Der Vorteil von Suses Enterprise-Distribution sei, dass sich aus ihr neben dem Enterprise-Server auch der Enterprise-Desktop spielend leicht destillieren lasse, erklärt der Hersteller. Im Test des Linux-Magazins musste SLED 12 zeigen, was es drauf hat und für wen derlei Enterprise-Desktops sinnvoll sind.
Die Veröffentlichung von Suse Linux Enterprise Desktop [1] folgt unmittelbar der des Servers SLES. Die Desktop-Variante soll dabei helfen, Linux auf Unternehmens-PCs zu bringen und dort zu halten. Natürlich lässt das Linux-Magazin es sich nicht nehmen, dem ausführlichen SLES-Test einen von SLED nachfolgen zu lassen – Suse stattete die Redaktion dafür mit einer Eval-Lizenz aus, die das Ausprobieren möglich macht. Würde SLED 12 Akzente setzen können, wie es beispielsweise Ubuntu mit seinem Unity-Desktop tat?
Ein Enterprise-Linux auf dem Desktop?
Dass ein SLED-Test eine völlig andere Angelegenheit werden würde als der SLES-Test im Linux-Magazin [2], war klar. Enterprise-Systeme für den Desktop-Einsatz sind umstritten, es existieren im Wesentlichen zwei Lager: Die Verfechter der Idee betonen, dass ein Desktop mindestens so stabil sein müsse, wie Admins es von einem Server ebenfalls erwarten. Gegner erwidern, dass ein Desktop ganz andere Erwartungen zu erfüllen habe, als es bei einem Server der Fall ist. Schließlich werden Server regelmäßig bei ihrer Installation einer spezifischen Aufgabe zugeteilt und behalten diese für den Rest ihres Lebens bei.
Desktops aber sind einem stärkeren Wandel unterworfen, was selbst Befürworter der Enterprise-Systeme für Desktops kaum in Abrede stellen. Anders als bei Servern wirkt sich aktuellere und mit mehr Funktionen versehene Software unmittelbar auf die Produktivität der Mitarbeiter aus, sodass die Bereitschaft zum Upgrade deutlich größer ist.
Hinzu kommt, dass Desktops in vielen Fällen keine fünf Jahre durchhalten, wie es fast immer von Servern erwartet wird. Neue Hardware ist meistens schneller, kommt aber mit weniger Energie aus als ihre Vorgänger. In einem Umfeld, das sich fast nur noch auf Desktops konzentriert, ist das ein wichtiges Argument für ein Rechner-Upgrade.
Das Gleiche gilt für gängige Linux-Desktops: Neuere Versionen ticken meist deutlich schneller und stellen (von RAM und 3-D-Grafikkarten abgesehen) meist wesentlich niedrigere Hardware-Anforderungen.
Viel mehr bewegliche Ziele
Damit SLED ein Erfolg werden kann, muss Suse sich also um viele Eigenschaften kümmern, die bei Servern nicht so wichtig sind. Ein Beispiel dafür ist, dass Suse regelmäßig SLED um Support für neue Hardware wird erweitern müssen. Das System muss sich auch mit Hardware herumschlagen, die auf Servern keine Rolle spielt – erwähnt seien die Chipsätze von AMD-ATI und besonders Nvidia, zu dessen bekennenden Fans Linux-Erfinder Torvalds zählt.
Nicht zuletzt muss SLED eine Antwort auf die Frage geben, wieso Firmen sich mit Linux auf dem Desktop überhaupt beschäftigen sollen. Was hebt SLED positiv von den Mitbewerbern ab, also neben den proprietären Windows- oder Mac-OS-Varianten insbesondere die Kollegen von Debian und Ubuntu? Jene machen – anders als SLED – den Betrieb des Systems nicht davon abhängig, ob der Kunde eine Support Subscription für Updates bei Suse kauft oder nicht.
Zwei Szenarien
Vor diesem Hintergrund machte sich das Linux-Magazin an den Test und erhielt teils überraschende Antworten auf seine Fragen. Der folgende Test geht von zwei Szenarien aus. Einmal ist das Testgerät ein fest installierter Desktop-Computer aktueller Bauart, im zweiten Beispiel handelt es sich um ein Notebook für unterwegs.
Grau in Grau bei der Installation
Bereits im Artikel zu SLES 12 war der Autor ausführlich auf die Idee hinter Suses Kern-Distribution SLE eingegangen, die die Grundlage sowohl für den Server als auch den Desktop bildet. Die Installation ist bei SLED in weiten Teilen identisch mit der, die auch bei SLES zum Einsatz kommt. Daher wundert es nicht, dass der Installer die gleiche triste Optik mitbringt: Im Gegensatz zu anderen Systemen dominieren bei der Suse-Installation dunkle Farben, was der gesamten Installationsroutine ein ausgesprochen langweiliges und fast schon trauriges Aussehen verpasst.
Klar, das mag Geschmackssache sein, aber schön ist SLED 12 also bei der Installation ebenso wenig wie SLES, dafür aber genauso funktional: Routiniert spult das neue Yast aus SLE 12 seine Arbeit ab und sorgt dafür, dass am Ende ein lauffähiges System auf der Platte landet.
Verschlüsselung: Im Prinzip schon, aber …
Suse denkt dabei durchaus an Funktionen, die für Business-Desktops von großer Bedeutung sind. Das Beispiel Festplattenverschlüsselung macht das schnell deutlich: Bei Servern verzichten Unternehmen regelmäßig darauf, die Inhalte der Platten zu verschlüsseln. Es gilt die Annahme, dass ein fest eingebauter Server im Rechenzentrum hinreichend gut gegen Diebstahl geschützt sei.
Anders sieht es freilich bei Desktops aus: Notebooks sind das dominierende Gerät der Wahl bei den meisten Anwendern. Schon ein unbeobachteter Augenblick bei einer Konferenz oder einer Messe kann dazu führen, dass das Gerät unfreiwillig den Besitzer wechselt. Sind die Daten auf der Platte dann nicht durch Passwort vor den Augen Dritter geschützt, kann das für Unternehmen zu einem großen Problem werden.
Damit das nicht vorkommt, ist in SLED auch die Funktion enthalten, die das Verschlüsseln der Festplatte erlaubt (Abbildung 1). Im Partitionierungsdialog wählt der Admin die geführte Aufteilung und gibt im nächsten Schritt sein Passwort ein. Das wird künftig notwendig sein, damit der Rechner überhaupt startet. Mit der Eingabe des Passworts endet die Konfiguration der Verschlüsselung bereits; im weiteren Verlauf erledigt der Installer seine Arbeit unspektakulär.
… nicht erfolgreich beim ersten Versuch
SLED wartete nach der Installation mit einer überaus unangenehmen Überraschung auf: Statt des Eingabeprompts für das Passwort zur Freigabe der verschlüsselten Platte erschien beim Booten nämlich – nichts. Das Problem war bei der erneuten – erfolgreichen –Installation leider nicht zu reproduzieren, hinterließ aber einen faden Beigeschmack.
Dass die Integration verschlüsselter Festplatten bei SLED durchaus von Bedeutung ist, wurde während der erneuten Installation auf eindrucksvolle Weise deutlich. Denn bevor er sich an die erneute Aufteilung der Platte machte, erklärte der Installer nämlich klipp und klar, dass er verschlüsselte Partitionen gefunden habe und diese erst nach erfolgreicher Entschlüsselung auch nutzen könne. Warum die erste Installation nicht klappte, bleibt ein Rätsel.
Matte Oberfläche
Wenn der Installer seine Arbeit erfolgreich erledigt hat, landet der Nutzer im Desktop von SLED 12. Wer SLED oder den freien Suse-Ableger Open Suse in der Vergangenheit mit KDE genutzt hat, muss sich hier auf einen Schock einstellen: Begrüßt wird der Nutzer nämlich von der Classic-Variante, die Teil von Gnome 3 ist. Diese ist wohl mit “übersichtlich” gut beschrieben: Schicke grafische Elemente oder aufwändige Effekte gehören eher nicht zu diesem Desktop.
Wer sich im nächsten Schritt auf Yast stürzt und die Option sucht, um KDE zu installieren, erlebt eine Enttäuschung: Bereits seit 2006 (SLES 10) steht kein anderer Desktop als Gnome 3 mehr bereit (bei SLES 11 war KDE immerhin noch nachinstallierbar). Der Grund für Suse, KDE ganz aus der Distribution zu verbannen, dürften in erster Linie Effizienzbestrebungen sein. Je mehr Desktop-Umgebungen beiliegen, desto höher ist der Support-Aufwand für den Hersteller. Die Desktop-Reduktion nutzt also vorrangig Suse, auch deshalb, weil Gnome 3 im Classic-Modus weniger komplex ist als ein ausgewachsenes KDE 4.
Gerade im europäischen Raum dürfte Suse sich aus den genannten Gründen mit dieser Entscheidung allerdings wenige neue Freunde gemacht haben.
Erst mal ein Update
Dass Betriebssysteme nach der Installation erst mal einen Haufen Updates aus dem Netz nachziehen, ist keine Neuigkeit. Damit der Download von Updates bei Suse klappt, ist die Anmeldung des Systems am Suse-Kundencenter vorher zwingend erforderlich.
Die Eval von Suse ermöglichte es, die Dienste von Suse nach der Installation auszuprobieren. Nicht schlecht staunten die Tester, als zwar tatsächlich ein ganzer Haufen Pakete in neuer Version ihren Weg auf das System fanden, ein neuer Kernel aber nicht darunter war. Vorher wie nachher behauptete der Kernel, das Modell 3.12.28 zu sein.
Freilich darf man annehmen, dass das nur die halbe Wahrheit ist – schließlich patchen Suse und Red Hat wie Canonical und Debian ihre Kernel bis zur Unkenntlichkeit. Stirnrunzeln war allerdings beim Kompilierdatum des Kernels angezeigt: Demnach erhielt das Test-Team im Januar einen Kernel, der im September gebaut worden war. Ganz frisch ist das gute Stück also jedenfalls nicht mehr.
Enterprise-ready, aber nicht mehr ganz frisch
Gleiches gilt für die vielen anderen Komponenten, die SLED im Lieferumfang hat. Wann immer der Anbieter einer Software von sich aus direkt eine “Long Term Stable”-Version anbietet, hat Suse diese genommen und liefert sie als Teil von SLED 12 aus. Anwender erhalten also Firefox 31.3.0, während der Nicht-LTS-Teil der Welt bereits bei 35 angekommen ist. Libre Office zeigt sich mit Version 4.3 erfreulich aktuell. Zusammengefasst wird allerdings deutlich, dass große Teile von SLED 12 beim ersten Installieren schon nicht mehr aktuell sind.
4,4 und 6 GByte an Software
Gleich zwei DVDs liefert der Hersteller aus, die eine passt mit knapp unter 4,4 GByte Größe noch auf einen üblichen DVD-Rohling. Das andere Image ist über 6 GByte groß und setzt einen Double-Layer-Rohling oder gleich Bluray-Medien voraus – falls der Anwender den Inhalt der Images nicht gleich auf USB-Sticks installiert.
Der größte Teil dieser rund 11 GByte Daten dürfte zum Zeitpunkt des Tests schon veraltet gewesen sein; einmal mehr wird deutlich, dass LTS-Versionen zwar Planungssicherheit geben – aber die mit altem Krempel.
Hardware-Support
In Servern funktioniert das Gros der Hardware mit aktuellen Linux-Kernels ab Werk. Falls spezielle Treiber notwendig sein sollten, liefert der Hersteller die Treiber als Teil des Produkts mit. Anders bei Desktops: Grafikkarten mit ekeligen Chipsätzen oder besondere WLAN-Geräte gehören bei vielen Workstations zum Standard. Will ein Betriebssystem trotzdem das Optimum aus der Hardware herauskitzeln, muss es die – durchaus vorhandenen, aber eben proprietären – Treiber mitliefern. Deshalb sehen Nutzer nach der Registrierung eines Clients mit SLED am Suse Customer Center auch zwei neue Einträge in der Liste ihrer Paketrepositories: Sonder-Ordner für ATI und Nvidia-Karten.
Im Teste klappte die Installation auf entsprechender Hardware gut. Es liegt aber leider in der Natur proprietärer Treiber, dass dies über die Reproduzierbarkeit des Vorgangs auf anderen Systemen nichts aussagt. Solange die Kombination aus Hardware und Treiber passt, tun die genannten Devices ihren Dienst aber klaglos. Etwas böse könnte man abschließend fragen, wieso Nutzer sich die Mühe der Installation von 3-D-Treibern überhaupt antun sollen: Gnome 3 im Classic-Modus stellt jedenfalls keine Herausforderungen an Grafikkarten.
Datensicherheit und Backup-Werkzeuge
Für Business-User ist es von elementarer Bedeutung, dass sich ein System in kürzester Zeit wiederherstellen lässt. Gibt eine SSD den Geist auf, muss das erste Ziel schließlich sein, den Besitzer des Geräts schnellstmöglich wieder produktiv arbeiten zu lassen. Auch das typische “Fat Fingering” kann zu einem Problem werden – wenn Backups fehlen. In SLED 12 bieten sich Anwendern gleich mehrere Ansätze (Abbildung 2), um effektiv Sicherheitskopien von Systemen zu schaffen.
Bei der Installation fällt zuerst auf, dass SLED 12 ab Werk Btr-FS als Dateisystem vorschlägt. SLED 12 verhält sich damit äquivalent zu SLES 12: Suse glaubt von allen Herstellern wohl am ehesten an den großen Btr-FS-Erfolg und liefert zudem eine Menge Software rund um das Dateisystem mit – ein Beispiel ist Snapper [3]: Mit dem Werkzeug lassen sich Snapshots von Dateisystemen anlegen, die ein Rollback zu jedem Zeitpunkt möglich machen.
Nun ist der Snapshot eines Dateisystems bekanntlich noch kein hinreichend zuverlässiges Backup, Snapper begleicht nur die halbe Miete: Denn die mit Snapper angelegten Snapshots lassen sich mit jedem erdenklichen Backup-Werkzeug auf ein separates Medium brennen oder eine andere Plattes kopieren. Verpflichtend ist Btr-FS übrigens trotzdem nicht. Wer beschließt ein anderes Dateisystem zu bevorzugen, kann das natürlich tun – muss jedoch während der Installation dann auch ein Dateisystem angeben.
Büro & Multimedia
Von großer Bedeutung bei Desktop-Systemen ist für die Nutzer, ein komfortables, cleveres System vor sich zu haben. Im Web 2.0 bedeutet das vor allem, dass Support für verschiedene Multimediadienste vorhanden sein muss. Die Redaktion hat das anhand mehrerer Websites ausprobiert. Youtube tut’s erwartungsgemäß ohne Probleme, auch weil HTML 5 mittlerweile dort als Standard eingetragen ist und der in SLED mitgelieferte Firefox damit zurechtkommt. Für weniger fortschrittliche Websites bringt SLED auch ein Flash-Plugin mit.
Bei der Arbeit im Büro ist SLED solide, aber nicht spektakulär (Abbildungen 3 bis 5): Libre Office in der schon erwähnten aktuellen Version 4.3 liegt bei und erweitert das System um die Fähigkeit, Briefe zu schreiben und Tabellen anzulegen. In erster Linie präsentiert sich SLED hier als gute, vielleicht etwas konservative Plattform für den Alltag.
Systemd für alles
SLED 12 ist die erste SLED-Version, die Systemd als offiziellen Ersatz für Sys-V-Init ausliefert. Anwender werden diese Umstellung in der Regel gar nicht merken, da Systemd im Hintergrund werkelt und sich dem Nutzer nur selten zeigt. In Sachen Integration der wichtigsten Programme hat Suse zudem gute Arbeit geleistet und Systemd nahtlos mit den entsprechenden Komponenten gekoppelt. Von Bedeutung mag Systemd auch für Admins sein, die im Rahmen der Fernwartung die Systeme der Mitarbeiter betreuen: Wer noch keinen Systemd-Crashkurs hatte, wird diesen nach der Umstellung auf SLED 12 dringend nachholen wollen. Fakt ist: Verglichen mit der Heftigkeit, die in der Systemd-Debatte bisweilen zu beobachten ist, tut Systemd erstaunlich leise und reibungslos seinen Dienst.
Yast: Die neue alte Kommandozentrale
Yast hat sich seit der letzten SLE-Version bekanntlich radikal geändert – im Wesentlichen ist das Yast, das SLED 12 beiliegt, ein kompletter Rewrite der vorherigen Version. Während Admins von Servern Yast eher selten direkt zu Gesicht kriegen, stellt Yast auf Desktops das zentrale Managementwerkzeug für praktisch alle Funktionen dar.
Desktop-Anwender werden auf SLED 12 deshalb beim ersten Yast-Start eine Überraschung erleben: Das Programm ist deutlich flinker als zuvor, sieht allerdings ganz anders aus (Abbildung 6). An die Stelle des Fensters mit mehreren Unterkategorien ist nun eine Auflistung einzelner Symbole ganz im Stile des KDE-Kontrollzentrums getreten; auch die Ähnlichkeit mit den typischen GTK-Konfigurationsdialogen (wie bei Gnome oder Xfce) kann Yast nicht leugnen, parallel dazu gibt es noch die Einrichtungstools des Desktops (Abbildung 7). In der deutschen Übersetzung schlägt sich Yast übrigens mit der Tatsache herum, dass die Beschriftungen der einzelnen Menüs teilweise willkürlich umbrechen.
In Sachen Funktionalität macht Yast zum Glück keine Kompromisse. Die aus den Vorversionen bekannten Buttons und Knöpfe sind noch immer da; und nach dem ersten Klick auf eines der Yast-Module präsentiert sich Yast dann auch wieder in einer Optik, die eher an die seiner Vorgänger erinnert. Wer den Linux-Computer zum Mitglied einer Windows-Domäne machen möchte, tut das etwa hier. Admins und Nutzer konfigurieren wie gehabt ihre Netzwerkkarten oder richten Quellen ein, aus denen SLED sich bei Bedarf Pakete installiert. Auch der Dialog zur Installation von Paketen ist weiterhin Teil von Yast; hinter einer schicken Oberfläche suchen Nutzer Pakete per Stichwort.
SLED und Fernwartung
Natürlich ist an dieser Stelle die Anmerkung wichtig, dass in Unternehmen die Installation einzelner Pakete durch die Nutzer selbst die Ausnahme sein wird. Eine der Hauptmotivationen für Unternehmen, Enterprise-Distributionen zum Einsatz zu bringen, ist ja gerade die Verwaltung durch eine zentrale Stelle. Wenn die IT-Abteilung die Wartung der Systeme erledigt, ist das außerdem der Sicherheit sehr zuträglich: Wenn die Anwender erst gar keinen Rootzugang zu ihrem System haben, ist das gut – denn es schließt verschiedene Angriffsszenarien von vornherein aus. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als eigenartig, dass Suse für eben jene Szenarien kein offensichtliches Produkt anbietet.
Server-seitig ist die Firma aus Nürnberg bekanntlich mit dem Suse Manager dick im Geschäft: Die Alternative zu Red Hats Satellite oder Ubuntus Landscape gibt Administratoren Werkzeuge in die Hand, um viele Server zentralisiert und effektiv zu warten. Doch ist der Manager ausdrücklich eine Lösung für Server. Freilich wird es auch möglich sein, in eine Suse-Manager-Umgebung Desktops zu integriere.
Dass Admins sich dazu bereit erklären, viel Geld für den Suse Manager auszugeben, obwohl sie nicht sicher wissen, dass er die gewünschte Funktionalität bietet, scheint derweil eher unrealistisch. Dabei sind die Aufgaben, die Admins über den Manager auf den Clients ausführen, denen auf Servern gar nicht so unähnlich: Server und Workstations sind gleichermaßen darauf angewiesen, stets alle verfügbaren Sicherheitsupdates einzuspielen.
Details wie die CA-Zertifikate für die eigene CA des Unternehmens brauchen ebenfalls beide Rechnertypen. Nützlich wäre es auch, würden alle Firmen-Clients identisch installiert und nach dem gleichen Motto gewartet.
Warum Suse hier den Suse Manager nicht aggressiver auch als Werkzeug für die sinnvolle Verwaltung von Desktopsystemen bewirbt, ist vielleicht dem mangelnden Vertrauen in den Desktopmarkt geschuldet. So können Admins entweder selbst ihr Glück mit dem Manager versuchen oder sich selbst Lösungen basteln – eine sehr unbefriedigende Alternative.
Guter Gesamteindruck trotz alter Software
SLED 12 hinterlässt im Test einen guten Gesamteindruck. Zwar sind die wenigsten Applikationen auf dem neuesten Stand, doch bietet SLED noch immer einen halbwegs aktuellen Desktop – am Tag des Tests war es jedenfalls so. Ob das so bleibt, muss Suse selbst festlegen: Ubuntu hat in den letzten Jahren erfahren, dass LTS zwar schön und gut ist, die meisten Nutzer auf ihrem Desktop aber kein Software-Museum wollen.
Aus diesem Grund sorgt Canonical mittlerweile recht regelmäßig dafür, dass Tools von zentraler Bedeutung für die Ubuntu-LTS-Versionen in neueren Releases zur Verfügung stehen. Das beste Beispiel ist der Linux-Kernel, den Ubuntu in schöner Regelmäßigkeit aktualisiert. Für den gibt es dann zwar keine fünf Jahre Support, aber damit können die meisten Nutzer gut leben. Der stabilste Kernel hilft schließlich nicht, wenn er die Hälfte der im Rechner zu findenden Hardware nicht unterstützt.
Aber warum?
SLED hat ein Problem: Er liefert keinen überzeugenden Grund dafür, auf ihn zu setzen und nicht auf ein anderes System, das sich ebenfalls an Business-Anwender richtet und Langzeitsupport verspricht. Wer Suse gewohnt ist, wird mit SLED vermutlich glücklich werden. Wer aber keinen gesteigerten Wert auf das “Suse-Gefühl” legt, wird bei Ubuntu 14.04 eine mindestens so gute Desktop-Umgebung finden, die mit ähnlichen Support-Versprechen kommt und als Dreingabe die Wahl zwischen unterschiedlichen Umgebungen bietet, ohne dafür Geld sehen zu wollen.
Insgesamt hat das Thema Desktop-Umgebung beim Test manches Stirnrunzeln hervorgerufen. Ob die Strategie ohne KDE aufgeht (Abbildung 8), wird sich zeigen. Wer Windows oder KDE gewohnt ist, wird sich mit Gnome 3 im Classic-Modus nur bedingt zufriedenstellen lassen. Die einfache Optik von Gnome 3 Classic sorgt dafür, dass ein frisches, modernes Gefühl bei der Benutzung des Desktops nicht aufkommt. Doch vielleicht ist ja die klassische Klarheit etwas, das Suse bei seinen Kunden als Erwartungshaltung vermutet – ähnlich wie Ubuntu es mit Unity probiert, nach dem Motto “Weniger ist mehr”. Oder es spielte eine Rolle, dass Gnome-Hersteller Ximian via Novell zum Suse-Konzern stieß.
Im Hinblick auf die laufenden Kosten fallen bei SLED maßgeblich die Supportverträge ins Gewicht, die für Updates benötigt werden. Im Gegenzug erhalten Nutzer die Möglichkeit, sich bei technischen Problemen an den Hersteller zu wenden. Ob und inwiefern das im Alltag von Unternehmensdesktops tatsächlich ein wichtiger Faktor ist, sei dahingestellt; passionierte Admins finden durchaus eine Antwort auf die Mehrzahl der Fragen, die sich im Desktop-Bereich ergeben. Unterm Strich erweist sich SLED 12 als gutes Produkt, kann aber echte Linux-Spezialisten auch nicht wirklich überzeugen.
Infos
- SLED: https://www.suse.com/products/desktop/
- Martin Loschwitz, “Kurz vor zwölf”: Linux-Magazin 12/14, Seite 66
- Snapper: http://www.snapper.io















