Kommunizierende Röhren

 

Das amerikanische The Future Today Institute veröffentlicht jedes Jahr einen mehrere Hundert Seiten starken Bericht über Trends, die in naher Zukunft wichtig werden könnten. Es werden dabei viele Dutzend wegweisende Entwicklungen identifiziert und diversen Wirtschafts- und Lebensbereichen zugeordnet: Von Autonomen Schiffen über schnelles Deep Learning bis zu Smart Farms oder Anti-Trust-Gesetzen. Dem Report voran steht ein kurzer Abriss der insgesamt wichtigsten, fachübergreifenden Erkenntnisse. Und das erste dieser “Key Takeaways” in diesem Jahr lautet: “Privacy is dead”.

Wo wir gehen und stehen, werden wir überwacht, erklären die Berichtsautoren. Wenn wir das Smartphone bedienen, wenn wir die Straße im Sichtbereich einer Überwachungskamera passieren, bei allen Aktivitäten im Internet, immer produzieren wir wissentlich und unwissentlich Daten und diese Daten werden gesammelt und ausgewertet, kombiniert und monetarisiert. Eine Privatsphäre, wie wir sie früher kannten, gibt es nicht mehr und sie erwartet auch niemand mehr.

Das hat viele Implikationen: Wie können die Datensammler die schiere Masse noch beherrschen? Wie können sie sie gegen unbefugte Zugriffe sichern? Wie lassen sich systematische Fehler vermeiden, wenn man versucht, aus den Daten Erkenntnisse zu gewinnen? Viele ähnliche Fragen mehr stellen sich. Eine Konsequenz aber scheint mir nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren zu funktionieren: Je mehr der Mensch durchleuchtet und monitored wird, je mehr versucht er sich aus dem Licht der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Der viel beschworene Prosument der sozialen Netze, der auf dem virtuellen Marktplatz alles a la Trump herausposaunt, der extrovertierte Web-2.0-Held, der 2010 Zuckerbergs Aussage zugestimmt hätte, Öffentlichkeit sei die neue soziale Norm, ist auf dem Rückzug. Chat-Systeme mit kleineren, und geschlossenen Benutzergruppen sind auf dem Vormarsch – was man teilt, das teilt man nur noch mit Familie und Freundeskreis. Verschlüsselung ist gefragt. Das Internet soll auch das Vergessen lernen. Auf die Datensicherheit beim Plattformbetreiber wollen die Anwender vertrauen können.

Gerade Facebook hat sehr wohl registriert, woher nun der Wind weht. Derselbe Zuckerberg, der einst meinte, die Leute hätten nun damit Frieden geschlossen, nicht nur mehr Informationen und verschiedene Arten zu teilen, sondern auch offener und mit mehr Leuten, derselbe Mark Zuckerberg blogt heute über “Eine auf Privatspäre ausgerichtete Vision für Soziales Networking”. Derselbe Zuckerberg zeigt sich nun überzeugt, dass eine auf Privates fokussierte Kommunikationsplattform in Zukunft noch wichtiger wird, als es die offenen Plattformen heute sind.

Natürlich sind das weniger moralische Erwägungen als geschäftliche. Einerseits haben diverse Datenschutzskandale Facebook massiv geschadet und andererseits verzeichnet der Bereich privater Nachrichten die höchsten Wachstumsraten. Folgerichtig will auch Facebook hier frühzeitig seine Claims abstecken. Man darf gespannt sein, welche konkreten Entwicklungen auf die strategischen Visionen folgen. Schließlich war bislang der Tod der Privatheit der wirtschaftliche Lebensquell in Facebooks Geschäftsmodell.

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