Wohin ein Schiff steuert, geben Reederei und der Kapitän vor, die Technik setzt nur um. Auf der FOSDEM zeigt sich jedes Jahr, wie stark die Open-Source-Welt von unten aus dem Maschinenraum bestimmt wird.
Es gibt zahlreiche Open-Source-Events, viele seit Jahrzehnten. Doch wer die FOSDEM in den letzten 24 Jahren einmal erlebt hat, spürt schnell: Hier tagt das Personal aus dem Maschinenraum der FOSS-Welt. Während anderswo den Medien blinkende Lichter und extra zurückgehaltene Hacks präsentiert werden oder die Open-Source-Reeder ihre Geschäftsfreunde versammeln, um über Konzernstrategien zu tagen, wirkt die FOSDEM wie ihr Veranstaltungsort Brüssel: schmutzig, holprig, direkt, knallhart, aber eben auch multikulturell, multilingual und vielseitig.
Trotz der mittlerweile regelmäßig mehr als zehntausend Besucher an der Freien Universität Brüssel ufert die FOSDEM [1] immer weiter aus. Im FOSDEM Fringe (Abbildung 1) fanden sich dieses Jahr stattliche 30 Events, die oft bereits am Donnerstag begannen oder sich bis in die Woche danach erstreckten [2]. Am Donnerstag und Freitag lohnten sich beispielsweise die Contributor Conference for CentOS aka CentOS Connect [3], insbesondere der Vortrag von Dan Cermák (Suse) über die Selbstabschaffung der Enterprise-Linux-Distributionen und der EU Open Source Policy Summit 2024 des Open Forum Europe [4]. Daneben gab es Konferenzen rund um Matrix, Konfigurationsmanagement, MariaDB, Events im lokalen Hackerspace oder FOSDEM-Evergreens wie den FOSDEM PostgreSQL Day.

Abbildung 1: Schon im Vorfeld trafen sich Experten im FOSDEM Fringe zu Workshops, hier zu “FOSS license and security compliance tools”.
Ein Hoch auf Diversität
Langjährige Besucher der FOSDEM dürften beobachtet haben, dass das Event und die Open-Source-Community immer diverser werden: Überall Pastell- und Regenbogenfarben, stolz von Angehörigen zahlreicher Geschlechter als Haarfarbe zur Schau gestellt oder in sexy Strapsen auf behaarten Männerbeinen. Die Keynotes zeugten ebenfalls von einem frischen, deutlich weiblicher geprägten Wind. Mangels Tickets und Erfassung der Besucher lässt es sich nicht genau sagen, doch so viele nicht binäre und weibliche Besucher wie 2024 gab es wohl noch nie.
Passend dazu begann die eigentliche Konferenz am Samstag mit einer Keynote von Laura Durieux [5]. Die preisgekrönte belgische Entwicklerin (DevGirl) verfügt inzwischen über eine eigene Show [6] und einen reichweitenstarken Twitch-Kanal für Programmierer. Eine gute Dreiviertelstunde sprach Durieux über die Geschichte von Frauen in der Computertechnologie, von Ada Lovelace über Margaret Hamilton bis zu Grace Hopper und den ENIAC-Mädels. Gleich im Anschluss konnten Karen Sandler, Anna e só, Omotola Eunice Omotayo und Sage Sharp stolz von über tausend Praktikumsplätzen im Outreachy-Projekt [7] für Integration und Gleichberechtigung berichten.
Politik und Wirtschaft
Wie schon im vergangenen Jahr versammelten sich 2024 in Brüssel wieder zahlreiche Open-Source-Anwender [8]. Nach der NASA-Keynote von 2023 nahm dieses Jahr das CERN mit Stand und passendem Vortrag über Open Source im europäischen Kernforschungszentrum teil. Darüber hinaus gab es Linux-Gaming-Tablets wie die Manjaro-Steam-Konsole Orange Pi Neo (Abbildung 2) zu bestaunen. Andernorts wurden Roboter gebaut und fleißig programmiert.

Abbildung 2: Viel bespielt: Die Manjaro-Steam-Konsole Orange Pi Neo soll im April erscheinen und wohl unter 600 Euro kosten.
Aber auch die Politik blieb nicht außen vor: Wo letztes Jahr der Cyber Resilience Act für Diskussionen sorgte, stritt man dieses Jahr in Developer Rooms beispielsweise über die Legitimität von Red Hats Aktionen rund um CentOS.
Richtungsweisend
Wer sich ein Bild über die Zahlen (Hunderte Vorträge, Referenten und Devrooms) machen will, sollte sich die Abschluss-Keynote [9] ansehen, bei der die Sprecher der sämtlich heillos überfüllten Developer Rooms [10] und Hörsäle (Abbildung 3) erzählten, was man an den beiden Tagen so alles getrieben hatte. Hierbei zeigt sich außerdem der immer stärker wachsende Einfluss der Open-Source-Community auf Politik und Investoren.
Simon Webmink Phipps vom “Open Source In The European Legislative Landscape devroom” berichtete stolz von der Rolle der Konferenz in der Gesetzgebung der EU [11]: Den Cyber Resilience Act mit über 20 Nennungen von Open Source hätte es ohne die Einladung an die Politik 2023 in der heutigen, korrigierten Form nie gegeben. Damals noch ein Entwurf, der “das Ende von Open Source in Europa” bedeutet hätte (Phipps), konnte man dank der FOSDEM große Korrekturen bei der Haftung erwirken. Insgesamt, so der Tenor in vielen Gesprächen, eile die EU Deutschland stark voraus, weil sich das größte EU-Land zunehmend in Digitalisierungs- und Haushaltsproblemen verstricke. Zumindest unter den FOSDEM-Besuchern will keiner mehr auf die Deutschen warten.

Abbildung 3: Fast alle Vorträge waren heillos überfüllt, wer zu spät kam, musste stehen oder vor der Tür warten.
Und sonst? Dass es diesmal keine offizielle Ausgabe des legendären FOSDEM Beer Event gab, störte niemand. Nächstes Jahr, zum 25. Geburtstag der Veranstaltung, sollen alle ihre ältesten FOSDEM-T-Shirts mitbringen – “egal ob die noch passen!” (csi)
Infos
- FOSDEM: https://fosdem.org
- FOSDEM Fringe: https://fosdem.org/2024/fringe
- CentOS Connect: https://connect.centos.org
- Open Forum Europe: https://openforumeurope.org
- “Where have the women of tech history gone?”: https://fosdem.org/2024/schedule/event/fosdem-2024-2850-where-have-the-women-of-tech-history-gone-/
- Laura Durieux: https://www.rtbf.be/article/laura-durieux-alias-devgirl-nouvelle-animatrice-de-on-nest-pas-des-iencli-11138481
- Outreachy-Projekt: https://fosdem.org/2024/schedule/event/fosdem-2024-2522-outreachy-1000-interns/
- FOSDEM 2023: Kristian Kißling, “Wieder in der Spur”, LM 04/2023, S. 18, https://www.lm-online.de/48946
- Abschluss-Keynotes: https://fosdem.org/2024/schedule/event/fosdem-2024-3723-fosdem-2024-highlights/
- Developer Rooms: https://fosdem.org/2024/schedule/tracks/
- Simon Phipps: https://webmink.com






