Pünktlich zum zehnten Geburtstag erscheint Nextcloud Hub 26 Spring. Die Jubiläumsausgabe bringt mit Euro-Office eine zweite, in Europa entwickelte Office-Suite, ein neues Compliance-Werkzeug namens Governance und ein deutlich aufgeräumtes Bedienkonzept.
Nextcloud wird zehn Jahre alt und veröffentlicht zum runden Geburtstag die neue Version Hub 26 Spring. Gründer und CEO Frank Karlitschek erinnert daran, dass 2016 die großen Tech-Konzerne den Markt für Kollaborationssoftware dominierten und Datenschutz dabei kaum eine Rolle spielte. Aus genau dieser Lücke entstand Nextcloud, und zehn Jahre später zählt das Projekt zu den wichtigsten Plattformen für datenschutzorientierte Zusammenarbeit.
Wer Hub-Releases kennt, weiß, dass Nextcloud zweimal im Jahr eine Fülle von Neuerungen über alle Apps verteilt. Die Spring-Ausgabe macht da keine Ausnahme, doch zwei große Ankündigungen stechen heraus: Euro-Office als neue Office-Option und Nextcloud Governance als Werkzeug für Compliance und Datenverwaltung. Hinzu kommt ein neues Partnerprogramm für unabhängige App-Anbieter.
Euro-Office: eine zweite Office-Suite aus Europa
Die größte Neuigkeit ist eine zweite vollwertige Office-Suite. In Hub 26 Spring können Anwender in Nextcloud Office zwischen zwei Standardlösungen wählen, der bekannten, auf Collabora basierenden Variante und der neuen, die auf Euro-Office aufbaut.
Euro-Office ist dabei streng genommen kein Produktname, sondern der Name eines Projekts. Hinter ihm steht ein Konsortium europäischer Unternehmen und Organisationen, das die gemeinsame Codebasis pflegt. Neben IONOS und Nextcloud zählen dazu Eurostack, XWiki, OpenProject, Soverin, Abilian, BTactic, OpenXchange und Office.eu. Die einzelnen Partner nehmen den Code und integrieren ihn unter eigener Marke in ihre Produkte. Endanwender werden den Namen Euro-Office daher kaum zu sehen bekommen, bei Nextcloud heißt die Lösung schlicht Nextcloud Office, andere Anbieter wählen eigene Bezeichnungen. Aus diesem Grund hat das Projekt bewusst kein eigenes Logo und keine eigene Website, es ist als reines Kollaborationsprojekt angelegt.
Angekündigt wurde die Brancheninitiative am 27. März, die erste allgemein verfügbare Version 1.0 erscheint nun gemeinsam mit Hub 26 Spring. Damit ist das Projekt sogar schneller als geplant, ursprünglich war von Sommer die Rede. Karlitschek führt das auf die Dynamik des Vorhabens zurück, immer mehr Organisationen schließen sich an. Dass dahinter echte Ressourcen stehen, zeigt der Aufbau eines dedizierten Entwicklungsteams, das IONOS und Nextcloud bereits im April begonnen haben, die ersten Stellen sind besetzt.
Was Version 1.0 kann
Version 1.0 liefert das grundlegende Web-Office, also die kollaborative Bearbeitung von Texten, Tabellen und Präsentationen im Browser, dazu einen leistungsfähigen PDF-Editor. Technisch verfolgt Euro-Office einen anderen Architekturansatz als Collabora und sorgt damit vor allem im Browser für bessere Performance bei gleichzeitig geringerer Serverlast. Funktionen wie Rückgängig und Wiederherstellen sowie der Änderungsverfolgungsmodus arbeiten bei der gemeinsamen Bearbeitung unabhängig voneinander, was sich in Sitzungen mit mehreren Personen auszahlt.
In die Plattform ist die Suite bereits gut eingebettet. Der Smart Picker erlaubt es, Inhalte aus dem gesamten Nextcloud-Ökosystem zu verlinken, etwa Deck-Karten, Kalender, Chat-Räume, Dateien und Orte. Auch der Nextcloud Assistant ist integriert, und über die Dateikonvertierungs-API lassen sich Dokumente umwandeln, etwa eine Tabelle in eine CSV-Datei oder eine Markdown-Datei in ein PDF. Praktisch ist zudem, dass sich Dokumente nicht nur im Browser bearbeiten lassen, sondern unterwegs auch in den Nextcloud-Apps für iOS und Android, dort allerdings vorerst über die Web-Ansicht der Files-App.
Bei der Demo zeigte Jos Poortvliet, wie sich Präsentationen mit Übergängen und Objektanimationen versehen lassen, wie Tabellen mit komplexen Berechnungen, Makros und Dropdowns funktionieren und wie sich Daten aus einer externen Tabelle einbinden lassen.
Die Wurzeln in OnlyOffice und die Roadmap
Euro-Office baut auf OnlyOffice auf, und Nextcloud macht daraus kein Geheimnis. Karlitschek nutzte die Runde, um die in den vergangenen Monaten offene Lizenzfrage als geklärt zu vermelden. Man habe sich mit OnlyOffice geeinigt, gefordert sei lediglich eine Namensnennung, also der Hinweis, dass der Code teilweise auf OnlyOffice basiert. Dieser Hinweis findet sich im Info-Dialog und im Quelltext. Auf dem Press-Briefing präzisierte Poortvliet, OnlyOffice wolle nichts, was über die Anforderungen der GPL hinausgehe, korrekte Nennung im Info-Dialog und im Quelltext, beides sei ohnehin gegeben.
Auf der Roadmap stehen als Nächstes Desktop- und Mobil-Apps. Sie sollen Word, Excel und PowerPoint optisch ähneln und alle lokalen Dokumente öffnen und speichern, die sich anschließend mit jeder Sync-Lösung abgleichen lassen, von Nextcloud bis OneDrive. Eine Besonderheit hob Karlitschek hervor: Die Desktop- und Mobil-Apps sollen kollaboratives Bearbeiten beherrschen. Poortvliet rechnet mit einer ersten Desktop-Version spätestens zur nächsten Hub-Ausgabe im Herbst, möglicherweise früher. Bei einer eigenständigen Mobil-App ist er vorsichtiger, hier gebe es noch Lizenzfragen, und der Nutzen sei überschaubar, da man Office in der Praxis ohnehin aus der Files-App heraus aufruft.
Wichtig für die Format-Debatte, auf die wir gleich noch kommen: Frank Karlitschek nennt als oberste Priorität der ersten Version, schnell eine stabile und sichere Variante bereitzustellen. Dafür habe man den Code bereinigt, Sicherheitsupdates eingespielt und die Integration vorangetrieben. Für den nächsten Schritt kündigt er die vollständige Unterstützung offener Standards wie ODF an, das stehe ganz oben auf der Agenda.
Politik und Geschäft: warum gerade jetzt
Dass Nextcloud zur Vorstellung von Euro-Office eine Europaabgeordnete und den Chief Product Officer von IONOS einlud, zeigt, dass es um mehr geht als um ein technisches Feature. Alexandra Geese, Abgeordnete der Grünen und der Europäischen Freien Allianz, ordnete den Start in die Debatte um digitale Souveränität ein. Seit rund anderthalb Jahren, seit dem Start der Eurostack-Idee, gebe es ein starkes Momentum, und spätestens mit der Wahl von Präsident Trump sei deutlich geworden, wie stark Abhängigkeit von ausländischen Anbietern als Druckmittel wirken kann. Geese verwies auf Sanktionen gegen Richter des Internationalen Strafgerichtshofs und betonte, Europa wolle gerade kein eigenes Google oder Microsoft aufbauen, sondern auf Vielfalt und Open Source als gemeinsames Betriebssystem der Demokratie setzen. Politisch sieht sie Euro-Office gut anschlussfähig an kommende Vorhaben wie CAIDAS, den Cloud AI and Development Act, und die anstehende Neufassung der Vergaberichtlinie.
Andreas Nauerz, Chief Product Officer bei IONOS, lieferte die unternehmerische Perspektive. Die Partnerschaft mit Nextcloud sei kein kurzfristiger Schritt, sondern über Jahre gewachsen. Beide Unternehmen seien europäisch, dem Open-Source-Gedanken verpflichtet und in ihren Stärken komplementär. IONOS bringe Infrastruktur, Produktisierung und die Erfahrung aus dem Geschäft mit rund sieben Millionen kleinen und mittleren Kunden ein, Nextcloud die Kollaborationsplattform und die Open-Source-Führung. Nauerz beschrieb eine Verschiebung im Entscheidungsverhalten der Kunden, die heute nicht mehr nur nach Funktionen fragen, sondern nach Datenstandort, Jurisdiktion, Auditierbarkeit und Vendor-Lock-in. IONOS verfolge eine Freedom-of-Choice-Strategie, wer Microsoft oder Google wolle, könne das nutzen, wer Souveränität priorisiere, finde mit Euro-Office eine echte Alternative. Wie groß das Interesse ist, lässt sich an den bisherigen Managed-Nextcloud-Zahlen ablesen, hier spricht IONOS von einer sechsstelligen Zahl an Lizenzplätzen.
Offener Brief der Document Foundation
So viel Lob für eine souveräne europäische Suite bleibt nicht unwidersprochen. Am 8. Juni, einen Tag vor der Veröffentlichung, meldete sich die Document Foundation (TDF) mit einem offenen Brief zu Wort, verfasst von ihrem Mitgründer und Sprecher Italo Vignoli. Der Text wendet sich gegen die in mehreren Artikeln der Tage zuvor verbreitete Darstellung, Euro-Office sei die erste in Europa entwickelte Open-Source-Office-Suite. Diese Rolle, so die TDF, gebühre OpenOffice.org von 2001, das auf dem StarOffice-Quelltext basiert, und später LibreOffice ab 2010. Beides seien vollwertige Open-Source-Suiten mit europäischem Quelltext-Ursprung.
Vignoli wird deutlich und nennt Euro-Office einen Freeware-Klon von MS Office mit nicht offengelegter Code-Herkunft, der sich opportunistisch auf der Welle der digitalen Souveränität neu positioniere. Er erinnert daran, dass viele heutige Souveränitäts-Verfechter 2006 schwiegen, als der offene ISO/IEC-Standard ODF angekündigt wurde, und schreibt der TDF und der LibreOffice-Community zu, die Fahne offener Office-Suiten hochgehalten und das einzige wirklich offene Standardformat weiterentwickelt zu haben. Der zentrale technische Vorwurf: Euro-Office nutze standardmäßig das von Microsoft kontrollierte, proprietäre OOXML-Format und werde damit zum faktischen Verbündeten Microsofts in dessen Lock-in-Strategie. Die Ankündigung richte sich somit gerade nicht gegen Microsoft, sondern stärke dessen Position gegen die europäische digitale Souveränität.
Nextcloud reagierte mit einer knappen, sachlichen Antwort. Man stimme zu, dass proprietäre Dateiformate ein ernstes Hindernis für digitale Souveränität seien. Genau deshalb müsse man Anwender befreien, die in diesen Formaten gefangen sind, und ihnen eine offene Office-Plattform an die Hand geben, die den Übergang zu offenen Formaten wie ODF ermöglicht. Wie bereits im Blogpost zur Roadmap angekündigt, werde Euro-Office die Entwicklung auf eine bessere ODF-Unterstützung konzentrieren. Der Schlusssatz fasst die Haltung zusammen: Am Ende solle ODF der Standard sein, nicht OOXML.
Einige der Punkte der TDF lassen sich anhand der Release-Materialien einordnen. Dass die Code-Herkunft nicht offengelegt sei, deckt sich nicht mit dem Auftreten von Nextcloud, sowohl Karlitschek als auch Poortvliet benennen die OnlyOffice-Basis offen und verweisen auf die Namensnennung im Info-Dialog. Auch in der Format-Frage liegen TDF und Nextcloud näher beieinander, als der scharfe Ton vermuten lässt, beide sehen OOXML kritisch und ODF als Ziel. Karlitschek betonte in der Runde sogar ausdrücklich, man arbeite mit der Document Foundation rund um das ODF-Format zusammen. Die historische Feststellung der TDF, dass OpenOffice.org und LibreOffice die ersten europäischen Open-Source-Suiten waren, ist zwar korrekt, den „erste”-Anspruch hatten allerdings vor allem Medien erhoben, in den offiziellen Nextcloud-Materialien taucht er nicht auf. Wer Euro-Office bewertet, sollte beides im Hinterkopf behalten, einen Anlass, das Projekt grundsätzlich abzulehnen, liefert der Brief nicht.
Nextcloud Office: die Wahl zwischen Collabora und Euro-Office
Collabora bleibt vollwertig erhalten, beide Lösungen stehen gleichberechtigt nebeneinander. In Nextcloud AIO lässt sich per Knopfdruck zwischen den beiden Office-Optionen wechseln.
Die Stärken verteilen sich unterschiedlich. Euro-Office punktet laut Nextcloud mit höchster Performance und der besten Kompatibilität zu Microsoft-Formaten, bei ODF ist die Unterstützung noch eingeschränkt. Collabora bietet die beste Nextcloud-Integration, die höchste Sicherheit, da Dokumente den eigenen Server zu keinem Zeitpunkt verlassen, sowie die beste ODF-Kompatibilität und die beste Unterstützung älterer Dateiformate. Karlitschek begründete die zweigleisige Strategie historisch. Beim Hub-Start um 2020 war das integrierte Office zunächst OnlyOffice-basiert, kurz darauf kam Collabora mit einer technisch aufwändigen Ein-Klick-Integration hinzu und wurde wegen der sehr guten Zusammenarbeit zur Standardlösung. Es habe aber stets technische Unterschiede gegeben, OnlyOffice sei im Browser und bei schlechter Verbindung performanter und kompatibler zu Microsoft-Formaten. Seit dem Krieg in der Ukraine habe der Einsatz von OnlyOffice, einem nicht originär europäischen Unternehmen, jedoch Nachteile, daher der Aufbau von Euro-Office mit europäischen Partnern. Welche Variante sich langfristig durchsetzt, will Nextcloud den Anwendern überlassen.
| Eigenschaft | Nextcloud Office mit Euro-Office | Nextcloud Office mit Collabora |
|---|---|---|
| Technische Basis | auf OnlyOffice aufbauend | Collabora Online (LibreOffice-Technologie) |
| Lizenz | Open Source | Open Source |
| Nextcloud-Integration | gut | beste |
| Performance im Browser | höchste | gut |
| Dateikompatibilität | beste Microsoft-Kompatibilität, ODF eingeschränkt | beste ODF-Kompatibilität, beste Unterstützung älterer Dateiformate |
| Datenverarbeitung | lokal im Browser, geringe Serverlast | serverseitig, Dokumente verlassen den Server zu keinem Zeitpunkt |
Auf der Collabora-Seite gibt es ebenfalls Neues. Im Mittelpunkt steht eine KI-Chat-Seitenleiste, über die sich direkt neben dem Dokument mit dem Nextcloud Assistant chatten lässt, etwa um Fehler in Tabellen erklären zu lassen oder markierten Text im Writer zu bearbeiten. Wie alle KI-Funktionen in Nextcloud ist sie optional und vollständig konfigurierbar und folgt Nextclouds Ethical-AI-Prinzipien.
Hinzu kommen eine anpassbare Statusleiste, Folienabschnitte und dynamischer Zoom in Impress, die neue Funktion Mischen im Sortieren-Menü von Calc sowie eine Warnung, bevor das Löschen von Zellen an anderer Stelle Formeln zerstört und #REF!-Fehler auslöst. Eine neue Übersicht über zuletzt verwendete Dokumente und Vorlagen kommt beiden Office-Lösungen zugute.
Nextcloud Governance: Compliance für große Organisationen

Governance-App in Nextcloud mit Compliance-Score und den Bausteinen Sensitivity Labels, Retention und Legal Hold
Die zweite große Ankündigung richtet sich an Behörden und große Unternehmen, die mit komplexen Archivierungsregeln oder Anfragen nach Informationsfreiheit zu tun haben. Für sie führt Nextcloud Governance ein, eine Plattform, die Werkzeuge zur Datenverwaltung an einem Ort bündelt.
Administratoren können Vertraulichkeitskennzeichnungen, sogenannte Sensitivity Labels, anlegen, ihnen Namen und Beschreibung geben und über Regeln Zugriffsrechte steuern. Die Labels werden per Regel angewandt oder sind in den Dateien sichtbar, Berechtigte können sie einsehen und je nach Rechten anpassen. Hinzu kommen die Möglichkeit, eine Aufbewahrungspflicht zu verhängen, Regeln für den Datenlebenszyklus und die Dokumentenlöschung zu erstellen und über einen Legal Hold sämtliche Dokumente eines laufenden Gerichtsverfahrens zu sichern. Ein Compliance Manager visualisiert den Stand und erlaubt es, Aufgaben Personen zuzuweisen. Eine Share-Review-App spürt riskante Freigaben auf, zeigt neu hinzugekommene samt Zieldateien und erzeugt Audit-Reports. Governance richtet sich ausdrücklich an sehr große Organisationen und wird in Kürze für Kunden von Nextcloud Enterprise verfügbar, Nextcloud bittet hier zugleich um Rückmeldungen aus der Praxis.
Plattform für Entwickler: Developer Relations und ISV-Programm
Unter all den Produkten liegt die Nextcloud-Plattform, und um sie ging es bei der dritten Ankündigung. Im App Store finden sich inzwischen über 600 Apps, Tendenz steigend. Nextcloud will hier auf zwei Ebenen ansetzen, das Entwickeln erleichtern und das Verkaufen ermöglichen.
Zunächst kündigt Nextcloud eine verbesserte Support-Strategie für Entwickler an, mit aktualisierter Dokumentation, Tutorials, stabileren APIs und besserer Kommunikation. Dafür baut das Unternehmen erstmals ein eigenes Developer-Relations-Team auf, geleitet von Anna Larch. Jos Poortvliet sprach auf dem Press-Briefing von zwei neu eingestellten Developer-Relations-Managern, einer für Nextcloud völlig neuen Rolle. Sie sollen Schulungen und Dokumentation bereitstellen, die Entwickler-APIs pflegen und gezielt jene Schwachstellen aufspüren, die Apps regelmäßig ausfallen lassen. Larch ist seit Anfang 2021 bei Nextcloud, wo sie als Software-Engineerin unter anderem im Groupware-Team und zuletzt an Nextcloud Talk mitgearbeitet hat, die Leitung von Developer Relations kam im Mai 2026 hinzu. Nextcloud sei „ein ausgereiftes, weit verbreitetes Ökosystem” und eigne sich „hervorragend als Entwicklungsplattform”, wird sie zitiert, das gesammelte Wissen der eigenen Entwickler und der Community solle Dritten helfen, zuverlässige Apps und Tools zu bauen.
Den zweiten Hebel bildet das neue ISV-Programm für Independent Software Vendors, mit dem unabhängige Entwickler ihre Anwendungen besser an Kunden bringen sollen.
Der Hintergrund ist ein altbekanntes Dilemma. Nextcloud steht unter der GPL, die das Verkaufen erlaubt, aber das Weiterverteilen durch den Empfänger nicht verbieten kann. In der Praxis landen monetarisierte Apps daher oft gar nicht erst im App Store, und große Beschaffungsabteilungen scheuen Verträge mit Kleinstanbietern in anderen Ländern. Hier will Nextcloud als vertrauenswürdiger Vermittler auftreten, Apps bewerben und über das eigene Vertriebsteam an Kunden verkaufen, Dokumentation und technische Hilfe bereitstellen und den Support nach außen abfedern. Im Gegenzug müssen die Apps stabil, skalierbar, sicher und langfristig gepflegt sein und der Nextcloud-Philosophie aus Datenschutz, Sicherheit, Local First und dem Verzicht auf Überwachung entsprechen. Es geht ausdrücklich nicht um Koch- oder Planer-Apps für Endkunden, sondern um Nischenlösungen für Unternehmen und Verwaltung. Zu den ersten Teilnehmern zählen unter anderem der französische Anbieter Leviia und das niederländische Unternehmen Conduction, das Anwendungen zur Prozessautomatisierung für Kommunen baut.
Aufgeräumte Oberfläche und viele Detailverbesserungen
Optisch hat Hub 26 Spring ein Glow-up zum Geburtstag bekommen. Die auffälligste Änderung ist ein neuer App-Wechsler, das sogenannte Waffel-Menü, das alle Apps zentral bündelt und in dessen Mitte eine Suchleiste für die universelle Suche sitzt. Wer andere Plattformen kennt, wird sich sofort zurechtfinden. Dazu kommen überarbeitete Farbtöne in der linken Navigation, eine ruhigere Hervorhebung aktiver Registerkarten in den Seitenleisten und unzählige kleine Korrekturen, die auf Community-Feedback zurückgehen.
In Nextcloud Talk lässt sich nun aus jedem Bereich heraus ein Anruf starten, ein Klick auf das Profilbild genügt, ohne dass man die laufende Arbeit unterbricht. Unterhaltungen lassen sich sortieren, gruppieren und mit Tags versehen, hinzu kommen private Antworten in Gruppenchats, Sprachräume mit laufenden Anrufen, eine verbesserte Geräuschunterdrückung sowie im Desktop-Client Mehrkonten-Unterstützung und automatische Updates.
In Files lag der Fokus auf Stabilität und auf der Umsetzung von ADA, der Accelerated Data Access für große, komplexe Umgebungen, dazu der bereits erwähnte App-Wechsler.
Bei der Groupware sticht die Delegation heraus. Anders als das bloße Teilen eines Postfachs, bei dem mehrere Personen lediglich Zugriff erhalten, erlaubt die Delegation bevollmächtigtes Handeln im Namen einer anderen Person. In Mail liest und beantwortet man für sie E-Mails, im Kalender verwaltet man deren Termine, jeweils auf Kontoebene und stets transparent für die Empfänger. Hinzu kommen die Unterstützung des modernen Mail-Standards JMAP, HTML im Mail-Composer, Lese- und Schreibzugriff auf externe CalDAV- und CardDAV-Konten sowie die Möglichkeit, Termineinladungen weiterzuleiten, die Organisatoren bei vertraulichen Terminen aber sperren können.
Ein echtes Highlight ist die Deck-App, die endlich eine vielfach gewünschte Gantt-Ansicht erhält. Aufgaben bekommen Start- und Enddaten sowie Abhängigkeiten, Karten lassen sich per Drag-and-drop verschieben, es gibt Tages-, Wochen- und Monatsansichten und farblich codierte Zeitleisten. Karten lassen sich ganzen Teams und Gruppen zuweisen. Außerdem kann man ein Board als Standard festlegen, eine Spalte für erledigte Aufgaben einrichten und eigene Kartenfarben vergeben. Poortvliet ordnet das ein, man wolle Deck nicht zum Konkurrenten ausgewachsener Projektmanagement-Tools machen, für kleinere Teams aber deutlich aufwerten.
Nextcloud Text und Collectives funktionieren nun auch bei instabiler Verbindung, im Zug etwa lässt sich ein Dokument bis zu fünf Minuten offline weiterbearbeiten, danach synchronisiert Text die Änderungen, und Collectives erlaubt das Offline-Lesen zuvor geöffneter Seiten. Tables, das Werkzeug für strukturierte Daten, lässt sich jetzt über öffentliche Links auch mit Schreibrechten teilen, dazu kommen Sortierverbesserungen, das Fixieren von Spalten und Push-Benachrichtigungen. Es ist zugleich Teil von Flow, der Prozessautomatisierung, die nun auch eigenständige Windmill-Instanzen unterstützt. Ein Beispiel aus dem Briefing: Ein hochgeladenes PDF stößt eine Raumbuchung an, deren Daten in eine Tabelle wandern, eine Freigabe durchlaufen und im Kalender landen, ein zweites liest per KI-Agent eine Rechnung aus und füllt das Reisekostenformular. Das Land Schleswig-Holstein etwa setzt Tables bereits für eine Vielzahl von Verwaltungsprozessen ein, darunter die Beantragung von Baugenehmigungen.
Der Nextcloud Assistant schließlich ist für den europäischen AI Act gerüstet, die Oberfläche zeigt transparent, welcher Anbieter genutzt wird, und die KI-Integration ist vollständig dokumentiert. Das Fenster lässt sich verschieben und in der Größe ändern, blockiert also nicht mehr den Arbeitsfluss, und die KI-Agenten wurden stark erweitert, sie können nun unter anderem Deck-Karten anlegen, lesen und aktualisieren sowie Formulare bearbeiten.
Auch das Whiteboard wurde überarbeitet. Es zieht bei Excalidraw mit dem Upstream gleich, bringt ein besseres Vorlagen-Management, Verbesserungen bei Aufnahme und Barrierefreiheit und steht nun auch auf Mobilgeräten zur Verfügung.
Hinzu kommen zwei neue Integrationen. Mit Pexip lässt sich eine interoperable Videokonferenz-Plattform anbinden, und über die Matrix- und Element-Integration lassen sich Dateien direkt aus Nextcloud Files in eine Element- oder Matrix-Konversation senden.
Eigene Aufmerksamkeit verdienen die Mobil-Clients. Unter iOS und Android lässt sich nun mit dem Assistant chatten, das Kontextmenü ruft ihn für beliebige markierte Texte auf. Dazu kommen Tag-Unterstützung, eine Ansicht zuletzt verwendeter Dateien, das Caching von Tab-Inhalten für mehr Tempo und OAEP-verschlüsselte Push-Benachrichtigungen.
Kasten: Fünf empfohlene Community-Apps
Zu jeder Hub-Ausgabe hebt Nextcloud neue Community-Apps hervor. Diesmal sind es fünf: Mastermind bringt das gleichnamige Knobelspiel in die Cloud, Linkboard dient als anpassbares Service-Dashboard samt Statusüberwachung, Countdown sammelt Countdowns für Spiele, Filme, Serien und persönliche Termine, der Week Planner ist ein schlichter, an Tweek angelehnter Wochenplaner, und Pantry hilft bei der Haushaltsorganisation mit Checklisten, Fototafeln und Notizen.
96 Prozent Wartung
So lang die Liste auch ist, Nextcloud betont, dass neue Funktionen nur rund vier Prozent der Codeänderungen ausmachen. Die übrigen 96 Prozent entfallen auf Wartung, also Fehlerbehebung, Performance, Stabilität, Sicherheit und Übersetzungen. Das klingt unspektakulär, ist aber genau das, was eine Plattform tragfähig macht, der Millionen Menschen ihre Daten anvertrauen.
Verfügbarkeit
Hub 26 Spring steht ab dem 9. Juni allen Nutzern zur Verfügung, AIO-Installationen lassen sich direkt über die Weboberfläche per Knopfdruck aktualisieren. Die Enterprise-Version folgt wie üblich ein bis zwei Monate später, nach abgeschlossenen Tests und Zertifizierung. Kunden von IONOS Managed Nextcloud können Euro-Office ebenfalls ab dem 9. Juni installieren, die Integration in das IONOS-Workspace-Angebot ist für den Spätsommer geplant, XWiki rechnet mit dem vierten Quartal.
Zehn Jahre nach dem Start präsentiert Nextcloud eine Version, die das eigene Versprechen ernst nimmt: Wahlfreiheit bei Werkzeugen, Daten und Datenschutz. Hinter der Fülle an Detailverbesserungen stehen drei strategische Weichenstellungen, Euro-Office als zweite Office-Suite, Governance für stark regulierte Organisationen und das ISV-Programm für unabhängige Anbieter. Der ambitionierteste Baustein ist Euro-Office, das mit Desktop-Apps, Mobil-Clients und einer ausgebauten ODF-Unterstützung allerdings erst noch seine volle Form finden muss.















