Nach Gran Canaria 2009 treffen sich die beiden größten Desktop-Communities der Linux-Szene dieses Jahr in den Räumen der Humboldt-Universität zu Berlin bei gemeinsamen Feiern, Vorträgen, BoFs und Workshops. Im Mittelpunkt stehen Design, Usability und Mobilität – eingebettet in perfekte Harmonie.
“Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauer”, dudelt ein Lokalsender aus dem Radio, der sich auf 80er-Jahre-Musik spezialisiert hat. Die Neue-deutsche-Welle-Kombo “John F. und die Gropiuslerchen” konnte 1987 noch nichts von den großen Veränderungen ahnen, die zwei Jahre später über die geteilte Stadt kamen.
Geteiltes Volk
Ganz ähnlich in zwei verfeindete Lager aufgeteilt erschien der Linux-Desktop vor wenigen Jahren: Seltsam fremd wirkten die Communities der beiden beliebtesten Linux-Desktop-Varianten KDE und Gnome. Doch in letzter Zeit ändert sich das: 2009 traf man sich – neben den eigenen Entwicklertreffen Akademy und Guadec – in Gran Canaria erstmals gemeinsam zum “Desktop Summit”.
Der war überraschenderweise so erfolgreich, dass er nun mit Berlin 2011 (Abbildung 1) eine Fortsetzung findet. Aber die Kooperation geht in den Tagen des Summit sogar noch weiter. KDE-Kernentwickler Aaron Seigo meint: “Wir werden es auch noch schaffen, dass so eine Zusammenarbeit für niemanden mehr eine Überraschung ist!” Sebastian Kügler spricht von “Open Culture als Weiterentwicklung von Open Source”.
Das passt nach Berlin, ins Regierungsviertel der pulsierenden Multikulti-Stadt, wo am Konferenz-Samstag die Hanfparade stattfindet, gleich nebenan, hinter dem Brandenburger Tor, auf dem Prachtboulevard Unter den Linden.
Traditionen
Gemeinsame Vorträge, Workshops und BoFs (Birds of a Feather), Keynotes, Pressekontakte und Dokumentationen sind den Gnomen und KDE-lern mittlerweile selbstverständlich. Ebenso natürlich integrieren sie die überlieferten Traditionen der anderen Kultur, etwa die Verleihung der KDE Akademy Awards (eine Anspielung auf die Oscar-Verleihung), die alljährliche Weitergabe der “Traveling Pants” der Gnome-Community, das hart umkämpfte Fußballspiel der Gnome oder den kombinierten Sprint der Stipendiaten des Google Summer of Code, der Season of KDE und des Gnome Outreach for Women.
Die Studenten – Entwickler aus Indien, Mexiko, Peru, Spanien und vielen anderen Ländern – präsentieren in schneller Folge ihre Projekte rund um Accessibility, die Unterstützung japanischer Schriftzeichen (zum Lernen von Kanji), Amarok Mobile, Gluon-Statistiken, das XML-Editortool Gxml oder GTG – Getting Things Done für Gnome.
Bei den in vier Tracks organisierten Vorträgen gibt sich dagegen die Open-Source-Prominenz die Klinke in die Hand (Abbildung 2). Zu den Keynotes von Dirk Hohndel (Intel, “Konzerne und Open-Source”) oder Dave Neary (Gnome, “Wir brauchen mehr Iterationen”) gesellt sich die Vorstellung der neuen Roadmap für KDEs “Frameworks 5” (Aaron Seigo).
Es geht aber auch um Neuheiten wie Plasma Active als lang erwartete Konkurrenz zu iPhone und iPad (Sebastian Kügler), oder Owen Taylor verteidigt die umstrittene Gnome Shell (“Nicht nur für Entwickler, sondern gerade auch für Enduser”). Auch Ubuntu-Gründer Mark Shuttleworth ist da und stellt sich zusammen mit der frischgebackenen Geschäftsführerin der Gnome Foundation Karen Sandler, Gnome-Entwickler Michael Meeks und FSFE-Aktivist Bradley M. Kuhn in einem Diskussionspanel der Frage nach den lästigen Copyright Assignments (Abbildungen 3 und 4).

Abbildung 3: Von links nach rechts: Das Panel zu Copyright Assignments, ein gemeinsamer Talk von Entwicklern und Designern (hier Marco Martin und Fania Jöck über Plasma Active) sowie die abschließende Vorstellung und Bewertung der Zusammenarbeit von Lydia Pintscher (KDE) und Seif Lotfy (Gnome).
Shuttleworths Canonical hatte für Unmut in der Community gesorgt, sollte doch fortan jeder Ubuntu-Contributor ein Contributor Licence Agreement (CLA) unterschreiben, das nicht weniger als den kompletten Verzicht auf die Urheberrechte darstellt. Kaum vorstellbar, dass Projekte wie Gnome oder KDE das akzeptieren würden.
Weil sowohl Shuttleworths als auch Canonicals Idealvorstellung von denen der Entwicklergemeinschaft deutlich abwichen, rief der Südafrikaner das Projekt Harmony ins Leben, das ein von der Community erstelltes CLA produzierte. Das Verständnis, um das Shuttleworth wirbt, erntet er aber nur bedingt. Kuhn meint, die GPL sei für alle Fälle völlig ausreichend, Meeks findet CLAs furchtbar und konkurrierende Produkte wie Firefox und Chrome gar “unsinnige Zeitverschwendung”. Dass Canonical Rechtssicherheit will, versteht zwar auch die Anwältin Sandler, doch an CLAs als den richtigen Weg glaubt die Community nicht. Verbreiteter ist die Meinung: Ubuntu bedient sich mehr, als es beiträgt, und jetzt will es die Urheberrechte?
Design Matters!
Ansonsten prägen drei große Themen den Desktop Summit: Design, Benutzerfreundlichkeit und Mobility. Zwei Keynotes von Designern ernten große Beachtung, obwohl sie nicht aus einer der Communities kommen.
Claire Rowland definiert die App(likation) als einen “Touchpoint für Services”. Mit dem wolle man zwar beispielsweise die Waschmaschine steuern, keinesfalls aber all die Knöpfe der Steuerung eines Küchengeräts bedienen müssen. Dafür bedürfe es eines neuen, klaren, mentalen Modells. Und weil bereits 2020 – aktuellen Studien zufolge – auf einen Anwender durchschnittlich sechs Devices kommen, müssten Apps und Daten Kontinuität und Konsistenz über Devicegrenzen aufweisen, wozu im Wesentlichen Onlineservices aus der Cloud zum Einsatz kämen. Dann fragt etwa das Smartphone den User: “Mein Akku ist fast leer, wollen Sie auf dem PC weiterarbeiten?” Der Desktop werde so, meint Rowland, zu einem Teil eines freien Ökosystems.
Toaster im Eigenbau
Auch der Engländer Thomas Thwaites ist Designer: In einer seiner jüngsten Arbeiten geht er beschwerliche Wege, um ein Gerät “from Scratch” zu bauen, einen Toaster. Inspiriert von einem Douglas-Adams-Zitat, versucht er aus selbst hergestelltem Stahl, eigenem Kupfer, Nickel und Plastik alle Bauteile selbst zu erzeugen. Das Ergebnis ähnelt eher dadaistischer Kunst, konnte aber immerhin ein Brot leicht aufwärmen – nur einmal, dann “brannte was durch”.

Abbildung 4: Dave Neary (Gnome), Carl Symons (KDE Weekly Digest), Mark Shuttleworth im Gespräch, Gnome-Urgestein Owen Taylor und Toaster-Designer Thwaites.
Mit seiner Webseite, den Videos und seinem Buch zeigt Thwaites eines: “Uns umgeben alltägliche Dinge, die unglaubliche Komplexität und unglaubliche Kollaboration erfordern. Und wir widmen ihnen nur wenige Sekunden am Tag.”
Nach der Veröffentlichung von Gnome 3 und den damit verbundenen, teils emotionalen Reaktionen zur Gnome Shell befindet sich das Projekt derzeit in einer Diskussion mit ungewissem Ausgang, was Owen Taylor bei seinem Vortrag über die neue Shell erfahren sollte und auch Gnome-Foundation-Vorstandsmitglied Stormy Peters freimütig einräumt: “Wir bekommen derzeit viel Feedback.”
Das KDE-Team dagegen liefert zum Desktop Summit mit der neuen Roadmap und den Entwicklungen rund um die QML-basierte Touch-Oberfläche Plasma Active neue Ansätze, die wohl erst in den nächsten Monaten die üblichen Diskussionen nach sich ziehen dürften.
Die beiden führenden Desktop-Projekte sehen sich auf einem guten Weg, auch wenn das derzeit viele unzufriedene Anwender von KDE 4 und Gnome 3 (vereint mit Linus Torvalds und Dirk Hohndel) anders sehen. Mehrfach werden Rufe laut wie Nick Richards’ (Gnome): “Hört nicht auf Linus! Kümmert euch um normale Anwender!”
Trotzdem nehmen die Communities die Entwicklungen der letzten Jahre auch selbstkritisch unter die Lupe, wie Gnomes Release-Manager Vinzent Untz, der gar von einem gleichzeitig stattfindenden KDE-4- und Gnome-3-“Trauma” spricht. Angesichts der Herausforderungen, die mobile Geräte mit Touchscreens bringen, suchen beide Projekte “Designer und neue Ideen für die Welt jenseits des Desktops” (Mirko Böhm).
Axel F.
Nur wenige hundert Meter südlich der Uni liegt der Checkpoint Charlie. Darsteller amerikanischer Soldaten stehen martialisch auf der Straße neben dem berühmten Schild “You are leaving the American sector” – Gott sei Dank nur noch für die Fotos der Touristen. Der Berliner Lokalsender spielt Harold Faltermeyers “Axel F.”, den Titelsong aus dem Film “Beverly Hills Cop” von 1984, auch so eine Ikone der Achtziger.
Nach dem betont harmonischen Desktop Summit 2011 scheint nicht nur Berlin vereint, auch die zwei wichtigsten Linux-Desktops präsentieren sich gleichgesinnt. “Wir haben die gleichen Ziele und Motivationen. Schlechte Nachrichten? Reibungswiderstände bei der Organisation? Danach hat die Presse immer wieder gezielt gefragt. Aber es gab wirklich keine!”, beschwört auch Organisator Mirko Böhm in seiner Abschlussrede die Harmonie. Wie sich die Zeiten doch verändern.
Online PLUS
Bei Linux-Magazin Online Plus findet sich eine Übersicht über alle News vom Desktop Summit in voller Länge: [https://www.linux-magazin.de/plus/2011/10







