Um schnell und einfach Prozesse zu digitalisieren, greifen immer mehr Unternehmen auf Low-Code- oder No-Code-Plattformen zurück, die es auch Nicht-Informatikern erlauben, eigene Applikationen zu erschaffen. Das bewirkt einen Paradigmenwechsel in der IT, der weit über reine Softwareentwicklung hinausgeht.
Laut Bitkom sollen in Deutschland derzeit 137 000 IT-Fachkräfte fehlen. Das hat verschiedene Gründe, einer davon findet sich sicher im demografischem Wandel. Um eine weniger beachtete, jedoch sehr wichtige Ursache zu erkennen, braucht es eine Veränderung des Blickwinkels: Wo immer etwas fehlt, liegt ein Bedarf zugrunde. Und der Bedarf an Unternehmenssoftware ist derzeit so hoch wie noch nie. Selbst nach dem Siegeszug von Cloud Computing wächst er unentwegt weiter. Etwa 500 Millionen neue Anwendungen sollen laut einer Schätzung von IDC zwischen 2020 und 2025 entwickelt werden – sofern die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stehen. Also kommt es darauf an, eben diese Ressourcen zu erschließen. Genau dafür erweisen sich Low-Code- und No-Code-Plattformen als probate Mittel. Gemeint sind damit Entwicklungsumgebungen, die mit einem grafischen Baukastensystem komplexe und zeitraubende Aspekte der Programmierung vereinfachen. Das verändert nicht nur die Entwicklungsprozesse in Unternehmen, sondern auch die grundlegende Herangehensweise an die digitale Transformation.
Low-Code entlastet Entwickler
Inzwischen sind Low-Code-Plattformen für zahlreiche Unternehmen das Mittel der Wahl, wenn es darum geht, die Softwareentwicklung zu beschleunigen und damit die IT-Abteilung zu entlasten. Dabei kommt eine grafische Benutzeroberfläche zum Einsatz, die dem Anwender verschiedene Code-Module innerhalb einer grafischen Oberfläche anbietet. Die Module zielen vor allem darauf ab, eine Art Grundgerüst für die eher generischen Teile des Anwendungscodes bereitzustellen. Zugleich soll ein integrierter Modulbaukasten möglichst viele Optionen zur Weiterentwicklung des Basiscodes bieten. Typischerweise enthalten die Plattformen einen Designer, mit dessen Hilfe sich die einzelnen Module per Drag-and-Drop kombinieren lassen. Auf diese Weise kann man den grafisch dargestellten Code Schritt für Schritt individualisieren, um ihn dann je nach Bedarf durch selbstgecodete Passagen zu erweitern. In der Regel lässt sich dazu mindestens eine Programmiersprache innerhalb der Plattform nutzen.
Konkret beschleunigen Programmierer auf diesem Weg zumeist die Entwicklung von Workflows, Formularen und Datenmodellen. Aber auch die Integration einzelner Anwendungsteile oder ganzer Applikationen gehört zu den beliebten Nutzungsmotiven. Oft ist es damit allerdings nicht getan, denn die Anforderungen an die Infrastruktur digitalisierter Unternehmen können sich laufend verändern. In solchen Fällen ist visuelles Programmieren der schnellste Weg, um entsprechende Anpassungen vorzunehmen und so agil zu bleiben.
Trotz der umfangreichen Vereinfachungen gegenüber herkömmlicher Softwareentwicklung fällt die Nutzung von Low-Code nicht ganz unkompliziert aus. In der Regel braucht es dafür mindestens grundlegende IT-Kenntnisse. Überall, wo diese kaum vorhanden sind oder die Zeit fehlt, muss der Low-Code-Ansatz einen Schritt weiter gedacht werden.
Software ohne eigenen Code
Damit auch Nicht-Programmierer eigene Anwendungen erstellen können, wurden sogenannte No-Code-Plattformen entwickelt. Diese setzen die Einstiegshürde gegenüber Low-Code um eine weitere Stufe herab. Das User Interface ist noch stärker auf grafische Bausteine und Drag-and-drop ausgelegt, um die Nutzung intuitiver zu gestalten. Häufig erinnert der oberflächliche Aufbau an die Logik gängiger Programmiersprachen. So bewegen Sie Code-Bausteine einerseits beispielsweise in eine offene Fläche, die einen When-Trigger abbildet und den Auslöser für einen Workflow definiert. Andererseits bestimmen ebenfalls kombinierte Drag-and-drop-Elemente die Aktionen, die ausgeführt werden sollen.
Im Gegensatz zu Low-Code verlangt No-Code prinzipiell keinerlei eigenen Code. Dieser wird während des Zusammenklickens eines Workflows oder einer Anwendung lediglich im Backend der Plattform generiert, sodass der Nutzer ihn überhaupt nicht zu Gesicht bekommt. Auch die weitere Individualisierung erfolgt über das User Interface: Durch jeden Baustein lassen sich zugehörige Datenmasken öffnen, über die der Nutzer eine Vielzahl an präzisierenden Informationen eintragen kann. Die bestehen manchmal ebenfalls aus Ergebnissen, die zuvor definierte Drag-and-drop-Elemente generiert haben. Abschließend werden die Inhalte in den versteckten Code überführt. So können Mitarbeiter mit geringer IT-Affinität eigene Workflows zur Digitalisierung vertrauter Prozesse erstellen (Abbildung 1). In diesem Zusammenhang hat sich inzwischen der Begriff Citizen Developer durchgesetzt. Zu den typischen Anwendungsbeispielen zählen etwa eine automatisierte Rechnungsprüfung und Orderannahme sowie die Bearbeitung von Offene-Posten-Listen.

Abbildung 1: Dank Auswahl und Kombination vorgefertigter Module entsteht bei Low- oder No-Code Software viel schneller und kostengünstiger als mit herkömmlicher Programmierung. Quelle: Denis Putilov / 123rf.com
No-Code für Profiprogrammierer
Während Low-Code-Plattformen in ihrer Nutzerfreundlichkeit immer näher an den Citizen Developer heranrücken, beschleunigen längst auch professionelle Programmierer auf diesem Weg nicht nur einzelne Prozesse, sondern nutzen No-Code als Ausdrucksform ihres Handwerks. Die Softwareentwicklung gelingt damit um ein Vielfaches schneller als mit herkömmlicher Programmierung. Das bietet ein enormes Potenzial, um neue Business Cases unmittelbar in Software zu gießen – entweder zu Demonstrationszwecken oder für direkt einsetzbare Minimum Viable Products (MVP). Letzere lassen sich nach ersten Tests mittels Low-, No-, oder gewöhnlichen Codings beliebig ausdifferenzieren. In Zukunft könnten Unternehmen zunehmend auf mehrere Plattformen gleichzeitig zurückgreifen, um die Optionen in dieser Hinsicht zu erweitern.
Allerdings entsteht inzwischen zudem manch umfangreiche Unternehmensanwendung in Gänze durch reines No-Coding. Die Menge der komplexen Use Cases bis hin zu Enterprise-Applikationen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Das betrifft typischerweise ERP- und CRM-Systeme, aber genauso Einkaufsplattformen inklusive Frontend sowie QM-Systeme. Die Zahl der Anwendungsmöglichkeiten kennt prinzipiell keine Grenze. Programmierer können jederzeit selbst entscheiden, welche Applikationen sie durch No-Coding entwickeln und wo beispielsweise eine Kombination aus Low- und herkömmlichem Code ihren individuellen Ansprüchen besser genügt.
Die Befürchtung, die neue Technologie könne Entwickler ersetzen, erweist sich in den meisten Fällen als unbegründet. Stattdessen erweitert sich der Werkzeugkasten der IT, um in kürzerer Zeit mehr Arbeit zu bewältigen. Und davon gibt es derzeit bekanntlich mehr als genug.
Über Drag-and-drop zur API
Fertige Anwendungen in die Infrastruktur zu integrieren, ist für Unternehmen oft zusätzlich kosten- und zeitintensiv. Besonders der Umgang mit den dafür notwendigen Anwendungsschnittstellen (APIs), gestaltet sich häufig ähnlich kompliziert wie die Softwareentwicklung. Auch für dieses Problem liefern viele Low- und No-Code-Plattformen einfache Lösungen: Die benötigten APIs lassen sich erneut unkompliziert per Drag-and-Drop erstellen und anbinden. So definieren Sie beispielsweise im einem When-Trigger die notwendigen Datenfelder einer Webschnittstelle, die bei Dateneingang den API-Endpunkt in Gang setzen. Über einen API-Request kann dort nun eine andere Applikation Prozesse nach einer bestimmten Logik ausführen oder Daten abrufen. Entgegengesetzt lassen sich die Daten auch durch einen integrierten Workflow vorab aufbereiten und via API-Call an das andere System übermitteln. Der Import eines »curl«-Befehls hilft dabei, die Daten zu transferieren und die Authentifizierung zu erledigen.
Auf Basis dieser Prinzipien fungieren viele Low- und No-Code-Plattformen als Middleware, die weite Teile des Unternehmens kommunikativ zusammenhält (Abbildung 2). Dank flexibler, webbasierter REST-APIs und vielseitiger Datenformate sowie verschiedenster Konnektoren stellen darüber hinaus Alt- und Fremdsysteme kein Hindernis mehr dar. Selbst die Migration aus diversen Altdatenbanken verwandelt sich so in einen Hintergrundprozess. Auf lange Sicht lässt sich dadurch jedes Unternehmen in ein gut vernetztes API-Ökosystem transformieren, das außerdem diverse Produktionsanlagen miteinbezieht. Sogar große Teile des Datentransfers zwischen Handelspartnern laufen zunehmend automatisiert über bereitgestellte APIs ab. In diesem Zusammenhang taucht immer häufiger das Schlagwort API-Economy auf. Der Weg zu einem solchen ganzheitlichen Einsatz neuer Technologie beginnt in der Regel mit einigen wesentlichen Entscheidungen.

Abbildung 2: Ansicht einer Freigabeentität mit Feldern und Relationen: Im linken Seitenmenü befinden sich verschiedene Feldtypen, die der Erstellung einer Datentabelle dienen können.
Die passende Plattform finden
Entsprechend der weiten Spanne an Möglichkeiten können die Motive zur Integration einer Low- oder No-Code-Plattform stark variieren. Von Anfang an sollten sie allerdings zumindest im Kern klar definiert sein, um die Auswahl der passenden Lösung sowie deren möglichst effiziente Implementierung zu gewährleisten.
Für die Entscheidung zwischen Low- und No-Code ist zunächst das vorhandene Know-how maßgeblich. Dabei handelt es sich allerdings um keine starre Ressource – in der Regel wächst es während der Nutzung. Insbesondere No-Code eignet sich im Laufe der Zeit für Learning by Doing, sodass fachkompetente Mitarbeiter ihre entsprechenden Fähigkeiten kontinuierlich und selbstständig verbessern. Auch das besonders häufige Auftreten neuer Prozesse, deren Komplexität jedoch überschaubar ausfällt, spricht eher für die Einführung einer No-Code-Plattform.
Fällt die Wahl auf Low-Code, unterscheiden sich die Plattformen darin, ob sie nativen Code generieren oder über einen Interpreter den entwickelten Code noch für die Runtime übersetzen müssen. Der letztgenannte Fall verlangt nach mehr Rechenleistung, was die Entscheidung beeinflussen kann. Ein weiteres Kriterium ist der Funktionsumfang des User Interface, bestenfalls finden sich darin eine ereignisgesteuerte Architektur sowie die Anwendbarkeit auf komplexe Szenarios im Backoffice.
Absolut unverzichtbar – egal bei welchem Plattformtyp – ist der möglichst direkte Zugriff auf die maßgeblichen Datenquellen (Systems of Records), der nur mit umfangreichen API-Fähigkeiten funktioniert. Damit überwinden Sie Datensilos und Anwendungsinseln vieler Standardlösungen. Je nach den Ansprüchen an die Datensicherheit sollten Sie zudem auf den Serverstandort Deutschland Wert legen. Neben den technischen Eigenschaften spielt nicht zuletzt der Support eine wichtige Rolle.
Hilfe zur Selbsthilfe leisten
Viele Hersteller betreiben Low-Code- und No-Code-Plattformen nach dem Software-as-a-Service-Modell. Unternehmen können dabei zahlreiche Unterstützungsmöglichkeiten durch den Anbieter in Anspruch nehmen. Die Angebote reichen von individueller Beratung über Mitarbeiterschulungen bis hin zu konkreter Hilfe bei der Entwicklung von Anwendungen. Zudem tragen die Hersteller für regelmäßige Updates und Einhaltung von Sicherheitsstandards Sorge, wenn die Plattform über die Cloud implementiert ist. Für Unternehmen, die sich mehr Flexibilität oder Kontrolle über ihre Daten wünschen, ist in manchen Fällen eine Nutzung über eigene Server vor Ort möglich.
Die Kosten dafür richten sich danach, wie intensiv Kunden die Plattformen nutzen, also beispielsweise nach der Anzahl der Workflows. Das bietet Vorteile gegenüber teurer Standardsoftware, von der eventuell nur einen Teil der Funktionalitäten erforderlich ist. Entscheiden müssen Sie sich zwischen diesen beiden Ansätzen jedoch nicht: Als cloudbasierte Middleware erlauben Low-Code- und No-Code-Plattformen die Integration einer Vielzahl von Fremdsystemen. So können sich Unternehmen in jedem Einzelfall für die individuell passende Softwarelösung entscheiden – ganz im Sinne einer Best-of-Breed-Philosophie. Zusätzlich wird dieser Ansatz durch die Möglichkeit kurzfristiger Anpassungen, die schnelle Integration neuer Anwendungen und Verbesserungen durch den Anbieter unterstützt.
Schonend mit Ressourcen umgehen
So unterschiedlich die Ziele ausfallen können, die Unternehmen am Ende mit der Plattform erreichen wollen, ein häufiger gemeinsamer Nenner ist ein bisheriger Mangel an dafür notwendigen Ressourcen. In dieser Hinsicht ergeben sich bereits bei der Einführung und Anpassung Vorteile gegenüber großer Standardlösungen. Zu Beginn können Sie punktuell anfangen, beispielsweise mit einem einzelnen Workflow, ohne direkt die bestehende Infrastruktur über Bord werfen zu müssen. Dabei ergibt es Sinn, zunächst kleine Hilfsprozesse anzugehen, quasi die Low Hanging Fruits. Das schafft erste Erfolgserlebnisse und erhöht im Unternehmen die Akzeptanz für die neue Plattform. Anschließend lässt sich das auf immer wichtigere Vorgänge bis hin zu den Kernprozessen ausweiten. Häufig werden dabei außerdem einige Prozesse enttarnt, die sich bei der weiteren Umstellung einsparen lassen. Diese schonende Vorgehensweise, für die Sie sich die nötige Zeit nehmen sollten, erlaubt es zusätzlich, parallel ein Change-Management aufzusetzen.
Prinzipiell spielt es für die Funktionalität der Infrastruktur keine Rolle, in welchem Umfang die Plattform zum Einsatz kommt. Dank der Flexibilität beim Datenaustausch können Low-Code-, No-Code- und Legacy-Systeme jederzeit koexistieren – entweder dauerhaft oder bis die automatisierte Datenmigration abgeschlossen ist. In manchen Fällen läuft die Plattform ausschließlich als Middleware, oder man nutzt sie nur für eine einzige Anwendung. Anderorts umfasst sie jeden digitalen Prozess eines ganzen Unternehmens. Entscheidend ist erfahrungsgemäß lediglich der grundlegende Wille zur Veränderung sowie die Motivation, mit der neuen Technologie zielgerichtet Projekte anzugehen. Wer dabei alle Mitarbeiter gleichermaßen mitnimmt, landet häufig automatisch bei strukturellen Veränderungen.
Ein neues Gleichgewicht schaffen
Häufig gestaltet sich das Verzahnen technischer und fachlicher Expertise äußerst kompliziert. Die Kommunikation zwischen den Abteilungen läuft in diesen Fällen zu langsam, um wirklich agil auf Veränderungen reagieren zu können. No-Code liefert einen effektiven Lösungsansatz, indem es Softwarekompetenz in die Fachabteilungen bringt. Mitarbeiter mit großem Prozesswissen, aber geringer IT-Affinität können dementsprechend Vorgänge eigenständig optimieren und dadurch ausufernde Kommunikationsschleifen verhindern. Da sich zudem aber überall im Unternehmen auf die zentralen Softwareressourcen der Plattform über die Cloud zugreifen lässt, beugen Sie gleichzeitig einer Schatten-IT vor. Konkret helfen dabei transparente Reviews zu den erstellten Applikationen sowie die mögliche Einschränkung einzelner Bausteine.
Insgesamt sind Informatiker mit ihren fachlichen Kollegen somit enger vernetzt und können bei Bedarf direkt gezielt unterstützen. Zugleich erlaubt es ihnen, sich stärker auf ihre Hauptprojekte zu konzentrieren, weil die Mitarbeiter kleinere Probleme zunehmend eigenständig angehen und lösen können.
Ein weiterer, immer häufiger beschrittener Lösungsweg führt über das Etablieren cross-funktionaler Teams. Dabei arbeiten Mitarbeiter unterschiedlicher Fachbereiche eng zusammen, was sie in interdisziplinären Angelegenheiten schneller handeln lässt. Ähnlich können Sie vorgehen, wenn Informatiker rar sind und Sie nicht genug Mitarbeiter die Kompetenzen zur Nutzung einer No-Code-Plattform besitzen. Wer solche Teams zusammenstellt, sollte darauf achten, dass zumindest einzelne User mit den entsprechenden Fähigkeiten integriert sind, etwa im Umgang mit Datenbanken. Sie können zwar keinen fehlenden IT-Profi ersetzen, aber unterstützen den Aufbau von Softwarekompetenz und die Umsetzung erster Workflows. Auf lange Sicht kommen so die beiden wichtigsten Ressourcen eines Unternehmens – Personal und Software – zunehmend in Einklang.
Anwendungsfall: Druckindustrie
Grundsätzlich beschränken sich Low-Code- und No-Code-Plattformen in ihrer Anwendung nicht auf bestimmte Branchen. Diese Art der Flexibilität zeigt sich besonders in Betrieben, die sehr spezielle Anforderungen an Skalierbarkeit und Datenverarbeitung stellen, beispielsweise in der Druckindustrie. Da die Branche (Abbildung 3) einem schnellen digitalen Wandel unterliegt, findet die Transformation dort oft in vielen kleinen Einzelschritten statt. Das hat zur Folge, dass die Infrastruktur häufig in hohem Maße fragmentiert ist. Zudem sind in der Regel unzählige Kleinaufträge in Form von winzigen Datenportionen üblich, die gesammelt in die Produktion gelangen sollen. Aus diesen Gründen hat sich der Einsatz von Low-Code- und No-Code-Plattformen als Middleware zu einem sehr beliebten Konzept in Druckereien entwickelt.

Abbildung 3: Gerade der Druckindustrie verlangt die Digitalisierung neue Softwarelösungen ab, die sich mit Low-Code schnell umsetzen lassen. Quelle: goodluz / 123rf.com
Vom Erstkontakt mit dem Kunden bis zur Produktion lässt sich durch entsprechende API-Anbindung ein Großteil des Datentransfers automatisieren. Das fängt mit dem Anbinden von E-Commerce-Systemen inklusive Frontend sowie Zahlungsabwicklung an und endet mit der Weitergabe an die Druckmaschinen. Ohne diesen hohen Automatisierungsgrad, insbesondere bei Verwaltungsprozessen, sähen sich in Zeiten nachlassender Nachfrage nach Druckerzeugnissen viele Unternehmen mit wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. Zudem passen sie mithilfe des visuellen Programmierens das Geschäftsmodell sehr schnell an, sobald sich die Bedingungen ändern. Das war beispielsweise in der Corona-Pandemie der Fall, als ein großer Teil der Aufträge – man denke an Speisekarten oder Hochzeitseinladungen – plötzlich wegfiel. Einzelne Betriebe schafften es mittels No-Code in kürzester Zeit, Apps zum Erstellen individueller Printprodukte wie Fotopuzzles zu entwickeln, die entsprechenden Vertriebswege aufzubauen und somit den wirtschaftlichen Schaden einzudämmen. Ungeachtet dessen, dass das ein Extrembeispiel ist, könnte sich diese Form der Flexibilität künftig für viele Unternehmen als entscheidender Erfolgsfaktor erweisen.
Fazit und Zukunftsperspektiven
Durch die neue Art der Softwareentwicklung mittels Low- und No-Code-Plattformen ist in den vergangenen Jahren ein milliardenschwerer Markt entstanden. Das Marktforschungsunternehmen Gartner sagt dem Volumen des Low-Code-Sektors im Jahr 2023 einen Zuwachs von knapp 20 Prozent auf 26,9 Milliarden Dollar voraus. Entsprechende Entwicklungsplattformen, die auch No-Code umfassen, sollen davon das größte und derzeit am stärksten wachsende Segment ausmachen. Zudem prognostizieren die Marktforscher, dass bis 2026 bereits ungefähr drei Viertel aller neuen Anwendungen auf Low-Code beziehungsweise No-Code zurückgehen werden. Als Hauptgrund für den Erfolg der Plattformen lässt sich die Befriedigung zweier zurzeit stark wachsender Bedürfnisse sehen: Das Verfolgen einer Cloud-First-Strategie und die Notwendigkeit, möglichst schnell Software zu entwickeln.
Nichtsdestotrotz steckt hinter der Technologie kein Wundermittel. Sie setzt bei Anwendern ein hohes Prozesswissen und zumindest grundlegende IT-Kenntnisse voraus. Drüber hinaus stößt sie aufgrund der Generik ihrer Code-Bausteine in stark ausdifferenzierten Business Cases an ihre Grenzen. Die Aufgabe der Plattform-Entwickler in den kommenden Jahren wird darin bestehen, die Möglichkeiten in dieser Hinsicht noch stärker zu erweitern, ohne dabei die Nutzerfreundlichkeit einzuschränken.
An der schlechten Verfügbarkeit von Spezialisten und der hohen Nachfrage nach Individualsoftware dürfte sich zunächst jedenfalls nichts ändern. So bleiben Low-Code- und No-Code-Plattformen auf absehbare Zeit das wichtigste Werkzeug, um digital schnell handlungsfähig zu sein. Hierfür könnte außerdem künstliche Intelligenz eine bedeutende Rolle spielen: Durch KI-gestützte Fehlersuche sowie die Verarbeitung von Spracheingaben ließe sich der Aufbau von Workflows weiter beschleunigen, ohne dabei auf die Vorteile visueller Programmierung verzichten zu müssen. Sie machen sowohl den Citizen Developer als auch den Informatiker handlungsfähiger und erlauben es beiden, ihre Stärken zu entfalten. jcb/csi
Der Autor
Torben Daudistel ist technischer Geschäftsführer der Necara GmbH und hat umfangreiche Erfahrung im Bereich der Softwareentwicklung. Nach diversen Tätigkeiten in den Bereichen Webdesign, Webhosting und als Freelancer im Druckereibereich erkannte er wiederkehrende Probleme im Geschäftsumfeld. Das führte im Jahr 2015 zur Gründung von saas.do, einer No-Code Plattform. Torben setzt sich dafür ein, Anwender ohne Programmierkenntnisse und Softwareentwickler gleichermaßen bei der Umsetzung ihrer Ideen in Softwareprojekte zu unterstützen.






