Endlich eine Konferenz, die Nerds und Ökos zusammenbringt, meinten viele Besucher der ersten “Bits-und-Bäume”-Konferenz, die Mitte November 2018 an der Technischen Universität Berlin stattfand.
Mit mehr als 1300 verkauften Tickets darf die Bits & Bäume 2018 [1] wohl als bisher erfolgreichster Versuch gelten, die Nachhaltigkeits- mit der IT-Szene zu verkuppeln. Am Konferenzort an der TU Berlin diskutierten die Teilnehmer auf zum Teil hohem Niveau über Digitalisierung und Nachhaltigkeit.
Was zusammengehört
Tilman Santarius, Professor an der TU Berlin, hielt die erste von drei Keynotes. Er fand Gemeinsamkeiten zwischen den technisch und ökologisch interessierten Gruppen vor allem in den Menschenrechten. Während die Techies sich seit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 eher auf die politischen und bürgerlichen Menschenrechte (etwa digitale Selbstbestimmung) fokussierten, würde die Ökologie-Bewegung eher wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte (Recht auf Nahrung, Trinkwasser und so weiter) in den Vordergrund stellen. Beide Szenen will die Konferenz zusammenbringen, um Digitalisierung demokratischer und nachhaltiger zu machen.
Auch Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Club, verglich die beiden Communities miteinander: Die Umweltbewegung habe in den letzten Jahrzehnten eine beeindruckende Entwicklung hingelegt. Von der könne die noch recht junge Bewegung für digitale Bürgerrechte durchaus lernen. Sie kritisierte, dass Fragen zu Digitalisierung und Bürgerrechten heute nicht mehr so breit diskutiert würden wie etwa noch vor zehn Jahren.
Lorenz Hilty, Professor an der Universität Zürich (Abbildung 1), stellte in seiner Keynote die Frage, warum Hardware immer Energie- und Material-effizienter werde, der IT-Bereich dennoch immer mehr Ressourcen verbrauche. Dabei argumentierte Hilty technisch: Richtig und klug eingesetzt könnte die Branche die weltweiten Energiekosten, aber auch die Materialkosten drastisch senken. Er rechnete vor, dass die Prozessoren seit Jahrzehnten immer Energie-effizienter und Material-sparender würden. Benötigte Eniac für 1000 Rechenoperationen noch eine Kilowattstunde an Energie, lassen sich auf einem aktuellen Laptop mit demselben Energieaufwand eine Billiarde Rechenoperationen ausführen.

Abbildung 1: Lorenz Hilty stellte in der Keynote Fragen zur Rolle von Energie-Effizienz bei neuer Hardware.
Das Problem: Bevor man sich über Energie-Einsparungen neuer Prozessorgeneration freuen könne, seien diese schon wieder weg, weil die Softwareseite sie auffresse. “Die Ansprüche wachsen mit.” So würde die IT weltweit trotz enormer Effizienzsteigerungen bei der Hardware immer mehr Strom verbrauchen. Das betreffe auch Rechenzentren, obwohl diese sich besonders vehement um Energie-Effizienz bemühen.
Wenn etwas billiger und schneller werde, sei eben “die Tendenz da, es auch mehr zu verbrauchen”. Was ökonomisch erklärbar und unter dem Schlagwort Rebound Effect [2] bekannt sei, überrasche Hilty dennoch aufgrund der “Synchronizität”. Er forderte einen Ausstieg aus dieser “Tretmühle der Steigerungslogik”.
Aus Neu mach Alt
Der Ausstieg sei nicht zuletzt wegen des Materialaufwands nötig: Elektronik enthalte heute über 50 Metalle, aber nur maximal 17 davon seien recycelbar. In EU-Ländern landen weniger als 50 Prozent der Komponenten überhaupt im Recycling, das am Ende nur wenig zum Schutz der Ressourcen beitrage.
Seltener etwas Neues kaufen sei aber kaum möglich, denn die Hersteller zwingen Verbraucher förmlich, neue Geräte anzuschaffen. Seine These: Software wende sich inzwischen oft aktiv gegen die Interessen der Hardware-Eigentümer. Über die Software behalten die Hersteller “die Zügel in der Hand”.
Für Autos, Kühlschränke, Smartphones und Drucker gebe es dokumentierte Fälle, in denen die Hersteller die Hardware über Software gegen die Interessen der Kunden richten. Das reiche von manipulierten Testergebnissen (Autos und Kühlschränke), über geplante Obsoleszenz (bei Smartphones) bis hin zur “Steuerung von Inkompatibilitäten von Ersatzteilen” oder zum Verhindern von Nachfüllen (Drucker).
Nachhaltige Software
Offene und freie Software dagegen punkten beim Thema Nachhaltigkeit. Entsprechend erschienen auf der Konferenz auch Organisationen und Projekte aus dem Hacker- und Open-Source-Umfeld. Neben dem Chaos Computer Club waren die Free Software Foundation Europe und Nextcloud vor Ort.
Schon länger kommt für den Betrieb älterer Rechner häufig nur noch Linux in Frage. Canonical will Ubuntu 18.04 zehn Jahre supporten. Das 2007 veröffentlichte Red Hat Enterprise Linux 5 erhält dank “Extended Lifecycle Support” noch bis Ende 2020 Updates. Auch Entwickler des Linux-Kernels bieten Supportzeiten, von denen Android-Nutzer nur träumen. Das Civil Infrastructure Project will seinen Kernel und einige Basispakete gar mehr als zehn Jahre lang unterstützen.
Frank Karlitschek berichtete in einem Talk über Nextcloud aus der Nachhaltigkeitsperspektive: Er legte den Fokus auf Geschäftsmodelle für Open-Source-Software.
An einer Podiumsdiskussion zum Thema “Enkeltaugliche Wirtschaft” nahm er ebenfalls teil. Hier traf er auf Timm Wille, der in Sachen Open Hardware und erneuerbare Energien unterwegs ist (Open Source Ecology), sowie Silke Helfrich, die seit Jahren das Thema Gemeinwohl (Commons Institut) beschäftigt.
Wo anfangen?
Doch Software berührt auch Bereiche, in denen Anwender die Wahl haben. So verbrauchen Desktop-Anwendungen unterschiedlich viel Energie. Effekte, die auf einzelnen Desktops kaum eine Rolle spielen, machen sich in der Masse durchaus negativ bemerkbar.
Jens Gröger vom Öko-Institut e.V. stellte eine noch nicht veröffentlichte Studie vor, die Methoden entwickelt, um Anwendungen auf ihren Energieverbrauch hin zu untersuchen. Die entwickelten Messmethoden sollen künftig den Energiebedarf von Anwendungen messen und können (öffentliche) IT-Einkäufer bei ihren Entscheidungen unterstützen.
Dabei verglich die Studie unter anderem exemplarisch ein proprietäres mit einem freien Office (konkrete Namen nennt sie nicht). Ein Ergebnis: Das erste belastete die CPU im Leerlauf doppelt so stark wie das zweite Office. Bei proprietären und freien Browsern wurde das noch deutlicher: Lastete der erste die CPU mit rund 12 Prozent aus, blieben die beiden freien Gegenstücke unter einem Prozent.
Alles in allem eine gelungene Veranstaltung, die zeigte, dass es zwischen der Open-Source- und der Nachhaltigkeits-Szene zahlreiche Schnittpunkte gibt. Viele der Vorträge stehen inzwischen auf den Seiten des CCC bereit [3].
Infos
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Bits & Bäume: https://bits-und-baeume.org
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Rebound Effect: https://de.wikipedia.org/wiki/Rebound-Effekt_(%C3%96konomie)
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Videos zur Konferenz: https://media.ccc.de/c/bub2018






