Die Desktop-Publishing-Software Scribus bietet Funktionen und Hilfsmittel für häufig wiederkehrende Aufgaben, die das Entwerfen handwerklich einwandfreier Layouts erleichtern sollen. Doch wie schlägt sich die freie Software im Vergleich zur proprietären Konkurrenz von Adobe und Quark?
Auf den ersten Blick leistet ein Layoutprogramm wie Scribus [1] nichts Besonderes, wenn es Text und – mit anderen Programmen erstellte – Grafiken auf der Seite platziert. Die Krux liegt in der effizienten Kombination aus Variation und wiederkehrenden Elementen: Liegen zwei Kästen nebeneinander, müssen sie oben bündig abschließen, die Formatierungen von Rahmen und Hintergrundfarbe müssen übereinstimmen.
Ein konsistentes Layout entsteht zwar auch, wenn der Designer für alle Elemente einzeln die gleichen Werte einstellt, gute Layoutprogramme nehmen ihm diese Arbeit jedoch ab. Mag es bei einem Textverarbeitungsprogramm vertretbar sein, fünfmal das Dialogfeld »Eigenschaften« zu öffnen, um die Rahmen drei Zentimeter vom rechten Seitenrand entfernt zu platzieren, für Layoutprogramme, mit denen hundertseitige Publikationen entstehen, gelten andere Kriterien. Für eine professionelle Publishing-Software ist bereits eine Verzögerung von einer Sekunde beim Öffnen des Dialogs nicht mehr akzeptabel.
Palette für Palette
Layout- und Grafikprogramme ersetzen für zügiges Arbeiten Dialogfelder durch permanent geöffnete Paletten. Scribus orientiert sich jedoch nicht an der Konkurrenz, die dem Benutzer die Einstellungen über viele andockbare und minimierbare Paletten ermöglichen. Vielmehr übernimmt diese Aufgabe eine aus mehreren Reitern zusammengesetzte Eigenschaftenpalette. Die lässt sich zwar nicht andocken, aber durch den Shortcut [F2] schnell ein- und ausblenden. Da sie sperrig ausfällt, stört es beim Arbeiten, wenn sie geöffnet bleibt.
Das Reiterkonzept ist leider schlecht auf typische Arbeitsschritte beim Layouten zugeschnitten. Wer Grafikrahmen auf der Seite anordnet, braucht den Reiter »Form«, um die Größe einzustellen, und den Reiter »Bild«, um die Grafiken einzubetten und zu skalieren. Während es in Quark Xpress und Adobe Indesign möglich ist, diese beiden Paletten offen zu halten und alle anderen zu minimieren oder auszublenden, zwingt Scribus den Anwender zu einem steten Wechsel zwischen den Reitern.
Die richtige Perspektive
Der wohl häufigste Arbeitsschritt beim Layout ist es, Anzeige-Ausschnitt und Zoomlevel zu verändern. Nur so lassen sich Layoutfehler wie ungenaue Platzierung oder Skalierung von Objekten vermeiden (Abbildung 1). Bereits Verzögerungen im Zehntelsekundenbereich fallen bei diesem Arbeitsschritt deutlich ins Gewicht. Indesign und Quark Xpress bieten Tastenkombinationen, die über einen Auswahlrahmen auf einen bestimmten Ausschnitt zoomen und nach deren Loslassen zum vorher aktiven Werkzeug zurückkehren. Ganz so einfach geht es in Scribus nicht. Hier aktiviert die Taste [Z] das Zoomwerkzeug und es bleibt so lange aktiv, bis der Benutzer über einen weiteren Shortcut oder per Buttonleiste ein anderes Werkzeug auswählt.

Abbildung 1: Nur sehen, was man muss: Häufiges Anpassen des Anzeigeausschnitts ist beim Layouten die Voraussetzung für exaktes, augenschonendes und handwerklich einwandfreies Arbeiten.
Ähnlich wie Grafikprogramme braucht auch Layoutsoftware Hilfslinien, an denen die Objektkanten beim Verschieben und Skalieren einrasten. Zwar decken die senkrechten und waagerechten Linien, die der Benutzer wie im Grafikbereich üblich aus den Linealen herauszieht, die meisten Anwendungsfälle ab. Doch gibt es im Layout oft genug auch Verwendung für schräg verlaufende Hilfslinien. Scribus beherrscht sie – anders als Inkscape (Abbildung 2) – bisher nicht.

Abbildung 2: Besser geführt: Inkscape beherrscht – wie viele der aktuellen Grafik- und Layout-Programme – schräge Hilfslinien und erstellt sie zudem automatisch aus den Kanten von Objekten.
Um Objekte lückenlos nebeneinander zu platzieren oder um sie an den Ecken, Mittelpunkten der Kanten oder am Kreismittelpunkt auszurichten, bieten viele Grafikprogramme eine Einrastfunktion, die Objekten quasi eine magnetische Anziehung verleiht. Dieses Feature fehlt in Scribus bisher. Dafür gibt es ähnlich wie in Inkscape eine leistungsfähige Ausrichten- und Verteilen-Funktion, die Objekte rechtsbündig, linksbündig oder zentriert anordnet oder die Objektkanten lückenlos aneinander anschließt. Diese Funktion platziert außerdem mehrere Objekte in gleichmäßigem Abstand auf der Seite. Damit übertrifft Scribus sogar die teure Adobe-Software, die bei dieser Funktion nach wie vor Defizite aufweist.
Die Qual der Wahl
Beim Arbeiten an einem Layout ist es oft nötig, verdeckte Objekte auszuwählen, um sie zu verändern. In Scribus hält der Anwender [Shift]+[Ctrl] gedrückt, während er mit der Maus klickt. Der zweite Mausklick deaktiviert das oberste Objekt und aktiviert das darunterliegende. Allerdings lässt sich auf diese Weise bei mehreren übereinanderliegenden Objekten immer nur eins auswählen. Möchte der Layouter zwei verdeckte Objekte gemeinsam verschieben, dann bleiben nur mit Mehrarbeit verbundene Tricks, etwa das störende Objekt temporär zu verschieben, es auszuschneiden oder es auf eine andere Ebene zu verschieben.
Vom Handling her etwas unbequem gibt sich Scribus auch beim Skalieren von Objekten mit der Maus. Wie andere Anwendungen verwandelt sich die Cursorform, wenn der Mauszeiger über einem Skaliergriff liegt. Allerdings fällt bei Scribus die Toleranz unangenehm gering aus: Bewegt der Anwender die Maus aus Versehen ein wenig, bevor er die Maustaste drückt, dann verschiebt er das Objekt, statt es zu skalieren.
Stilfrage
Jede moderne Textverarbeitung kennt Stile, die Schriftformatierungen zusammenfassen. Statt die Schriftart Arial, Fettschrift und die Größe 14 Punkt für jede Überschrift einzeln auszuwählen, weist ihr der Anwender den Stil »Überschrift 1« zu. Um das Aussehen aller Überschriften zu ändern, genügt es, diesen Stil anzupassen. Im Layout-Bereich sind zwei Arten von Textstilen üblich: Absatzstile, die für einen ganzen Textblock gelten, und Zeichenstile, die sich auf einzelne Wörter oder Buchstaben beziehen.
Die Textverarbeitung Open Office setzt dies auch so um, Scribus aber leider erst in der instabilen Entwicklerversion 1.3.4. Für die Layoutpraxis ist dies eine starke Einschränkung, die allerdings mit der voraussichtlich bald erscheinenden Stable-Version 1.3.5 behoben sein wird. Allerdings schließt Scribus damit noch nicht zu den Profiprogrammen auf. Indesign und Quark Xpress dehnen das Stil-Konzept über den Textbereich aus, es gibt dort Objektstile, die entweder alle oder nur bestimmte Eigenschaften von Text- oder Grafikrahmen speichern (Abbildung 3), und neuerdings Tabellenstile.

Abbildung 3: Deutlich mehr Leistung: Indesign speichert nicht nur die Text-Attribute in Stilen, sondern auch die Eigenschaften von Text- und Grafikrahmen.
Musterhaft
Musterseiten dienen im Layout als Templates für vorgefertigte Seitenlayouts, die auf mehreren Seiten wiederkehrende Elemente in der vorgesehenen Platzierung enthalten. Wie auch in modernen Textverarbeitungen sind diese Templates allerdings nicht nur statische Gebilde. Das beginnt mit der Seitenzahl oder mit dynamischem Text wie Kapitelüberschriften: Im Template steht hier lediglich ein Steuerzeichen, der Text ergibt sich je nach Position im Dokument.
Scribus beherrscht lediglich Seitenzahlen. Automatische Kapitelüberschriften lassen sich immerhin über das umfangreiche Python-Skript-API realisieren, stehen aber nicht out of the Box zur Verfügung. Das gilt auch für einen Import, der über das Laden eines Textblocks im TXT-, HTML-, CSV- oder ODT- und SWX-Format in einen Rahmen hinausgeht. Ein Skript [2] rüstet zum Beispiel eine Serienbriefunktion nach. Mit Hilfe entsprechender Python-Module arbeitet Scribus sogar mit Datenbanken zusammen [3].
Eine der größten Einschränkungen in Scribus ist, dass sich die Elemente auf Musterseiten nicht wie bei anderen Layoutprogrammen entsperren und bearbeiten lassen. Einmalige kleine Anpassungen – etwa eine wiederkehrende Box, die auf einer Seite ausnahmsweise kleiner ausfallen soll – lassen sich in Scribus nur indirekt lösen, etwa durch Überdecken mit einem weißen Kasten und erneutem Zeichnen des Elements.
Differenziert
Programme wie Quark Xpress oder Indesign kommen mit diesem in der Praxis häufig auftretenden Fall problemlos klar. Das Templatesystem ist dort so durchdacht, dass sich nachträgliche Änderungen an der Musterseite weiterhin auf alle Seiten auswirken, mit Ausnahme der von der Musterseite gelösten Objekte.
Die Scribus-Entwickler setzen auf ein anderes Konzept: Eine Bibliothek speichert in Scribus beliebige Layoutobjekte. Da die Bibliothekselemente aus beliebig vielen Objekten bestehen dürfen, lässt sich die Library auch dazu nutzen, ganze Seitenlayouts zu speichern.
Da der Benutzer die Objekte mit der Maus aus der Bibliothekspalette zieht, muss er sich allerdings jedes Mal um die korrekte Platzierung der Objekte kümmern. Nachträgliche Änderungen, die sich konsistent auf alle betroffenen Seiten auswirken, sind mit der Objektbibliothek ebenfalls nicht realisierbar. Eine Objektsammlung, die beliebig viele Unterkategorien enthalten darf, ist also ein nützliches Hilfsmittel, jedoch kein Ersatz für eine Musterseitenfunktion die so arbeitet wie in den Profiprogrammen.
Geschwind, geschwind
Als weiteres Usability-Problem in Scribus nervt dessen Arbeitsgeschwindigkeit: Gerade nach einem Doppelklick auf einen größeren Textrahmen lässt sich die Software oft mehrere Sekunden Zeit, bis sie den Texcursor anzeigt. Auch beim Editieren von Text verhält sich die Anwendung für angenehmes Arbeiten zu träge.
Abhilfe schafft bis zu einem gewissen Grad der Story Editor. Hier bearbeitet der Anwender Text in einem eigenen Fenster, das den Text in einer Bildschirmschrift und nicht nach dem Wysiwyg-Prinzip darstellt (Abbildung 4). Am linken Rand zeigt die Software praktischerweise den Stil der Absätze an, der Stil lässt sich durch einen Klick auch ändern. Der Story-Editor bietet unabhängig von der Arbeitsgeschwindigkeit Vorteile beim Bearbeiten längerer Texte: Er trennt Inhalt und Design, der Anwender kann sich besser auf den Text konzentrieren.

Abbildung 4: Der Story Editor erleichtert in Scribus das Bearbeiten langer Texte, gleicht den Nachteil der träge reagierenden Textrahmen allerdings nicht aus.
Es gibt aber auch Aufgaben, für die sich der Story Editor schlecht eignet: Schriftformatierungen auf Wortebene gehen in der Wysiwyg-Umgebung besser von der Hand. Auch lassen sich im Story Editor keine Zeichenstile zuweisen, sodass er dem Anwender die zähe Arbeit direkt im Textrahmen nicht ganz erspart.
Besonders von Performanceproblemen betroffen sind Scribus-Versionen seit der Umstellung auf QT 4. Allerdings bringen aktuelle SVN-Checkouts im Vergleich zu frühen 1.3.5-SVN-Versionen wieder eine spürbare Verbesserung.
Fazit
Ein großes Defizit der freien Layoutsoftware Scribus im Vergleich zu kommerziellen Lösungen wie Indesign oder Quark Xpress sind die funktional eingeschränkten Musterseiten: Die darauf liegenden Elemente bilden einen nicht bearbeitbaren Seitenhintergrund.
Statt der fehlenden Objektfangfunktion, mit der sich Objekte interaktiv lückenlos aneinander andocken ließen, bietet Scribus immerhin eine leistungsfähige Ausrichten- und Verteilen-Funktion, mit der handwerklich einwandfreie Layouts gelingen. Wenig rühmlich ist die Performance der Software, die SVN-Version zeigt jedoch in letzter Zeit eine deutliche Verbesserung.
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Infos |
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[1] Scribus: [http://www.scribus.net] [2] Serienbrief-Skript: [http://wiki.scribus.net/index.php/Importing_addresses_from_a_text_file] [3] Datenbankanbindung: [http://wiki.scribus.net/index.php/Scripter/Databases] |






