Aus Linux-Magazin 01/2019

IBM kauft Red hat für sensationelle 34 Milliarden US-Dollar

© Fernando Gregory Milan, 123RF

Der IT-Konzern IBM will den Linux-Spezialisten Red Hat übernehmen. Der Kauf entspricht einem Wert von rund 34 Milliarden US-Dollar und ist damit schon finanziell gesehen der Knaller des Jahres. In der Branche wird der Deal unterschiedlich bewertet.

Nach Angaben von IBM entspricht das Angebot einem Preis von 190 US-Dollar pro Red-Hat-Aktie und damit deutlich mehr als dem Kurswert. Nach der Übernahme soll Red Hat eine eigenständige Einheit in IBMs Hybrid Cloud Team werden. Das soll dazu dienen, den Open-Source-Charakter von Red Hat zu wahren. Red Hat werde unabhängig von IBM agieren können, das betrifft sowohl die bisherigen Geschäftspraktiken als auch die von Red Hat Red abhängigen Open-Source-Projekte.

Der Red-Hat-Chef Jim Whitehurst bleibt auch in der neuen Einheit Führungskraft und untersteht als Mitglied der IBM-Top-Manager direkt der IBM-Chefin Ginni Rometty (Abbildung 1). Auch das übrige Red-Hat-Führungsteam bleibe erhalten, teilt IBM mit [1]. Die 12 600 Red-Hat-Mitarbeiter stehen immerhin 366 000 IBM-Leuten gegenüber. Die Aufsichtsräte der beiden Unternehmen haben dem Handel bereits zugestimmt. Es fehlt nun noch die Einwilligung der Red-Hat-Shareholder. Auch die nötigen Zustimmungen der Regulierungs- und Kartellbehörden stehen noch aus. IBM rechnet damit, den Deal bis Mitte 2019 abzuschließen.

Abbildung 1: Ginni Rometty, Chairman, President und CEO von IBM (rechts). Jim Whitehurst, CEO Red Hat.

Abbildung 1: Ginni Rometty, Chairman, President und CEO von IBM (rechts). Jim Whitehurst, CEO Red Hat.

Zutaten zum Erfolg

Für den Red-Hat-Chef Jim Whitehurst ist Open Source ohne Zweifel der Schlüssel zum Erfolg. Bislang habe man nur an den Möglichkeiten gekratzt, die vor einem liegen, bloggt Whitehurst [2]. “Open Source ist die Zukunft der Unternehmens-IT”, sagt er und sieht für den von Red Hat adressierbaren Markt ein Volumen von 73 Milliarden US-Dollar bis zum Jahr 2021. Wenn Software sich die Welt einverleibt, so Whitehurst, ist Open Source die wichtigste Zutat dafür.

Ginni Rometty, CEO von IBM, bezeichnet die Kombination von IBM und Red Hat als Game Changer, der IBM im Bereich Cloud und Services zu neuen Höhen führen werde. Jim Whitehurst und sie teilten sich den strategischen Blick auf die Hybrid-Cloud-Chance. Der Zusammenschluss bedeute einen Reset für den Cloud-Markt, nach dem IBM zur Nummer eins bei Hybrid-Clouds aufsteige, so Rometty. Eine Einschätzung gibt unser Kommentar “Quod erat demonstrandum”.

Quod erat demonstrandum

Amazon Web Services, Google, Microsoft – der ehrwürdige Riesenkonzern IBM hat keinen Podestplatz im Rennen der Cloudanbieter. Doch er käme gern aufs Treppchen und zu diesem Zweck schluckt er nun Red Hat. Im Geschäft mit hybriden Cloudlösungen, das man in Zukunft gemeinsam bestreiten will, sieht IBM-Chefin Rometty die Chance, die seit Jahren rückläufigen oder stagnierenden Gewinne wieder zu steigern.

Das ist umso wichtiger, als sich heute bereits abzeichnet, dass auf anderen mit viel Vorschusslorbeer bedachten Feldern, etwa der künstlichen Intelligenz mit Watson, die Bäume doch nicht einfach in den Himmel wachsen. Nun will IBM sich also mit Cloudlösungen in die Medaillenränge vorkämpfen.

Dass dies gelingen kann, scheint zumindest nicht garantiert. Auch etliche frühere Übernahmen konnte IBM in keine strahlende Zukunft führen. Etwa Informix, 2001 für 1 Milliarde eingekauft, in den 90ern der Hauptkonkurrent von Oracle im Datenbankmarkt, rangiert heute unter IBMs Fittichen auf Rang 26 im Ranking der Datenbank-Engines, Tendenz fallend. Oder Lotus Notes, 1996 für 4 Milliarden eingekauft. Die Groupware ist jahrelang an IBMs ausgestrecktem Arm verhungert, in den letzten fünf Jahren gab es keine Major-Release mehr. Dass jetzt wieder eine neue Version 10 angekündigt ist, liegt nur daran, dass IBM Entwicklung und Support an den indischen Konzern HCL weiterverkauft hat.

Diesmal greift IBM nun mit viel Mut wesentlich tiefer in die Tasche und bezahlt mit 34 Milliarden deutlich mehr als für irgendeine Übernahme in der Firmengeschichte. Das erhöht den Erfolgsdruck natürlich gewaltig.

Andererseits passen Red Hat und IBM ganz gut zusammen. Red Hat hat sowohl bei IaaS-Clouds mit Red Hat Open Stack Platform als auch bei PaaS-Angeboten mit Red Hat Openshift konkurrenzfähige Produkte im Angebot. Zudem vermarktet es Open-Source-Lösungen, die die Angst der Kunden vor einem Vendor Lock-in lindern können. Red Hat ist die erfolgreichste Open-Source-Firma überhaupt und bringt entsprechende Größe, Renommee und eine aktive Community ein. IBM kann dem neuen Partner weitere Marktzugänge öffnen und seinen Cloudkunden speziell im Sektor der hybriden Clouds neue Perspektiven bieten.

Einer aber hat schon gewonnen, ganz egal wie die Übernahme am Ende ausgeht: der Open-Source-Gedanke. An freier Software, das wird nun klar, führt kein Weg mehr vorbei. Und zwar nicht in irgendeiner Nische für Bastler und Nerds, sondern auf dem Gebiet einer der vielversprechendsten Zukunftstechnologien. Für kostenlose Software gibt IBM mehr Geld aus, als – einzige Ausnahme: Dell kauft EMC – jemals in der Geschichte ein Käufer für eine IT-Firma gezahlt hat. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dann läge er jetzt auf dem Tisch: Open Source funktioniert als Technik und als Geschäftsmodell, es ist in jeder Hinsicht wertvoll. (Jens-Christoph Brendel)

Blue-Washing

Trotz der Bekenntnisse zur Unabhängigkeit muss Red Hat sich in die Konzernstrukturen von IBM einfügen. Die Eingliederung und Anpassung zugekaufter Firmen in die Firmenkultur und die Strukturen von IBM ist als Blue-Washing bekannt. Tyler Jewell, der seine Firma Codenvy im Jahr 2017 an Red Hat verkauft hatte, sieht diesen Prozess für Red Hat nicht gut ausgehen [3]. Selbst wenn IBM Red Hat ein Jahr lang freie Hand lasse, so Jewell, könne Big Blue nicht aus seiner Haut. Die bürokratische und komplizierte Firmenstruktur werde Red Hat schlecht bekommen, orakelt der heutige Chef des Integrationsspezialisten WSO2. IBM sei trotz Beteiligung an Open-Source-Projekten ein patentorientierter Konzern, der kommerzielle Aspekte in den Vordergrund stelle.

Schub für Open Source

Peter H. Ganten, Vorstandsvorsitzender der deutschen Open Source Business Alliance [4] bewertet den Vorstoß von IBM positiv: “Der Kauf von Red Hat durch IBM bedeutet noch mal einen riesigen Schub für Open Source Software.” Die Dimension des Kaufs sei neu, so Ganten, auch wenn es zuvor schon Übernahmen gegeben habe, die in diese Richtung gingen, etwa Microsoft und Github.

“Dieser Deal zeigt dem Markt und seinen Beteiligten, dass ohne Open Source gar nichts mehr geht. IBM hat sich schon lange mit Open Source Software beschäftigt und sehr viel in Linux investiert. Der Kauf von Red Hat ist auch ein deutlicher Ausdruck des Wunsches der Kunden nach mehr Offenheit bei der Wahl von Cloud-Angeboten”, so Ganten.

Der Zusammenschluss von Red Hat und IBM habe laut Ganten weitere Auswirkungen: “Hybrid-Clouds, die Unternehmen eine große Flexibilität bezüglich Speicherung und Pflege von Software und vor allem Daten geben, werden dadurch noch mehr zum Standard. Zudem sehen wir daran, dass sich die Kunden nicht mehr nur von einem einzigen Anbieter abhängig machen möchten. Denn Open Source Software erlaubt per Definition Wahlfreiheit.”

Deutscher Markt

In deutschen Unternehmen werde Open Source Software heute flächendeckend eingesetzt, erläutert Ganten, zudem finde im bildungs- und forschungsnahen Bereich eine starke Verwertung von Open Source Software statt. Dennoch dürfe man sich nicht ausruhen. Wenn Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin vorne mitspielen wolle, müsse man das Geschaffene ausbauen und in den Bereich Open Source (re-)investieren.

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