Für heute den 28. Januar haben Datenschützer einen Gedenktag ausgerufen, der daran erinnern soll, welche Rolle der Austausch von Informationen in unserem Leben mittlerweile spielt. Sie wollen mahnen, sich darüber bewusst zu werden, dass neben den vielen Annehmlichkeiten, die die Datenverarbeitung mit sich bringt, auch für den einzelnen Gefahren lauern. Erst kürzlich musste das beispielsweise eine britische Krankenpflegerin erleben, die zufälligerweise Kate Middleton hieß, aber trotzdem nicht mit dem britischen Thronfolger-folger liiert ist: Mit Schrecken stellt sie fest, dass ihr Facebook-Account, ihre Kontakt, ihr Leben vermeintlich verschwunden waren, weil sie im Verdacht stand, Schindluder mit einem vermeintlich ausgedachten Account zu treiben. Dem Vernehmen nach hat soziale Netz sie jedoch mittlerweile wieder aufgefangen — das digitale zumindest.
Datenschutz ist wichtig, da sind sich fast alle einig. Trotzdem ist er immer wieder Spielball sehr unterschiedlicher Interessen. Besonders ärgerlich sind Vereinnahmungen des guten Prinzips, um eine eigene Agenda zu verfolgen. Die Mitarbeiter eines Kommunikationsunternehmens verwendeten jahrelang einen Sammelaccount, um auf die Kundendaten ihres Unternehmens zuzugreifen. In einem Projekt plante man dann, dieses in der ganzen Abteilung bekannte Passwort durch individuelle Accounts der Mitarbeiter zu ersetzen. Die Arbeitnehmervertretung, die bei praktisch allen grundsätzlichen Entscheidungen richtigerweise ein Mitspracherecht hatte, lehnte das Projekt jedoch mit dem Hinweis auf den Datenschutz ab. Da sie sich jedoch zufälligerweise gleichzeitig in Lohnverhandlungen befand, signalisierte sie Bereitschaft, sich in der Frage der Sammelaccounts zu bewegen, sollten ihre sonstigen Forderungen nach Lohnerhöhung und Arbeitsplatzgarantie erfüllt werden.
Der Wunsch nach besseren Bezügen und Jobsicherheit sollen hier gar nicht zur Diskussion stehen. Das Feilschen um offenbar mindere Güter wie ein ziemlich an den Haaren herbeigezogener Vorwand wie dem Datenschutz in diesem Fall, halte ich für bedenklich. Es vermittelt den Eindruck, dass er “nice-to-have” wäre, aber ansonsten nicht sehr wichtig. Das Unwort von den eigenen nicht schützenswerten Daten habe ich in letzter Zeit glücklicherweise etwas weniger laut durch die Debatte schallen hören, dennoch verblüfft der scheinbare Widerspruch zwischen hoher Befindlichkeit und Empörung (Google Street View, elektronischer Personalausweis) und extremem Datenexhibitionismus (Facebook, Twitter, Foursquare).
Seit das auch das interaktive Internet einfach geworden ist, fällt es immer leichter Informationen nicht nur zu konsumieren (read-only), sondern auch an ihrer Erzeugung beizutragen — und sei es nur in Form des Anstöpselns des Handys mit den unscharfen Fotos der letzten Party, des Tippens von 140 Zeichen für eine Statusmeldung oder dem Aktivieren des GPS-Empfängers, damit die Peer-Group auch immer schön weiß, wo es die besten Coffeeshop-Cupons gibt. Der Druck bei Teilnehmern wie bei Anbietern, immer etwas Neues bringen zu müssen, ist enorm. Zeit, sich Gedanken über Datenströme zu machen, bleibt da kaum. Es wird Zeit, etwas mehr Überlegung und Aufklärung in die abgeleiteten Konsequenzen dieser Vernetzung zu stecken. Das bedeutet für Anbieter, dass die Entwicklung langsamer vonstatten geht anstatt hinterher die gröbsten Lücken zu stopfen. Das bedeutet für Anwender, dass sie sich auch — zumindest zu einem gewissen Grad — mit der Technik per se befassen müssen, auch wenn sie das so gar nicht mögen. Das ist der Preis der Informationsfreiheit, wie wir sie leben.

