Eine der ältesten Linux-Distributionen wird 30 Jahre alt – und beinahe hätte das niemand bemerkt. Die weltgrößte OSS-Company Suse war immer etwas anders, nicht vom Marketing gestreamlined, nicht den Quasi-Marktstandards unterworfen, nicht marktkonform assimiliert.
Die Zahlen stimmen bis auf eine, doch erst mal wird gefeiert! Suse wird 30, ein Alter, das nur wenige IT- oder gar Open-Source-Software-Firmen erreichen. Fast, munkeln Insider, hätten die Nürnberger das selbst vergessen [1] – der PR-Fokus des börsennotierten Unternehmens liegt eben auf der Zukunft, nicht auf der turbulenten und gleichermaßen glorreichen Vergangenheit.
Die Anfänge
Die größte OSS-Firma der Welt erfand nicht nur den Begriff Enterprise Linux, sie ist älter als die Konkurrenten Red Hat, Debian oder Ubuntu, und mit Umsätzen von 600 Millionen US-Dollar bei Wachstumsraten von 20 Prozent auf dem Weg zum nächsten deutschen Milliardenunternehmen. Nicht immer sah das so aus, schon gar nicht, als Roland Dyroff, Thomas Fehr, Hubert Mantel und Burchard Steinbild 1992 die Gesellschaft für Software und Systementwicklung mbH gründeten, ein Jahr nachdem Linus Torvalds den ersten Kernel freigegeben hatte. Das Linux-Derivat der vier Nerds war eine der ersten Linux-Distributionen und wohl die einzige, die permanent ihre Schreibweise änderte. Im März 1994 kam S.u.S.E 1.0 heraus, mit einem kiloschweren Handbuch und ohne grafische Oberflächen, aber auf CD.
Das Handelsobjekt
Nach der Dotcom-Blase verkaufte das Management Suse in einem umstrittenen Deal an Novell [2], wo sie ein unwürdiges Dasein als Tochter eines Konzerns fristete, der Deals mit Microsoft machte. Novell ist heute Geschichte, gekauft vom texanischen Terminalspezialisten Attachmate [3], der wiederum vom britischen Softwarekonzern Micro Focus geschluckt [4] und später an den schwedischen Investor EQT Partners [5] weitergereicht wurde. Micro Focus, hieß es, hatte sich bei der umgekehrten Fusion mit HPE verzockt: Von den für HPE gezahlten 9 Milliarden US-Dollar fehlten am Ende wohl gut zweieinhalb – die Summe, die EQT bereit war, für Suse zu zahlen. Seitdem wenig später IBMs CEO Ginni Rometty Red Hat einkaufte, ist Suse die größte OSS-Company der Welt.
Geschätzte Expertise
Für Nerds und Visionäre war Suse seit jeher einzigartig: Neben Innovationen wie dem Build Service, Open QA und OpenSuse Tumbleweed steht man vor allem für Langlebigkeit. Support für die Cash Cow Suse Linux Enterprise Server 15 (2017) gibt es standardmäßig bis 2031. Suse ist Marktführer bei SAP, aber auch bei Partnern wie IBM und Großkunden aus (Automobil-)Industrie oder sicherheitskritischen Bereichen (Flugsicherung) präsent. Pro (Mitarbeiter-)Kopf lag man bei den Kernel-Beiträgen stets vorne. Die Industrie schätzt die Expertise der Franken, und auf der Susecon 2022 gaben sich hochkarätige Manager von Intel, AMD, Nvidia und anderen Unternehmen bei den Keynotes die Klinke in die Hand. Dass Suse im Wesentlichen mit SLES nur ein Standbein hat, hatte bisher keine Konsequenzen.
Gesprengte Ketten
Befreit von Novell-Fesseln verzeichnet Suse seit Jahren Margen über 30 Prozent. Marketing-Skills lernte man von Attachmate, dem Legacy-Spin von Micro Focus. EQT Partners verlangt eine Verdopplung des Werts binnen fünf Jahren, um den eigenen Investoren Margen um die 20 Prozent pro Jahr liefern zu können. Dazu wurde Suse aus der heterogenen Corporate-Landschaft herausgelöst und zu einer gewöhnlichen Firma gemacht, mit Windows, Teams und so weiter. Will man weiter wachsen, muss man zukaufen: OpenAttic kam 2016 hinzu, Rancher und NeuVector 2021.
Nur der von der Suse-CEO Melissa di Donato medienträchtig virtuell eingeläutete Börsengang war kein Erfolg: Die Suse-Aktie startete bei 30 Euro, heute dümpelt sie mit einem Drittel weniger dahin. Dabei hatte die neue, eher branchenfremde, aus dem SAP-Umfeld stammende Chefetage schnell erkannt, wie wichtig Stallgeruch in der OSS-Firma ist. Suses neue “Königin” trat häufiger in grünen Farben auf und betonte die “Open-Source-Gene”. Echte Geekos überzeugt das kaum: “Wie’s uns geht? Schau an die Börse!” flüstern Ex-Kollegen schon mal. Viele alteingesessene Suse-Urgesteine sind nicht mehr dabei, auch keiner der Initiatoren von 1992. Gehen noch mehr Dupkes, Freitags, Garloffs und Schumachers, könnte es eng werden.
Kein Wanderpokal
EQT sucht ganz offen einen Käufer für Suse, und die Braut ist sicher mehr wert als ihr derzeitiger Preis: Das Unternehmen macht gute Geschäfte und zeigt sich innovativ. Die Probleme und Risiken liegen woanders und verdeutlichen den Irrsinn des Börsenparketts. Ein Wanderpokal, wie das Manager-Magazin [6] Suse nannte, sind die Nürnberger garantiert nicht. Suse hatte immer das Potenzial zu einem deutschen Google – nur nie das Management, das das wollte oder konnte. (csi/jlu)
Infos
- “Suse Celebrating 30 Years”: https://www.suse.com/30years/
- “Novell kauft Suse Linux”: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/netzwirtschaft/softwarenovell-kauft-suse-linux-1131242.html
- “Novell-Käufer Attachmate: Opensuse bleibt”: https://www.linux-magazin.de/news/novell-kaeufer-attachmate-opensuse-bleibt/
- Micro Focus übernimmt Attachmate: https://www.datacenter-insider.de/cobol-spezialist-micro-focus-kauft-die-attachmate-group-inklusive-suse-a-459456/
- EQT Partners kauft Suse: https://www.golem.de/news/eqt-investmentfonds-kauft-suse-fuer-2-5-milliarden-us-dollar-1807-135271.html
- Wanderpokal Suse: https://www.manager-magazin.de/unternehmen/suse-investor-eqt-koennte-linux-spezialisten-weiterverkaufen-a-d61515d8-56f5-46a7-a837-c38b9b8beb99






