Im September 1992 gründeten Roland Dyroff, Thomas Fehr, Burchard Steinbild und Hubert Mantel die “Software und System-Entwicklung”. Zum 25-jährigen Bestehen des bis heute bedeutendsten deutschen Linux-Unternehmens blickt das Linux-Magazin auf die sehr wechselvolle Suse- und damit Linux-Geschichte.
Bei der Gründung der “S.u.S.E GmbH” [1] in Fürth fanden sich vier Enthusiasten zusammen. Das studentische Gründerteam verfolgte dennoch Ziele, die sich nicht von denen anderer Firmengründer unterschieden, wie sich Hubert Mantel (Abbildung 1) erinnert: “Wir träumten von Unabhängigkeit und der Möglichkeit, selbstbestimmt zu arbeiten. Und natürlich sollten wir davon auch leben können, was ja gerade in der Anfangszeit mehr als schwierig ist. Allerdings brauchten wir da auch fast kein Geld privat, da wir jahrelang Wochenarbeitszeiten von bis über 100 Stunden hatten.”
Timing
Für Hubert Mantel bestand das Erfolgsrezept der Suse GmbH aus der richtigen Kombination aus Fleiß, Talent und vor allem auch Glück. Das habe es gebraucht, um nicht nur das Richtige zu tun, sondern auch den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. “Gut für uns war auch, dass wir insgesamt vier Gründer (Abbildung 2) waren. Das heißt, im Endeffekt hatten wir acht Vollzeitmitarbeiter.”

Abbildung 2: Burchard Steinbild, Hubert Mantel, Roland Dyroff, Thomas Fehr (von links) bekommen 1997 den IHK Gründerpreis Mittelfranken verliehen. Suse/IHK Mittelfranken
Wie Hubert Mantel sich erinnernd gesteht, ist das Vierergespann sehr blauäugig an das Thema herangegangen. “Wir sind zumindest anfangs mit genau der richtigen Geschwindigkeit gewachsen, sodass wir sehr lange ohne Investoren ausgekommen sind.”
Stapelweise
Holger Dyroff (Abbildung 3), der Bruder des Mitgründers Roland Dyroff, kennt Suses erste Distributions-Versuche mit SLS, dem Softlanding Linux System von Peter MacDonald, das damals als das erste galt, das nicht nur den blanken Kernel, sondern auch ein X-Window-System mitbrachte. Dass Patrick Volkerding 1993 mit Slackware startete, habe bei Suse dann zur ersten übersetzten Linux-Version geführt, berichtet Holger Dyroff. Und dass auch ein reges Wechselspiel nötig war, weil damals Disketten das gängige und zugleich fehleranfällige Speichermedium waren, weiß Dyroff auch nur zu gut. “Die Erleichterung, als die CD erfunden wurde, war wirklich sehr groß.”
Über Anzeigen in Fachmagazinen kurbelte Suse die Bestellungen an: “Im April 1993 erfolgt die erste und ich hatte die Ehre, ans Telefon gehen zu dürfen und für den Versand zu sorgen. Die ersten Käufer waren Leute, die von Unix gehört hatten und etwas Ähnliches auf ihren 386+-PCs laufen lassen wollten, aber keinen Zugang zum Internet hatten, oder für die es schlicht zu kompliziert und zu arbeitsaufwändig war, die Distribution selber zu kopieren.”
Dabei, so Dyroff, sei die Idee hinter S.u.S.E. nicht gewesen, mit Linux reich zu werden, sondern sich durch Linux einen Namen zu schaffen, um andere Software-Dienstleistungen zu verkaufen. Sehr schnell habe sich Suse dann aber nur auf Linux konzentriert.
Mit der CD ging das um einiges leichter. “Yggdrasil war die erste Linux Distribution, die so vertrieben wurde, wir haben diese erst mal wiederverkauft”, berichtet Dyroff. Die erste Linux-Version hat Suse ebenfalls auf CDs gebrannt. Kernel 1.0, die deutsche Linux-Distribution und die vom heutigen Suse President of Engineering mitgegründete LST (Linux Support Team) waren enthalten (Abbildung 4).
Klimatische Bedingungen
Auch vor der Einbürgerung des Begriffs Startup herrschte in Franken eine unbürokratische Herangehensweise. “Es gab keinerlei Hierarchien oder regelmäßige Meetings und schon gar keine Reports”, sagt Hubert Mantel, “das war gerade das Schöne.” Auch mit den ersten Mitarbeitern änderte sich diese Situation kaum, es sei fast keine Bürokratie nötig gewesen. “Jeder wusste, war er zu tun hatte, Abstimmung gab es bei Bedarf, und aufgrund der geringen Größe der Firma wusste ohnehin jeder immer über alles Relevante Bescheid. Es herrschte ein unglaublicher Idealismus. Das hat sich mittlerweile natürlich vollkommen geändert, was einen manchmal schon sehr wehmütig an die guten alten Zeiten zurückdenken lässt. Damals konnte man eine grundlegende Änderung in einer einzigen Nacht, der Hauptarbeitszeit, durchziehen. Alle Beteiligten wussten nach 20 Minuten Bescheid, und dann wurde es halt einfach gemacht.”
Im Jahr 2017 sind im Unternehmen Suse die Abläufe durchorganisiert: “Heutzutage muss abgestimmt werden, geprüft und genehmigt. Auch die kleinste Änderung darf erst an Kunden rausgehen, nachdem allerlei Stationen durchlaufen wurden (QA, Tests, Doku, Genehmigung von Abteilung A und B). Gefühlt leistet man nun mit 20 Leuten genauso viel wie damals mit vier, weil es da noch fast keinen Overhead gab. Aber es sind eben genau diese definierten Prozesse, für die Unternehmenskunden letztlich auch zahlen. Das muss man einfach akzeptieren. Wir sind im Mainstream angekommen; von den Abläufen her dürfte es bei uns nicht viel anders sein als bei IBM oder Microsoft.”
Hacker unter sich
Eines jedoch ist für Hubert Mantel bis heute unverändert: “In der Entwicklungsabteilung herrscht nach wie vor viel von der damaligen Atmosphäre. In gewisser Weise freue ich mich immer wieder darüber, wenn ich miterleben darf, dass es fast schon schwer ist, für ein Team einen Teamlead zu finden. Weil die Leute einfach lieber hacken. Da überzeugt auch das zusätzliche Geld nicht wirklich, wenn man dafür den langweiligen Papierkram zu erledigen hat. Ich denke, in vielen anderen Firmen sind die Mitarbeiter mehr an Karriere und Aufstieg interessiert, während bei uns nach wie vor der Idealismus eine große Rolle spielt. Und eben der Spaß an der Arbeit. Deshalb arbeite ich auch als Entwickler und nicht im Management.”
Jiri Kosina (Abbildung 7), Kernel Developer und Suse Labs Teamlead, hat sich nicht gescheut, die Position einzunehmen. Er ist für Subsysteme des Kernels als Upstream-Maintainer zuständig. Dazu zählt auch das Live-Kernel-Patching, dessen erste Code-Portion er geschrieben habe. Die Komplexität der Aufgabe, einen Kernel im Betrieb anzufassen, habe im Team zu angeregten Diskussionen geführt. Er sei seit elf Jahren bei Suse und es gäbe dort die schöne Tradition der Hack-Weeks. In dieser Zeit können Entwickler sich ungestört einem Projekt ihrer Wahl widmen. Davon profitiere auch das Unternehmen.
Yast & Co.
1996 brachte Suse eine Eigenentwicklung an den Markt. Holger Dyroff beschreibt diese Phase als spannende Zeit. “Das Projekt war verspätet, und es haben sich die Vorbestellungen bereits gestapelt, als Suse Linux 4.2 endlich fertig war. Suse hatte bereits Mitarbeiter in den einzelnen Upstream-Projekten.” Yast, das Installationssystem, sei allerdings eine komplette Eigenentwicklung gewesen.
Für das Bootsystem und den Grundaufbau einer Linux-Distribution sei ein neuer Entwickler als Projektleiter dazugekommen, erzählt Dyroff, und es habe Mitarbeiter mit Know-how in ganz verschiedenen Ecken des GNU-Systems gegeben. “Zunehmend wichtiger wurde neben dem Compiler (GCC) die Glibx selber – sowie natürlich Xfree und das X-System, wobei das irgendwie immer Ärger machte”, erinnert er sich.
Expansion und Depression
Suse expandierte 1997 in den heiß begehrten US-Markt und eröffnet eine Niederlassung in Oakland. Auch in Europa entstanden Niederlassungen. In den Analen von Suse heißt es später, dass man 1997 Europas führende Linux-Distribution angeboten habe. Partnerschaften mit IBM, SAP und Oracle markieren die Erfolgsstrategie des Unternehmens.
2001 dann die Ernüchterung: Im US-Büro in Oakland werden 30 Mitarbeiter entlassen, 15 bleiben. Den Support für das US-Geschäft, den bisher die Mitarbeiter in Oakland leisteten, wird nach Deutschland verlegt, damit seien Einsparungen in Millionenhöhe möglich, teilte das Suse-Führungsteam in Person von Roland Dyroff damals mit (siehe die Artikel ab Seite 26 beziehungsweise 30).
2001 übernimmt Johannes Nussbickl den Posten des Chief Executive Officer (Abbildung 5) von Roland Dyroff. Dyroff rückte in den Aufsichtsrat ein. Im selben Jahr stehen Finanzierungsrunden von Venture-Kapital-Firmen in Höhe von 15 Millionen Euro an. Der Partner IBM beteiligt sich an dieser Finanzierung. Und Suse-CEO Nussbickl kündigt zudem Entlassungen an.

Abbildung 5: Suse-CEO Johannes Nussbickl, Aufsichtsrat Roland Dyroff und Chief Technical Officer Dirk Hohndel, der 2001 seinen Hut nahm (von links). Suse
Von den rund 500 Mitarbeitern an den verschiedenen Standorten muss ein Viertel gehen – auch Nussbickl räumt kurze Zeit später seinen Stuhl als CEO. Richard Seibt folgt im Jahr 2002 als Chef auf seinen Platz. Das Platzen der Dotcom-Blase hat die eher erfolgsverwöhnte Suse zu Beginn des neuen Jahrtausends erreicht.
Novell übernimmt
Im Jahr 2003 bietet Novell schließlich 210 Millionen US-Dollar für die Suse Linux AG und schließt die Übernahme im Folgejahr ab [2].
Huber Mantel sagt zu dieser Zeit: “Die Übernahme war eigentlich eine Erlösung. Nach dem Platzen der Internetblase begann eine sehr, sehr schwere Zeit. Ständige Angst vor der Insolvenz, Auseinandersetzungen mit den Investoren und massiver Stellenabbau. Man war einfach ausgebrannt. Natürlich wäre es schöner gewesen, eigenständig zu bleiben; aber es hatte auch etwas, mal nicht mehr nur von der Hand in den Mund zu leben und eine gewisse materielle Absicherung zu haben. Außerdem kann man das Arbeitspensum der Anfangsjahre nicht auf Dauer durchhalten.”
Auch für die Mitarbeiter sei die Übernahme nicht überraschend gekommen. Zuvor seien Hunderte Stellen abgebaut worden, die Mitarbeiter hätten also Bescheid gewusst.
Segelkurs
Michael Jores, seit 1999 bei Suse und derzeit Regional Director Central Europe, sieht die Entwicklung mit Novell ähnlich. “Die Übernahme durch Novell war ein guter Schritt”, erzählt er. Suse habe zuvor auf dem US-Markt Geld verbrannt. Mit Novell habe man dann auf dem US-Markt Partner und Kunden gewonnen. “Wir haben im Windschatten von Novell den Suse-Brand in die USA gesegelt”, sagt Jores (Abbildung 6).
Wechseljahre
Mit der Übernahme durch Novell fällt der Start des Open-Suse-Projekts zusammen. Die Community beteiligte sich rege an der im Sommer 2005 veröffentlichten Distribution Suse Linux 10.
Dass Suse im Jahr 2006 ein Agreement mit Microsoft eingeht, irritiert die Linux-Welt. Novell-Chef Ron Hovsepian und Microsofts CEO Steve Ballmer schütteln sich die Hände – seit damals bietet Microsoft im Zuge der Partnerschaft den Suse Linux Enterprise Server an und wird zum erfolgreichen Distributor von Suses Server-Linux. Eine technische Partnerschaft soll sich um das Zusammenspiel von Windows und Linux in heterogenen Umgebungen kümmern. Microsoft und Novell/Suse arbeiten an der Virtualisierung und damit an der Interoperabilität.
Den Kunden versprechen die Partner, dass man gegenseitig keine Patentansprüche geltend machen werde. Novell sah sich allerdings schon zum Zeitpunkt der Suse-Übernahme mit schlechter werdenden Geschäftszahlen konfrontiert.
Die Neuzeit
Im Jahr 2011 übernimmt die Attachmate Group Novell und macht das Unternehmen zu einer 100-prozentigen Tochter. Dass Attachmate im Jahr 2014 über einen weiteren Merger dem Micro-Fokus-Imperium einverleibt wurde, belegt den vorläufigen Endpunkt im Führungs- und Besitzerwechsel. Nils Brauckmann (Abbildung 8), der von Attachmate kommend bereits die Geschicke von Suse lenkte, bleibt CEO. Die Strategie von Micro Fokus ist es, die Brands der einzelnen Bereiche zu wahren. Das durch die Jahre beibehaltene Suse-Chamäleon ist damit nach einer roten Phase bei Novell nun wieder eindeutig grün.

Abbildung 8: CEO Nils Brauckmann und Michael Miller, für Strategie und Marketing zuständig, bei der Susecon 2016 in Washington.
Flaggschiff und Portfolio
Für Olaf Kirch Abbildung 9), Vice President Suse Linux Enterprise, ist das klassische Linux-Betriebssystem immer noch der Grundpfeiler dessen, was Suse ausmacht. Dazu rechnet er nicht nur den Suse Linux Enterprise Server, sondern auch die Community-Distributionen, Open Suse Factory und Leap.
Suse bediene mit seinen Produkten Scale-up-Anforderungen wie im Bereich von SAP Hana auf Servern mit vielen Kernen und extrem viel Speicher, so Kirch. Am gegenüberliegenden Ende des Spektrums stünden Lösungen wie die Open-Stack-Cloud oder Software Defined Storage mit Ceph. “In beiden Bereichen haben wir in den vergangenen 12 Monaten durch Technologie-Akquisitionen unser Portfolio vergrößert und neue Entwickler hinzugewonnen. Im Bereich Storage durch den Zukauf von Open Attic, in den Bereichen Open Stack und Cloud Foundry durch die Übernahme von Teilen von HPE Software”, sagt Kirch, “und alle diese Produkte basieren auf Suse Linux Enterprise. Also, darauf bin ich stolz.”
Nach den persönlichen Meilensteinen der SLES-Entwicklung gefragt, nennt Olaf Kirch den SLES 8, allerdings auch deshalb, weil dies die erste Ausgabe gewesen sei, zu der er aktiv beigetragen habe, indem er den USAGI-IPv6-Stack in den Kernel integriert habe.
Frage man bei den Suse-Entwicklern herum, seien Meilensteine meist an der Einführung von wichtigen Technologien festgemacht, etwa der Portierung von Linux an die AMD64-CPU, die Suse gemeinsam mit AMD gemacht habe. Gleiches gelte für die Zusammenarbeit mit SGI um die Skalierbarkeit des Kernels in Bereiche jenseits von 2048 CPUs zu treiben.
Nach den Pleiten gefragt, bleibt Kirch diplomatisch: “Um keine Kollegen bloßzustellen, rede ich mal über eine meiner persönlichen Lehrstunden. Das war die Entwicklung eines Audit-Subsystems namens “LAuS” für den Kernel. Das brauchten wir für die erste EAL-Zertifizierung und haben es auf eigene Faust hinter verschlossenen Türen gemacht. Als es Upstream gehen sollte, gab es bereits eine andere Implementierung im Kernel.”
Infos
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Martin Kuppinger, “Neuer Player im Linux-Markt”: Linux-Magazin 04/04,https://www.linux-magazin.de/Ausgaben/2004/01/Novell-die-Linux-Company/












