Aus Linux-Magazin 09/2023

Erfahrungen eines Open-Source-Vorreiters in der öffentlichen Verwaltung

© Pixelvario / 123RF.com

Schwäbisch Hall ist eine FOSS-Vorzeigekommune: Dort setzt man Open Source seit zwei Jahrzehnten konsequent ein. Das Linux-Magazin fragte den IT-Leiter der Stadt nach seinen Erfahrungen.

Von Schwäbisch Hall könnte sich manche Stadtverwaltung abgucken, wie eine Migration hin zu freier Software in der Verwaltung funktioniert. Dennoch ist man auch in Schwäbisch Hall sehr an Erfahrungsaustausch interessiert. Dass es dafür bislang noch keine bundesweite Plattform gibt, bedauern die Württemberger sehr.

Unser Gesprächspartner

Michael Höfner ist Leiter der IT-Abteilung der Stadt Schwäbisch Hall. Der 38-Jährige hat die Abteilung zum Juli 2021 übernommen. Als Abteilungsleiter ist er zuständig für die knapp 500 Linux-basierten PC-Arbeitsplätze, das Rechenzentrum mit über 200 Servern und die gesamte IT-Infrastruktur der Stadt. Höfner hat in Mannheim Informatik studiert und arbeitete zuvor unter anderem als Rechenzentrumsadministrator sowie IT-Projektleiter und Programmmanager in der Pharmaindustrie.

Linux-Magazin: Schwäbisch Hall ist ja einer der Vorreiter für Linux in der öffentlichen Verwaltung. Vielleicht können Sie zunächst noch einmal kurz zusammenfassen, was die Stadt bis heute erreicht hat und was noch ansteht?

Michael Höfner: Seit über 20 Jahren laufen bei der Stadt Schwäbisch Hall alle Clients konsequent unter Linux. Dieses Alleinstellungsmerkmal zeichnet Schwäbisch Hall im kommunalen Umfeld aus. Hinzu kommt, dass wir auf ein zentrales Open-Source basiertes ID-Management setzen. Als Office-Suite benutzen wir LibreOffice, unser Dateimanagement funktioniert über eine Nextcloud, und die Groupware basiert auf Open-Xchange. Zusätzlich betreiben wir ein Ticket-System auf OTRS-Basis und ein Wiki für das Intranet.

LM: Eine Hürde beim Wechsel zu Linux in der Verwaltung sind Fachanwendungen, die meist nicht ohne Weiteres unter Linux laufen. Die Lösungen reichen von der Neuentwicklung über den Windows-Emulator Wine bis zu Applikationen in Containern oder Webanwendungen. Welchen Weg ist Schwäbisch Hall gegangen, und was würden Sie empfehlen?

MH: Wir bevorzugen im allgemeinen plattformunabhängige Lösungen. Sollte das einmal nicht möglich sein, betreiben wir Windows-basierte Anwendungen stattdessen in unserer Citrix-Farm oder mittels Terminalserver. Wegen ihrer Ressourcenoptimierung setzen wir auch Container ein, doch lassen sich die wenigsten Fachanwendungen auf diese Weise betreiben. Es gibt von Bund und Land kaum Unterstützung für plattformunabhängige Lösungen, was den Betrieb der Fachanwendungen zu einer Herausforderung macht. Es gibt in der Regel keine pauschale Lösung, in vielen Fällen steht eine Einzelfallentscheidung an.

LM: Was könnten der Bund oder das Land denn konkret tun, um Sie bei der Migration hin zu plattformunabhängigen Lösungen besser zu unterstützen?

MH: Es wäre für uns eine große Hilfe, wenn Bund und Länder große Unternehmen mit Quasi-Monopolstatus, auf deren Hard- und Software die Verwaltungen angewiesen sind, dazu anhalten würden, die Entwicklung plattformunabhängiger Lösungen zu unterstützen. Das stellt aus meiner Sicht einen zwingenden ersten Schritt auf dem Weg zur vollumfänglichen digitalen Souveränität dar.

LM: Ein Dauerthema bei einer Migration weg von Windows ist der Datenaustausch mit Partnern, die ihrerseits weiter das Microsoft-Betriebssystem einsetzen. Wie haben Sie dieses Problem gelöst?

MH: Da LibreOffice die Microsoft-Office-Formate einlesen und ausgeben kann, haben wir hier keine relevanten Probleme. Wie man weiß, kann jedoch selbst der Datenaustausch zwischen den verschiedenen Versionen der MS-Office-Suite Probleme bereiten, Stichwort Formatierungen. So etwas gibt es natürlich auch hier. Aber im Allgemeinen kann man sagen, dass die Formatkompatibilität von LibreOffice sehr gut ist und kaum Probleme aufwirft. Allerdings stellt die Zwangsintegration von Microsoft Office in Fachanwendungen immer wieder eine Herausforderung dar.

LM: Sind Sie der Meinung, dass eine Open-Source-Verwaltung auch die kostengünstigere Verwaltung ist?

MH: Das lässt sich nur schwer beziffern. Prinzipiell bedeutet Open Source ja nicht dasselbe wie kostenlos. Es gilt die Forderung, dass digitale Souveränität nicht billige digitale Souveränität sein darf. Man sollte sich vielmehr die Frage stellen, ob Einsparungen im digitalen Bereich der Verwaltung wirklich Sinn ergeben. Sofern es die Haushaltslage hergibt, sind Einsparungen nicht unsere primäre Motivation. Verschiedene Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass öffentliche Verwaltungen aufgrund der Masse an sensiblen persönlichen Daten, mit denen sie arbeiten, im Fokus von Angreifern stehen. Die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit nach einem Angriff kann durchaus mehrere Monate dauern. Aus dieser Perspektive erscheint mir das Sparen an digitaler Infrastruktur als falscher Ansatz.

LM: Sicher ist das Sparen an der Sicherheit der falsche Weg. Aber der Wegfall von Lizenzkosten, die Möglichkeit Anwendungen anzupassen, statt sie neu zu entwickeln, Leistungen, die eine Community unentgeltlich erbringt – können das nicht auch Kostenvorteile sein?

MH: Ich kann den Fokus auf Lizenzkosten nicht nachvollziehen. Sie machen nur einen kleinen Teil der Betriebskosten aus. Im Normalfall bietet kommerzielle Software auch gewisse Sicherheiten bezüglich Funktionalität und Support. Will man das auch bei Open-Source haben, schwindet der vermeintliche Kostenvorteil schnell dahin. Anhand von Open Source Weiterentwicklungen selbst zu programmieren, stellt für uns eher einen theoretischen Vorteil dar. In der Praxis haben wir weder ausreichend Ressourcen noch Zeit, um die meist Hunderttausenden Zeilen Quellcode auf Sicherheitsmängel zu analysieren oder für Weiterentwicklungen zu nutzen. Da zählt eher der Community-Vorteil von FOSS. Dadurch, dass eine große Zahl von Personen auf den Code Zugriff hat, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass Fehler schnell auffallen.

LM: Einerseits lässt sich eine erfolgreiche Migration wahrscheinlich nicht gegen die Belegschaft durchsetzen, andererseits ist das Beharren am Gewohnten und Bekannten sicher eine menschliche Schwäche. Wie nimmt man Ihrer Erfahrung nach die Mitarbeiter bei der Umstellung auf Open-Source-Lösungen am besten mit?

MH: Nach meiner Erfahrung ist ein funktionierendes Arbeitsmittel entscheidend. Solange die Mitarbeitenden damit schnell und effizient ihre Arbeit erledigen können, spielt die Plattform eine untergeordnete Rolle. Sie haben schon recht, dass das Gewohnte einem immer näher liegt als das Ungewohnte. Deshalb stellen die Usability und eine intuitiv zu bedienende, optisch ansprechende Oberfläche einen entscheidenden Faktor bei der Akzeptanz dar. Darüber hinaus trägt eine gute IT-Basisschulung einen großen Anteil zur Akzeptanz bei. Sie ermöglicht den Anwendern, sich im System zurechtzufinden.

LM: Ein wichtiges Thema ist die Unterstützung der Kommunen durch das Bundesland. Wie zufrieden sind Sie mit der Hilfe durch übergeordnete Verwaltungen?

MH: Wir haben bisher weder vom Land noch vom Bund Unterstützung erhalten. Gerade beim Thema Spezialhardware für Fachanwendungen würden wir uns mehr Hilfe wünschen, um eine digitale Souveränität auch in diesem Bereich realisieren zu können.

LM: In der Vergangenheit erwies sich der Erfahrungsaustausch der wechselwilligen Kommunen untereinander als noch ungenügend. Wie schätzen Sie heute die Zusammenarbeit der Open-Source-affinen Verwaltungen ein?

MH: Wir empfinden die Zusammenarbeit in weiten Teilen als ausbaufähig. Wir stehen aber mit einzelnen Städten im Austausch, beispielsweise mit Reutlingen, und wollen das weiter ausbauen. Hier zeigen sich keine Unterschiede zwischen Open-Source-affinen und proprietär arbeitenden Verwaltungen.

LM: Wenn Sie von einer Open-Source-Lösung hören, die auch für Sie nützlich ist, dann können Sie die einfach übernehmen. Bei einer proprietären Lösung würde dasselbe als Raubkopie gelten; Sie müssten die nötige Software kaufen. Open Source eröffnet Verwaltungen also größere Spielräume, oder nicht? Auch in größeren Kommunen wie Dortmund, Köln oder neuerdings auch wieder München gibt es Bestrebungen, stärker auf Open Source zu setzen. Könnte da nicht eine bundesweite Plattform für den Erfahrungsaustausch helfen?

MH: Absolut! Wie schon erwähnt, wären wir sehr interessiert an einem – am besten bundesweiten – Forum zu Open-Source-Lösungen in Verwaltungen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Bestrebungen, so etwas zu etablieren. Allerdings verlief das meist im Sand. Aus meiner Sicht müsste so ein Forum auch immer die Hard- und Softwarehersteller einbinden, zu denen wir als Verwaltung Abhängigkeiten aufweisen. Nur so kann ein derartiges Forum auf Dauer zum Erfolg führen. Wir kennen zwar die Ankündigungen der genannten Kommunen, wissen aber nicht, wie weit dort die Umsetzung bisher gediehen ist.

LM: Landauf, landab klagen die Arbeitgeber über Fachkräftemangel. Ist es Ihnen leicht gefallen, IT-Spezialisten mit Linux-Know-how anzuwerben?

MH: Aus der Erfahrung heraus suchen wir IT-Spezialisten mit einem offenen Mindset und setzen stark auf eigene Ausbildung. Da die Vergütung im öffentlichen Dienst grundsätzlich tarifgebunden ist, stellt es hier eine wesentliche Herausforderung dar, geeignetes Fachpersonal zu finden.

LM: Vielen Dank für diese interessanten Einblicke und weiter viel Erfolg für die Open-Source-Strategie in Schwäbisch Hall!

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