Künstliche Intelligenz rangiert momentan ganz weit oben auf der Liste der Hype-Themen. Jeden Tag stolpere ich über mindestens eine Nachricht, in der KI vorkommt. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich alleine drei Neuerscheinungen aus den zurückliegenden Monaten zum Thema Maschinelles Lernen, die ich im Linux-Magazin vorstellen will. Keine Konferenz, die ich in letzter Zeit besucht habe, kam ohne einen Vortrag aus, der irgendwas mit KI zu tun hatte. KI wird als eine der Zukunftstechnologien schlechthin gehandelt, die uns allen Arbeit ab- manche sagen wegnehmen wird, die zu Erkenntnissen verhelfen soll, die nur mit maschineller Unterstützung zu gewinnen sind, die autonomen Robotern, Drohnen, Autos den Weg bereitet, ja die praktisch überall segensreiche Anwendungen haben soll. KI soll, so fordert es beispielsweise der Digitalverband eco, zu einer “Kernkompetenz der deutschen Wirtschaft” werden. Sie wird große Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt bewirken, prohezeit die Ingenieurorganisation VDE.
Was aber, wenn man den berühmten kleinen Mann auf der Straße fragt? Das Meinungsforschungsinstituts Civey hat das im Auftrag von eco getan. Demnach gehen 44 Prozent der Befragten davon aus, dass KI die Gesellschaft negativ bzw. „eher negativ“ verändern wird, lediglich 29,5% rechnen mit positiven oder „eher positiven“ Veränderungen. Offenbar existiert eine riesige Kluft zwischen den euphorischen KI-Apologeten und der Masse der besorgten Betroffenen.
Das liegt zu einem guten Teil daran, dass der KI-Jubel den tatsächlichen Erfolgen, (aber auch den befürchteten Risiken), um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vorauseilt. Künstliche Intelligenz steckt noch in den Kinderschuhen. Ein paar Graffiti-Schmierereien oder Aufkleber auf einem Verkehrsschild bewirken beispielsweise, dass es in so gut wie allen Fällen von der KI im autonom fahrenden Auto falsch erkannt wird – das bewiesen im Sommer Wissenschaftler der University of Washington, der University of Michigan, der Stony Brook University und UC Berkeley in einer gemeinsamen Studie. IBMs KI-System Watson, dass sich unter anderem die Ausrottung von Krebserkrankungen auf die Fahnen geschrieben hatte, bringt nach neueren Erkenntnissen überhaupt keinen Mehrwert gegenüber den Diagnosen von Krebsspezialisten. Auch die großen Rückversicherer Munich Re und Swiss Re haben laufende Watson-Projekte aus Enttäuschung beendet oder reduziert. Autonome Fahrzeuge, die Unfälle unmöglich machen sollen, haben stattdessen wiederholt tödliche Crashs provoziert. Und so weiter. Natürlich gibt es auch erfolgreiche Projekte, aber von einer Technologie, die andere vaporisiert und überstrahlt, ist die KI (vielleicht: noch) weit entfernt.
Erst recht steht der selbstbewusste Roboter nicht vor der Tür, der von alleine unentwegt Neues lernt und binnen Kurzem seinen menschlichen Schöpfer überflügelt. Bislang ist KI im Wesentlichen raffinierte Statistik. Weil immer mehr Daten auszuwerten sind, hat sie ein wachsendes Anwendungsfeld. Doch geht es hier nicht nur um Quantität: Trotz der Datenflut ist eine ausreichende Menge qualitativ geeigneter Trainingsdaten oft ein Problem. KI kann sich irren und sie lässt sich täuschen, sie mag Zusammenhänge erkennen, kann dabei aber eine zufällige Korrelation von einer Kausalität nicht unterscheiden. Moralische Maßstäbe sind ihr völlig fremd. Aus all diesen Gründen ist KI kein universelles Werkzeug für jeden Zweck und wird sich in absehbarer Zeit auch nicht verselbstständigen. In jedermans täglichem Leben spielt sie überdies offenbar noch kaum eine Rolle. In der oben zitierten Umfrage gaben jedenfalls fast Dreiviertel der Befragten an, selber noch keine KI-Technologien genutzt zu haben.
