Zwei Tage in Brüssel: Wenn sich 5000 Entwickler in mehr als 250 Vorträgen treffen, zwei Tage lang diskutieren, neue Ideen besprechen und abends auf Partys mit reichlich belgischen Bier die verregnete Altstadt Brüssels bevölkern, dann ist wieder Fosdem, das größte europäische Event der Linux-Szene.
Bereits zum 13. Mal trafen sich Open-Source-Entwickler auf Europas größtem FOSS-Event in Brüssel [1]. Im Südosten der Stadt des Atomiums (Abbildung 1), in den betagten Hallen der Libre Université de Brussels (LUB, [2], Abbildung 2) fanden sich im Februar tausende Anhänger freier Software ein, um über technische, strategische und politische Themen zu diskutieren. Systemd, Desktops, Programmiersprachen: Die Bandbreite ist groß.

Abbildung 2: Im Südosten von Brüssel liegt die Université Libre de Bruxelles, wo sich seit 2001 Europas Open-Source-Szene zur Fosdem trifft. Von oben nach unten: Das Plakat am Eingang, bunte Schilder an Säulen leiten den Weg zwischen den Gebäuden, zum Beispiel zum größten Hörsaal namens Janson.
Politik und Technik
Auch die Rolle von Open Source im öffentlichen Sektor der EU und der Mitgliedstaaten, und dem Patentsystem als Bremse dabei stand gleich in einer der ersten Keynotes zur Diskussion. Amelia Andersdotter, schwedisches Mitglied des Europäischen Parlaments, berichtete über den aktuellen Stand der Open-Source-Bestrebungen in der EU.
Nach der Mittagspause teilte sich das Programm in die beiden Main-Tracks Betriebssysteme und Security, den Sonntag bestritten die fünf Tracks “Open Source Challenges”, “Jenseits von Betriebssystemen”, “Webentwicklung”, “Robotics” und “Diverses”. Wer im Nachhinein den einen oder anderen Vortrag als Video anschauen will, der wird auf der DELUG-DVD und auch online auf den Webseiten der Fosdem fündig.
LPI-Zertifizierungen, Bier, Ooni
Zu den Tracks gesellten sich Spezial-Veranstaltungen, etwa im “Cross-distro developer room”, in zahlreichen Lightning Talks oder den LPI- und BSDCG-Zertifizierungstests, aber auch Events wie das legendäre “Friday beer event” in der Brüsseler Bar “Delirium”. Nomen est Omen: Das lokale Bier hat durchschnittlich 8 bis 10 Prozent Alkohol, was die Belgier allerdings nicht davon abhält, es im Halbliterglas zu servieren.
Dem Besucher offenbaren sich allerortens interessante neue Projekte, wie etwa Ooni, das Open Observatory for Network Interference [3], das Agora “Isis” Lovecruft vorstellte. Das dem Tor-Anonymisierungsdienst nahestehende Projekt will vollautomatisch Zensur im Internet aufspüren und so Überwachung, Zensur, Diskriminierung und jede andere Form staatlicher oder autoritärer Eingriffe sichtbar machen.
Systemd vs. Eudev
Durch die ganze Fosdem hindurch hielt sich Systemd in den Fosdem-Tracks: Neben Lennart Poetterings Systemd-Rückblick, also seiner eigenen Sicht auf die letzten beiden Jahre Entwicklung, kamen auch seine Kritiker zu Wort. Die hatten nach einem höchst umstrittenen Fork zur Besänftigung gleich mal Pralinen mitgebracht (Abbildung 3). Auslöser für den Neubeginn unter dem Namen Eudev war die mangelnde Bereitschaft der Kernelentwickler, Udev und vor allem Systemd an ältere Kernel anzupassen. Das brachte Ende 2012 mehrere Entwickler dazu, einen Fork zu starten, der auch alte Systeme, etwa im Embedded-Bereich, unterstützt.
Über die Notwendigkeit oder eventuell sogar damit verbundenen Schaden entwickelte sich eine rege Diskussion, an der auch Linux-Granden wie Poettering, Greg Kroah-Hartman und Kay Sievers selbst eifrig teilnahmen (Abbildung 3). Ergebnisoffen, versteht sich, aber mit viel Kopfschütteln und Widerspruch. Kroah-Hartman: “Wenn es Bugs gibt, sollte man die fixen und nicht neue Softwareversionen erzeugen, die komplett neuen Code brauchen”.
Syslog-ng: Über 15 Millionen User
Die Tracks des zweiten Fosdem-Tages waren breit gestreut, zu Hardware-Innovationen gesellte sich Interessantes über neue und bewährte Projekte. Die Entwickler von Syslog-ng konnten zeigen, welchen Erfolg der Logging-Daemon auf unterschiedlichsten Systemen errungen hat. “Ein Install Base von 15 Millionen – das soll uns eine Distribution erst mal nachmachen”, erklärt stolz Peter Czanik, während er ein Amazon-Kindle zeigt.
Viel neue Hardware und Libre Office 4
Auch der kleine NAO-Roboter war dabei, neue Smartphones mit Firefox-OS gab’s beispielweise am Mozilla-Stand zu sehen. Mehrere Vorträge drehten sich rund um das leidige Thema UEFI – teilweise gleichzeitig, was angesichts der vielen Veranstaltungen wohl unvermeidbar war. Am Nachmittag traf sich der Haupttrack wieder im Hörsaal “Paul Emile Janson”, in dem Jabber-Entwickler, Wikitravel- und VoIP-Veteranen über die Frage diskutierten, ob und wie sich proprietäre und datenschutzrechtlich problematische Dienste wie Facebook, Twitter oder Skype durch freie und sicherere Software ersetzen ließen.

Abbildung 3: Pralinen für Greg Kroah-Hartman, Lennart Poettering und Kay Sievers. Damit wollen die Eudev-Entwickler dem Streit um den Udev-Fork die Emotionen nehmen. Später auf der Bühne: Michael Meeks mit Zahlen zu Libre Office (Mitte), und Vincent Untz zeigt seinen Killer-Gnome (unten).
Mit viel britischen Humor gewürzt präsentierte der bei Suse angestellte Michael Meeks in seinem Vortrag (Abbildung 3) die neueste Version von Libre Office. Die erschien wenige Tage nach der Fosdem und soll deutlich besser mit vielerlei proprietären Dokumentformaten umgehen, von Microsoft Office über Docx und Visio bis zu Word Perfect und anderen alten Office-Formaten.
Auch der Headless-Mode für Server sei deutlich verbessert, vieles spürbar beschleunigt, und die neue Version bekomme zahlreiche schicken Eye-Candy-Erweiterungen. Anwender können jetzt alle Personas – die Skins von Firefox und Thunderbird – auch in Libre Office nutzen und den Presenter mit einer umfangreichen Android-App via Bluetooth steuern. Außerdem gibt es Sharepoint-Integration über das CMIS-Protokoll, das auch andere CMS wie Alfresco sprechen, XML-to-Spreadsheet-Mapping und zahlreiche Verbesserungen im Userinterface.
Der Killer-Gnome
Kaum weniger unterhaltsam brachte Vinzent Untz in seiner Abschlusskeynote die Lage rund ums Gnome-Projekt zur Sprache. Mit einem Killer-Gnome, einem Gartenzwerg, der des Nachts mit rot leuchtendem Auge wahrhaft bösartig dreinblickt, eröffnete er seinen Statusbericht.
Die Lage sei gar nicht so schlecht, wie viele meinten, so sein Tenor. Portabilität, Apps, Gnome OS, wieder Systemd, Gnome mit oder ohne 3-D-Beschleunigung, was ist mit den Fallback-Mechanismen und Gnome-2-basierenden Alternativen wie Cinnamon und Co, all das brachte Untz zur Sprache und mühte sich, einen versöhnlichen Ton anzuschlagen: Gnome wolle eine breite Userschaft adressieren, möglichst viel Hardware versorgen und dabei eine moderne, ansprechende Oberfläche bieten. Gnome, so Untz werde auch weiterhin auf älteren PCs laufen, aber eben auch auf Tablets.
Infos
- Fossdem: https://fosdem.org
- Université Libre de Bruxelles: http://www.ulb.ac.be
- Ooni: https://ooni.torproject.org






