Aus Linux-Magazin 10/2009

Fast Vergessenes aus 15 Jahren

Was macht eigentlich Kylix? Haben Sie vielleicht noch einen Zaurus oder ein Exemplar von “Running Linux” im Schrank?” 15 leicht vergilbte Schnappschüsse aus dem Linux-Familienalbum .

In 15 Jahren sieht man in der Linux-Szene viele Programme, Projekte und Menschen kommen und gehen. Für alle Linux-Opis und -Omis sowie jene, die es werden wollen, hat das Linux-Magazin in der kollektiven Erinnerung gekramt.

Der Zaurus


Im März 2002 verkaufte die Firma Trisoft [http://trisoft.de] im niedersächsischen Hemmingen den ersten Zaurus. Der Linux-basierte Handheld SL-5500G war von dem japanischen Hersteller Sharp für den deutschen Markt lokalisiert worden, daher das “G” für “German” in der Modellbezeichnung.

“Damit entstand ein völlig neuer Markt: Mobile Linux-Geräte”, erzählt Marc Stephan, Mitgründer und Teilhaber der Trisoft OHG. Vor 2002 hatte das Unternehmen Laserdrucker, Faxe und andere Sharp-Geräte verkauft. Vor allem dank zweier großer Kunden rückte dann aber der Linux-Handheld in den Vordergrund: Der Zaurus diente als Hardware für ein Hubschrauber-Navigationssystem sowie zum Flottenmanagement einer großen Brauerei. “Da gab es bei den Reparaturfällen arme kleine Zauri, die offenbar in Bierfässern gelandet waren – und auch so rochen”, erinnert sich Stephan.

Daneben waren die Geräte in der Forschung und in Hochschulen beliebt. Da sich Sharp aus dem europäischen Zaurus-Geschäft zurückzog, wurde Trisoft selbst zum Importeur japanischer Geräte, deren GUI die kleine Firma wieder aufs Englische zurückmigrierte. Neben der mitgelieferten Firmware gab es eine freie Linux-Distribution namens Openzaurus – und die kleinen Geräte tauchten immer wieder im Linux-Magazin auf.

2006 kündigte sich das Ende der Zaurus-Ära an, im Juni 2008 verkauften die Hemminger das letzte Gerät. Die immer leistungsfähigeren Smartphones eroberten den Markt und der Hersteller Sharp wandte sich anderen Technologien zu. Auf der Suche nach einer Alternative stießen die Trisoft-Chefs auf die Smartphone-Hardware Freerunner, die unter anderem auch als Plattform für das Mobil-Linux Openmoko dient und außerdem in einigen Anwendungsszenarien den Zaurus ablösen kann.

Wenig überraschend: Chefarchitekt von Openmoko ist Michael Lauer, der einst hinter Openzaurus steckte. Stephan: “Bei mobilen Linux-Geräten hat man es weltweit nur mit 25 Leuten zu tun.”

Kylix


Kylix war eine kommerzielle Software für das Rapid Application Development (RAD) unter Linux. Der Benutzer konnte damit den Code einer Anwendung durch Zusammenklicken erstellen, das Ergebnis ließ sich für Linux, Mac und Windows kompilieren. Für manche war Kylix das Pendant zu Microsofts Visual Basic, das man Umsteigern an die Hand geben konnte.

Das Linux-Magazin 01/03 bezeichnete Version 3, die Borlands Delphi- und C++-Entwicklungsumgebungen kombinierte, als “vielleicht die erste C++-RAD für Linux überhaupt” und urteilte: “Anhänger des Rapid Application Development haben nun noch mehr Grund zum Umstieg.” Kylix 3 war in einer kostspieligen Enterprise- und einer bezahlbaren Professional-Variante erhältlich, daneben gab es eine kostenlose Open Edition mit rührenden Nutzungsbedingungen: Mit der Open-Ausgabe durfte nur GPL-Software produziert werden.

Der Hersteller Borland stellte Kylix im Jahr 2005 ein. Wer noch alte Kylix-Projekte besitzt, kann sie unter Umständen mit der freien RAD-Software Lazarus wiederbeleben [http://www.lazarus.freepascal.org], die auf dem Free-Pascal-Compiler basiert.

Con Kolivas


Der Australier Con Kolivas, hauptberuflich Arzt, verbesserte durch Änderungen am Scheduling die Performance des Linux-Kernels auf Desktop- und Multimedia-Systemen. Im Juni 2007 zog er sich aus der Kernelentwicklung zurück, weil sich die Linux-Maintainer seiner Meinung nach zu wenig für die Belange von Desktop-Anwendern interessierten und ihm den Spaß an seinem Hobby verdarben. Mit dieser Entscheidung sei er nach wie vor zufrieden, teilt Kolivas dem Linux-Magazin auf Nachfrage mit. Er benutzt immer noch fast ausschließlich freie Software, entwickelt aber kaum mehr. Nur gelegentlich schreibe er Code für seine privaten Zwecke oder um Freunden einen Gefallen zu tun. Alles in allem fühle er sich erleichtert, seit er die Mitarbeit am Kernel beendet habe, schreibt der Aussteiger.

Aus der Außenperspektive schreibt der 39-Jährige über die derzeitige Kernelentwicklung: “Der Desktop ist immer noch wichtig, wird aber vernachlässigt. Die gleichen Probleme tauchen immer wieder auf: Audio- und Video-Wiedergabe, Hänger bei der Ein- oder Ausgabe und die Reaktionszeit unter Last.”

Rock Linux


Das 1998 gegründete Rock-Linux-Projekt legte Wert darauf, keine Distribution, sondern ein Distribution Build Kit zu erstellen. Dieser Baukasten bestand hauptsächlich aus Bash-Skripten, die nach detaillierter Konfigurationsarbeit Quelltexte aus dem Web luden, die gewünschte Software kompilierten und in ein ISO-Image packten.

So entstanden maßgeschneiderte Linuxe für Router, Server, Embedded-Geräte und vieles mehr. Rock-Entwickler Clifford Wolf stellte das Projekt auf dem Chaos Communication Congress 2001 und vielen anderen Konferenzen vor. Wer allerdings in jüngster Zeit auf [http://rocklinux.org] nachsah, fand eine offenbar verwaiste Seite vor: Der jüngste Eintrag ist fast ein Jahr alt, das meiste viel mehr.

Auf eine kurze Anfrage per Mail antwortet Clifford Wolf jedoch prompt, das Projekt laufe nach wie vor. Er erläutert: “Die User-Community besteht derzeit aus einigen wenigen Leuten, die Rock Linux als Basis für ihre Distributionen einsetzen (hauptsächlich Embedded-Anwendungen). Wir machen auch keine Releases mehr, sondern die Leute forken ihre Projekte einfach vom SVN-Trunk weg.”

Wolf aktualisiert zwar noch Pakete, für die Website hat er aber kaum noch Zeit. Daher möchte er das Wiki bald gegen eine einfache Seite mit den wichtigsten Informationen austauschen, damit Besucher wieder ein Lebenszeichen von Rock Linux vorfinden.

Weitere
Sentimentalitäten

Jamie Zawinski, Netscape-Programmierer, Mozilla-Mitgründer und Schöpfer von Xscreensaver, hat sich von der Software-Entwicklung abgewandt. Zawinski, auch unter seinem Kürzel »jwz« bekannt, betreibt heute den Musikclub DNA Lounge in San Francisco.

Minix heißt das Unix-artige Betriebssystem von Professor Andrew S. Tanenbaum, der 1992 Linux für obsolet erklärte. Minix wird noch aktiv entwickelt, die jüngste Major-Version 3 scheiterte beim Bootversuch der Redaktion allerdings an real existierender Hardware. Das Betriebssystem findet auch Anwendung als Gast auf Virtualisierungslösungen.

“Linux – Wegweiser zu Installation und Konfiguration” hieß die deutsche Ausgabe des O’Reilly-Buchs “Running Linux”. Der englischsprachige Titel hat Linuxer weltweit beim Einstieg begleitet, beispielsweise den Niederländer Gerard Beekmans, den Gründer der Selbstbau-Distribution Linux from Scratch (LFS). Das Buch ist nicht mehr lieferbar.

Eric Allman schrieb im kalifornischen Berkeley ein Mailprogramm, das ab 1981 Sendmail hieß. Heute fungiert der 54-Jährige Kalifornier in der von ihm gegründeten Firma Sendmail Inc. als Chef der Forschungsabteilung. Unter anderem arbeitet er an der Standardisierung von Domain Keys Identified Mail (DKIM).

Linux Proll war ein satirisches Online-Projekt des “EasyLinux”-Chefredakteurs Hans-Georg Esser. Zu den veröffentlichten Artikeln gehört unter anderem “Billig wie nie – Linux-CDs auf Zeitschriften” in der einzigen Ausgabe aus dem Jahr 2001. Offenbar war dem Linux Proll kein verlegerischer Erfolg beschieden.

United Linux war der Versuch eines Herstellerkonsortiums, eine gemeinsame technische Basis für Enterprise Linux zu etablieren. Teilnehmer am 2002 gestarteten Vorhaben waren Suse, Turbolinux, Conectiva und Caldera Systems. Das Projekt erlebte eine Release und endete offiziell im Januar 2004.

Unison ist ein GPL-Programm zur Datensynchronisation. Es verwendet den Rsync-Algorithmus und kommt unter anderem bei der Produktion des Linux-Magazins zum Einsatz. Unison wird nicht mehr weiterentwickelt, der angekündigte Nachfolger namens Harmony lässt jedoch auf sich warten.

Progeny Linux war eine anno 2000 vom Debian-Erfinder Ian Murdock gegründete Firma. Das gleichnamige Desktop-Linux auf Debian-Basis beeindruckte früh durch einen grafischen Installer, wurde aber 2001 wieder eingestellt. Das Unternehmen fand im Mai 2007 sein Ende.

“Brave GNU World” hieß die Community-Kolumne des früheren FSFE-Vorsitzenden Georg C. F. Greve. Sie erschien auf einer eigenen Webseite und ab 1999 auch im Linux-Magazin. Im August 2006 endete die Zusammenarbeit aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zwischen Autor und Redaktion, auch die Online-Version wurde bald eingestellt.

XFree86 war einige Jahre lang die Standard-X11-Implementierung für Linux. Im Zuge des Forks X.org kam es im Jahr 2004 zu einer restriktiven Änderung der MIT-artigen XFree86-Lizenz. Das sorgte dafür, dass Keith Packard und viele andere Entwickler zum abgespalteten X.org wechselten, das bald darauf als neue Standardausstattung in die Linux-Distributionen einzog.

GNU Hurd ist ein Microkernel, der den Unix- beziehungsweise Linux-Kern im GNU-Betriebssystem eines Tages ersetzen soll. Hurd ist seit den frühen 90er Jahren in Entwicklung, liegt aber laut Projekthomepage noch immer nicht in einer stabilen Version vor.

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