In einer von wenigen Tech-Giganten dominierten, digitalen Welt ist PeerTube eine bemerkenswerte Alternative. Die freie und dezentralisierte Videoplattform, entwickelt von der französischen gemeinnützigen Organisation Framasoft, zeigt eindrucksvoll, wie sich dem Monopol der großen Konzerne etwas entgegensetzen lässt.
Mit dem kürzlich erfolgreich abgeschlossenen Crowdfunding für die mobile App hat das Projekt einen wichtigen Meilenstein erreicht und beweist, dass die Vision einer freien digitalen Zukunft von einer engagierten Community getragen wird.
Hinter PeerTube [1] steckt weit mehr als nur eine weitere Videoplattform – es ist ein Tool, das die Art und Weise, wie wir Videos im Internet teilen und konsumieren, grundlegend anders angeht. Im Gegensatz zu zentralisierten Plattformen wie Youtube ermöglicht PeerTube jedem, eine eigene Video-Hosting-Webseite zu erstellen. Man könnte es als “selbst-gehostetes Youtube” bezeichnen, aber die Beschreibung greift angesichts des Ansatzes und Potenzials von PeerTube zu kurz.
Das Konzept basiert auf der Idee der Föderation: Statt alle Videos der Welt auf einer einzigen gigantischen Server-Farm zu sammeln, – was nicht nur extrem teuer, sondern auch problematisch für Datenschutz und Kontrolle ist – schafft PeerTube ein Netzwerk aus vielen kleinen miteinander verbundenen Video-Hosting-Anbietern. Jede PeerTube-Instanz ist autonom, ihre eigenen Betreiber verwalten sie. Trotzdem kann sie gleichzeitig mit anderen Instanzen kommunizieren und Inhalte teilen.
Technische Grundlage
Das ActivityPub-Protokoll erlaubt PeerTube-Instanzen, miteinander zu kommunizieren und sogar mit anderen Plattformen wie Mastodon zu interagieren. Das bedeutet, dass Nutzer eines sozialen Netzwerks wie Mastodon PeerTube-Kanäle abonnieren und sich über neue Videos benachrichtigen lassen können.
Zu den wichtigsten Funktionen von PeerTube gehört die Peer-to-Peer-Videoübertragung. Wenn ein Video viral geht, helfen die Zuschauer automatisch dabei, es zu verbreiten, indem ihre Browser Teile des Videos an andere Zuschauer weitergeben. Das reduziert die Serverlast erheblich und gestattet es auch kleineren Instanzen, populäre Inhalte zu hosten.
Treibende Kraft
Um PeerTube zu verstehen, muss man Framasoft kennen, die hinter dem Projekt stehende Organisation. Dabei handelt es sich um eine französische gemeinnützige Organisation, die sich der digitalen Bildung und der Förderung freier Software verschrieben hat. Seit über einem Jahrzehnt entwickelt Framasoft praktische Alternativen (Abbildung 1) zu den Diensten der Tech-Giganten: Framapad als Alternative zu Google Docs, Framatalk für Videokonferenzen ohne Zoom, Framadate statt Doodle und Framaforms als Ersatz für Google Forms. Mit über 40 unterschiedlichen Diensten, die monatlich mehr als zwei Millionen Menschen nutzen, beweist Framasoft, dass ethische, werbefreie Alternativen nicht nur möglich, sondern auch erfolgreich sind.

Abbildung 1: Bereits seit einer Dekade hat sich Framasoft dem Ziel verschrieben, den Diensten der Tech-Giganten ethische, werbefreie Alternativen entgegenzusetzen. Quelle: Peertube / Framasoft
Doch Framasofts Mission geht weit über die reine Softwareentwicklung hinaus. Die Organisation sieht sich als aktiv am digitalen Leben teilnehmenden Akteur der Zivilgesellschaft. Ihre Arbeit basiert auf der Überzeugung, dass digitale Werkzeuge außer technischen Lösungen politische Instrumente sind, die unsere Gesellschaft formen. Die Organisation betrachtet ihre Nutzer als Menschen, nicht als Produkte. In einer Zeit, in der große Tech-Unternehmen Profile erstellen und Nutzer in endlosen Videoschleifen gefangen halten, um Werbeeinnahmen zu maximieren, bietet Framasoft eine ethische Alternative. Über 90 Prozent ihrer Finanzierung stammt aus Spenden, was ihre Unabhängigkeit von kommerziellen Interessen garantiert.
PeerTube zählt also zu einem breiteren Engagement von Framasoft für digitale Alternativen. Das Tool selbst wurde während des “Contributopia”-Projekts von 2017 bis 2022 entwickelt und verkörpert Framasofts Vision: nicht nur Alternativen zu schaffen, sondern Werkzeuge zu entwickeln, die Menschen befähigen, ihre eigene digitale Infrastruktur aufzubauen.
Crowdfunding und Roadmap
Am 18. Juni 2025 verkündete Framasoft stolz den Abschluss der Crowdfunding-Kampagne für die PeerTube-Mobile-App. Die dreiwöchige Kampagne (Abbildung 2) übertraf alle Erwartungen und mit 76 559 Euro sogar das Ziel von 75 00 Euro – ein beeindruckender Erfolg, der das Engagement der PeerTube-Community widerspiegelt. Die Kampagne erreichte nicht nur sämtliche der vier gesetzten Meilensteine, sondern zeigte auch, wie stark die Unterstützung für eine freie und dezentrale Videoplattform ist.

Abbildung 2: Die anvisierte Summe von 75 00 Euro übertraf das Crowdfunding. Das zeugt von einer engagierten PeerTube-Community.
Die Kampagne unterteilte ich in vier aufeinander aufbauende Ziele, die jeweils wichtige Funktionen für die mobile App ermöglichen sollten. Das erste bestand darin, für alle zugängliche Features zu entwickeln, die auf kommerziellen Plattformen oft nur gegen Bezahlung verfügbar sind. Dazu gehört die Wiedergabe von Videos im Hintergrund, beispielsweise bei minimierter App oder ausgeschaltetem Bildschirm. Weiterhin sollen Nutzer eine Benachrichtigung über neue Videos auf ihren abonnierten Kanälen erhalten. Die Videoqualität soll sich manuell wählen oder automatisch an die Verbindungsgeschwindigkeit anpassen lassen. Schließlich möchte das PeerTube-Team auch eine Chromecast-Unterstützung für Videostreaming auf einem Fernseher implementieren.
Der zweite Meilenstein der Kampagne ist eine mobile Videoverwaltung für Content-Ersteller. Damit lassen sich Videos ohne Computer hochladen und Metadaten, Untertitel sowie Kapitel direkt bearbeiten. Zusätzlich verspricht die Funktion Zugriff auf Videostatistiken und Benachrichtigungen über den Upload-Status. Ziel Nummer drei war Live-Streaming vom Smartphone aus. Dadurch können Nutzer spontane Live-Übertragungen in Sekunden aus der App heraus starten. Eine komplizierte technische Einrichtung braucht es dazu nicht. Der letzte Meilenstein dient schließlich dazu, Framasoft und dessen Projekte allgemein zu fördern.
Der Erfolg der Kampagne ist in dreifacher Hinsicht bemerkenswert. Zunächst ist damit die internationale Reichweite von PeerTube und Framasoft gestiegen, insbesondere in Bezug auf ein englischsprachiges Publikum. Darüber hinaus zeugen Hunderte Spender und zahlreiche Menschen, die die Kampagne in sozialen Medien teilten, von großem Community-Engagement. Letztlich sichern die gesammelten Mittel außerdem die Entwicklung der App-Funktionen für das gesamte Jahr 2025.
PeerTube betreuen bei Framasoft hauptsächlich zwei Entwickler. Chocobozzz arbeitet seit 2018 am Projekt. Der 2023 zum Team gestoßene Wicklow konzentriert sich auf die mobile App. Mit dem Geld aus dem Crowdfunding haben die beiden konkrete Pläne für dieses Jahr. Auf dem Programm stehen schnelleres Implementieren grundlegender App-Funktionen, die erwähnten Live-Streaming-Features (Ende 2025/Anfang 2026), das kontinuierliche Verbessern der Benutzeroberfläche und das Beheben gemeldeter Probleme.
Ausblick
Mit dem geglückten Crowdfunding und einer klaren Roadmap sieht PeerTube eine vielversprechende Zukunft vor sich liegen. Die Entwicklung der mobilen App wird die Plattform einem noch breiteren Publikum zugänglich machen und neue Nutzungsszenarien ermöglichen. Trotzdem steht PeerTube vor einigen Herausforderungen: Zahlreiche Menschen kennen die Alternative noch nicht, und sie kann keine Netzwerkeffekt nutzen, wie es große etablierte Plattformen tun. Außerdem fallen die Ressourcen mit nur zwei Hauptentwicklern nicht üppig aus.
Zugleichzeitig bieten sich derzeit aber auch große Chancen. Immer mehr Menschen suchen nach Alternativen zu Big Tech. Das Bewusstsein für die damit verbundenen Risiken, Gefahren und Nachteile wächst. Zudem darf PeerTube auf anhaltenden Communtiy-Support hoffen. Der Erfolg von PeerTube und der Crowdfunding-Kampagne zeigt, dass eine andere digitale Zukunft möglich ist. Eine Zukunft, in der Nutzer die Kontrolle über ihre Daten behalten, Communities ihre eigenen Räume gestalten können, Innovation nicht von Profitinteressen getrieben wird und Technologie den Menschen dient, nicht umgekehrt.
PeerTube ist mehr als nur eine Videoplattform – es ist ein Statement für digitale Souveränität und ein Werkzeug für den Wandel. Mit der neuen mobilen App wird es bald noch einfacher sein, Teil dieser Bewegung zu werden. Ob als Zuschauer, Content-Ersteller oder Instanz-Betreiber – jeder kann Teil des PeerTube-Netzwerks werden und dazu beitragen, eine freiere, dezentralere digitale Zukunft aufzubauen. Das Crowdfunding war erst der Anfang einer spannenden Reise, der zeigt, dass gemeinschaftsgetragene Alternativen zu den Tech-Giganten nicht nur möglich, sondern auch erfolgreich sein können. (csi)
Infos
- PeerTube: https://joinpeertube.org/de







Hab grade mal getestet und nach Rolling Stones gesucht.
_Ein_ Treffer: irgendwas mit polierten Steinen…
Schade. Das Konzept an sich gefällt mir.