Fallstudie zu Pardus: Backstage bei der Linux-Türkei

Eine Fallstudie des Open Source Observatory and Repository (OSOR) beschreibt die türkische Linux-Distribution Pardus technisch und sozioökonomisch.

In der Untersuchung charakterisiert der Projektleiter, Dr. Erkan Tekman, das Pardus-Projekt als “Hybridstruktur” zwischen Unternehmens- und Community-Distribution. Aus der seit 2004 andauernden Projektarbeit zieht er drei Lehren: Für das Open-Source-Entwicklungsmodell braucht man erstens Geduld, denn die Entwickler sind unterschiedlich und verteilt. Zweitens muss man sich öffnen, was sich nicht nur auf die Lizenz, sondern auch auf Entscheidungsprozesse auswirkt. Drittens reflektiert der Türke, dass die starke Marke einer Open-Source-Software für die dahinter stehende Einrichtung der einzige verbleibende Besitz ist, der einer hinter einem Open-Source-Projekt stehenden Einrichtung übrig bleibt und der zu Gunsten von Renommé und Konkurrenzfähigkeit gestärkt und geschützt werden müsse.

An Eigenentwicklungen bietet das Türkei-Linux ein eigenes, in Python geschriebenes Paketmanagement Pisi (Packages Installed Successfully as Intended) vorzuweisen, das anders als andere Paketmanager Online-Repositorys zur Abhängigkeitsbereinigung benutzt. Das Projekt hat auch ein neues Init-System geschrieben, das extrem schnell booten soll. Speziell dafür sucht das Projekt übrigens noch Beitragende. Bis Ende 2009 visiert der Projektleiter 200 beitragende Entwickler an, die er für das inzwischen mehrsprachig und stets als Live- und Installationsversion erscheinende Linux begeistern möchte.

Ein weiterer interessanter Punkt der Studie liegt in der Verbreitung, die das Eigen-Linux nicht nur bei türkischen Privat-Downloadern, sondern auch in öffentlichen oder wirtschaftlichen Einrichtungen der Türkei genießt: Das türkische Militär setzt es nach Zahlen des Autors auf über 600 Servern ein, die 4500 Thinclients versorgen, und ein Teil des Verteidigungsministeriums will sämtliche Desktops und 500 Server darauf umstellen. Die türkische Polizei unterhalte rund 400 Pardus-Linux-Arbeitsplätze. Weitere Verbreitung finde es im öffentlichen Rundfunk und Gesundheitssektor. Eine spezielle deutsche Wissenschafts-Version von Pardus ist für die Universität Köln geplant, und in Mazedonien soll das in mehreren Sprachen verfügbare System eine Reihe Internet-Cafés speisen.

Laut dem rund 12-seitigen Dokument finanziert die türkische öffentlich-rechtliche Technologie- und Wissenschaftsinstitution TÜBITAK das Linux-Projekt. Zweite Beteiligte ist deren Tochterfirma UEKAE. Beide investieren zusammen jährlich rund 2,5 Millionen Euro in das Projekt und haben nicht vor, es auslaufen zu lassen. Sie beschäftigen zur Zeit 17 Entwickler und Techniker in Festanstellung. Das SVN hat rund 90 Submit-Accounts, von deren Inhabern sich knapp über die Hälfte aus freien Beiträgern rekrutiert, die in keiner monetären Verbindung mit den Geldgebern stehen. Die Community um diese Distribution steuert jedoch zumindest für die nächsten zwei Jahre gewolltermaßen noch nicht die Release-Politik. Lizenz der Distribution ist GPLv2.

Die Fallstudie ist englischsprachig auf der OSOR-Webseite zu lesen, sowie als PDF- und ODT-Dokument herunterzuladen.
Update: Die deutsche Pardus-Community hat die Studie übersetzt und auf ihren Webseiten veröffentlicht.

Sie entstand unter den Fittichen des Informationsdienstes OSOR (Open Source Observatory and Repository), das die Verbreitung von Open-Source-Software fördern will. Es ist Teil des europäischen IDABC-Programms, ein Programm der europäischen Kommission, das Bürger und Unternehmen über grenzübergreifende öffentliche Dienste im Bereich E-Governance informiert (IDABC, Interoperable Delivery of European eGovernment Services to public Administrations, Business and Citizens).

Der Autor der Studie, Sulayman Sowe, ist am Institut für Informatik der Aristoteles-Universität Thessaloniki tätig und schrieb die Studie augenscheinlich während eines Auslandsaufenthalts an der gemeinsamen Forschungseinrichtung der Maastrichter Universität und der United Nations Universität in Maastricht (UNU-MERIT). Die Schwesterzeitschrift von Linux-Magazin Online, LinuxUser, veröffentlichte in der März-Ausgabe in der Reihe “Tux International” eine Besprechung der nahöstlichen Distribution. Sie ist online frei zugänglich.

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