Nach zwei Jahren Sendepause pilgerten Anfang Februar 2023 wieder Scharen von FLOSS-Anhängern nach Brüssel. Die Atmosphäre auf der FOSDEM erinnerte an ein Klassentreffen, das Vortragsprogramm war dicht gepackt.
FOMO steht für Fear of Missing Out, die Angst also, etwas Wichtiges zu verpassen. Die hatten auf der FOSDEM 2023 [1] in Brüssel nicht nur jene, die es nicht zur Veranstaltung geschafft hatten, sondern auch die Konferenzbesucher selbst. Zwar tummelte sich auf dem Event in der belgischen Hauptstadt etwas weniger Publikum als in den Jahren vor Corona, doch immer wieder flüchteten Besucher vor Ort in die Live-Streams, weil bei populären Themen die Tagungsräume schnell verstopft waren.
Die erste Instanz
Besonders viele Kommentare und FOMO-Bekundungen tauchten auf Mastodon auf – das Thema #Fosdem war dort zwischenzeitlich populär. Dank Elon Musk erlebt die Open-Source-Plattform aktuell einen regen Zulauf. Wie rege, das schilderte plastisch die Github-Entwicklerin Kris Nóva, die im letzten Jahr unerwartet in das Mastodon-Universum hineingesogen wurde. Ihr Plan, eine eigene Mastodon-Instanz [2] für Freunde aufzubauen, boomte. Tausende neuer Nutzer landeten nach und nach auf der Instanz.
Allerdings machte bei 30 000 Accounts die durchaus leistungsfähige Hardware im eigenen Keller schlapp. Es war an der Zeit, den Service in eine Cloud umzuziehen, und Nóva entschied sich für den deutschen Provider Hetzner. Ausschlaggebend waren wohl auch die Datenschutzbestimmungen (Hashtag #GDPRforever). Zugleich beschäftigten sich die Entwicklerin und ihre Mitstreiter mit einigen unvermeidlichen Fragen zum generellen Umgang mit einer privat betreuten Twitter-Alternative. Hier lauern nämlich Fallstricke, auf die Nóva in ihrem Vortrag hinwies. Wer sich mit dem Gedanken trägt, eine Mastodon-Instanz aufzubauen, sollte sich unbedingt das Video ansehen [3].
Beispielsweise braucht eine Mastodon-Instanz ab einer gewissen Größe nicht nur eine verlässliche technische Infrastruktur, es gibt auch rechtliche Baustellen. Zum Beispiel befinden sich auf der Plattform viele private Daten, die die Betreiber sicher aufbewahren müssen. Es braucht freiwillige oder bezahlte Mitarbeiter, die Beiträge moderieren. Die Betreiber müssen ein Auge darauf haben, welche anderen Mastodon-Instanzen aus dem Fediverse sie in ihre Plattform integrieren und welche nicht. Zudem müssen sie überlegen, wie sie zum Beispiel mit Accounts von Unternehmen umgehen [4]. Nicht zuletzt nagt der Betrieb eines solchen Projekts schnell an den Finanzen: Rund 1000 Euro an monatlichen Kosten fallen laut Nóva allein für den technischen Betrieb ihrer Instanz an.
Als Lösung betrachtet Nóva eine Stiftung, die neu gegründete Nivenly Foundation [5]. Darüber wollen die Betreiber der Instanz künftig Mitgliedsbeiträge einsammeln, um den Betrieb zu refinanzieren. Das erscheint sinnvoll: Fallen der Verkauf von Nutzerdaten und Werbung als Geschäftsmodell weg, müssen Alternativen her, um ein Freiwilligenprojekt nachhaltig zu betreiben.
Neue Energie
Nachhaltigkeit spielte auf der FOSDEM auch in einem anderen Kontext eine zentrale Rolle: beim Vermeiden fossiler Brennstoffe und dem Kampf gegen den Klimawandel. Diesem drängenden Problem spendierten die Veranstalter einen eigenen Energy-Track, aber auch Plätze im Hauptbühnenprogramm.
Felix Rehmanns Forschungsprojekt an der Technischen Universität Berlin hat zum Beispiel die Software von 180 Forschungsvorhaben analysiert, die den Energiebedarf von Gebäuden ermitteln, steuern oder optimieren wollen. Emissionen von Gebäuden gehören zu den größten Antreibern des Klimawandels. Die Ergebnisse sind spannend.
Zwar verwenden die meisten der 180 Projekte mindestens eine Open-Source-Komponente, aber nur wenige der meist öffentlich geförderten Projekte (rund 3 Prozent) planen, ihre Software zu veröffentlichen. Die Gründe reichen von ethischen über technische bis hin zu kulturellen Bedenken. Oft laufen die Projekte nach einiger Zeit einfach aus, und die Software verwaist. Häufig fehlt der Fokus auf die Benutzer, bleibt die Lizenzlage unklar oder haben die Entwickler schlicht Angst, sich zu blamieren. Einige Forscher halten ihre Software auch aus Geschäftsinteresse proprietär. Trotz all dieser Probleme ist sich Rehmann sicher, dass es besser wäre, mehr quelloffene Software in dem Bereich einzusetzen, etwa bei CAD-Programmen oder Simulationssoftware für Renovierungen.
Weltraum, Straße und RZ
Selbst die NASA schaffte es zur FOSDEM (Abbildung 1). Sie möchte mit ihren Daten auch beim Kampf gegen den Klimawandel helfen, zum Beispiel im POWER-Projekt [6]. Der Astronom Steve Crawford erklärte, dass sich die US-Weltraumbehörde aktuell der Open Science öffne, zunehmend offene APIs einführe und offene Datensätze und Open-Access-Modelle pflege. Das geschieht allerdings nicht ganz freiwillig: Laut einem Beschluss der US-Regierung muss ab 2026 jede öffentlich geförderte Forschung auch sofort öffentlich zugänglich sein.

Abbildung 1: Selbst ein Astronom der NASA schaffte es zur FOSDEM und sprach unter anderem über Open Source im Weltraum.
V2G steht für Vehicle to Grid und verfolgt die Idee, Nutzer von Elektroautos zu dezentralen Stromproduzenten zu machen. Sie sollen den für ihr Elektrofahrzeug erzeugten Strom aus Wind- oder Sonnenenergie gegen Geld in das Stromnetz einspeisen. Produkte dafür liefern auch kommerzielle Anbieter, aber die wollen meist Komplettlösungen verkaufen. Eine Alternative möchte V2G Liberty [7] bieten. Dieses Projekt stellte Nicolas Höning in seinem Vortrag vor, zusammen mit dem entwickelten Setup. Das umfasst unter anderem Home Assistant [8], Nextcloud [9] und das von der LF Energy Foundation geförderte Flex Measures [10].
Höning erläuterte auch die potenziellen Fallstricke und stellte Best Practices vor. Klar ist: Je weniger die Besitzer ihr Auto bewegen, desto mehr Strom kann es generieren. Im Idealfall lassen sich immerhin bis zu 10 Euro pro Tag mit derart umgerüsteten Autos verdienen. Noch steckt das Projekt in den Kinderschuhen, aber das hat Open-Source-Enthusiasten ja noch nie abgeschreckt.
Parul Singh und Kaiyi Liu präsentierten ein CO2-sensitives Scheduling für Kubernetes. Die Regeln dafür verfüttern Admins im üblichen deklarativen Stil an die Container-Plattform. Der Kubernetes-based Efficient Power Level Exporter (Kepler [11]) ermöglicht es, Pods und ihre Workloads basierend auf ihrem Energieverbrauch automatisiert in andere Gegenden der Welt zu verschieben. Im Idealfall kommt dort dann CO2-neutraler Strom zum Einsatz. Den Energiebedarf der Container ermitteln dabei eBPF-Programme, wobei das Beschaffen der Informationen zu den Stromarten wohl nicht ganz trivial ist und teilweise auch Geld kostet. Aus dem Projekt soll am Ende auch ein SDK für die Green Software Foundation herausfallen.
Die Klassiker
Wie immer gab es die klassischen Programmier- und Admin-Themen im Überfluss. Vor den Development-Räumen beliebter Programmiersprachen balgten sich einmal mehr Menschen um die besten Plätze. Es gab diverse Admin-zentrierte Tracks (etwa zu CI und Containern) sowie den obligatorischen Kernel-Track, in dem die Entwickler des freien Betriebssystemkerns ihre Steckenpferde vorstellten.
Im Distributionen-Track berichtete Eric Curtin von Fedora Asahi Remix [12]. Die auf Fedora basierende Distribution für Apple-Hardware läuft auf ARMs M1- und M2-Prozessoren. Als Motivation nannte Curtin, dass es an guten und von Linux unterstützten ARM-Geräten fehle. Upstream setzt der Remix auf Asahi Linux und bietet zwei eigene Kernel an: einen stabileren und einen Edge-Kernel mit neueren Entwicklungen. Man wolle möglichst viele der verwendeten Softwarepakete in Fedoras normalen Repositories unterbringen, betonte Curtin.
Same procedure …
Alles in allem stellte sich schnell das vertraute FOSDEM-Feeling ein, mit allen Vor- und Nachteilen: So kämpften die Vortragenden in einigen Räume wie gewohnt mit der Übertragungstechnik (schlechte Tonqualität), und es bildeten sich lange Warteschlangen vor den Kaffeeständen und Food Trucks. Dafür punktete die Konferenz mit ihrer schieren Masse an Open-Source-Themen, mit belgischem Bier in der Cafeteria und mit guten Diskussionen. Also: Nächstes Jahr gern wieder! (uba)
Infos
- FOSDEM-Webseite: https://fosdem.org/2023/
- Hachyderm.io: https://hachyderm.io
- FOSDEM-Videos: https://video.fosdem.org
- Account-Typen bei Hachyderm: https://community.hachyderm.io/docs/account-types/
- Nivenly: https://nivenly.org/about/
- POWER-Projekt der NASA: https://power.larc.nasa.gov/
- V2G Liberty: https://v2g-liberty.eu/
- Home Assistant: https://www.home-assistant.io
- Nextcloud: https://nextcloud.com
- Flex Measures: https://flexmeasures.io
- Kepler-Projekt: https://github.com/sustainable-computing-io/kepler
- Fedora Asahi Remix: https://fedoraproject.org/wiki/SIGs/Asahi






