Aus Linux-Magazin 07/2011

Linux-Stilikone Tux feiert 15. Geburtstag

© François Schnell

Kein anderes Symbol steht so sehr für das Betriebssystem Linux wie Tux, der zufrieden dreinblickende und fröhliche Pinguin. Jetzt feiert das Maskottchen seinen 15. Geburtstag. Rückblick auf eine ungewöhnliche Kampagne.

Linus’ Plan: Der neue Kernel sollte per symmetrischem Multiprocessing (SMP) erstmals auf mehr als nur einer CPU gleichzeitig laufen, sich von der X86-Archtektur emanzipieren (neu war DECs Alpha-Prozessor) und auch Dateisystemzugriffe zwischenspeichern – eine frühe Vorversion des heutigen Virtual Filesystem Switch (VFS).

Im Mai 1996 war der Linux-Kernel mit der Version 2.0 fast fertig, nur eins fehlte noch: Ein Logo oder ein Maskottchen, das das damals noch sehr jugendliche, aber immer selbstbewusster auftretende Linux versinnbildlichen sollte.

Im Zuge der Veröffentlichung von Linux 2.0 am 9. Juni 1996 [1] diskutierten die Kernelentwickler in ihrem Zentralorgan, der Linux Kernel Mailinglist (LKML), unter der Überschrift “Linux Logo” eine Reihe von Vorschlägen, die Tiere, offene Rechnungen mit anderen Betriebssystemen (besonders Windows und Free BSD) und Textarrangements einschlossen.

Wilde Attacken bei 160 km/h

Wie es letztlich zum Pinguin als Wappentier kam, unterstreicht einmal mehr die Führung von Linus Torvalds als Primus inter Pares im Kernelprojekt: Nachdem schon viele Vorschläge präsentiert waren, schrieb Torvalds eine Reihe von Anekdoten, nach denen ein Pinguin ihn 1993 bei einem gemeinsamen Besuch mit Samba-Entwickler Andrew Tridgell im Zoo von Canberra in Australien gezwickt habe. Seither litte er unter “Penguinitis”, die für schlaflose Nächte am Computer verantwortlich sei. Einwänden, der Vogel wirke zu behäbig und wenig dynamisch, konterte Torvalds mit dem Hinweis, dass die Kritiker vermutlich noch nie einen Pinguin mit über 160 Sachen auf sich zukommen gesehen hätten – nach der eindrucksvollen Anekdote fand die Suche nach dem Logo für die LKML ein rasches Ende.

Nun ging es noch um die Ausgestaltung, zu der Torvalds einige Vorstellungen hatte: Satt und zufrieden solle der flugunfähige Seevogel der Südhalbkugel aussehen, forderte er. Es ginge mehr darum, ein sympathisches, gerne auch etwas albernes Symbol zu finden, das seinen Spaß am Coden ausdrücke, weniger um ein “Linux Corporate Image”.

Ruhige Hand

Ideen, wie das umzusetzen wäre, hatten viele, aber letztlich bewies Gimp-Entwickler Larry Ewing eine ruhige Hand und zeichnete mit Hilfe des von ihm mitentwickelten Grafikprogramms den klassischen Ewing-Tux [2], den die Entwickler dann ohne Gegenstimmen sogar als Grafikdatei mit dem Kernel 2.0 veröffentlichten. Bis heute zeigt die Anzahl der Pinguin-Portaits die Zahl der laufenden Linux-Kerne beim Booten an.

Torvalds verabschiedete sich mit der Ankündigung der runden Release erst einmal in den Urlaub und machte damit die Bühne frei, um einen Namen für den zufriedenen Fischliebhaber zu finden. Die smokingähnliche Zeichnung seines Federkleids, im englischen Sprachraum als Tuxedo bezeichnet, war sicherlich eine Inspiration, aber Kernelentwickler James Hughes schlug die Bezeichnung Tux als Kurzform für “Torvolds Unix” (sic!) vor. Die Bezeichnung hat sich seither durchgesetzt [3].

Skepsis gegenüber PR

Hughes stand für eine anfangs kleine Zahl von Linux-Anhängern, die auf die Bedeutung von Public Relations für die Verbreitung des Betriebssystems hinwiesen. Vielen Entwicklern waren Begriffe wie Marketing und öffentliche Wahrnehmung suspekt. Umso erfolgreicher bewerten heute viele die Wahl des Pinguins: In unzähligen Zeichnungen, Plüschtieren, Quietsche-Spielzeugen oder Kostümen abgewandelt, bleibt der Ewing-Pinguin der Fixpunkt, den eine große Öffentlichkeit auch über Systemverwalter und Kernelhacker hinaus kennt.

Heute hat die Linux-Gemeinde etwas ihrer naiven, rein technikzentrierten Unschuld verloren: Viele Projekte ernennen eigene Marketingbeauftragte, entwerfen Releasepläne und organisieren publikumswirksame Auftritte auf Messen und Kongressen ganz bewusst. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Tux fühlt sich überall zu Hause, wie die Fotos aus seinem Reisealbum auf diesen Seiten belegen. Kaum eine öffentliche Verwaltung, die nicht mit einem Projekt dem Sympathieträger eine Chance gab (oder dies auch wieder verwarf).

Die Marke als Sinnbild für Linux ist sogar so stark, dass sie sich eine Auszeit gönnen darf: Im März 2009 schickte Torvalds Tux für drei Monate in Urlaub und ließ ihn von Tuz, dem tasmanischen Teufel, einer bedrohten Tierart in Tasmanien, vertreten. Das machte Tux nichts aus, denn er ist – im Gegensatz zu Linux an sich – wesentlich weniger erklärungsbedürftig und taugt so auch als Wiedererkennungsmerkmal für Freunde, Partner und Verwandte.

Liberale Lizenz

Dazu tragen vermutlich auch die liberalen Nutzungsbedingungen bei, die Ewing seiner Kreation gab und die eigentlich nicht einmal eine Lizenz sind: Er erlaubt nämlich sowohl die Nutzung als auch die Veränderung des Pinguins und fordert Namensnennung nur dann, falls tatsächlich einmal jemand nachfragen sollte. Markenschutzanwälte rollen bei so viel Freigiebigkeit mit den Augen, aber bislang hat es noch kein einiges Unternehmen geschafft, die Ikone für sich allein zu vereinnahmen – für einen Fünfzehnjährigen eine reife Leistung!

Infos

  1. Linus Torvalds, “Linux v2.0 released”: http://groups.google.com/group/comp.os.linux.announce/browse_thread/thread/c8b308464add2522
  2. Larry Ewing, “Linux 2.0 Penguins”:http://www.isc.tamu.edu/~lewing/linux/
  3. Steve Baker, “The History of Tux the Linux Penguin”:http://www.sjbaker.org/wiki/index.php?title=The_History_of_Tux_the_Linux_Penguin
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