Ich gebe zu, für mein Alter bin ich schon ziemlich lang online. Meine erste Verbindung, damals noch unter dem Begriff DFÜ, führte mich 1991 in die wunderbare Welt der Mailboxen, ihrer ANSI-Grafiken auf schwarzem Hintergrund, und modernen Protokollen wie ZModem, die während des Downloads sogar das Chatten mit der Gegenstelle erlaubten. Ende 1995 fand ich den Weg ins FidoNet als Point, ein faszinierendes Medium, das mich trotz seiner Limitierungen – wer denkt nicht gerne an Crashmails zur Nebenzeit, um das Ferngespräch nicht allzu teuer werden zu lassen – lange in seinen Bann zog. Auch das Usenet ist mir noch ein Begriff, wenngleich ich dort meist nur als Zaungast unterwegs war.
Irgendwann 1996 hielt dann das Internet Einzug. Zunächst rustikal per Modem, später in gefühlt rasend schneller Geschwindigkeit per ISDN und irgendwann sogar per DSL, was zugleich auch das leidige Problem des Dauerbesetzt eliminierte – den günstigen Zweitanschluss gab es seit der Tarifreform Januar 1996 ja nicht mehr. Ich erinnere mich noch, wie ich bei einer meiner ersten E-Mails völlig überrascht war, dass die Antwort binnen einer Minute bei mir ankam, konnte ich mir doch so schnelle Übertragungszeiten als FidoNet-Nutzer noch gar nicht vorstellen. Doch mehr und mehr wich die Verwunderung, etablierte sich dann das Netz im Alltag, und war als Kommunikationsform nicht mehr wegzudenken.
In der Zeit bin ich zum E-Mail-Fan herangewachsen, habe meine Filterung, mein Serversetup und die lokalen Tools immer mehr auf meine Bedürfnisse optimiert und nutze das Medium nach wie vor für einen Großteil meiner privaten und beruflichen Kommunikation, selbst mehrere hundert neue Nachrichten pro Tag sind gut machbar, wenn man sich einige Strategien zurecht legt. Irgendwann Anfang dieses Jahrtausends, als Flatrates endlich erschwinglich wurden und mehr und mehr Leute permanent online waren, kam dann die große Zeit der Messenger. ICQ war der Renner schlechthin, gefolgt von weiteren – zueinander natürlich inkompatiblen – Tools wie AIM, Yahoo, MSN, Skype und dergleichen mehr. Irgendwann war es bei vielen Freunden und Kollegen in, möglichst viele Messenger parallel zu betreiben, und Multimessenger-Clients verkauften sich wie geschnitten Brot. Spätestens mit Verfügbarkeit der Gruppenchat-Funktionalität kamen hier die Drähte zum Glühen und ersetzen das gute alte Telefon. An Smartphones und SMS-Flatrates war noch nicht zu denken, IRC hatte sich in der zivilen Welt nicht so wirklich durchgesetzt, und so verschob sich ein Großteil der privaten Kommunikation von der E-Mail hin zu den Messengern.
Zeitgleich brannte sich das Thema freie Software und offene Standards in den letzten zehn Jahren mehr und mehr in die Köpfe der Menschen, und spätestens seit dem Siegeszug von Wikipedia wusste auch der letzte, dass geteiltes Wissen und die Weisheit der vielen durchaus zum Erfolg führen können. Parallel dazu wurden manche Messenger kompatibel zueinander, andere hingegen gingen den Bach runter – nicht ganz unberechtigt keimte daher die Hoffnung auf, dass aus dem sich zumindest unter Kennern immer stärker verbreiteten Jabber/XMPP-Protokoll vielleicht eine Art universeller Messenger entstehen würde, auf allen Geräten und Plattformen verfügbar, unabhängig von einem einzelnen Anbieter.
Diese Hoffnung hat sich leider nur zum Teil erfüllt. Während das XMPP-Protokoll zwar eine Vielzahl von Chattplatformen antreibt, beispielsweise bei Facebook oder (bis neulich) auch bei Google, blieb ihm in der zivilen Welt ein ebenso nur mäßiger Erfolg wie IRC beschieden. Kurzum: Von meinen privaten Kontakten, die nicht im Open-Source-Bereich aktiv sind, nutzt es auch heute nur eine absolute Minderheit, und selbst im Bereich der freien Software ist die Zahl erschreckend gering. Viel schlimmer noch, selbst die E-Mail scheint für viele Leute schon auf dem Abstellgleis zu stehen, die jüngere Generation kennt das Medium oftmals erst gar nicht mehr. Auch die SMS, die Melkkuh der Mobilfunkbetreiber, scheint keine Milch mehr zu geben, denn mittlerweile sind die Antwortzeiten auf SMS bei vielen ähnlich düster wie per E-Mail – alle Jubeljahre mal, wenn Ebbe und Flut zusammenfallen. Schade eigentlich, denn abgesehen von Gruppenchats war die SMS in Zeiten von allgegenwärtigen Flatrates doch ein ganz nettes Medium, die man prima hätte mit E-Mail und Jabber für die Onlinefraktion ergänzen können. Zwei bis drei Medien, auf allen Plattformen verfügbar, alles hätte so einfach sein können.
Doch die aktuelle Bewegung scheint weg vom klassischen Desktop zu gehen, hin zu Smartphones, die – trotz Zeiten der Drosselung – permanent online sind. Auch hier hat sich ein buntes Angebot von Diensten und Anbietern herausgebildet, die zueinander wieder völlig inkompatibel sind, teils nur für bestimmte Plattformen, Sprachen und Länder zur Verfügung stehen. Meine Freunde und Bekannte nutzen aktuell eine bunte Mischung aus WhatsApp, Hike, ChatOn, Facebook Messenger, Google Hangouts, Skype, Viber und ein paar anderen, deren Namen ich schon wieder verdrängt habe. Einzig Joyn, die etwas spät aus dem Hut gezauberte Alternativlösung der Netzbetreiber, ist nahezu gar nicht vertreten.
Wer jetzt an ein Déjà-vu denkt, der hat damit nicht ganz Unrecht, erinnert diese Posse doch stark an das, was schon vor einigen Jahren mit den PC-Messengern passiert ist. Auch damals gab es einige unsägliche Versuche einzelner lokaler Anbieter, weitere Plattformen anzubieten, die meist eklatant fehlgeschlagen sind. Doch im Vergleich zu früher hat sich das Problem meiner Meinung nach noch potenziert, denn die praktischen Multimessenger, die alle Dienste unter einem Dach vereinen, die gibt es hier nicht. Will ich heute also zeitnah einen Freund erreichen, dann bleibt mir nur, ein gefühltes dutzend Programme auf meinem Smartphone zu installieren (auf dem Tablet läuft nur ein Teil davon, am Desktop fast gar keins), deren Anbieter teils interessante Geschäftsbedingungen haben und sich nicht gerade einen Ruf als Verschlüsselungsexperten erworben haben. Aber mehr noch, zu jedem Kontakt muss ich mir jetzt auch merken, welchen Dienst er bevorzugt und wie ich ihn am schnellsten erreiche. Während der eine regelmäßig seine Facebook-Nachrichten liest, ist der andere nur per WhatsApp greifbar, und manch einer weiß gar nicht mehr, wie er eine SMS öffnet.
Wir dürfen gespannt sein, wie das weitergeht. Wird es noch mehr verschiedene Anbieter geben, werden sich die einzelnen Applikationen einander annähern? Werden sie ein vielleicht gar – man wird ja noch träumen dürfen – zueinander kompatibles Protokoll nutzen, für das es zudem einen Desktop-Client gibt? Irgendwie erinnere ich mich düster, dass Mitte der 90er das Schlagwort Unified Messaging aufkam, das alle Kommunikationsformen in einem Dienst vereinen wollte. Wäre mal ein neuer Ansatz für die heutige Zeit.
Aber ich glaube, ich sollte in der Zukunft einfach mal wieder mehr telefonieren.

