Bits & Bäume 2018: "Nerds und Ökos" an einem Tisch

Endlich eine Konferenz, die “Nerds und Ökos” zusammenbringt. Das sagten und schrieben viele Besucher der ersten “Bits & Bäume”-Konferenz. Die fand am Wochenende an der Technischen Universität Berlin statt.

Mit mehr als 1300 verkauften Tickets darf sich die Bits & Bäume 2018 wohl als bisher erfolgreichster Versuch betrachten, in Deutschland die Nachhaltigkeits- mit der IT-Szene zu verkuppeln. Am Konferenzort an der TU Berlin wurde dabei auf zum Teil recht hohem Niveau über Digitalisierung und Nachhaltigkeit diskutiert.

Was zusammengehört

Tilman Santarius, Professor an der TU Berlin, suchte zunächst nach den Gemeinsamkeiten zwischen beiden Szenen. Er fand sie in den Menschenrechten. Während die “Techies” sich seit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Jahr 1948 eher auf die politischen und bürgerlichen Menschenrechte (digitale Selbstbestimmung etcetera) fokussieren, stellen die “Ökos” eher wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte (Recht auf Nahrung, Trinkwasser und so weiter) in den Vordergrund. Beide Szenen wolle man im 70sten Jahr dieser Erklärung zusammenbringen, um die Digitalisierung zu demokratisieren und zugleich nachhaltiger zu machen.

Constanze Kurz betonte als Sprecherin des Chaos Computer Club eher die Unterschiede zwischen den beiden Communities: Die Umweltbewegung habe in den letzten Jahrzehnten eine beeindruckende Entwicklung hingelegt, von der die noch recht junge Bewegung, die sich für digitale Bürgerrechte einsetzt, durchaus lernen könne. Sie kritisierte, dass Fragen zu Digitalisierung und Bürgerrechten heute nicht mehr so breit diskutiert würden wie etwa noch vor zehn Jahren.

Lorenz Hilty, Professor an der Universität Zürich, sah die IT in Sachen Nachhaltigkeit auf dem falschen Weg. In seiner Keynote stellte er die Frage, warum Hardware immer energie- und materialeffizienter werde, die IT aber trotzdem immer mehr Ressourcen verbrauche. Die kurze Antwort “Weil die Ansprüche wachsen”. Für jede neue Hardware-Generation stehe schon eine neue Softwaregeneration bereit, um die Effizienzgewinne zu konsumieren und damit zu annullieren. Die Gesellschaft müsse aus dieser “Tretmühle der Steigerungslogik” aussteigen. Vor allem die Software ist ein Problem und hier kann Open Source und Freie Software helfen.

Nachhaltige Software

Offene und freie Software kann vor allem beim Thema Nachhaltigkeit punkten und sollte dieses viel stärker ausspielen. Ein Supportzeitraum von nun zehn Jahren, wie ihn Mark Shuttleworth für Ubuntu angekündigt hat, findet man bei proprietären Anbietern selten bis nie.

Das Ende der “Extended Lifecycle Support”-Phase für das 2007 veröffentlichte Red Hat Enterprise Linux 5 kommt erst Ende 2020. Das entspricht fast der Bauzeit des Berliner Flughafens BER (erster Spatenstich 2006). Auch der Linux-Kernel kennt Supportzeiten, von denen Android-Nutzer nur träumen können. Und nicht erst seit Gestern kommt für den Betrieb älterer Rechner häufig nur noch ein Linux in Frage.

Auf der Konferenz ließen sich dann auch Organisationen und Projekte aus dem Hacker- und Open-Source-Umfeld blicken. Neben dem Chaos Computer Club war die Free Software Foundation Europe vor Ort. Frank Karlitschek berichtete über Nextcloud aus der Nachhaltigkeitsperspektive: Dabei legt er den Fokus insbesondere auf das Geschäftsmodell, sprach aber auch die Dezentralisierung an.

Open-Source-Ökologie

Auch an einer Podiumsdiskussion zum Thema “enkeltaugliche Wirtschaft” nahm Karlitschek teil. Hier traf er auf Timm Wille, der in Sachen Open Hardware und erneuerbare Energien unterwegs ist (Open Source Ecology) sowie Silke Helfrich, die sich seit Jahren für das Thema Gemeinwohl (“Commons Institut”) einsetzt. Sie diskutierten auch hier über die Möglichkeiten von Nachhaltigkeit beim Wirtschaften, in IT und Gesellschaft.

Eine Podiumsdiskussion drehte sich um die Frage, wie “enkelgerechtes Wirtschaften” aussehen kann.

Dass offene Software aber auch in Sachen Energieverbrauch eine positive Rolle spielen kann, zeigte nicht zuletzt Jens Gröger vom Öko-Institut e.V. Er stellte die Methoden und das Design einer Studie vor, die Anwendungen auf ihren Energieverbrauch hin untersucht, darunter Officesuiten, Browser und CMS. Ein Ergebnis zum Beispiel: Im Vergleich mit zwei freien benötigte ein getesteter proprietärer Browser im Leerlauf das Zwölffache an Energie.

Alles in allem also eine gelungene und vor allem spannende Veranstaltung, die nicht nur eindringlich zeigte, dass es zwischen der Open-Source- und der Nachhaltigkeits-Szene viele Schnittpunkte gibt. Offenbar sind auch eine Menge Menschen bereit, für das Thema ihre Freizeit zu opfern, eine Fortsetzung der Konferenz wäre also wünschenswert. Wer am Wochenende keine Zeit hatte, nach Berlin zu kommen, kann die gesammelten Videos zu vielen der Vorträge auch auf den Seiten des CCC anschauen.

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