Aus Linux-Magazin 10/2011

Debian-Entwicklerkonferenz in Banja Luka

Im Juli trafen sich die Mitglieder des Debian-Projekts in Banja Luka, Bosnien, zu ihrer jährlichen Konferenz. In Diskussionsrunden, Vorträgen und Hacking-Sessions brachten die rund 250 Teilnehmer die Community-Distribution ihrer nächsten Release Wheezy näher.

Debians Community ist ein bunter Haufen: Die Mitglieder der Linux-Distribution tragen üppige Mähnen, gefärbte Schöpfe oder gehen barfuß, bei den Herren ist seit der Debconf 7 in Edinburgh der Kilt mit projekteigenem Tartan-Muster sehr beliebt (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Rund 250 Teilnehmer aus aller Welt fanden sich in Banja Luka zu Debcamp und Debconf zusammen.

Abbildung 1: Rund 250 Teilnehmer aus aller Welt fanden sich in Banja Luka zu Debcamp und Debconf zusammen.

Daher staunten die Einwohner der kleinen Balkan-Großstadt Banja Luka nicht schlecht, wer da im Kulturzentrum Banski Dvor gegenüber der orthodoxen Kathedrale (Abbildung 2) zu Gange war. Der einheimische Entwickler Adnan Hodzic (Abbildung 3) hatte die internationale Veranstaltung mit viel Engagement in die Hauptstadt der Republika Srpska in Bosnien und Herzegowina geholt.

Abbildung 2: Das mediterrane Wetter und die Nachbarschaft der orthodoxen Kathedrale gaben der Konferenz einen stimmungsvollen Rahmen.

Abbildung 2: Das mediterrane Wetter und die Nachbarschaft der orthodoxen Kathedrale gaben der Konferenz einen stimmungsvollen Rahmen.

In den stuckgeschmückten Räumen des Banski Dvor herrschte rege Betriebsamkeit. Die rund 250 Konferenzteilnehmer trafen sich hier nicht nur vom 24. bis 30. Juli zu Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Birds-of-a-Feather-Sessions (BoF, [1]), bereits in der vorangegangenen Woche waren Debianerinnen und Debianer aus Europa, den USA, Mittel- und Südamerika sowie Australien und Neuseeland eingetroffen. In zwei zu Hacking-Laboren umgerüsteten Räumen des Kulturzentrums fanden sie sich zu Besprechungen und zum Programmieren zusammen.

Abbildung 3: Der einheimische Debianer Adnan Hodzic hatte die Debconf 2011 nach Banja Luka geholt.

Abbildung 3: Der einheimische Debianer Adnan Hodzic hatte die Debconf 2011 nach Banja Luka geholt.

Eckdaten für 7.0

Das Release-Team [2] legte zusammen mit den Teams FTP-Master, Debian Installer und Kernel den Weg zur nächsten Release Debian 7.0 (alias Wheezy) fest, die 2013 ansteht. Erstmals soll Debian dann mehrere Architekturen auf einem System unterstützen, also beispielsweise das Ausführen von 32-Bit-Anwendungen auf einem 64-Bit-System ermöglichen, so erzählt der Release-Manager Neil McGovern.

Für Wheezy plant er eine strenge Aufgabenteilung: Sein Co-Manager Adam Barratt wird sich um die Bugs kümmern, McGovern um Organisation, Projektmanagement und Kommunikation. Daneben gibt es erstmals ein frühzeitig festgelegtes Freeze, das für Juni 2012 geplant ist. So sollen alle Entwickler gemeinsam und in Ruhe auf diesen Termin hinarbeiten.

Als weitere Eckdaten nennt Neil McGovern Grub 2 als Bootloader und Ext 3 oder 4 als Standard-Dateisystem. Btrfs hält er für “interessant, aber nach Debians Maßstäben noch nicht stabil genug”. Wie auch Fedora möchte Debian das Systemverzeichnis »/var/run« durch »/run« ersetzen, um dort frühzeitig beim Systemstart Laufzeitdaten zu speichern.

BSD und Hurd

Daneben soll Wheezy wie sein Vorgänger auch in einer GNU/kFreeBSD-Ausgabe erscheinen. Die Entwickler möchten sie ausbauen und rund 95 Prozent der 30000 Debian-Pakete für diese Plattform liefern. Als Technology Preview will das Projekt erstmals einen Debian-Port mit Hurd-Kern veröffentlichen. Auch bei den Portierungen auf andere Prozessorarchitekturen soll Debian 7.0 zulegen. Ein wichtiges Ziel ist hier die moderne und leistungsfähige ARM-Variante »armhf« , wie Steve McIntyre im ARM-BoF erzählte. Laut McIntyre funktioniert der Port im Grunde bereits und soll in wenigen Monaten ins Hauptarchiv von Debian einziehen. Als weitere Wheezy-Architekturen neben x86 sind PowerPC 64, SPARC 64 und S 390 geplant, daneben Subarchitekturen wie i686.

2013: Kernel 3.2?

Die Arbeit von Debians Kernel-Team präsentierte der Brite Ben Hutchings. Die Distribution setzt auf eine Kernelversion mit Long-Term-Support, die die Upstream-Entwickler rund 2 Jahre lang pflegen, beispielsweise Version 2.6.32.x für Debian 6.0 (Squeeze). Auch im Versionszweig 3 wird es solche Kernel geben, Wheezy könnte 2013 etwa mit Kernel 3.2.x erscheinen, schätzt Hutchings.

Das Team strebt einen Debian-Kernel an, der sich möglichst wenig vom Vanilla-Kernel unterscheidet. Das Dateisystem Aufs, das für Debian Live zum Einsatz kommt, steckt aber nicht im Upstream-Kernel und zählt damit zum kleinen Patchset des Teams, ebenso wie Grsecurity zum Härten des Betriebssystems.

Hutchings und Kollegen haben derzeit rund 1000 offene Bugs zu bewältigen. Er bat daher interessierte Debianer um Hilfe, insbesondere Entwickler mit PowerPC-Kenntnissen sind gefragt.

Als weltweit verteiltes Projekt mit rund 1000 Mitgliedern ist Debian zu einem beträchtlichen Teil mit Organisatorischem beschäftigt. So setzte sich Debian Project Leader (DPL) Stefano Zacchiroli zusammen mit einigen Amtsvorgängern auf das Podium, um Interessierten das Amt nahezubringen. Ian Jackson, Bdale Garbee, Martin Michlmayr und Steve McIntyre berichteten über ihre Erfahrungen und stellten sich Fragen (Abbildung 4). Sie möchten engagierte Debian-Mitarbeiter ermutigen, bei der nächsten Wahl zu kandidieren.

Abbildung 4: Der aktuelle Debian Project Leader und seiner Vorgänger (von links nach rechts): Ian Jackson, Steve McIntyre, Stefano Zacchiroli, Martin Michlmayr und Bdale Garbee.

Abbildung 4: Der aktuelle Debian Project Leader und seiner Vorgänger (von links nach rechts): Ian Jackson, Steve McIntyre, Stefano Zacchiroli, Martin Michlmayr und Bdale Garbee.

Auf die Plätze …

In einer anderen Sitzung regte Stefano Zacchiroli an, mehr Entwickler-Sprints zu veranstalten. Projekte wie KDE seien mit diesen mehrtägigen Zusammenkünften sehr erfolgreich. Zu weiteren Informationen und Fördermöglichkeiten verwies er auf die Wiki-Seite des Project Leader [3]. Auch für andere Zwecke gibt es laut Zacchiroli Finanzmittel, etwa wenn Entwickler bestimmte Hardware zum Portieren benötigen.

Eine andere Runde beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Debian zu seinen zahlreichen Derivaten. Stellvertretend für die 130 aktiven Debian-Abkömmlinge saßen Moritz Mühlenhoff (Univention), Emmett Hikory (Ubuntu) und Michael Prokop (Grml) auf dem Podium, dazu ein Vertreter vom Projekt Tails, einer Live-CD zur anonymen Internetnutzung.

Sie äußerten sich sehr zufrieden mit der Debian-Basis und ihrem reichhaltigen Paketangebot. Die Derivate ihrerseits tragen zu Debian bei. Ubuntu, sagte Hikory, bringe viele neue Nutzer zu Linux. Daneben betreuten Ubuntu-Maintainer ihre Softwarepakete oft auch für Debian. Sein Kollege Colin Watson sprang ihm mit Zahlen bei: Rund 400 Patches von Ubuntu stünden derzeit in Debians Bugtracker BTS an, 1600 seien bereits eingearbeitet. Grml dagegen pflegt insbesondere Pakete rund um die Z-Shell.

Daneben nutzten viele weitere Gruppen die Debconf, um sich gemeinsam an den Tisch zu setzen, vom Debian-Women-Projekt über die Perl-, Java- und Haskell-Paketierer bis zu den Debian Pure Blends. Die zu Hause Gebliebenen durften sich an den Sitzungen mit Nachfragen per IRC beteiligen, die laut vorgelesen wurden. Daneben setzte das Projekt durchgehend auf den Mehrbenutzer-Editor Gobby [4], in dem kollaborativ die Mitschriften entstanden. Das Videoteam übertrug die meisten Programmpunkte per Livestream und hat ein Archiv der Aufzeichnungen online gestellt [5].

Debconf 12 und 13

Im nächsten Jahr findet die Debconf 12 in Managua statt [6], der Hauptstadt Nicaraguas. Für 2013 läuft die projektinterne Ausschreibung bereits. Unter den Bewerbern sind Berlin, Wien und die Schweiz.

DVD-Plus

Auf der DELUG-DVD dieses Magazins finden sich einige Videos ausgewählter Sitzungen während der Debconf 11.

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