in die Tür.

Aus der Liaison von Meego mit Limo wurde 2011 in einem vorerst letzten Akt Tizen. Linux hatte sich nun in Gestalt von Android durchgesetzt und schickte sich bereits an, die 50-Prozentmarke zu knacken. Symbian und Blackberry verschwanden in der Bedeutungslosigkeit. Im Jahr 2014 steuerte Samsung dann noch Teile seines ebenfalls untergegangenen Betriebssystems Bada zu Tizen bei. Das wird heute auf Samsung Smartphones wohl irgendwo in Südostasien verkauft und steuert außerdem beispielsweise die Samsung Smartwatches. In Europa und den USA spielt es auf Telefonen keine Rolle.

Selbst ein IT-Bolide wie Microsoft vermochte es nicht, ein Gegengewicht zu Google zu schaffen: Sein Microsoft Phone dümpelt bei den Marktanteilen im unteren einstelligen Prozentbereich vor sich hin. Android hat derzeit mit weit über 80 Prozent einen etwa sechsmal so hohen Marktanteil wie sein letzter Konkurrent IOS und läuft auf gut 2 Milliarden Smartphones. Damit ist es allen Konkurrenten turmhoch überlegen. Woran liegt das? Im August 2017 waren im Google Play Store rund 3,15 Millionen Apps verfügbar – dort gibt es für jedes denkbare Bedürfnis mindestens eine Anwendung. Ein neues Betriebssystem könnte im Vergleich dazu auf nichts verweisen. Gerätehersteller wollen ihre teure Hardware aber nicht mit Betriebssoftware bestücken, für die es keine Anwendungen gibt. Deshalb gäbe es keine Geräte für ein Newcomer-OS. Anwendungsentwickler verdienen wiederum nur mit Apps für Systeme, die auf vielen Geräten installiert sind. (Notfalls können es, wie bei Apple, weniger, aber kauffreudigere Nutzer sein.) Deshalb gibt es nur für Android und IOS eine nennenswerte Anzahl Apps und der Teufelskreis ist geschlossen.

Erstaunlicherweise finden sich trotz der vielen Beispiele erwiesener Chancenlosigkeit immer wieder neue Herausforderer.

Der Mut ist’s, der den Ritter ehret. [2]

In der letzten Woche waren es gleich zwei. Zum einen tauchte aus dem Dunkel der Geschichte Sailfish OS auf. Das meldet der bayerische Rundfunk Sailfish OS ist eine Kombination aus Mer, das seinerseits eine Auferstehung von Meego ist (MEego Reconstructed), und einer Benutzeroberfläche, beigesteuert von der finnischen Firma Jolla, deren Kernpersonal aus Nokias ehemaligen Meego-Entwicklern besteht. Das Ergebnis ist ein Bastelvergnügen für Nerds: Zur Installation auf dem Telefon braucht man einen Linux-Rechner, zudem läuft die Software nur auf der eigenen exotischen Hardware und dem Sony Xperia X.

Zum anderen konnte man bei Golem lesen, dass Purism, ein Hersteller von Open-Source-Laptops aus San Francisco, eine Crowdfundingkampagne gestartet hat, die ein Open-Source-Telefon finanzieren soll. Bisher sind erst 10 Prozent der gewünschten 1,5 Millionen Dollar zusammengekommen, was auch daran liegen könnte, das man noch gar nicht so genau weiß, was man erhält, falls das Ziel erreicht wird. Auch wo die Anwendungen herkommen könnten, die später unter dem eigenen PureOS laufen sollen, ist nicht ganz klar. Immerhin ist ein wenig Zeit, denn erste Geräte soll es ohnehin erst Anfang 2019 geben. Wer dafür heute über 500 Dollar anzahlt, um sich ein solches Telefon zu sichern, beweist auf jeden Fall ebenfalls Mut.

Googles Manager für Android wird die Kampagne wohl nicht um den Schlaf bringen. Mindestens ist sie aber ein Zeichen dafür, dass das Bemühen um ein wirkliches freies Linux fürs Handy noch nicht ganz aufgegeben ist.

Rück-Sichts-voll

Jens-Christoph Brendel

[1] Kurt Tucholsky: aus “Ratschläge für einen schlechten Redner”
[2] Friedrich Schiller: aus “Der Kampf mit dem Drachen”

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Niels Dettenbach
8 Jahre her

Der Erfolg Androids ist ja primär auf die für Hardwarehersteller vorhandene, offene Hardwareplattform zurückzuführen. Eine neue Lösung müsste dies nicht nur berücksichtigen, sogar besser sein – sei es durch mehr “Modularität” der Hardware-Architektur (für Entwickler von Mobilgeräten als auch Anwender) und/oder mehr Transparenz. Android ist sicher weit entfernt von einem wirklich guten “mobilen” Linux. Aber wenn jemand den Bann durchbrechen will und wird, dann wird dies nur durch noch mehr “Offenheit” und Flexibilität gelingen – insbesondere hardwareseitig. Die rein “monolithische” Schiene (womit ich nicht den Kernel keine) beherrscht Apple (mit seinem “NetBSD Klon-Derivat”) augenscheinlich eh besser.

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