Wer's glaubt wird selig

Ich weiß, wie ich für jede Menge Klicks auf diesen Beitrag sorgen kann. Ich brauche nur das böse Wort zu erwähnen.Das böse Wort wird bei einer ganzen Reihe von Lesern automatisch einen heftigen Empörungsreflex auslösen. Er hat “Leistungsschutzrecht” gesagt, oder, noch schlimmer, “Upload-Filter” – Knüppelaus dem Sack: Der macht uns unser schönes Internet kaputt, das wir so lieben und ohne das wir nicht leben können. Der will Linksteuern und Zensurmaschinen einführen und damit die freie Meinung ausrotten, Zeter und Mordio!

Ich bin mir deshalb sicher, dass ich mich hundertprozentig auf diesen Reflex verlassen könnte, weil einige bekanntere Youtuber ihn auch schon für sich entdeckt haben. Sie sahnen fette Klickraten ab, indem sie endzeitliche Panik-Videos produzieren, die das Aus für YouTube und viele andere soziale Netze in der nahen Zukunft prophezeien: “In einigen Monaten werden alle Kanäle, die wir kennen, lieben und immer wieder gucken, gelöscht werden. Egal wie groß und beliebt – niemand wird übrig bleiben …” heißt es beispielsweise unter dem Hashtag #SaveYourInternet in einem Kanal, der sich “Wissenswert” nennt.

Warum sollte das so kommen? “Wissenswert” weiß es: Weil YouTube nach einem  neuen EU-Gesetz für seine Inhalte selber haften soll. Deshalb würden alle großen Webseiten, auf denen Nutzer Inhalte hochladen können, täglich angeblich Hunderttausende Klagen wegen Urheberrechtsverstößen erhalten. Die Strafzahlungen würden in die Milliarden gehen, wird gemunkelt. Für die Youtuber ist klar: Dieses Risiko werden die Webseiten nicht eingehen, zumal selbst teure Upload-Filter (wie sie YouTube ja bereits nutzt) nicht alle Urheberrechtsverstöße erkennen könnten. Und manuell könnte etwa YouTube die Megabytes minütlich neu hochgeladener Inhalte ja schon längst nicht mehr prüfen. Daher sollen die Filter zwangsläufig sein, wenn die Plattform für ihre Inhalte verantwortlich wäre — und deswegen solle man sie damit am besten ganz in Ruhe lassen. Too big to fail.

So geschildert scheint die Lage ausweglos. Aber sie ist es nicht. Vor allem deshalb nicht, weil es eine andere, einfache Möglichkeit gibt, den Urheberrechtsstreit zu entschärfen: die Lizenzierung der Nutzung durch die Rechteinhaber. Die meisten Urheber lassen sich durch so genannte Verwertungsgesellschaften vertreten, beispielsweise durch die GEMA (Musik) oder die VG Wort (Print). Und in der Tat hat beispielsweise YouTube jahrelang mit der GEMA verhandelt und sich 2016 vorerst auf Zahlungen geeinigt. Die Einnahmen reicht die Verwertungsgesellschaft dann an die Urheber weiter. Damit ist die Verwendung deren urheberrechtlicher geschützter Inhalte legalisiert.

Die GEMA wäre zu weiteren Verhandlungen bereit, ihre Pressereferentin, Gaby Schilcher, schreibt mir: “Die von der GEMA vertretenen Musikurheber sind grundsätzlich daran interessiert, dass ihre Werke auf den Plattformen verfügbar sind, sofern sie dafür eine angemessene Vergütung erhalten. Die am meisten nachgefragten Inhalte, wie z.B. Musik oder Bildrechte, können über entsprechende Rahmenverträge oder den Erwerb von Blankettlizenzen, insbesondere über Verwertungsgesellschaften, einfach von den Rechteinhabern lizenziert werden. Dies sorgt auf Seiten der Plattform und ihrer Nutzer für Rechtssicherheit, ohne dass jeder einzelne Inhalt vor dem Upload lizenziert werden muss.”

So hat das ja auch schon sehr lange mit den alten Medien funktioniert. Jeder  Radio- oder TV-Sender, aber auch jeder Diskjockey, ja selbst jedes Restaurant  mit Hintergrundmusik bezahlt zum Beispiel dafür, Musik öffentlich abspielen zu dürfen, die einen Urheber hat. Sicherlich ließe sich nicht jeder denkbare Urheberrechtsverstoß auf diese Weise abwenden. Aber das Gros wäre abgedeckt und die verbleibenden Fälle könnten sicher keine existenzgefährdenden Risiken für YouTube mehr hervorrufen. Einem möglichen Restrisiko stünden schließlich Riesengewinne gegenüber.

Darauf verweisen auch die Kreativen, denen es mit der Urheberrechtsreform ja vorgeblich an den Kragen gehen soll. Tatsächlich finden sich gerade in ihren Reihen aber entschlossene Verteidiger auch des Paragrafen 13. So schreibt auf Facebook etwa der Musiker, Komponist und Produzent Micki Meuser, der auch 1. Vorsitzender der Deutschen Filmkomponistenunion DEFKOM ist und im Vorstand des Deutschen Komponistenverbands sitzt: “Die Verbraucher, die User und die Uploader sind JETZT in einer rechtlich unsicheren Position. Nur als Beispiel: Es gibt bei YouTube 5 000 bis 10 000 Clips mit vier- bis sechsstelligen Klickzahlen, an denen ich die Rechte aus Komposition oder Produktion habe (Ärzte, Ina Deter, Silly, Ideal, Lassie Singers, alle meine Filmmusiken..). Ich könnte JETZT jeden einzelnen Uploader auf entgangene Lizenzen verklagen. YouTube muss mir JETZT die Mailadressen und IP-Nummern herausgeben. Das ist durchgeklagt. Wenn die Richtlinie kommt, sind Verbraucher auf der rechtssicheren Seite. Dafür übernimmt YouTube die rechtliche Verantwortung und zahlt an mich/uns Kreative eine geringe Lizenz. Nur fair, finde ich. Plattformen haben allein in Europa, allein im Jahr 2017 laut Roland Berger Consulting 25 Milliarden Euro gemacht. Ich auf Plattformen gar nichts!”

Warum einigen sich dann nicht alle auf ein generelles Modell, dass die Schöpfer angemessen an dem Gewinn beteiligt, der mit ihren Werken erzielt wird? Das wäre sicher möglich, würde aber etwa YouTube Geld kosten, das der Konzern vermutlich nicht ausgeben will. Deshalb versteht man sich ja selber auch am liebsten als reine Plattform, die mit den auf ihr angebotenen Inhalten gar nichts zu tun hat. Deshalb kommen für YouTube auch die User wie gerufen, die nach entsprechender Aufforderung weinerliche Weltuntergangsvideos posten. Das macht Stimmung, das kostet nichts und oftmals merken die Macher dieser Filme nicht einmal, dass sie instrumentalisiert werden und sich vor einen fremden Karren spannen lassen.

Was man nicht zahlen muss, das maximiert den Gewinn. So direkt wollen YouTube & Co. das natürlich doch nicht kommunizieren. Da ziehen sie es vor, den besorgten Onkel zu geben, dem es vollkommen selbstlos nur darum geht, den Erfolg seiner lieben Youtuber zu befördern und sie davor zu bewahren, dass sie die Inhalte verlieren, die ihnen ans Herz gewachsen sind. Darum erschreckt man die Nutzer lieber mit den Horror-Filtern, mit denen die EU-Bürokratie sie angeblich zensieren will.

Es braucht allerdings immer auch einen, der das glaubt.

P.S.: Natürlich hätte ich mir auch gerne die Argumente der entschiedenen Gegner des Paragrafen 13 angehört, hätte mich womöglich gar überzeugen lassen. Deshalb habe ich mich an eine der Wortführerinnen der Bewegung gegen die Urheberrechtsnovelle gewandt, an die EU-Abgeordnete Julia Reda. Sicher bin ich nicht der einzige, der sie kontaktiert und dennoch hat ihr Büro vorbildlich und sofort reagiert, sich entschuldigt, dass sie nicht am gleichen Tag antworten könne und eine Antwort für den Anfang der kommenden Woche in Aussicht gestellt. Leider waren das leere Worte, die Antwort blieb aus. Was gegen eine Lizenzierung spricht, ist womöglich doch nur schlecht bis gar nicht zu erklären. Weil gerade die Piratenpartei so gegen Paragraf 13 trommelt, habe ich es auch beim hiesigen Politischen Geschäftsführer, Daniel Mönch, versucht. Der hat sich jedoch gleich vollständig weggeduckt und schweigt.

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13 Kommentare
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Abonent
7 Jahre her

Ich danke für diesen Beitrag. Spannend, dass gerade die Piraten gegen die Gleichschaltung durch große Konzerne sein wollten. Die gefühlte Wahrheit allen voran von YouTube in der eigenen Community verbreitet zeigt, wie stark der Einfluss ist. Um so überraschender, dass die Lobbyarbeit in Brüssel nicht funktioniert. Danke auch dafür, dass die Schöpfer gerecht entlohnt werden sollen. Wie ein Rechtsanwalt auf YouTube ins Lächerliche zieht, wie Rechteinhaber entlohnt werden sollen, zeigt, dass auch dort nur Klicks erhascht werden, statt simple Fakten zu benennen. Sogar Hersteller von Kopierern entlohnen die Schöpfenden. Warum nicht auch Internet-Plattformen? Eben.

Walter
7 Jahre her

Hmm. Verständnisfrage. Wenn YouTube einen Vertrag mit der GEMA hat, sind dann die Werke von Micki Meuser nicht damit abgedeckt? Er ist ja Mitglied bei der GEMA.

Warum sollte er die User verklagen können, wenn er über die Verwertungsgesellschaft bezahlt wird? Das kommt mir komisch vor und passt irgendwie nicht zusammen.

Kannst du mir das erklären?

tinti
7 Jahre her

Too big to fail ist leider das Stichwort was genau den Grossen noch mehr User und Einnahmen beschert und die kleinen womöglich sterben lässt da sie es sich nicht erlauben können für den Inhalt ihrer User zu haften. Ich habe keine Bedenken dass Youtube sehr schnell weiter wachsen wird, das ganze ist halt eben gute Lobbyarbeit gewesen von nicht EU Firmen.

Volker
7 Jahre her

Jeder nicht-triviale Text (wie zum Beispiel auch dieser Kommentar) genießt automatisch Urheberrecht. Ebenso (fast) jedes Foto. Nach §13 müsste für jedes dieser Werke präventiv&proaktiv ein Verwertungsvertrag geschlossen werden. Ich habe mehrere Webseiten, teils mit Kommentarfunktion, sowie auch zwei/drei Foren – in denen meist Privatleute posten, die nicht in Verwertungsgesellschaften sind. Die Foren sind – da Englisch/Deutsch – grundsätzlich weltweit offen. Um der Verpflichtung zum präventiven Lizenzerwerb erfüllen zu können, müsste ich daher präventiv von jedem Menschen weltweit eine Lizenz erwerben, dessen Text von einem meiner Nutzer im Forum auch nur ausschnittweise zitiert oder selber erstellt wird. Und auch YouTube müsste… Mehr »

Volker
7 Jahre her

Woher sollen KI oder auch ein Mensch des Foren- oder Kommentar-Betreibers wissen, dass sich in meinem Text nicht vielleicht ein oder mehrere Abschnitte verstecken, die ich einfach nur “geklaut” habe? Art.13 verpflichtet die Provider, sich (vorab) mit allen (potentiellen) “rightholders” abzustimmen. Also auch mit mir. Weil ich schaffe ja auch Werke (wie dieses hier). Und demjenigen, den ich (vielleicht? vielleicht nicht?) zitiert/kopiert/”geklaut” habe. Ansonsten haftet nach Art.13(2) der Forenbetreiber schon bevor er überhaupt mitbekommt dass da der Textschreiber ob “seiner” Urheberschaft gelogen hat. Für Deutsch müssten so rund 100Mio Verträge geschlossen werden um für alle deutschen Texte auf Nummer sicher… Mehr »

Günther
7 Jahre her

Mir persönlich ist Youtube egal und meinetwegen soll die Gema einfach “ihren” Content von Youtube löschen lassen. Ich habe bei Paragraf 13 Sorgen z.B. um all die tausenden kleinen Nischenforen. Taucherforum, Fahrradforum, Linuxforum, VWGolfForum, Elektrikforum, Segelforum. Wie sollen die das technisch umsetzen? Was ist mit all dem Content der dort schön veröffentlicht ist? Öffentliche Mailinglisten mit Archiv. Das Fediverse mit Mastodon und Pixelfed, was der bisher erfolgversprechendste Versuch ist, die Marktmacht eben dieser großen Konzerne etwas aufzuweichen. Wer am Ende profitiert sind bei Einführung des Paragrafen doch Google und Facebook. Weil es es entweder praktisch unmöglich macht eine Community selbst… Mehr »

bengoshi
7 Jahre her

Qualitätsjournalismus Es wurden zwei E-Mails geschrieben, die wurden nicht beantwortet – und dann geht man auf die – noch – frei zugänglichen Argumente der Piraten nicht mehr ein? Saubere Recherche. Der Seitenhieb auf unbeantwortete Anfragen wäre gut gewesen, wenn sich der Autor dann selber mal gebückt hätte, um die herumliegenden Argumente vom Boden aufzuheben. Da wird man aber nicht hofiert. Ferner wird schön unterstellt, dass mit einem GEMA-Vertrag der Künstler was von einem solchen Modell hat. Was ist mit Künstlern, die sich nicht der GEMA unterwerfen wollen? Wie viel kommt von den Einnahmen bei der GEMA beim Künstler an? Ist… Mehr »

Alexander
7 Jahre her

Ich gebe Ihnen in sofern Recht, als das es Youtuber gibt, die aus diesen Schlagwörtern Profit schlagen. Aber so sind nicht alle. Schauen Sie sich die Videos von Rechtsanwalt Solmecke an. Er nimmt die Texte sehr genau unter die Lupe. Wenn Sie die Gegner wirklich verstehen wollen, dann dort.
Wichtig ist, es geht nicht um das neue Urheberrecht an sich, sondern darum, dass die kritisierten Passagen nicht umsetzbar sind und im schlechtesten Fall Youtube stärken und kleinere Plattformen vernichten. Für die Argumente verweise ich wieder auf Herrn Solmecke.

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