Aus Linux-Magazin 09/2005

IDABC@Linuxtag: EU-Beamte in Karlsruhe

Ausgerechnet bei der EU-Kommission, Quelle der vom EU-Parlament abgelehnten Softwarepatent-Richtlinie, gibt es ein Grüppchen Beamte, das sich seit einigen Jahren Open Source auf die Fahnen geschrieben hat. Es traf sich zum Linuxtag in Karlsruhe.

Der Linuxtag avanciert zum Mutterschiff selbstständiger kleiner Unterveranstaltungen. In diesem Jahr fand dort neben der eigenwillig mit FUDCon betitelten Fedora-Entwicklerkonferenz und der Oscom zu Kontentmanagement-Systemen auch die Tagung IDABC@Linuxtag statt. Eingefleischte Linuxer werden Schwierigkeiten haben das Akronym aufzulösen, denn hier trafen sich nicht Entwickler, sondern EU-Beamte – direkt neben der Kongresshalle im Dorint-Hotel.

IDABC ist eine jener typischen EU-Abkürzungen, bei denen nicht einmal die dort Beschäftigten auf Anhieb den kompletten Namen hersagen können: Interoperable Delivery of European E-Government Services to Public Administrations, Businesses and Citizens [1]. Diese Unit, bei einem deutschen Ministerium entspräche das einem Referat, ist im Kommissariat für Industrie und Unternehmen angesiedelt. Sie ist also eine Abteilung just dieser Europäischen Kommission, die mit ihren Vorschlägen zur Softwarepatentierung die Mehrheit der Open-Source-Entwickler gegen sich aufgebracht hat.

Dennoch tagt die IDABC aus gutem Grund parallel und quasi mit Familienanschluss zum Linuxtag, denn freie Software ist zumindest in diesem mit rund 20 Mitarbeitern sehr kleinen Bereich der Kommission ein Alltagsthema.

Offene Standards undfreie Software

Die Aufgabe der IDABC ist nicht besonders trennscharf definiert. In einem Interview der Beamtenpostille “Behördenspiegel” mit EU-Kommisar Günter Verheugen heißt es, die IDABC sei als “zentrales Steuerungsinstrument geschaffen, um die Pan-Europäische Ebene des E-Government so planvoll aufzubauen, dass dessen nationale und europäische Einzelkomponenten reibungslos und kostensparend zusammenarbeiten können. IDABC hat die Aufgabe, den Grundriss für das europäische E-Government zu entwerfen”. Im engeren Sinne geht es da um Standards für Dokumentenformate, um Interoperabilität. Gute Chancen scheint hier der auch in Deutschland von vielen favorisierte Open-Document-Standard des Industrie-Konsortiums Oasis zu haben [6].

Daneben befasst sich die IDABC aber auch mit etwas handfesteren Dingen und lässt beispielsweise seit Mitte der 90er Jahre das Behördennetz Testa [2] weiterentwickeln. Das ist ein vom Internet getrenntes TCP/IP-Netz, das Behörden innerhalb Europas miteinander verbindet. In Deutschland haben die Bundesländer die Verfügungsgewalt über diese Infrastruktur. In einigen Staaten Europas läuft Testa über VPN und Internet, in Deutschland stehen eigene Leitungen zur Verfügung. Testa bildet seit Jahren den größten Posten im IDABC-Budget, das insgesamt für EU-Verhältnisse äußerst bescheidene 25 Millionen Euro jährlich umfasst.

Eine mehr im Lizenzen-Zoo

Wenig Ressourcen braucht auch ein anderes Projekt, dessen Auswirkungen auf die Open-Source-Welt möglicherweise beträchtlich sein können. Die EU-Kommision entwickelt eine eigene Open-Source-Lizenz, die European Union Public Licence (EUPL, [3]).

Auf dem Linuxtag wurde deren Text – als Entwurf – zum ersten Mal vorgestellt. Die EU-Bürokratie tut sich schwer mit der GPL und anderen freien Lizenzen, wenn sie im Auftrag Software entwickeln lässt: Es ist von Problemen bei der Übertragung ins europäische Rechtssystem die Rede, von sprachlichen Unklarheiten und so weiter. Wie man hinter vorgehaltener Hand hört, ist der eigentliche Grund schlicht die Tatsache, dass es keine EU-eigenen Lizenzen sind. In der Open-Soure-Community fiel das Echo zurückhaltend aus, angesichts des ohnehin bestehenden Lizenzen-Zoos auch nicht verwunderlich.

Könnte es aber gelingen, die Lizenz EU-weit durchzusetzen und auch nationale, regionale und kommunale Organisationen dafür zu begeistern, würde das der Verbreitung von freier Verwaltungssoftware sicherlich einen guten Dienst erweisen. Testfall ist das Projekt Circa, ein im Auftrag der EU entwickeltes Dokumentenmanagement- und Groupware- System [4], das möglicherweise unter diese Lizenz gestellt wird.

Die EUPL ist wie die GPL eine strenge Copyleft-Lizenz, das heißt, dass abgeleiteter Code wieder frei sein muss. Eine kurze Analyse findet sich auf den Ifross-Webseiten [5]. Entscheidend dürfte sein, dass die FSF die Lizenz als kompatibel zur GPL anerkennt.

Offene Informationspolitik

Die IDABC betreibt eine sehr offene Informationspolitik, auf der Website [1] können Interessierte Unmengen von Dokumenten studieren. In Planung ist außerdem ein Sourceforge-ähnliches Portal für die Entwickler von freier E-Government-Software.

Interview mit Elmar Geese vom
Linux-Verband

Elmar Geese sieht Chancen in der EU.

Elmar Geese sieht Chancen in der EU.

Über die Möglichkeiten, die die EU kleineren und mittelständischen Firmen aus dem Open-Source-Umfeld bietet, sprach das Linux-Magazin mit Elmar Geese, seit Mai 2004 Vorsitzender des Verbands.

Linux-Magazin: Welchen Nutzen haben Organisationen auf EU-Ebene wie die IDABC für Linux-orientierte Unternehmen und für Open Source im Allgemeinen?

Elmar Geese: Eine der ganz großen Chancen sind Standards. Wenn durch die IDABC zum ersten Mal eine Definition dafür vorliegt, was überhaupt ein offener und freier Standard ist, dann ist das ein ganz wichtiger Schritt, von dem wir hoffen, dass sich andere dieser Definition anschließen werden. Standards sind natürlich nicht nur für Open Source wichtig, sondern sie nützen der Mehrheit mittelständischer IT-Unternehmen ganz unmittelbar.

Linux-Magazin: Wie stehen die Chancen für eine sinnvolle Definition?

Elmar Geese: Relativ gut. Jeder, der nicht gerade ein handfestes Eigeninteresse an proprietären Standards hat, sieht das ein. Mit offenen Standards ist das Internet groß geworden, man kann sich schlecht gegen das Argument wehren. Alle Probleme, die wir hatten – der Browserkrieg ist das einfachste Beispiel dafür – rührten aus dem Bruch von Standards.

Linux-Magazin: Und ganz speziell für Open Source?

Elmar Geese: Es ist nicht die Aufgabe der IDABC, Open Source zu fördern – das erhoffen wir uns auch gar nicht. Was wir allerdings erwarten, das ist, dass Brüssel unsere Angebote fair wahrnimmt.

Linux-Magazin: Bisher waren deutsche Linux-Firmen ja nicht gerade stark bei EU-Projekten vertreten. Wie sind die Chancen in geschäftlicher Hinsicht, an Ausschreibungen beteiligt zu werden?

Elmar Geese: Allein schon wenn man die Entwicklungen verfolgt und sich vielleicht an Ausschreibungen beteiligt, nützt das. Denn die Firmen bekommen sozusagen einen europäischen Blick. Bisher ist es ja eher so, dass multinationale große IT-Unternehmen, also nicht gerade europäische, deutlich bessere Chancen haben, da sie von sich aus schon international aufgestellt sind. Die europäischen Unternehmen müssen es lernen, sich zusammenzuschließen und gemeinsam aufzutreten – auch international. Wenn die Unternehmen aus verschiedenen europäischen Ländern kommen, ist davon auszugehen, dass die Chancen bei einer Ausschreibung steigen. Es ist auch eine Aufgabe des Linux-Verbands, hier Wege anzubieten, wie die Unternehmen zueinander finden können.

Linux-Magazin: Was macht der Linux-Verband da konkret?

Elmar Geese: Unser Ziel ist es, einen europäischen Verband zu gründen – also erstens einen Dachverband zu haben und zweitens in anderen Ländern, wo es etwas Ähnliches wie den Linux-Verband nicht gibt, zu entsprechenden Gründungen zu ermuntern. Interesse gibt es zum Beispiel in Italien, Frankreich und in Österreich.

Linux-Magazin: Wie sieht die Hilfe aus, die der Linux-Verband kleineren Unternehmen leisten könnte?

Elmar Geese: Wer sich EU-Organisationen anschaut, ist normalerweise erschlagen von deren Komplexität. Die meisten kleineren Unternehmen sind damit überfordert. Es lohnt sich deshalb, Informationen an einer Stelle zu konzentrieren, wo sie unsere Mitgliedsfirmen abgreifen können. Wir müssen außerdem mehr Möglichkeiten der Vernetzung schaffen. Wir kennen das aus dem Linux-Verband, wo Unternehmen zwar Mitbewerber sind, aber auch relativ häufig Partnerschaften eingehen.

Zwar sind die Entwicklerprojekte logischerweise international organisiert, ebenso Community-Organisationen wie die FSFE. Grenzüberschreitende Partnerschaften zwischen Open-Source-Firmen sind aber rar. Eine der Ausnahmen ist Kolab.

Linux-Magazin: Ein weitere wichtige Aufgabe des Linux-Verbands neben Vernetzung von Mitgliedern und praktischer Hilfe ist die Lobbyarbeit. Was lässt sich da verbessern?

Elmar Geese: Andere Verbände haben längst erkannt, dass die EU der zentrale Punkt ist, an dem es sich lohnt, die Lobbyarbeit zu konzentrieren. Es hat einfach keinen Sinn, national etwas bewirken zu wollen, wenn die Entscheidungen ohnehin in Brüssel fallen.

Linux-Magazin: Gibt es nicht allgemeine Branchenverbände, die sich dieser Aufgabe verschrieben haben?

Elmar Geese: Wenn Verbände wie die Bitkom ihre Arbeit in dieser Hinsicht im Sinne aller ihrer Mitglieder ordentlich machen würden, brauchte es den Linux-Verband für die Lobbyarbeit vielleicht gar nicht.

Infos

[1] IDABC-Website: [http://europa.eu.int/idabc/]

[2] Behördennetz Testa: [http://europa.eu.int/idabc/en/document/3520]

[3] Europäische Open-Source-Lizenz: [http://europa.eu.int/idabc/servlets/Doc?id=21131]

[4] Circa-Projekt: [http://europa.eu.int/idabc/en/document/2086/5644]

[5] EUPL-Kurzanalyse: [http://www.ifross.de/ifross_html/home1_2005.html]

[6] Open-Document-Standard: [http://www.oasis-open.org/specs/index.php#opendocumentv1.0]

[7] Richtlinien zu Partnerschaften mit freien Projekten: [http://europa.eu.int/idabc/en/document/3879/471]

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