Rück-Sicht 32/17

Wo viel Licht ist starker Schatten. [1]

Bitteres Ende?

Eben erst war Flatpack ein Thema auf der Gnome-Konferenz Guadec, nun wird es genauso auf der Debian-Konferenz Debconf diskutiert, von der Linux-Magazin Online berichtet. Vordergründig geht es darum, mit Paketen, die alle Abhängigkeiten einer Applikation enthalten, Software leichter für verschiedene Distributionen anbieten und Anwendungen betreiben zu können, die andere als die auf dem jeweiligen Host vorrätigen Bibliotheken und Hilfsprogramme brauchen. Das führt heute nämlich oft zu schwer beherrschbaren Kettenreaktionen: Programm A braucht Version 3 von Library B, die sich wiederum nur mit Bibliothek C übersetzen lässt, aber mindestens in der Version 1.1.2, die allerdings unverträglich ist mit der Version 0.7.8, die bereits installiert ist, aber nicht deinstalliert werden kann, weil Anwendung D von ihr abhängt… Die Idee von Flatpak ist es, diese Abhängigkeiten zu bündeln und in eine Art Container einzukapseln, der friedlich mit weiteren Containern, sprich Laufzeitumgebungen, koexistiert, die ihrerseits die speziellen Bedürfnisse einer bestimmten Applikation erfüllen. Das leuchtet ein und klingt zunächst eher harmlos.

Aber wehe, wehe, wehe!
Wenn ich auf das Ende sehe! [2]

Tatsächlich aber birgt es brisanten Sprengstoff: Es muss nicht so kommen, aber es könnte dabei für Linux um Leben oder Tod gehen. Ein Host, der alle Applikationen als Flatpaks mitbrächte, hätte mehr Ähnlichkeiten mit einem Hypervisor als mit einem klassischen Linux-System. Wenn man es konsequent zu Ende denkt, dann bliebe vom Betriebssystem nicht mehr übrig, als ein abgespecktes Hilfsgerüst zum Betrieb der Runtime-Container. Das meiste, was heute die Linux-Funktionalität ausmacht, würde dagegen in den neuen Paketen stecken. Doch wie würden diese Komponenten, die Bibliotheken und Tools, weiterentwickelt, wenn sich das Betriebssystem auflöst, das bislang ihre Klammer bildete? Soll man sich das wünschen? Wäre das mit ein wenig mehr Bequemlichkeit gerechtfertigt? Das sind grundätzliche Fragen.

Kurz-Schluss

Man stelle sich ein Open-Source-Auto vor, an dem alle Hersteller und viele Zulieferer gemeinsam entwickeln. Kein Teil wäre patentiert, alle Details lägen offen. In ihre jeweilige Version dieses Gemeinschaftsautos würde Porsche Sportsitze einbauen und Opel eine Ladepritsche, von Daimler bekäme man den Wagen mit Wurzelholzfurnier und von Audi mit vier Jahren Werkstattgarantie. In dieser fiktiven Welt wäre sinnvoll, was jetzt die Open Source Business Alliance (OSBA) fordert: Die Offenlegung der Software für die Nachrüstung dreckiger Diesel. Linux-Magazin Online meldet das. Alle Hersteller und vielleicht sogar versierte Außenstehende könnten sich gemeinsam über den Code beugen und studieren, welchen Effekt er haben mag.

Allein: Das Gegenteil ist Realität. Audi, VW, BMV, Volkswagen, Daimler, Ford kommen auf jeweils mehr als 1000 Patenanmeldungen im Jahr, der Zulieferer Bosch sogar auf über 3800 (2015). Entsprechend betont der Verband der Automobilindustrie (VDA), ein “rechtlich hoch entwickelter Patent-, Marken- oder Designschutz” sei essenziell für Innovationen. Wahrscheinlich könnte ein Außenstehender nicht einmal verifizieren, ob der vorgelegte Quellcode zu dem Binary passt, dass sein Fahrzeug lädt. Eine Community von gemeinschaftlichen Entwicklern, die einen offenen Code verbessern könnten, gibt es dort jedenfalls nicht.

Aber selbst wenn es sie gäbe: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Alles, was man mit Blick auf mögliche Effekte aus dem Code ableiten könnte, bliebe Spekulation. Die Praxis ist das Kriterium der Wahrheit. Nur wiederholte Messungen unter realistischen Bedingungen könnten belegen, ob die Nachrüstung ein Beitrag zur Luftreinhaltung sein kann oder nicht. Ob die Hersteller da noch irgendwo eine While-Schleife einbauen mussten, ist Nebensache. Die reflexhafte Forderung nach Offenlegung jeglicher Software übersieht, dass das, was bei Linux hervorragend funktioniert, in vollkommen anderen Konstellationen leider nicht als Allheilmittel taugt.

“Die Kunst weise zu sein, ist die Kunst zu wissen, was man übersehen hat.” [3]

Rück-Sichts-voll

Jens-Christoph Brendel

[1] Johann Wolfgang von Goethe aus: “Götz von Berlichingen”
[2] Wilhelm Busch: aus “Max und Moritz”
[3] William James: Aphorismus

E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Peter Ganten
8 Jahre her

Die Automobilhersteller und insbesondere der Diesel leiden unter einer Vertrauenskrise. Nun sollte es allen darum gehen, wenigstens das Vertrauen in die Hersteller wieder herzustellen. Die Offenlegung des Quellcodes – das ist keineswegs gleichbedeutend mit Freigabe unter Open Source Lizenz – kann dazu einen entscheidenden Beitrag leisten, denn mit ihr kann glaubhaft gemacht werden, dass und wo überhaupt Änderungen vorgenommen wurden. Es geht nicht um Patentrechte, sondern um nachvollziehbare Vertrauensbildung.Messungen unter realistischen Bedingungen ersetzt ein solcher Schritt natürlich nicht. Aber moderne Kraftfahrzeuge sind zum großem Teil IT-Produkte und genauso wie in der Luft- und Raumfahrt sollten insbesondere Prüf- und Zulassungsinstitutionen nicht… Mehr »

Nach oben