S.u.S.E, SuSE, SUSE: Nicht nur die Bezeichnung hat der alteingesessene Nürnberger Distributor oft gewechselt. Die Software unterlag ebenso vielen Änderungen, oft geprägt von neuen Besitzern oder Fehlschlägen.
Als die Geschäftsleitung 2023 Suse wieder von der Börse nahm, soll das Aufatmen in der Belegschaft weithin zu hören gewesen sein. 30 Jahre nachdem Roland Dyroff, Thomas Fehr, Burchard Steinbild und Hubert Mantel (Abbildung 1) in Fürth das Nürnberger Unternehmen gründeten, war wieder einmal ein Kapitel beendet, in einer Firma, wie es nur wenig andere gibt.

Abbildung 1: Hubert Mantel (rechts) bei einer OpenSuse-Konferenz. Links im Bild einer der ersten Mitarbeiter bei Suse, Frank Sundermeyer, seit bald 30 Jahren für die Dokumentation zuständig.
Wo steht Suse heute? Die 1992 von Teilzeitstudenten ins Leben gerufene Firma stagniert seit Jahren bei um die 160 Millionen US-Dollar Quartalsumsatz und schreibt mittlerweile vor allem wegen der Schulden der letzten Einkäufe (Rancher etc.) rote Zahlen. Den Besitzer EQT dürfte all das nicht stören; die Investoren sind sicher die Einzigen, die gutes Geld mit Suse verdient haben. Lange Jahre fokussierte sich Suse auf Cloud und Container, aber von Suse Cloud (OpenStack) oder Suse Storage findet sich nichts mehr auf der Webseite. Dafür taucht mit Liberty Linux prominent der RHEL/CentOS-Support auf, mittlerweile kommt auch noch Edge Computing dazu (Abbildung 2).

Abbildung 2: Von den Ursprüngen weit entfernt: Die Suse heute bietet zwar immer noch “Business-Critical Linux”, gleichgestellt dazu aber genauso Lösungen für Container-Management und Edge.
Die Anfänge
Das war nicht immer so. Die ursprüngliche Idee der Gründer (drei Mathematikstudenten und ein Softwareentwickler) bestand darin, Unix-Software für Unternehmen zu entwickeln und beim Einsatz zu beraten. Laut Mantel beschlossen die Vier eines Tages, Linux zu vertreiben und Support anzubieten – unter dem Kürzel S.u.S.E. für “Software- und System-Entwicklung”. Im Herbst 1998 wurde der Name zu SuSE verkürzt, gleichzeitig erfolgte der Umzug von Fürth nach Nürnberg. Erst seit 2003 firmieren die grünen Linux-Hersteller vollständig in Versalien mit SUSE.
Um den Werdegang des Unternehmens und seiner Distribution ganz zu verstehen, muss man sich ein wenig in die Computerwelt Anfang der Neunziger zurückversetzen. Damals stritt man sich, ob ein “386er mit 40 MHz, Coprozessor, 4 MByte RAM” schneller sei als der 486SX-25. Wer eine 200-MByte-Festplatte besaß, galt schon als reich und verwöhnt. Linus Torvalds zahlte 1991 noch 3 500 US-Dollar für einen 386er mit 33 MHz Taktrate. Über CD-Laufwerke verfügten die wenigsten. Der Standard bei Wechselmedien waren Floppys, aber die wechselten gerade von groß, flach, Papier (5,25 Zoll, 360 KByte) auf klein, flach, Plastik (3,5 Zoll, 1,44 MByte).
Diskjockey spielen
Dementsprechend langwierig gestaltete sich die Installation. Beim mir schlug Ende 1994 an einem Freitagabend ein dubioser Freund mit einer Kiste Bier und einer Schachtel Disketten auf: “Du arbeitest an der Uni doch mit Unix, ich hab da was für dich.” Wir tranken und wechselten die Disketten bis tief in die Nacht. Als wäre es das Normalste der Welt, hinterließ der Freund den Linux-Neuling mit einem blinkenden Login-Prompt, einem stolzen “Bitteschön!” und brauste schlingernd davon. Gut, dass da noch OS/2 und Windows 3.11 mit DOS und 32-Bit-Extensions auf dem Rechner installiert waren. Wir warteten noch alle auf Windows XX, das ein Jahr später als Windows 95 erschien. Erst viel später begriff ich, dass mein Linux-386er eine von wenigen Zehntausend Installationen war.
Doch das war 1994, zwei Jahre nach der Gründung von Suse – aber genau das Jahr, als die erste offizielle S.u.S.E-Linux-Distribution erschien. Die vier Entwickler stellten schnell neue Mitarbeiter ein und begannen als Dienstleister, regelmäßig Softwarepakete wie das inzwischen eingestellte Softlanding Linux System (SLS [1]) oder Slackware [2] zu veröffentlichen. SLS wurde 1992 von Peter MacDonald erstellt und dürfte eine der ersten umfassenden Linux-Distributionen gewesen sein, die bereits Elemente wie einen X-Server und TCP/IP enthielt. Wer das nicht via Modem aus dem Internet herunterladen konnte, war auf Freunde mit Disketten oder Universitätszugang angewiesen. Im Jahr darauf kam dann Patrick Volkerding ins Spiel, räumte in der SLS-Linux-Distribution auf und nannte die neue Version Slackware.
S.u.S.E. 1.0
Vor genau drei Jahrzehnten folgte Version 1.0 der S.u.S.E.-Distribution (Abbildung 3). Im Grunde steckte dahinter nur eine Übersetzung der Slackware-Skripte ins Deutsche, mithilfe von Volkerding. Erst später gab es sie auch auf CD, doch relativ bald machten sich die Franken einen guten Namen durch herausragende, tausend Seiten dicke Handbücher in Schachteln mit komplexen mathematischen Funktionen als Grafik. Nach 1996 nutzte Suse die Jurix-Distribution von Florian La Roche als Ausgangspunkt [3]. Kurz darauf trat La Roche dem Suse-Team bei und begann mit der Entwicklung von YaST (Yet another System Tool), dem zentralen Administrationswerkzeug aller Suse-Versionen bis heute – gleichermaßen geliebt und verhasst.
Ebenfalls 1996 kam mit Version 4.2 die erste Distribution unter dem Namen S.u.S.E. Linux auf den Markt, als Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens – eine Anspielung auf Douglas Adams’ “Per Anhalter durch die Galaxis”. Übrigens: Auch die erste Versionsnummer von YaST lautete 0.42, und nach Adams’ Tod 2001 prangte auf allen Suse-Linux-Monitoren, versteckt auf einer unbenutzten Konsole, ein “So long, Douglas, and thanks for all the fish!”
Suse wuchs und gedieh, teilweise weil man immer wieder erfolgreich Technologien zu integrieren wusste, die die Community oder die Konkurrenz (zum Beispiel Red Hat) entwickelt hatten. Mit der Zeit verstanden es die Franken jedoch immer wieder vorzulegen statt hinterherzurennen. Mit S.u.S.E 5.1 kam der beliebte Window-Manager FVWM, man übernahm den Red Hat Package Manager und die Dateistruktur vom Riesen aus den USA. Auf diese Weise mauserte sich Suse schnell zum größten Linux-Anbieter Deutschlands, ab 1997 mit einem Büro in Kalifornien. Ein Jahr später entfernte man die Punkte aus dem Namen, zur Jahrtausendwende erfand man nebenbei den Namen “Enterprise Linux” – in Kooperation mit IBM, für deren Mainframes.
Ob die AMD-64-Bit-Architektur, Gnome, KDE, ReiserFS, Btrfs, KDE Plasma 5 oder die später von Red Hat eingekaufte Kernel-based Virtual Machine (KVM) – Suse war stets mit vorn dabei und wurde von den Tech-Riesen geschätzt. Im Jahr 2000 gab IBM bekannt, eine Milliarde Euro in ein Linux-Team zu investieren, das Linux Technology Center – ein Ritterschlag auch für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Suse. Die Entwickler – stolze 600 im Jahr 2006 – beschäftigten sich mit diversen Open-Source-Projekten. Dazu zählten vor allem KVM auf x86 und PowerPC, Kimchi, Apache Hadoop, OpenStack, die Open Power Foundation, die GNU-Toolchain und viele Open-Source-Standards.
Übernahmen und Probleme
Im Juli 2000 ging Suse mit der SUSE Linux 7.0 erstmals mit einer dreigeteilten Distribution an den Start: Die “Personal”-Version war auf die Anforderungen von Linux-Einsteigern und Desktop-Anwendern zugeschnitten, “Professional” (Abbildung 4) visierte den Einsatz als Server-Betriebssystem an, die “Campus Edition” war für Universitäten gedacht. Gleichzeitig stellte Suse ein kleines Team zusammen, um einen Enterprise-Linux-Server zu entwickeln. Unter der Leitung von Marcus Kraft, Bernhard Kaindl und Joachim Schröder erschien so im April 2001 der erste SUSE Linux Enterprise Server (SLES) für die x86-Architektur, für große Unternehmen als Zielgruppe. Erster Kunde wurde der schwedische Telekommunikations-Provider Telia.
Dennoch musste die Firma zeitgleich massiv Stellen abbauen, um zu überleben. Die Mitarbeiterzahl ging zurück. Von etwa 30 im Jahr 1998 war sie auf mehr als 600 gewachsen, es gab schicke Büros in Deutschland, eine Tochter in den USA – alles finanziert auf Pump durch Kapitalerhöhungen der mittlerweile gegründeten SUSE Linux AG. Die Dotcom-Blase machte es möglich: “Der reich sprudelnde Fluss aus Venture Capital drängte sich in jede Senke, die nach vielversprechender Anlage aussah”, schrieb Chris Egle, ehemaliger Suse-Mitarbeiter 2017 im Linux-Magazin [4]. “Im März 2000 aber platzte die Dotcom-Blase, die Börsenkurse knickten scharf ab, und die Wagniskapitalgeber stoppten ihre Investitionen jäh. Auch für die Suse Linux AG versiegte der Strom an frischem Geld, und mit einer Unterdeckung von bis zu zwei Millionen Euro (pro Monat!!) steuerte die Gesellschaft mit hohem Tempo auf die Insolvenz zu.”

Abbildung 4: Recht schnell bekamen die Suse-Distributionen Pakete und eine Dokumentation. Sie bestanden aus bis zu acht CDs und DVDs voller Open-Source-Software.
Während im Herbst 2001 in New York Türme einstürzten, trafen sich die Suse-Mitarbeiter zur Krisensitzung im Büro in der Deutschherrenstraße. Eine Rettung war ausschließlich durch Entlassungen und massive Einsparungen möglich. Büros schlossen, und Ende des Jahres zählte Suse noch 380 Mitarbeiter. 2005 waren es nur noch um die 250.
Da kam es gerade recht, dass ein Dinosaurier der Netzwerkwelt die Portokasse öffnete: Novell übernahm für 210 Millionen US-Dollar die SuSE Linux AG. Im Rahmen der im Februar 2004 abgeschlossenen Transaktion wurde die AG zur GmbH, einige Manager schieden aus. In Nürnberg trafen nun zwei Kulturen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Mormonen aus Provo, Utah, und Franken aus Nürnberg, Bayern. Religiöse Asketen auf der einen Seite, Bierliebhaber und Nerds auf der anderen. Openexchange Server und KDE hier, Groupwise und Ximian (Gnome) da. Wie sollte das nur gut gehen?
Mit der Übernahme von Suse wolle Novell “sein Profil als Lieferant vollständiger Linux-Lösungen für Unternehmen abrunden”, sagte Novell-CEO Jack Messman, ein ehemaliger Unternehmensberater von Cambridge Technology Partners. Einen “Technologieführer bei Linux-Lösungen” habe man gekauft. Der damalige Suse-Chef Richard Seibt lobte seinerseits Novells globale Präsenz und Marketing-Skills, bevor er sich verabschiedete. Novell bestätigte: Beim anstehenden SLES 9.0 wolle man sich nicht einmischen. Andererseits verschwanden recht schnell Projekte wie United Linux [5], eine Kooperation mit Turbolinux und Connectiva.
Für den Konkurrenten Red Hat, der erst 2002 mit seinem Produkt Red Hat Enterprise Linux nachzog, war das selbstverständlich eine Steilvorlage: “Novell ist in den letzten Jahren mit seinen Übernahmen nicht glücklich verfahren”, ätzte beispielsweise Alex Pinchev, damals President International Operations bei Red Hat. Andere, wie Linux-Verband-Chef Thomas Uhl äußerten sich optimistisch: “Die kommerzielle Bedeutung von Linux wird damit weiter steigen.” In der Tat konnte Suse aus jeder Übernahme viel lernen.
Novell war Ende der 1990er in Sachen Unternehmensnetze so etwas wie Microsoft heute für Desktop, Groupware und Cloud. In Provo war gerade ein Campus für Abertausende Mitarbeiter entstanden (Abbildung 5), mit künstlichem Wasserlauf in der Mitte – futuristischer Schick, so wie heute bei Apple oder Google. Doch wie dieser Tage Microsoft und Apple kämpfte Novell damals mit einem fundamentalen Problem: Legacy Code. Die Einnahmen bröckelten. Man wollte mit Linux neue Geschäftsfelder erschließen und die neue Open-Source-Unix-Technik übernehmen und einbauen, wie man das schon mit zahlreichen anderen Firmen vorher gemacht hatte.

Abbildung 5: Der Campus in Provo sollte mehrere Tausend Mitarbeiter beherbergen und lockte mit einer ansprechenden Außenanlage.
Suse wird eine US-Firma
Novell verlegte den Firmensitz von Suse nach Massachusetts und betonte, den Open-Source-Ansatz nicht ändern zu wollen. Auf der Hausmesse Brainshare sahen die Besucher danach überall Linux, erstmals 2004 auf allen Computern. Die Linux-Enthusiasten konnte Novell milde stimmen, indem es das vormals proprietäre YaST unter die GPL stellte. Passend zum SUSE Linux Enterprise Desktop erschien der Novell Linux Desktop. Gnome vermochte KDE nicht zu ersetzen, aber immerhin wurden die beiden Desktops für den User gleichgestellt – er musste nun bei der Installation auswählen. Lange Zeit gab es parallel zu SUSE Linux den Open Enterprise Server von Novell.
SLES 8 folgte 2002 mit mehreren Service Packs verteilt über die folgenden Jahre. Zwei Jahre später schloss sich SLES 9 an. SLES 10 folgte 2006, die 11 schon 2009 und die Version 12 im Jahr 2014. Der Sprung auf die Version 15 rührte 2018 daher, dass Codebasis und Versionsnummer mit dem OpenSuse-Projekt synchronisiert wurden – und um die 13 zu vermeiden. Für SLES 15 sind bis 2025 schlappe sieben Service Packs geplant.
Das OpenSuse-Projekt
Am 4. August 2005 kündigte Novell an, dass die Suse-Professional-Serie mit der Gründung der OpenSuse-Projektgemeinschaft offener werden würde; etwa gleichzeitig startete die Webseite Opensuse.org. Mit diesem Schritt erhoffte sich Novell (und Suse) mehr Beteiligung durch die Community: Entwickler und Benutzer sollten die Software auch ohne Suse testen und weiterentwickeln können. Die SUSE 9.1 war die erste Version unter dem Namen SUSE, die 9.2 (Abbildung 4) die erste, die ISO-Images zum Herunterladen anbot. Ab SUSE 10 existierte nur noch eine Produktlinie, ab 11.2 war der KDE-Desktop bei der Installation wieder vorausgewählt.
In SUSE Linux 10.0 fanden sich sowohl Open-Source- als auch proprietäre Anwendungen, dazu spezielle Editionen in Kartonboxen. 2006 übernahm die Distribution den Namen, aus SUSE Linux wurde OpenSUSE. Gleichzeitig entstand die Basis für das Ökosystem, das man heute als Open Build Service kennt, zunächst als internes Build-System.
Im November 2005 verließ der Gründer Hubert Mantel das Unternehmen. Für Erschütterung sorgte in der Firma seine Begründung, die Übernahme durch Novell habe Suse über seine Erwartungen hinaus verändert, und es handele sich nicht mehr um dasselbe Unternehmen, das er 13 Jahre zuvor gegründet habe. Grund für seinen Rücktritt war ein Streit über die Implementierung von Ximian-Produkten in die Gnome-basierte Standard-Desktop-Umgebung für die von ihm gegründete Distribution. Nur ein Jahr später trat er allerdings wieder in die Firma ein.
Neben Mantel hat auch Nat Friedman bei Suse bleibende Spuren hinterlassen. Der Mitgründer der Gnome-Firma Ximian kam durch die Übernahme seines Unternehmens zu Novell und damit später zu Suse. Bei Novell war er bis 2010 Chief Technology and Strategy Officer für Open Source und rief das Hula-Projekt ins Leben. Daneben startete Friedman das Online-Distributions-Tool SUSE Studio, mit dem sich Anwender auf einer Webseite eine maßgeschneiderte Distribution zusammenklicken konnten. Die Infrastruktur dahinter findet sich heute noch an einigen Stellen bei Suse, auch wenn das Studio 2017 geschlossen wurde.
Microsoft-Vereinbarung
Das Potenzial für Drama blieb Suse treu: 2006 unterzeichnete Novell ein “Interoperabilitätsabkommen” mit Microsoft, um die Zusammenarbeit mit Windows zu verbessern, aber auch eine gemeinsame “Förderung/Vermarktung der Produkte und die Lizenzierung von Patenten” anzustoßen. Hoch umstritten und stark kritisiert, sahen viele Vertreter der Open-Source-Welt wieder einmal das Ende von Suse nahe. Dennoch erneuerte man das Abkommen 2011, als der nächste Eigentümer vor der Tür stand.
Sieben Jahre und zahlreiche Softwareversionen hielt Novell durch, doch letztlich schienen sich die Unkenrufe zu bestätigen: Was Novell anfasst, kann nicht gelingen. Im Jahr 1979 in Provo gegründet, mit Netware, einem Netzwerkbetriebssystem groß geworden, übernahm man bekannte Namen wie DR DOS, WordPerfect, war aber ebenso an den Klagen SCO vs. Linux beteiligt [6]. Dennoch lief das Geschäft nicht mehr: 2009/10 musste man bereits drei Prozent der über 3600 Mitarbeiter entlassen, trotz mehr als 800 Millionen Euro Umsatz.
Kein Wunder also, dass Novell im November 2010 mitteilte, der Übernahme durch The Attachmate Group für 2,2 Milliarden US-Dollar zugestimmt zu haben. Viele Suse-Mitarbeiter jubelten, weil Attachmate Novell und Suse wieder in zwei separate Firmeneinheiten aufdröselte und die hausinterne Softwarekonkurrenz damit endete. Dabei gliederte man Novell in den Legacy-Software-Stack ein, und die Nürnberger sollten eine hoffnungsfrohe Zukunft darstellen.
Attachmate, Patent-Deals
Gleichzeitig sollte ein von Microsoft geführtes Konsortium (CPTN) den Deal mit Patentkäufen finanzieren. Allerdings meldete vorher das US-Justizministerium noch Probleme an: Kartellrechtliche Bedenken müssten ausgeräumt werden. Das Geschäft in der ursprünglich vorgeschlagenen Form könne Open-Source-Software wie Linux gefährden, vor allem hinsichtlich der Innovationskraft bei der Entwicklung und Verteilung von Server-, Desktop- und mobilen Betriebssystemen sowie von Middleware und Virtualisierungsprodukten. Dementsprechend einigte man sich bei den Patenten auf die GPLv2 und die Open-Invention-Network-Lizenz und darauf, keine weiteren Einschränkungen vorzunehmen. Die Übernahme wurde am 27. April 2011 abgeschlossen.
Noch im selben Jahr entstand der Open Build Service. Die offene Entwicklungsplattform für beliebige Distributionen und Plattformen diente bis zur Umbenennung als interne Build-Umgebung bei Suse. Über die nächsten Jahre sollte sich der OBS zu einem Ort entwickeln, wo Software für ganze Linux-Distributionen gebaut wird – automatisiert und getestet. Nebenbei entstand auf diese Weise ein komplettes Ökosystem für den SLES, OpenSuse, aber auch für Red Hat oder Debian-Distros. OBS kommt außerdem in der Industrie zum Einsatz, beispielsweise bei der US-Post, in Uni-Rechenzentren, aber auch bei Cray oder Dell. 2014 führte Suse sein “Factory” getauftes Developer-Release mit den Entwickler-Repositories des Tumbleweed-Projekts zusammen. Unter OpenSuse Tumbleweed versteht man heute eine Rolling Release ohne Versionssprünge und Upgrades – es wird fortlaufend aktualisiert, aus dem Build Service.
Microfocus
Attachmate sollte ebenfalls nicht lange als Eigentümer von Suse überleben: Am 20. November 2014 fusionierte die Attachmate Group mit dem britischen Unternehmen Micro Focus und bildete die gleichnamige Group, in der Suse als separater Geschäftsbereich mit einem eigenen Produktportfolio betrieben wurde. Viele von schlechten Erfahrungen mit Novell geplagte Mitarbeiter jubelten, als Micro Focus sich daranmachte, alle Spuren von Novell-Marken und -Brands zu entfernen, sogar das Novell-Schild am neuen Suse-Büro. Im Riesencampus in Utah war Novell nun nur noch ein Mieter und belegte eine einzelne Etage in den Gebäuden, die das Unternehmen um die Jahrtausendwende selbst gebaut hatte.
Sowohl unter Attachmate als auch unter Micro Focus blühte Suse auf. Das Marketing der Amerikaner und die Skills der britischen Legacy-Experten ließen die Umsätze auf 600 Millionen Euro steigen. Unter Entwicklungsleiter Ralf Flaxa entstand so ein ganzer Open-Source-Cloud-Stack, dem im Nachhinein betrachtet allerdings wenig Erfolg beschieden war. Die Cashcow blieb immer der Enterprise Server, das Arbeitstier unter der Suse (OpenStack) Cloud von 2012, Suse Storage (2015 bis 2021), aber auch den Container-Lösungen SUSE Containers as a Service Platform (CaaSP, 2016) und SUSE Cloud Application Platform (CAP, 2018). Bereits seit 2011 hatte der SUSE Manager Novells Zenworks abgelöst. Der Fork von Red Hats Spacewalk kam 2018 als Uyuni in die Welt, während Red Hat sein Spacewalk-Projekt 2020 einstellte. In Raleigh war Spacewalk bis Version 5 die Basis für den Satellite Server gewesen, ab Version 6 setzte man dort auf Foreman [7].
Mit OpenSuse Leap tauchte 2015 wieder ein neuer Name in der Welt der Distributionen auf. Mit einem Release pro Jahr und zwischendurch lediglich Updates zielt Leap auf Anwender ab, die Suse durchaus mal auf dem Server, eher aber auf dem Desktop einsetzen, jedoch nicht dauernd Hunderte Megabytes an Updates herunterladen wollen wie bei Tumbleweed. Dazu gesellte sich noch das minimalistische MicroOS (2017), seit 2023 als Gnome- oder KDE-Spin, containerisiert und immutable, aber mit vielen Flatpak-Apps. MicroOS baut auf OpenSuse Kubic auf, das 2022 weitgehend eingestellt wurde.
Letzter Akt: EQT
Im Jahr 2018 begann dann der vorläufig letzte Akt der Suse-Geschichte. Micro Focus hatte sich bei einer Übernahme im Reverse-Pay-Verfahren (der Verkäufer zahlt den Kaufpreis) übernommen und musste seinen Geschäftsbereich Suse für 2,535 Milliarden US-Dollar an den schwedischen “Nachhaltigkeits-Fonds” EQT Partners verkaufen. Die “Carve-out” getaufte Übernahme, also das Herausschneiden von Suse aus den drei großen Konzernstrukturen, sollte ein Jahr dauern. Unter den Mitarbeitern kursierte folgender Witz: “Wir wurden vier Mal gekauft, drei der Käufer gibt es nicht mehr. Welcome EQT!”
Unter EQT wurde Suse eine “normale” Firma mit viel Microsoft- und US-Cloud-Infrastruktur und ging unter CEO Melissa Di Donato 2021 an die Börse – Ausgabekurs 30 Euro, Wert 5 Milliarden Euro, 500 Millionen Einnahmen für Suse selbst. Nur wenige Jahre später verließ man 2023 das Parkett wieder, bei einem Aktienkurs von 10 Euro. Die Nürnberger Zentrale zog in den Süden um, in die Trabantenstadt Langwasser.
Fazit und Ausblick
Auch 30 Jahre nach der Gründung ist die Haupteinnahmequelle von Suse unverändert: Linux-Lizenzen für Enterprise-Kunden. Aber viele Softwareprodukte gingen in der Zeit den Bach hinunter, noch mehr Manager folgten. Business-Critical Linux, Enterprise-Container-Management und Edge Computing dominieren das Angebot, in dem SAP, Real-time Linux, Suse Linux Enterprise Micro und K3s eine wichtige Rolle spielen. Dazu kommen die bekannten HA- und HPC-Lösungen sowie Enterprise Linux für ARM, Power und IBM Z. In die Amtszeit von Di Donato fallen zudem die Neuerwerbungen von Rancher (Kubernetes Management) und NeuVector (Zero Trust Container Security). Von CAP, CaaSP, Cloud oder Storage fehlt jede Spur, auch das legendäre Suse-Museum fiel dem jüngsten Umzug zum Opfer (Abbildung 6).

Abbildung 6: Das “Suseum” – das firmeninterne, von Mitarbeitern liebevoll gepflegte Suse-Museum mit allen Distributionen und jeder Menge skurrilem Swag – fiel dem jüngsten Umzug zum Opfer. In einem Regal standen hier drei Jahrzehnte Suse-Boxen.
Doch eines ist klar: Suse ist heute hoch verschuldet. Nach dem Börsengang stand man noch mit etlichen Hundert Millionen im Minus, dazu kamen die Kosten für Rancher und NeuVector. All die Verbindlichkeiten färben die Bilanz der Nürnberger tiefrot. Ob die neuen technischen Entwicklungen um die Adaptable Linux Platform (ALP [8]) und Slowroll (wie Tumbleweed ein Rolling Release, nur langsamer) für neue Einnahmequellen sorgen können, bleibt abzuwarten. Aber SUSE hat sich ja immer irgendwie durchgeschlagen. (csi)
Der Autor
Markus Feilner, Berater für Open-Source-Strategien aus Regensburg, arbeitet seit 1994 mit Linux. Er war stellvertretender Chefredakteur des Linux-Magazins, von 2014 bis 2019 Teamleiter der Dokumentation bei Suse und hat sich mit seiner Firma Feilner IT auf die OSI-Layer 8, 9 und 10 spezialisiert.
Infos
- SLS: https://archiveos.org/sls/
- Slackware: http://www.slackware.com
- Jurix: https://linux.softpedia.com/get/System/Operating-Systems/Linux-Distributions/jurix-38610.shtml
- Der Wendepunkt – Suses 9/11: Christian Egle, “Bauwerke in Gefahr”, LM 10/2017, S. 26, https://www.lm-online.de/39806
- United Linux: https://www.suse.com/news/united_linux/
- SCO vs. Linux: https://www.zdnet.com/article/after-almost-20-years-the-sco-vs-ibm-lawsuit-may-finally-be-ending/
- Foreman: https://theforeman.org
- Suse ALP: https://susealp.io







