Es ist schon ein Kreuz mit der modernen Zeit. Unbestritten bringt sie uns Vorteile und Möglichkeiten, von denen wir vor fünfzehn, zwanzig Jahren nur hätten träumen können. Eine Stiftung wie die Document Foundation beispielsweise, mit ihren unzähligen Aktiven rund um den Globus, wäre in dieser Form früher undenkbar gewesen, weil es allein schon an den technischen Möglichkeiten gefehlt hätte, mal eben mit Brasilien oder Japan zu kommunizieren.
Doch trotz all der Fortschritte ist mitnichten alles Gold, was glänzt, gerade was die moderne Telekommunikation betrifft. Am Anfang steht die Frage nach Internet-Anschluss, Hardware und VoIP-Anbieter. Die Tarife und Leistungen der Letztgenannten zu vergleichen, das ist dabei noch eine recht dankbare Aufgabe, die dank Vergleichsseiten im Internet und in Zeiten von Flatrates recht schnell erledigt ist, zumindest dann, wenn man nicht allzu exotische Anrufziele hat. Spätestens bei der Wahl der Hardware wirds aber je nach Anwendungsfall abenteuerlich – wer mal nach einem provisionierbaren SIP-Telefon gesucht hat, das herstellerunabhängig an IP-Telefonanlagen läuft, und auch noch ein gutes DECT-Handgerät bietet, der weiß vermutlich, wovon ich rede. Manchmal ist man ob der Kreativität mancher Entwickler und Produktmanager der Verzweiflung doch schon recht nah. Neulich wollte ich doch glatt mal die Anruflisten zwischen verschiedenen Geräten abgleichen, und dachte, das könne doch gar nicht so schwer sein – um es kurz zu machen: Welch Irrglaube! Die Hersteller scheinen zwei verschiedene Zielgruppen im Auge zu haben: Einmal den leidensfähigen Endnutzer, einmal den leidensfähigen Business-Anwender.
Doch es gibt Menschen, die sind noch ärmer dran – zum Beispiel die, die Kunden bei einem Anbieter sind, der ihnen das Internet nur noch in homöopathischen Dosen gibt, in Form von IPv6 Carrier Grade NAT via Dual Stack Lite. Das ist zwar in Zeiten der Adressknappheit für manchen Provider schlicht unvermeidbar, aber diese Problematik ist ja nun auch nicht erst seit gestern bekannt. Nicht nur die Hardware-Hersteller schlafen leider seit einer gefühlten Ewigkeit und werden oftmals nur auf ganz neuen Telefonen IPv6 anbieten – nein, viel schlimmer noch, auch die VoIP-Anbieter sind immer noch ganz überrascht, dass es da so ein spaßiges neues Protokoll gibt, das implementiert werden muss. Aber gut, irgendwie umschifft man auch das, und wenns per VPN-Tunnel zum eigenen Server oder dank anderer, kruder Hacks ist.
Stellt sich als nächstes die Messenger-Frage. Hat man im letzten Jahr noch allerorts gehört, man müsse sich unbedingt WhatsApp installieren, rennen jetzt alle wie kopflose Hühner durch die Gegend, dass seit dem Kauf durch Facebook alles anders sei. Warum eigentlich? Wo ist denn jetzt die neue Situation, im Vergleich zu vor einem Jahr? Proprietäres Protokoll, mit allen Konsequenzen. Da sich jeder eine andere Messenger-Alternative sucht, und beinahe exklusiv nur noch dort zu erreichen ist, habe ich derer mittlerweile fünf am Handy, wobei die Anbindung an den PC selten gelingt. Fairerweise muss man dazusagen, dass man auch Jabber nicht direkt auf zwei Geräten gleichzeitig nutzen kann, sondern nur abwechselnd.
Aber vielleicht sind meine Ansprüche auch einfach zu hoch. Aktuell stehe ich nämlich vor einer ganz neuen Herausforderung: Wo bekomme ich ein vernünftiges Dual-SIM-Handy her, das den Namen auch verdient? Beide Karten gleichzeitig auf Empfang, getrennte Klingeltöne, Do-Not-Disturb-Modus und Anrufsignalisierung für jede Karte einzeln, und freie Wahlmöglichkeit, welche SIM für einen ausgehenden Anruf oder die SMS benutzt werden soll, idealerweise direkt im Telefonbuch für jeden Kontakt individuell hinterlegt. Eine saubere Trennung beider Nummern eben.
Klingt jetzt vielleicht nach absoluter Luxussorge (und ist es vermutlich auch), hat aber einen konkreten Hintergrund, denn ich bin, was die Herausgabe meiner privaten Telefonnummern betrifft, eher konservativ. Seit Jahren schon habe ich sowohl eine geschäftliche Festnetz- und Handynummer, als auch jeweils eine private. Das ist ideal für Pressemitteilungen, Visitenkarten und andere Orte, an denen ich eine Telefonnummer angeben muss, auf der ich aber nicht 24×7 erreichbar sein will. Zum einen hält das die Telefonspammer ganz erfolgreich ab, einen aus der wohlverdienten Nachtruhe zu wecken (nein, danke, ich habe kein Interesse an italienischem Kochgeschirr oder Weinen aus Osteuropa), zum anderen hilft es, Zeitzonen-Komplikationen zu vermeiden, wenn sich beispielsweise Anrufer aus Nordamerika melden. Nicht zu unterschätzen ist auch die Zahl derjenigen, “die da mal schnell eine Frage” haben, bevorzugt am Feiertag oder Wochenende.
Diese Nummern-Trennung ist zwar lästig, hat sich aber bewährt, denn unter meinen privaten Nummern bin ich immer zu erreichen, unter der Woche wie am Wochenende, tagsüber wie nachts, und selbst im Urlaub. Im Büro und zuhause lässt sich das durch verschiedene SIP-Konten und Klingeltöne mit einem einzigen Gerät sehr elegant lösen, unterwegs am Handy wird das Ganze schon wesentlich komplizierter. Manche Netzbetreiber bieten zwei Rufnummern auf einer Karte mit getrennten Rechnungen an, die Bedienung ist aber eher mühselig, und ohne teuren Geschäftskundentarif gibt’s sowieso nichts in der Richtung. Ein SIP-Client am Handy ist unterwegs auch nicht zu gebrauchen, sei es, weil das Datenvolumen nicht gerade großzügig bemessen ist, sei es, weil die Verbindung oftmals eher schmalbandig daher kommt. Und dann ist SIP hinter Carrier Grade NAT ja noch ein ganz eigenes Thema mit einem hohen Spaßfaktor.
Was also tun? Wie bisher weiterhin zwei Handys rumschleppen? Eine teure Anrufweiterschaltung installieren? Oder einfach ganz konsequent keine Handynummer mehr herausgeben?
Ich weiß es noch nicht. Vielleicht sollte ich mich doch mal mit Hardware-Design befassen. Dann könnte ich mir auch gleich ein vernünftiges SIP-Telefon bauen.

