In Europa wird der Einsatz von Open-Source-Software allmählich zur Erfolgsstory. Doch wer glaubt, Deutschland spiele dabei ganz vorn mit, irrt. Der niederländische Journalist Gijs Hillenius von Joinup liefert eine Außenperspektive auf die deutsche Open-Source-Behördenwelt und zeichnet kein gutes Bild.
Der typische Niederländerwundert sich nicht, dass sein Land auf Platz 1 rangiert, während Deutschland in Sachen E-Government nur unter “ferner liefen” auftaucht. Die Rede ist vom E-Government-Ranking 2012 [1] der Vereinten Nationen, das Deutschland im europäischen Vergleich auf Platz 10 einstufte.
Oranjer Sieg, German Angst
Das gute Ergebnis lässt sich zum Teil damit erklären, dass die niederländische Regierung ihre Bürger in Sachen Open Source geradezu verwöhnt: Seit 2006 stellt sie einen nativen Linux-Client für die alljährliche Steuererklärung bereit. Davon können Deutsche nur träumen: Dort streitet die Branche auch 2013 noch über Elster-Clients für Linux, die Verantwortlichen wollen die laute Kritik offenbar aussitzen [2].
Doch auch abseits jeder Häme fragt sich der externe Beobachter häufig, ob deutsche Behörden noch immer Angst vor freier Software haben. Das in der Vergangenheit immer wieder vorgebrachte Argument vom fehlenden Support auf Enterprise-Ebene zieht nicht mehr: Organisationen wie die Open Source Business Alliance [3] mit ihren zahlreichen Mitgliedern versprechen einen ganzen Stack freier Softwareprodukte, die problemlos miteinander interagieren sollen.
Zu den Mitgliedern der OSBA zählen Provider, Konzerne und Softwareschmieden. Sie bieten eine Produktpalette an, die von Groupware über CRM, CMS, ERP, Business Intelligence bis zu hin zu Sicherheitstools, Middleware und Archivierungstools reicht und sogar das Betriebssystem selbst einschließt.
Offenbar sind die deutschen Behörden noch nicht zu der Erkenntnis gelangt, dass Innovation häufig nicht mehr auf dem Markt der geschlossenen, proprietären Produkte stattfindet, sondern dort, wo OSS im Einsatz ist. Amazon, Facebook, Google, Skype, Twitter – die großen Internetkonzerne setzen im großen Stil auf freie Software und Linux.
Doch damit auch Behörden davon profitieren können, braucht es politischen Rückhalt – und den sucht man in Deutschland oft vergebens. Das Verhalten des dafür unter anderem zuständigen Kompetenzzentrums Open Source [4] spricht Bände. Es hat in den vergangenen zwei Jahren keine einzige der Anfragen der Joinup-Autoren beantwortet, im Innenministerium scheint es gar einen Maulkorberlass zu geben, der erfolgreich verhindert, dass Mitarbeiter Fragen beantworten.
Den Liberalen die Marktwirtschaft erklären
Es sind fast ausschließlich Politiker vom linken Rand des Spektrums, die es wagen, Stellung zu Open Source zu beziehen. Offenbar hat jemand vergessen, den seit Jahren regierenden Liberalen gerade in diesem Punkt zu erklären, wie freier Wettbewerb funktioniert.
Den deutschen Behörden zugutehalten kann man nur, dass auch in anderen EU-Staaten zahlreiche Institutionen eher sparsam mit Auskünften sind. Doch findet dort gerade eine kleine Revolution statt: Immer mehr Behörden bevorzugen Open Source, wenn sie neue Infrastrukturen und Tools anschaffen, teils absichtlich, teils aus purer Unwissenheit.
Manchmal sind es schlicht Gesetze, die sie zwingen, freie Softwaretools zu verwenden, mindestens genauso oft jedoch geschieht es, weil ein Softwarehersteller beispielsweise erklärt, dass die Datenbank für das CMS jetzt durchaus auch PostgreSQL sein könne. Das sei ausgereift, laufe stabil und die Behörde könne sich so die teuren Lizenzen für die proprietäre Oracle-Datenbank sparen. So bringen oft kommerzielle Hersteller freie Software ins Spiel, ohne dass sie direkt daran verdienen.






