Nach einer Pause von fünf Jahren fand Anfang Mai 2024 in der bretonischen Hauptstadt Rennes erstmals wieder das Libre Graphics Meeting statt.
Die internationale Konferenz Libre Graphics Meeting (LGM) [1], bei der sich Entwickler und Nutzer freier Grafiksoftware wie Gimp, Darktable, Inkscape oder Krita treffen, gastierte von 2006 bis 2019 jährlich an wechselnden Standorten in Europa und Afrika. Nach der drei Jahre währenden Covid-bedingten Zwangspause hatte sich für 2023 kein Organisator gefunden. Im Sommer 2023 erklärte sich die Kunstschule Activdesign dazu bereit, ihre Räumlichkeiten für die Veranstaltung im darauffolgenden Jahr zur Verfügung zu stellen. Das etwa 300 Quadratmeter große Institut befindet sich in einem ungewöhnlichen, von zahlreichen Grünflächen durchzogenen Geschäftsviertel am südöstlichen Rand der bretonischen Kapitale Rennes.
Activdesign hatte bereits vor der Pandemie geplant, die Konferenz zu organisieren, und verantwortete ebenso die Online-Versionen des Meetings in den Jahren 2020 und 2021. Die Bildungseinrichtung ist vermutlich ein weltweit einzigartiges Institut, das unter anderem Designer von Computerspielen, Grafiker und künstlerische Leiter ausbildet. Das Besondere an den angebotenen Studiengängen: Bei der Ausbildung der Studenten kommt keine kommerzielle Software zum Einsatz, sondern ausschließlich freie Programme wie Gimp, Blender oder Godot.
Ursprünglich wollte Activdesign die Konferenz in Zusammenarbeit mit der Universität von Rennes ausrichten. Doch im vergangenen Jahr hatte sich bereits abgezeichnet, dass die pandemiebedingte Pause keine Wohltat für die Libre-Graphics-Community war und deutlich weniger User und Entwickler Interesse an der Veranstaltung zeigen, sodass die Räumlichkeiten des Instituts ausreichen. Tatsächlich ist die Anzahl der Teilnehmer stark gesunken (Abbildung 1). Während die Meetings vor 2020 große, internationale Veranstaltungen gewesen waren, nahmen vier Jahre später täglich etwa 50 Personen an den Vorträgen und den Workshops teil. Außerdem blieben viele wichtige Persönlichkeiten heuer dem Meeting fern.

Abbildung 1: Die Anzahl der Konferenzteilnehmer war 2024 deutlich niedriger als in den Jahren vor der Pandemie.
Neubeginn
Es scheint, dass die Konferenzreihe nicht dort anknüpfenkonnte, wo sie 2019 aufgehört hatte. In den ersten Jahren hatte der Kern des Meetings aus den Entwicklern von Gimp und Inkscape bestanden. Im Wesentlichen fanden sich diese Personen auch 2024 in Rennes wieder, wobei allerdings nur das Inkscape-Team stark repräsentiert war. Vom Gimp-Team waren der Projektleiter Jehan Pagès, seine Ehefrau und Illustratorin Aryeom Ham sowie einige wenige andere Entwickler beziehungsweise User zugegen. Øyvind Kolås (Pippin), der Hauptentwickler der Gimp-Engine GEGL, blieb fern, obwohl er an den früheren Meetings zumeist teilgenommen hatte.
Zwar war mit Ausnahme von Blender und Digikam jedes bekannte Projekt durch zumindest eine Person vertreten, doch vor allem von den Zugpferden Krita und Darktable fehlten große Teile der Community. Vermisst wurden neben Øyvind Kolås insbesondere Tobias Ellinghaus, die “Seele” der Darktable-Community, sowie Pat David, der vorlaute, aber sympathische Organisator der “Sammel-Community” pixls.us.
Was Darktable und Rawtherapee angeht, glänzten ebenso wichtige Persönlichkeiten mit Abwesenheit – obwohl einige Entwickler in Frankreich leben. Obendrein gilt die Darktable-Community nach dem Ausscheiden von Aurélien Pierre aus dem Entwickler-Team als zerstritten und zersplittert. Rätselhaft wirkt jedoch, warum prominente User wie Boris Hajdukovic und David Revoy nicht teilnahmen, obwohl sie bei der Online-Konferenz Fedora Creative Freedom Summit teilweise mitgemacht hatten. Auch die traditionelle Eröffnungsrede, das “State of Libre Graphics”, die die Maintainerin von Krita hätte halten sollen, fiel diesen Umständen zum Opfer.
Nichtsdestotrotz war LGM 2024 eine großartige, hervorragend organisierte Konferenz mit einem interessanten Programm und einer angenehmen, harmonischen Atmosphäre. Nicht zuletzt durften sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen über deutlich bessere technische Voraussetzungen als bei früheren Konferenzen freuen. So standen beispielsweise für die Vorträge und Workshops große Bildschirme mit hervorragender Farbwiedergabe bereit.
Konferenzprogramm
Hinsichtlich des Programms [2] und der Inhalte bestand ein erster Höhepunkt in Sebastian Wicks Vortrag über Farbmanagement unter Wayland (Abbildung 2). Der bei Red Hat angestellte Entwickler räumte mit dem Irrglauben auf, dass das Thema auf HDR-Unterstützung reduziert worden sei, und stellte klar, dass HDR-Unterstützung ein funktionierendes Farbmanagement auf Systemebene voraussetzt. Letzteres ist mittlerweile theoretisch funktionsfähig. Woran es noch hakt, ist die Kommunikation zwischen den einzelnen Grafikprogrammen und der systemweiten Farbmanagement-Engine. Die Anwendungen müssen ihre Oberflächen nämlich mit einem Farbraum taggen, damit die Farbmanagement-Engine weiß, wie sie die Farben wiedergeben soll.

Abbildung 2: Sebastian Wicks Vortrag über das systemweite Farbmanagement unter Wayland zählte zu den Höhepunkten der Konferenz.
Wie das im Detail funktioniert, bildete dementsprechend den Kern von Wicks Vortrag. Es gab mehrere kürzere Fragen und Kommentare, die vordergründig weder kritisch noch skeptisch ausfielen. Dennoch überwog der Eindruck, dass ein Teil der Anwesenden Wicks Ausführungen nicht wirklich verstand und dass viele Künstler und Grafiksoftwareentwickler Wayland noch immer skeptisch gegenüberstehen. Definitiv bezeichnend war Pagès Frage, ob Farbmanagement unter Wayland möglich sei, wenn zwei oder mehr Bildschirme zum Einsatz kämen, wobei auf allen Bildschirmen dasselbe zu sehen sei. Pagès’ konkretes Beispiel war ein Wacom-Tablet in Kombination mit einem Bildschirm. Die Frage musste Wick zwar mit nein beantworten, fügte aber hinzu, dass es mit etwas Programmieraufwand technisch durchaus machbar sei.
Am zweiten Tag stießen Liam Quins Ausführungen über OpenType auf großes Interesse. Vorträge und Workshops, die gleichzeitig stattfanden, darunter “Landschaftsfotos entwickeln mit Open Source Software”, hatten nur wenige Zuhörer. Das Thema künstliche Intelligenz kam zwar lediglich verhältnismäßig kurz im Rahmen der Live-Schaltung zur parallel stattfindenden Konferenz AMRO (Art Meets Radical Openness) in Linz zur Sprache, doch das nahm der Projektleiter von Inkscape als eine willkommene Gelegenheit für ein kritisches Statement. Der Entwickler erklärte unter anderem, die Tatsache, dass künstliche Intelligenz bei LGM kein Thema sei, spreche für sich.
Der Höhepunkt des letzten Tags waren Gimp und die von Live-Musik begleitete Vor-Premiere des Trickfilms ZeMarmot. Zum Erstellen des humorvollen Kurzfilms, der das Leben einer vermenschlichten Murmeltier-Familie zeigt und eigentlich noch nicht ganz vollendet ist, nutzt Aryeom Han ausschließlich freie Software wie Gimp und Blender.
Projekte
Ein bisschen enttäuschend war vermutlich für manche Teilnehmer, dass die Entwickler das für Mai geplante Release von Gimp 3.0 auf einen unbekannten, aber hoffentlich baldigen Zeitpunkt verschoben haben. Im Rahmen der Präsentation der Gimp Roadmap war viel bereits Bekanntes wie Space Invasion und Non-destructive Editing zu hören. Obwohl Gimp schon ein bisschen in die Jahre gekommen ist, gibt es offenkundig noch zahlreiche große Pläne. Unerwähnt blieb allerdings die 10-Bit-Bildschirmausgabe beziehungsweise die Portierung nach GTK4, die sich bei Inkscape schon in der Entwicklerversion befindet.
Unter den neueren Projekten, die das LGM 2024 thematisierte, ist vor allem Penpot zu nennen. Die beliebte Designsoftware für Bedienoberflächen behandelten zwei längere Vorträge. Höchst interessant gestalteten sich darüber hinaus die zahlreichen Lightning-Talks, in denen zumeist kleinere Projekte vorgestellt wurden. Stellvertretend für alle anderen seien hier Squarish von Manufactura Independente und Paged.js von Julie Blanc erwähnt. Am Ende der Konferenz entspann sich eine kurze Diskussion darüber, wo das LGM 2025 stattfinden könnte. Dabei war vor allem von Nürnberg die Rede, doch dieser Plan scheint noch nicht allzu weit gediehen zu sein.
Fazit
LGM 2024 hat gezeigt, dass nur die Communities von Inkscape und vermutlich ebenso Blender die Pandemie unbeschadet überstanden haben. Zu beiden gibt es neben LGM auch eigene Meetings. Im Fall von Inkscape ist das vor allem dem engagierten Maintainer Marc Jeanmougin zu verdanken. Darktable und Krita sind zwar große, sehr aktiv entwickelte Projekte mit vielen Nutzern, doch ihre verhältnismäßig jungen Gemeinschaften haben offenbar dauerhaften Schaden genommen. Es dürfte wohl Jahre dauern, sie wieder aufzubauen. (csi)
Infos
- Libre Graphics Meeting: https://www.libregraphicsmeeting.org/2024/
- Konferenzprogramm: https://www.libregraphicsmeeting.org/2024/program.html






