Zum Auftakt des Open Networking & Edge Summit (ONES) feierte unter anderem AT&T die eigene virtualisierte Infrastruktur in der Corona-Krise.
Auf dem großen Gipfel der Linux Foundation Networking (LFN) treffen sich vornehmlich die großen IT- und Telekommunikationsunternehmen, die an einer offenen digitalisierten Infrastruktur arbeiten. 5G und Edge gehören zu den Kernthemen. Was das genau heißt und wie das in der Praxis aussieht, ließ sich gestern Abend aus den Keynotes auf dem Open Networking Summit herauslesen. Dort referierte unter anderem Andre Fuetsch, CTO bei AT&T, über die konkreten Vorteile einer virtualisierten Infrastruktur in Corona-Zeiten.
Corona treibt Virtualisierung
Fuetsch sei zu Beginn der Corona-Pandemie extrem dankbar für die bisherige Digitalisierung der AT&T-Netze gewesen. Unter anderem machte er das an Wifi Calling fest, einem Service von AT&T. Der erlaubt es, Gespräche und Texte über WLAN abzuwickeln. Anfang 2019 habe man begonnen, ein virtualisiertes Datenpaket-Gateway auszurollen und Open-Source-Tools für dessen Monitoring zu entwickeln. Zu Beginn der Krise sei der Einsatz von Wifi Calling um 105 Prozent gewachsen und blieb dann durchschnittlich 90 Prozent höher als vor der Pandemie bei deutlich längeren Anrufen. Mit dem Netzwerk von 2015 hätte die Reaktion darauf Wochen und Monate gedauert. Dank der virtualisierten Netzwerkfunktionen ließen sich die Kapazitäten nun in Minuten und Stunden ausrollen, erklärte Fuetsch. “Software-Enabled Networking” habe zudem geholfen, die stark gestiegene Nutzung von VPNs und Mobile Messaging in den Griff zu bekommen.
Zugleich kündigte Fuetsch neue Entwicklungen für Airship 2.0 an, der zweiten Version des hauseigenen offenen Infrastruktur-Projekts. Mit Airship will AT&T die eigene Network Function Virtualization Infrastructure (NFVi) ausliefern. Die offene Plattform soll AT&T laut einem Blogpost vor allem auch dabei helfen, den “mehrjährigen Übergang von VNFs zu CNFs zu ermöglichen, ohne zwei Sets von NFVi unterstützen zu müssen.” Das spricht direkt die große Baustelle an, an der die Linux Foundation Networking und ihre Mitglieder zurzeit arbeiten. Sie wollen nicht nur die klassische Telco-Hardware virtualisieren, sondern nun auch von den virtuellen Maschinen hin zu Containern wechseln, um die Infrastruktur noch flexibler zu machen. Das ist nicht nur für den Edge-Bereich nötig, sondern auch für 5G, um Dienste schnell und flexibel an die Kunden zu bringen. Hier kommen dann auch Kubernetes und Cloud-Native-Apps ins Spiel.
Genug Arbeit für alle
Doch noch ist in Sachen Cloud-Native- und Container-Migration einiges zu tun. So verwies LFN-Chef Arpit Joshipura auf eine neue Umfrage von Telco-Betreibern unter Entwicklern, die heute erscheinen soll und die unter anderem nach den Herausforderungen im Umgang mit Kubernetes fragt. Zu den größten Herausforderungen gehöre demnach noch der Einsatz von Netzwerken im Cloud-Native-Umfeld. Auch die Performance von hybriden Setups aus virtuellen Maschinen und Containern im Telco-Umfeld lässt sich offenbar noch steigern (Abbildung 1). Aber das sind noch nicht alle Herausforderungen, an denen die LFN-Mitglieder arbeiten.

Abbildung 1: Arpit Joshipura sprach auch über Herausforderungen hybrider Telco-Infrastrukturen.
Laut Joshipura sieht die LFN-Community drei wichtige Prioritäten für das Jahr 2020. Sie will erstens die Interoperabilität und Compliance zwischen den verschiedenen Technologien stärken. Den Zusammenschluss von CNTT und OPNVF betrachtet Joshipura als einen Schritt in diese Richtung. Sie will zweitens die Ende-zu-Ende-Architektur ausbauen. Die verschiedenen Open-Source-Stacks sollen einen auslieferbaren Zustand erreichen. Dabei helfen soll eine Begriffsklärung. Die LFN definiert Edge nun zweiteilig: Einmal als User Egde, einmal als Service Provider Edge. Zur ersten Gruppe gehören demnach zum Beispiel Smartphones und Embedded-Computer in Autos, Kameras oder Windrädern. Zur zweiten Definition zählen unter anderem Access-Netzwerke, regionale Rechenzentren und Server in Cloud-Rechenzentren. Drittens will die Projekt-Community weiter an der Harmonisierung von Cloud- und Telekommunikationsinfrastrukturen arbeiten, sei es im 5G-, Edge- oder IoT-Bereich.
Google Cloud steigt ein
Bleibt noch die eingangs erwähnte Platin-Mitgliedschaft von Google Cloud in der LFN. Laut der Ankündigung will Google über seine Mitgliedschaft den Einsatz von Open-Source-Technologien beim Cloud Native Networking, in der Telekommunikation, in der Netzwerkautomatisierung und beim 5G-Ausbau stärken. Google hält einige Aktien an Projekten rund um Kubernetes, die Mitarbeit dürfte also vor allem auch auf die Cloud-Native-Transformation abzielen und das dritte der drei genannten Ziele anvisieren: Die Harmonisierung von Cloud-Native- mit der Telekommunikationstechnologie.
Dass sich die Arbeit der LNF nicht in theoretischer Forschung erschöpft, zeigten Amar Kapadia und Heather Kirksey, die bei der Linux Foundation für Comunity & Ecosystem Development zuständig ist. Sie demonstrierten das Rollout einer vollständigen 5G-Core-Netzwerk-Architektur mit Cloud Native Network Functions (CNFs) und VNFs über SD-WAN zwischen einem Testlab in Montreal und einem in der Universität von New Hampshire. Dabei ging es vor allem darum, die Cloud Native Apps in die ONAP-Infrastruktur zu integrieren, eines der Hauptprojekte der LFN. Die 5G-Netzwerkdienste liefen in der Proof-of-Concept-Demo in Montreal, die Control Plane mit ONAP wurde in New Hampshire aufgesetzt.



