Aus Linux-Magazin 09/2008

Scribus-Textsatz im Test

Textsatz in Profiqualität ist ein wichtiges Merkmal, das ein gutes Satzprogramm von Textverarbeitungen abhebt. Der Artikel prüft, wie sich die freie Publishing-Software Scribus in dieser Disziplin im Vergleich mit Tex und den Profianwendungen Adobe Indesign und Quark Xpress schlägt.

Wie gut sich ein Text liest, hängt nicht nur von der Formulierung ab, auch die Typographie (Schriftart, Zeilenabstand oder Spaltenlänge) spielt eine wichtige Rolle. Dabei greifen Wahrnehmungsphänomene, deren sich der Leser normalerweise nicht bewusst ist. Daher sind Faktoren, die die Lesbarkeit erleichtern, für den Layout-Laien nicht immer einsichtig. Einfluss auf die Lesegeschwindigkeit haben sie dennoch.

Das Satzsystem Tex hat den Ruf, Text in Profiqualität auszugeben. Von Textverarbeitungen ist bekannt, dass sie den Ansprüchen professioneller Printprodukte nicht genügen. Doch wie schlägt sich auf diesem Gebiet die freie Publishing-Software Scribus [1]?

Ohne Löcher

Für guten Lesefluss ist es wichtig, dass der Grauwert des Textes möglichst gleichmäßig ausfällt. Mit Grauwert ist die Verteilung von Schwarz und Weiß gemeint, wie sie ein kurz- oder weitsichtiger Betrachter ohne Brille wahrnimmt (Abbildung 1). Je weniger Lücken oder Verdichtungen es hier gibt, desto leichter fällt es dem Auge, den Text abzutasten. Daher gilt Blocksatz im Vergleich zu links- oder rechtsbündig ausgerichtetem Flattersatz als besser lesbar. Dass dies nicht immer so sein muss, zeigt sich, wenn beim Blocksatz durch das Strecken der Textzeilen zu große Abstände zwischen den Wörtern entstehen.

Schon viel besser

Abbildung 1 zeigt links einen Blocksatz, wie ihn Scribus in der stabilen Version 1.3.3.12 erstellt. Die rechte Spalte nutzt zwei neue, ab der noch instabilen Entwicklerversion 1.3.4 verfügbare Features: einen neuen Zeilenumbruch-Agorithmus und die so genannte Glyphenskalierung. Nach eigenen Angaben haben die Entwickler dieses Konzept aus Pdflatex übernommen [2], in dem das Feature ebenfalls zur Verfügung steht. Arbeitete das alte Verfahren lediglich mit einer Vergrößerung des Wortabstands, um die Zeilen nach dem Umbruch zu füllen, prüft die Software nun noch, ob ein Verschieben des Umbruchs durch verringerten Wortabstand bessere Ergebnisse liefert.

Abbildung 1: Nicht mehr so löchrig: Ab der instabilen Version 1.3.4 verschwinden im Blocksatz die übergroßen Wortabstände, wie die farbigen Abstandskeile und der mit Unschärfe sichtbar gemachte Grauwert beweisen.

Abbildung 1: Nicht mehr so löchrig: Ab der instabilen Version 1.3.4 verschwinden im Blocksatz die übergroßen Wortabstände, wie die farbigen Abstandskeile und der mit Unschärfe sichtbar gemachte Grauwert beweisen.

Außerdem kittet Scribus die Lücken zwischen den Wörtern, indem es die einzelnen Buchstaben (Glyphen) geringfügig in die Breite skaliert. Der mit einem Unschärfefilter bearbeitete Bereich des Textes verdeutlicht die Verbesserung: Der Grauwert fällt rechts ruhiger aus. Die farbigen Keile oben in der Abbildung zeigen, dass Scribus die Wortabstände an vielen Stellen weniger dehnt.

Kompromissbereit

Profisoftware wie Indesign [3] oder Quark Xpress [4] treibt beim Blocksatz noch mehr Aufwand. Außer dem um einen Minimal- und Maximalwert skalierbaren Wortabstand und der Glyphenskalierung variiert die Software auf Wunsch noch den Buchstabenabstand, ohne dabei die Zeichen zu stauchen oder zu dehnen (Spationierung). Im Vergleich zur Glyphenskalierung hat das Verfahren zwar den Nachteil, dass sich der Grauwert verändert. Je nach Schriftart kann ein erfahrener Designer das Feature dennoch in Kombination mit Glyphenskalierung nutzbringend einsetzen.

Der größte Qualitätsunterschied verbirgt sich aber hinter dem etwas irreführenden Label »Composer«. Ist hier »Adobe Paragraph Composer« gewählt, errechnet Indesign beim Zeilenumbruch den bestmöglichen Kompromiss für den ganzen Absatz, statt wie Scribus immer nur einzelne Zeilen zu evaluieren. Gerade bei einzelnen kritischen Zeilen mit schlecht trennbaren Wörtern verbessert dies das Schriftbild spürbar.

Paarweise

Teilweise reicht es bei geschickt entworfenen Schriften, die Lettern mit immer gleichem Abstand aneinanderzureihen. Es gibt jedoch Buchstabenkombinationen, bei denen sich dies negativ auf den Grauwert auswirkt: Das Buchstabenpaar “AV” mit aufeinandertreffenden, in die gleiche Richtung geneigten Linien würde für das Auge zu weit auseinanderrücken. Die Kerning genannte Korrektur sorgt für den optisch korrekten Abstand, bei dem sich die Buchstabengrenzen sogar leicht überschneiden (Abbildung 2). Bei “EU” ist eine solche Abstandskorrektur dagegen nicht angebracht.

Abbildung 2: Eine Sache der Optik: Damit das Auge bei der Buchstabenkombination „AV“ im Vergleich zu anderen Paaren einen konstanten Abstand wahrnimmt, müssen sich die Zeichen überlappen.

Abbildung 2: Eine Sache der Optik: Damit das Auge bei der Buchstabenkombination „AV“ im Vergleich zu anderen Paaren einen konstanten Abstand wahrnimmt, müssen sich die Zeichen überlappen.

Da es schwer ist, den ästethischen Eindruck mathematisch vorauszuberechnen und die richtigen Werte außerdem vom Design einer Schrift abhängen, sind die Kerningpaare als feststehende Tabellen in der Schriftart enthalten. Praktisch jede Software, die Truetype-Schriften einsetzt, benutzt sie, Scribus ebenso wie jede Textverarbeitung. Computer-Modern-Schriften in Tex enthalten ebenfalls Kerning-Informationen, bei der Konvertierung aus Postscript und Truetype landen sie in den Tfm-Dateien.

Extrawurst

Bei einigen Buchstabenkombinationen führt selbst eine Abstandskorrektur noch nicht zu optimalen Ergebnissen. Das auffälligste Beispiel ist die Zeichenfolge “fi”, bei der der Haken des F in vielen Schriftarten mit dem i-Punkt zusammenstößt (Abbildung 3). Der Bleisatz verwendete für “fi” und andere Zeichenkombinationen daher Typen, die beide Buchstaben in modifizierter Form in einem Zeichen zusammenfassten, die Ligaturen.

Abbildung 3: Das „fi“ ist eine Buchstabenkombination, bei der sich der Haken des f und der i-Punkt bei vielen Schriftarten in die Quere geraten. Ligaturen lösen das Problem mit modifiziertem Design.

Abbildung 3: Das „fi“ ist eine Buchstabenkombination, bei der sich der Haken des f und der i-Punkt bei vielen Schriftarten in die Quere geraten. Ligaturen lösen das Problem mit modifiziertem Design.

Außer “fi” sind in der lateinischen Schrift die Ligaturen “ff”, “ffi”, “fl”, “ffl” und “ft” gebräuchlich. In Scribus muss der Benutzer Ligaturen per Hand oder mit der »Suchen und Ersetzen«-Funktion eingeben. Die vermeintlichen Buchstabenpaare bestehen nun nur noch aus einem Zeichen, was allerdings das Bearbeiten des Textes erschwert.

Allianz

Um dieses Problem in ihren Produkten zu beheben, haben Microsoft und Adobe die Opentype-Schriftspezifikation als Erweiterung des Postscript- und Truetype-Formats entwickelt. Solche Fonts enthalten Tabellen, die beschreiben, welche Zeichen durch eine Ligatur zu ersetzen sind (Abbildung 4). Obwohl die Spezifikation schon seit 1996 vorliegt, unterstützen sie bisher weder Open Office noch Microsoft Word. Wie in Scribus bleibt hier nur die Möglichkeit, die im Unicode-Zeichensatz enthaltenen sieben Ligaturen per Hand einzugeben. Die Rechtschreibprüfung kann mit dem Ergebnis freilich nichts mehr anfangen.

Abbildung 4: Die Tex-Erweiterung Xetex bindet Opentype-Fonts ein und stellt auch die darin enthaltenen Ligaturen korrekt dar. Die zweite Zeile zeigt zudem Unterlängen.

Abbildung 4: Die Tex-Erweiterung Xetex bindet Opentype-Fonts ein und stellt auch die darin enthaltenen Ligaturen korrekt dar. Die zweite Zeile zeigt zudem Unterlängen.

Besonders unverständlich ist die fehlende Ligaturen-Unterstützung, weil inzwischen selbst Programme wie Firefox 3, Inkscape oder weitere Software, die auf Pango 2 oder QT 4 basiert, Ligaturen automatisch verwenden, wenn sie eine Opentype-Schriftart benutzten, die Ersetzungen empfiehlt. Scribus 1.3.5, das QT 4 einsetzt, nutzt die Opentype-Features des Toolkits aber leider nicht, da es bei der Buchstabenpositionierung auf einem tieferem Level ansetzt als ein Browser. Eine freie Schriftart, die sehr viele Opentype-Funktionen unterstützt, ist Linux Libertine [5].

Tex unterstützt Ligaturen mit den Computer-Modern-Schriften ohne Zutun des Benutzers. Die Erweiterung Xetex erlaubt in Latex den Einsatz gewöhnlicher Truetype- und Opentype-Schriftarten und übernimmt auch Opentype-Ligaturen. Listing 1 zeigt den Code für die Ausgabe in Abbildung 4. Außer Ligaturen zeigt die zweite Zeile noch die so genannten Minuskelziffern. Die für das Schriftbild angenehmeren Ziffern weisen Unterlängen auf. Die heute im Drucksatz üblichen Ziffernzeichen sind eigentlich nur für den Einsatz in Tabellen konzipiert.

Listing 1: Optentype in
Xetex

01 documentclass{scrartcl}
02 usepackage{fontspec}
03 setromanfont{Linux Libertine}
04 usepackage[ngerman]{babel}
05 begin{document}
06 finden 1234567890\
07 addfontfeatures{Numbers=OldStyle, Ligatures=Discretionary}
08 Quartz 1234567890
09 end{document}

Hinausgedrängt

Nicht nur in manchen Buchstabenkombinationen, auch am rechten Textrand wirken bestimmte Zeichen ohne Abstandskorrektur unruhig. Enden Bindestriche oder Kommata beim Blocksatz bündig mit dem rechten Rand, so entstehen wegen des geringen Schwarzwerts dieser Zeichen Löcher in der Helligkeitsverteilung. Paradoxerweise wirkt die rechte Textkante daher gerader, wenn diese Zeichen etwas über den Rand hinausragen (Abbildung 5). Normale Textverarbeitungsprogramme kennen diese Funktion nicht. Auch in Tex steht sie erst mit dem Einsatz der Erweiterung Pdflatex zur Verfügung, der Befehl »usepackage[activate]{pdfcprot}« schaltet sie ein.

Abbildung 5: Ausgeglichen: Da Bindestriche einen geringen Schwarzwert aufweisen, wirken die Textränder optisch gerader, wenn diese ein wenig über den Rand hinausragen.

Abbildung 5: Ausgeglichen: Da Bindestriche einen geringen Schwarzwert aufweisen, wirken die Textränder optisch gerader, wenn diese ein wenig über den Rand hinausragen.

Sauber getrennt

Mehr noch als Funktionen wie Glyphenskalierung wirkt sich die Silbentrennung auf die Qualität des Blocksatzes aus. Je weniger Möglichkeiten zur Worttrennung ihr durch die Lappen gehen, desto seltener wird es nötig, die Wortzwischenräume für einen bündigen rechten Rand auszudehnen. In Latex erledigt die automatische Trennung das Babel-Paket im Header, das der Code »usepackage[ngerman]{babel}« im Header einer Textdatei einbindet. Da Silbentrennungsregeln sich von Sprache zu Sprache unterscheiden, lässt sich in Latex auch für einzelne Wörter eine andere Sprache auswählen. Die Zeichenfolge »-« fügt einen so genannten bedingten Umbruch ein, der die Stelle festlegt, an der die Software bei Bedarf trennt.

In Scribus dagegen lässt sich die Sprache für die Silbentrennung nur auf Dokumentebene festlegen. Die dabei auftretenden Probleme sind bei kurzen fremdsprachlichen Zitaten noch mit bedingten Umbrüchen zu lösen, die die Tastenkombination [Ctrl]+[Shift]+[-] einfügt. Längere mehrsprachige Passagen kann Scribus jedoch nicht sinnvoll verarbeiten.

Zwar treten bei der Silbentrennung im Test keine auffälligen Fehler zutage. Sie trennt auch den Rechtschreibregeln entsprechend, nutzt aber deren Möglichkeiten nicht vollständig aus. Dass das Silbentrennungs-Wörterbuch für Deutsch kleiner als 50 KByte ausfällt, während es in Open Office über 480 KByte groß ist, lässt schon vermuten, dass die Trennung in der Texverarbeitung wesentlich besser funktioniert. Ein Workaround für kürzere Texte ist die Option »Trennvorschläge« unter »Dokument einrichten | Silbentrennung«, die alle Trennungsmöglichkeiten für jedes Wort im Text abfragt.

Work in Progress

Während die stabile Scribus-Version 1.3.3.12 sich bei der Qualität des Blocksatzes nicht wesentlich von einer normalen Textverarbeitung unterscheidet und daher kaum für Zeitschriften mit kurzen Textspalten taugt, bringt Version 1.3.4 entscheidende Verbesserungen: Glyphenskalierung und ein den Wortabstand sowohl stauchender als auch dehnender Zeilenumbruch bringen die Software in die Nähe von Profiprogrammen wie Indesign oder Quark Xpress. Was noch fehlt, ist Opentype-Unterstützung, wie sie Quark, Indesign und Tex bieten.

Während Tex darauf abzielt, aus einfachen Textdateien möglichst perfekte Layouts zu erzeugen, ohne dass der Benutzer dazu Fachwissen braucht, setzt qualitativ hochwertiger Blocksatz in Scribus Probieren voraus. Die Glyphenskalierung ist standardmäßig ausgeschaltet, welche Werte sinnvoll sind, hängt von der Schriftart und -größe ab. Auch die Maximal- und Minimalwerte für den Wortabstand ergeben sich erst durch Ausprobieren mit Beispiellayouts. Dies gilt jedoch nicht nur für Scribus, sondern für alle Layoutprogramme, die dem Designer im Vergleich zu Tex dafür viel mehr Gestaltungsfreiraum lassen.

Infos

[1] Scribus: [http://www.scribus.net]

[2] Blocksatz-Verbesserungen: [http://wiki.scribus.net/index.php/Verbesserungen_beim_Blocksatz]

[3] Indesign: [http://www.adobe.com/de/products/indesign/]

[4] Quark Xpress: [http://www.quark.com/products/xpress/]

[5] Linux Libertine: [http://linuxlibertine.sf.net]

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 3 HeftseitenPreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben