Rück-Sicht 33/17

Es gibt keinen bequemen Weg, der von der Erde zu den Sternen führt. [1]

Wenig beflügelt heutzutage mehr die Fantasie von Raumfahrt-Enthusiasten als eine bemannte Mission zum Mars. Die ist zwar noch Zukunftsmusik – ESA und NASA rechnen so zwischen 2030 und 2040 damit, Elon Musks SpaceX will es bis ums Jahr 2025 schaffen – aber die Vorbereitungen scheinen weit gediehen. Immerhin haben sechs Astronauten-Aspiranten schon mal eine 520-Tage-Reise in abgeschlossenen Modulen als Trockenübung auf der Erde simuliert. Wie weit entfernt die Raumfahrt aber tatsächlich noch von diesem Fernziel ist, darauf warf eine Linux-Magazin-Online-Meldung der letzten Woche ein Schlaglicht: Jetzt hat man tatsächlich zum allerersten Mal einen Supercomputer von der Stange ins All geschossen, um zu sehen, wie gut seine potente Hardware unter diesen Umständen funktioniert.

Denn solche Hardware wird man dort brauchen. Die Laufzeit von Licht (und auch von Funksignalen) zum Mond beträgt nur rund 1,3 Sekunden. Für vorausschauende Planungen ohne Echtzeitanforderung könnte bei einer Mondmission oder erst recht bei Arbeiten an Bord der ISS der Steuercomputer noch auf der Erde stehen. Die von ihm berechneten Aktionen würden zumindest im nächsten Augenblick im All ausgeführt. Zum Mars brauchen elektromagnetische Wellen aber im allergünstigsten Fall 3 Minuten. Bei der größten Entfernung Erde – Mars sogar 22 Minuten. Die Reaktionszeit auf ein Ereignis wüchse also auf mindestens 6 Minuten und könnte auch eine Dreiviertelstunde betragen – damit käme man natürlich in jedem Fall zu spät. Deshalb unter anderem braucht man Hochleistungsrechner vor Ort.

Was jedoch früher – beispielsweise zur Zeit der Mondlandungen – an Rechentechnik mit an Bord genommen wurde, war weit von einem Supercomputer entfernt und ähnelte eher einem heutigen Taschenrechner: Der so genannte Apollo Guidance Computer etwa, wurde seinerzeit mit 1 MHz getaktet und verfügte über ein RAM mit der Kapazität von gut 4000 16-Bit-Datenworten (Byte war als Maßeinheit noch nicht gebräuchlich). Die Benutzerschnittstelle bildeten Ziffernanzeigen. Die Software wurde in keiner Hochsprache, sondern in Assembler programmiert.

Natürlich haben sich seitdem auch die Rechner der Raumstationen weiterentwickelt, dennoch blieben sie oft Generationen hinter ihren Pendants auf der Erde zurück. Ein Grund dafür war, dass ihre Hardware erst aufwändig gehärtet werden musste, damit sie den besonderen Belastungen wie erhöhter Strahlung, Temperaturschwankungen oder weniger verlässlicher Stromversorgung standhalten konnte. Das ist bei dem Superrechner, der jetzt zur ISS gebracht wurde, anders. An seiner Hardware – es handelt sich um zwei Server der Apollo-40-Familie mit Broadwell-CPUs, die es auf eine Rechenleistung von einem Teraflop bringen –  wurde nichts verändert. Dafür sind die Computer erstmals State-of-the-Art. Anstelle besonderer Abschirmung oder vergrößerter Redundanz soll  die Software einfach die Geschwindigkeit drosseln, wenn etwa erhöhte Strahlung gemessen wird, zum Beispiel infolge eines Sonnensturms.

Ob das reicht? Man wird es jetzt im Lauf eines einjährigen Versuchs sehen. Auf der Erde lässt sich das nicht vollständig testen und im All ist es, wie gesagt, gerade eine Premiere. Bis zum Marsflug ist es also noch ein Stück.

Es ist ein weiter Weg von der Idee zur Tat. [2]

Auf und ab

Gnome wird 20, unter anderem verwies Pro-Linux darauf. Was Miguel de Icaza vor zwei Jahzehnten nach den Sternen greifen lies, war Unzufriedenheit: KDE, eine führende Desktopsoftware für Linux, beruhte auf der Bibliothek Qt, und die war zwar kostenlos zu benutzen, doch ihr Hersteller Trolltech mochte sie damals nicht unter eine freie Lizenz stellen. Deshalb wollte de Icaza eine Desktopumgebung schaffen, die ohne Abstriche  unter der GPL lizenziert sein sollte. Dabei waren seine Motive gar nicht ideologischer Natur, vielmehr sorgte er sich eher um rechtliche Probleme beim Vertrieb des Desktops, außerdem wollte er mehr Programmiersprachen einbeziehen als nur C++ oder Python bei KDE, und ein paar Designprobleme glaubte er beim Konkurrenzprodukt ebenfalls ausgemacht zu haben.

Fortschritt ist das Werk der Unzufriedenheit. [3]

So entstand Gnome auf der Grundlage von GTK, das exklusiv als GUI-Toolkit für Gimp geschaffen worden war. Zwei Jahre nach dem Startschuss erschien die Version 1.0 und ein weiteres Jahr später gründete sich die Gnome Foundation mit IT-Schwergewichten wie IBM, Sun Microsystems und Hewlett-Packard. Version 2.0 basierte 2002 dann schon auf dem stark erweiterten GTK+-Framework. Sie gewann rasch an Zuspruch und wurde im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends kontinuierlich weiterentwickelt.

Um 2010 schienen dem Projekt allerdings die Ideen auszugehen, es wurden ihm Stagnation und Trägheit vorgeworfen. Die Antwort darauf war eine grundlegende Neukonzeption: Gnome 3.0 mit der Gnome-Shell. Die Idee dabei war, den Benutzer durch eine spartanische Architektur möglichst wenig abzulenken. Es kamen eine neue Ansicht “Aktivitäten” und ein Schnellstarter für Programme hinzu, dafür verschwanden der alte Desktop, der Fenstermanager, die Taskleiste oder die Maximieren-/Minimieren-Buttons.

Die Diskussionen beendete das aber nicht. Im Gegenteil: Nun schien es vielen zu viel des Guten. Die meisten gewohnte Abläufe waren so nicht mehr möglich. Beispielsweise konnte man nicht mehr direkt mit einem Klick von einem Fenster zu einem anderen wechseln. Genausowenig konnte man Datei-Favoriten anlegen oder per Maus die Arbeitsfläche wechseln oder das Schnellstartpanel dauerhaft sichtbar machen oder eigene Starter hinzufügen oder die schmale obere schwarze Leiste um eigene Funktionen erweitern. Auch beim Aussehen ließ sich wenig vom Nutzer anpassen, der sich deswegen bevormundet fühlte.

Im Endeffekt sanken die Nutzerzahlen, die Anwender flüchteten zu Alternativen. Gnome 2 wurde als Mate wiedergeboren, Gnome 3 mit traditionellen Funktionen zum Desktop Cinnamon umgestrickt. Ubuntu führte gleich das eigene Unity ein und lieferte pures Gnome 3 nie aus. Als einzige Getreue blieben nur Fedora und Debian. Und selbst bei denen vollzog sich im Stillen eine Rolle rückwärts, indem Gnome ein Erweiterungskonzept einführte, das durch die Hintertür vermisste Funktionen zurückbrachte. So konnte sich Gnome schließlich wieder berappeln. Sogar in Ubuntu zieht es nun doch ein. Zudem ist die Frage heute dadurch entschärft, dass die meisten wichtigen Distributionen eine Vielzahl von Desktop Environments zur Auswahl anbieten: KDE, Gnome, XFCE, Cinnamon, Mate, FVWM, …

Warum hat sich noch mal Linux auf dem Desktop nie durchgesetzt? Der Gnome-Erfinder Miguel de Icaza selbst gab in einem Blog 2012 die Antwort: Genau deshalb. Wegen der Softwarevielfalt auf dem Desktop, wegen der mangelnden Abwärtskompatibilität. Beides bietet Anwendungsentwicklern keine einheitliche und verlässliche Plattform. Die Chance, ein “Mainstream-Consumer-Betriebssystem” zu werden, sei deswegen verloren. [4]

Rück-Sichts-voll

Jens-Christoph Brendel

[1] Seneca aus “Hercules furens”
[2] Moliere aus “Tartuffe oder Der Betrüger”
[3] Jean-Paul Satre
[4] Icaza: What killed the Linux Desktop?:  
    http://tirania.org/blog/archive/2012/Aug-29.html

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