2014 beschloss das Debian-Projekt, das alte Initsystem durch Systemd zu ersetzen. Ganz Debian? Nein, eine kleine Gruppe von Entwicklern hört nicht auf Widerstand zu leisten und arbeitet am Systemd-freien Fork Devuan. Das Linux-Magazin hat sich Version 1.0.0 angeschaut.
Das ohnehin sehr diskussionsfreudige Debian-Projekt stritt monatelang über das Initsystem – mit dem Ergebnis, dass Systemd Einzug in die Distribution hielt, etliche Entwickler zurücktraten und einige schließlich Devuan [1] ins Leben riefen. Auch viele Anwender waren enttäuscht über die Entscheidung. Sie hätten lieber beide Initsysteme in der Distribution gesehen, um dann selbst wählen zu können. Das Debian-Wiki enthält zwar eine Anleitung [2], wie das Installieren von Jessie ohne Systemd per Preseeding gelingt – das klappt aber nur auf Servern ohne grafische Arbeitsumgebung.
Den Orbit verlassen
Seit 2014 arbeiten die Veteran Unix Admins, wie sie sich selbst nennen, an Devuan [3]. Ende Mai 2017 erschien schließlich die erste stabile Ausgabe des Systemd-freien Forks. Version 1.0.0 trägt das Gütesiegel LTS, die Langzeitunterstützung soll mindestens so lange bestehen wie die von Debian Jessie.
Noch heißt Devuan genauso wie Debian – den Codenamen Jessie haben die Entwickler für ihre erste Ausgabe der Systemd-freien Distribution übernommen. Danach wird alles anders: Devuan benennt seine Releases nach Kleinplaneten. Der derzeitige Testing-Zweig ist Ascii, Unstable heißt immer Ceres. Um mit Debian kompatibel zu bleiben, haben die Entwickler für Unstable einen Alias namens Sid eingerichtet.
Im Download-Bereich [4] stehen verschiedene Devuan-Abbilder zur Verfügung, darunter Hybrid-DVD-Images für den Livebetrieb, ARM-Images für Embedded-Geräte sowie Abbilder für Vagrant, Qemu und Virtualbox. Wer Devuan installieren möchte, findet hier auch CD- und DVD-Images (32 und 64 Bit). Die Tester nutzten das 64-Bit-DVD-Image für eine frische Devuan-Installation. Außerdem verwandelten sie per Online-Update ein bestehendes Debian Jessie in ein Devuan Jessie. Zum Schluss schauten sie sich an, was beim Aktualisieren von Debian Wheezy in Devuan Jessie passiert.
Eine frische Devuan-Installation unterscheidet sich derzeit kaum von der Debian-Einrichtung. Nach dem Booten (Abbildung 1) wählen Anwender ihre Sprache aus; es folgen die Hardware-Erkennung und die Netzwerkeinrichtung. Nach dem Anlegen der Benutzeraccounts und der Auswahl der Zeitzone partitionieren Benutzer die Festplatte. Dann wandert das Grundsystem auf die Platte. Beim Einrichten der Onlinequellen für den Paketmanager fällt auf, dass die Mirrors-Liste deutlich kürzer als bei Debian ist. Für jedes aufgeführte Land gibt es zwei Server: einen mit der Länderkennung und »auto.mirror.devuan.org«.
Erst bei der Auswahl der Softwarepakete ändert sich etwas. Wer sich für eine grafische Umgebung entscheidet, darf zwischen Xfce (Standard), LXDE und Mate wählen – von KDE oder Gnome keine Spur. In der Ankündigung zum zweiten Release-Kandidaten [5] berichten die Entwickler, dass sie die großen Desktopumgebungen aus Stabilitätsgründen aus dem Installer entfernt haben. Benutzer können die grafischen Arbeitsumgebungen nachrüsten; einige Komponenten verursachen aber nach wie vor Probleme. Wer über einen Fehler stolpert, kann ihn im Bugtracker [6] melden.
Während der Gnome-Desktop auf dem Testrechner den Dienst verweigerte, gelang die nachträgliche Installation von KDE Plasma über das Paket »task-kde-desktop« (und »kde-l10n-de« für die deutschen Sprachanpassungen) ohne Probleme. Beim Einspielen von KDE schlägt die Postinstallations-Routine vor, den KDM Login-Manager zum Standard zu erklären. Anwender sollten davon absehen und bei Slim bleiben.
Verwandlungskünstler
Auch wenn bei Erscheinen dieser Ausgabe Debian Stretch bereits veröffentlicht und Jessie damit Old Stable ist, bleibt das Konvertieren von Jessie nach Jessie derzeit der beste Weg, um auf Devuan umzusteigen. Von einem Upgrade auf Devuan Testing oder Unstable raten die Entwickler ausdrücklich ab.
Genau wie bei einem Debian-Distributions-Upgrade empfiehlt die Anleitung [7] Fremdquellen zu deaktivieren und Pakete aus ihnen zu entfernen. Dann passen Anwender die Liste der Repositories an, tragen die Devuan-Mirror ein (Abbildung 2) und bringen die Paketliste mit »apt-get update« auf den neuesten Stand. Anschließend spielen sie den GPG-Keyring des Devuan-Projekts ein; dazu ist einmalig ein nicht-authentifiziertes Paket zuzulassen:
apt-get install devuan-keyring -y --allow-unauthenticated
Es folgen »apt-get update && apt-get dist-upgrade«. Dabei entfernt der Paketmanager »systemd-sysv«. Anders als in der Anleitung beschrieben, ist es nicht nötig, Xfce und Slim von Hand einzuspielen – auf dem Testrechner geschah das automatisch. Wenn die Postinstallations-Routine nach dem Standard-Displaymanager fragt (Abbildung 3), sollten Anwender Slim wählen.

Abbildung 3: Im Zuge der Umstellung wandert auch der schlanke Login-Manager Slim auf die Platte. Anwender sollten ihm den Vorrang vor GDM oder KDM geben.
Für den letzten Schritt beenden Anwender die laufende X-Session und arbeiten auf der Konsole weiter. Es ist an der Zeit, um zu prüfen, ob noch Systemd-Reste vorhanden sind. Auf dem Testrechner war das Paket »systemd-shim« immer noch installiert. Wer es über »apt-get purge« mitsamt Konfigurationsdateien entfernt, sieht etliche Pakete verschwinden, darunter auch »gdm3«, »gnome« und den Network Manager. Um das Verwalten der Netzwerkverbindungen kümmert sich fortan Wicd.
Herausfordernd
Interessanter wird es, wenn Anwender noch Debian-Wheezy-Installationen betreiben und diese in ein Devuan Jessie umwandeln möchten – hier ist mit den gleichen Problemen zu rechnen wie bei einem Upgrade von Debian Wheezy auf Debian Jessie. Nach dem Anpassen der Paketquellen, dem Installieren des Devuan-Keyring und dem Kommando »apt-get dist-upgrade« gilt es, Ruhe zu bewahren. Der Paketmanager fragt im Verlauf die üblichen Fragen nach dem Erhalten der Konfigurationsdateien und spielt dann die Aktualisierungen und zusätzlich benötigte Software ein.
Auf dem Testrechner mit dem KDE-Desktop gab es eine unliebsame Überraschung mit der neuen Kmail-Version, die auf den Datenverwaltungsdienst Akonadi setzt. Wer der Aufforderung des Programms Folge leistet und den Assistenten zum Konvertieren startet, darf sich je nach Menge der Mails und der Folder auf einige Wartezeit einstellen. Auf dem Testsystem fehlten danach alle Filter. Erst folgendes Vorgehen führte zum Ziel:
akonadictl stop rm -rf ~/.local/share/akonadi/ rm -rf ~/.config/akonadi/ rm ~/.kde/share/config/akonadi* akonadictl start
Danach stießen die Tester die Migration erneut an. Sie verzichteten zunächst auf das Eingeben der Kennwörter für Konten und importierten alle Filterregeln, was diesmal klappte. Nach mehreren Stunden war Kmail aber immer noch nicht benutzbar – es war nicht möglich, Nachrichten zu lesen oder zu löschen.
Auf dem zweiten Rechner fanden die Tester unter anderem auch zwei Pakete, deren Konfigurationsdateien noch da waren (»libsystemd-daemon0« und »libsystemd-login0«). Außerdem gab es das als automatisch installiert gekennzeichnete Paket »libsystemd0«, das als Abhängigkeit zu »xsane«, »libsane« und »sane-utils« blieb – die Scanner-Unterstützung scheint also noch nicht ganz ausgereift.
Das Metapaket »init« stellt unter Devuan sicher, dass eines der verfügbaren Initsysteme (»systemd«, »sysvinit« oder »upstart«) installiert ist, falls ein Programm dies benötigt. Das Dbus-Problem haben die Macher anders gelöst: Da viele Anwendungen der grafischen Umgebungen von Dbus abhängen und dieses bei Debian Systemd braucht, bauen die Devuaner ihr eigenes Dbus aus den Upstream-Quellen.
Nach den Sternen greifen
Kleiner Schönheitsfehler: Auf beiden Testrechnern hat die Automounting-Funktion Schluckauf. Während es auf dem einen nötig ist, die Wechseldatenträger von Hand einzuhängen, fragt der andere Computer stets nach dem Rootpasswort, bevor er ein Medium mountet.
Insgesamt wirkt Devuan gelungen. Dass der Umstieg von Debian Wheezy auf Devuan Jessie solche Probleme bereitet hat, dürfte im Wesentlichen an Kmail und nicht an der Distribution gelegen haben, denn auch Debian-Anwender berichten in den Foren von Schwierigkeiten. Der Wechsel zum Login-Manager Slim stellt keine Hürde dar. Wer sich mit Xfce nicht anfreunden kann, rüstet KDE, LXDE oder Mate nach.
Lediglich Gnome-Fans schauen in die Röhre – daran wird sich auch künftig nichts ändern, erfuhren die Tester auf Nachfrage bei den Entwicklern. Es gebe genug Auswahl bei den grafischen Umgebungen und man wolle sich lieber um die nächste Release kümmern. Sofern alles glattgeht, sollen die ersten Ascii-Images bald auf den Devuan-Servern zur Verfügung stehen.
Dass es nicht nur die altgedienten Unix-Veteranen sind, die Interesse an einer Systemd-freien Distribution haben, beweist ein Blick auf die Projektseite. Sie listet derzeit über zehn Distributionen, die auf Devuan basieren. Und auch im Enterprise-Bereich tut sich etwas: Die beiden Firmen Centurion Computer Technology (Neuseeland) und Dyne Solutions (Niederlande) stehen in den Startlöchern, um für ihre Kunden maßgeschneiderte Devuan-Derivate und Support anbieten zu können [8].
Infos
-
Devuan: https://devuan.org
-
Jessie ohne Systemd installieren: https://wiki.debian.org/systemd#Installing_without_systemd
-
News zum Debian-Fork: https://www.linux-magazin.de/NEWS/Unix-Veteranen-planen-Debian-Fork
-
Devuan-Download: https://files.devuan.org
-
Blogpost zum Releasekandidaten: https://devuan.org/os/debian-fork/stable-2nd-candidate-announce-050517
-
Devuan-Bugtracker: https://bugs.devuan.org
-
Anleitung zum Devuan-Upgrade: https://devuan.org/os/documentation/dev1fanboy/Upgrade-to-Devuan
-
Release Notes: https://devuan.org/os/debian-fork/stable-jessie-announce-052517








