Aus Linux-Magazin 08/2005

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

Stufe für Stufe hat Debian die lange Treppe zu Version 3.1 alias Sarge mühsam erklommen. Diese Projekteküche widmet sich ganz dem von vielen lange erhofften und kaum noch erwarteten Ereignis.


Was bei anderen Distributionen undenkbar wäre, hat dieses Projekt wahr gemacht: Genau 35 Monate mussten die Benutzer von Debian GNU/Linux [1] auf eine neue Ausgabe ihres Betriebssystems warten. Nun ist es doch noch vollbracht und Version 3.1 alias Sarge löst den Vorgänger Woody ab.

Was gibt’s Neues?

Sarge wartet mit einer Vielzahl bedeutender Änderungen auf. Die zweifellos wichtigste davon bemerken Nutzer, die lediglich den Vorgänger aktualisieren, gar nicht: die neue Installationsroutine. Schon die Vorgängerversion Woody wollten einige mit Hilfe eines anderen Systems als den veralteten Boot-Floppies auf die Festplatten bringen. Das klappte aus Zeitgründen nicht und Debian 3.0 musste sich mit einer neu zusammengeschusterten Boot-Floppies-Version begnügen. Erst die neue Release ersetzt sie endlich durch eine neue Routine.

Mit dem Installer hat Debian Sarge nun ein leicht erweiterbares Installationsprogramm, das durch seine modulare Struktur vieles erleichtert. Zunächst startet im Arbeitsspeicher ein kleines Linux-System, in dem er die für die Basiseinrichtung erforderlichen Pakete installiert.

Eine spezielle Version des Paket-Managers DPKG verarbeitet die Installer-Pakete mit der Endung ».udeb«. Damit können andere auf Debian basierende Distributionen den Installer als Grundlage verwenden und mit eigenen Udebs füttern. Ein grafisches Interface für die Installation bietet auch der neue Debian-Installer nicht, die Tastatur bleibt die einzige Eingabemöglichkeit. Das modulare Konzept vereinfacht es aber, mit entsprechenden Udeb-Pakete eine X11-Oberfläche nachzuliefern.

In Fragen der Aktualität der Software bewegte sich Debian Woody schon lange jenseits von Gut und Böse, vor allem, aber keineswegs nur, den Desktop betreffend. Deshalb macht Sarge hier in manchen Bereichen beachtliche Sprünge nach vorne. Die GNU Compiler Collection allerdings stellten die Sarge-Entwickler schon wenige Monate nach der Woody-Release von Version 2.95 auf 3.3 um. Dabei bleibt es auch in der endgültigen Fassung; um die Vorzüge von GCC 3.4 oder 4.0 zu genießen, müssen die Benutzer manuell nachrüsten.

Auch in anderen Bereichen stehen den Sarge-Anwendern nicht die neuesten Programme zur Verfügung. Unter den beiden großen Desktop-Umgebungen finden sie KDE in Version 3.3 vor (siehe Abbildung 1), von Gnome liegt Ausgabe 2.8 bei. Auf X.org müssen Debian-Benutzer weiterhin verzichten, stattdessen bleibt XFree86 im Einsatz. Außerdem gibt es OpenSSH 3.8.1, MySQL 4.0.24 und den Webserver Apache in der aktuellen Fassung 2.0.54.

Besser und mehr

Andere Programmpakete ziehen mit Debian Sarge erstmals in die Distribution ein. Hier fällt besonders die freie Office-Suite Open Office auf. Insgesamt umfasst die neue Release über 10000 Pakete, die zusammen 14 CD-ROMs oder zwei DVDs beanspruchen. Woody begnügte sich für seine etwa 8500 Pakete noch mit sieben CDs. Dieses Wachstum bereitet jetzt einigen Mirror-Servern allerdings Probleme. Viele, die die Vorgängerversion noch komplett und für alle elf unterstützten Rechnerarchitekturen spiegelten, mussten beim Nachfolger eine Auswahl treffen. Hier liegt ein Grund dafür, dass für Sarge keine neuen Architekturen vorgesehen sind.

Im Entwicklungsprozess tauchte, während die Entwickler dabei waren, ein Problem zu lösen, häufig schon wieder ein neues auf. Dieser Teufelskreis begann mit dem Sorgenkind Debian-Installer: Wie erwähnt sollte er bereits Teil von Woody werden, bestand zu dieser Zeit aber aus wenig mehr als einem Konzept und einer kleinen Code-Basis. Während der Sarge-Entwicklung weitete er sich zur Großbaustelle aus. Am Ende arbeitete Joey Hess hauptberuflich am Debian-Installer und letztlich ist es wohl ihm zu verdanken, dass das Programm überhaupt den veröffentlichungsfähigen Status erreichte.

Auch ein anderes Großprojekt dauerte wesentlich länger als erhofft: die Umstellung der GNU Compiler Collection auf Version 3.3. Als der Abschluss des Installers und der GCC-Migration endlich in greifbare Nähe gerückt waren, gab sich der damalige Release-Manager Anthony Towns optimistisch und verkündete, man könne Sarge im Dezember 2003 veröffentlichen.

Lange Geschichte

Bis dahin gelang es jedoch nicht, die Zahl der Release-kritischen Fehler deutlich zu reduzieren oder den Debian-Installer für alle elf unterstützten Architekturen fertig zu stellen. In der Folge stellte Anthony Towns immer wieder mögliche Veröffentlichungstermine in Aussicht, die sich aber allesamt als Wunschträume entpuppten. Im August 2004 schließlich nahm der Release-Manager Abschied von seinem Posten.

Der Sarge-Entwicklung kam der Personalwechsel natürlich nicht zugute, denn nun musste sich das neue Release-Team zunächst in die Materie einarbeiten, auch wenn es nicht nur aus Neulingen bestand. Als die neuen Verantwortlichen endlich fest im Sattel saßen, sahen auch sie sich mit einer nicht abreißen wollenden Kette alter und neuer Problemen konfrontiert.

Abbildung 1: Nach fast drei Jahren hat Debian die neue Version namens Sarge veröffentlicht. Nun lässt sich die stabile Ausgabe auch auf dem Desktop wieder mit halbwegs aktuellen Programmen einsetzen.

Abbildung 1: Nach fast drei Jahren hat Debian die neue Version namens Sarge veröffentlicht. Nun lässt sich die stabile Ausgabe auch auf dem Desktop wieder mit halbwegs aktuellen Programmen einsetzen.

Viel Gerede

Von Beginn der Sarge-Entwicklung an forderten Programmierer und Benutzer immer wieder, mit AMD64 und PPC64 zwei neue Architekturen zu unterstützen. Aber weil Anthony Towns eigentlich bereits im Dezember 2003 Sarge veröffentlichen wollte, verschwand dieser Plan wieder in der Versenkung.

Andere Entwickler dagegen sahen gerade in der großen Anzahl unterstützter Plattformen die Ursache für die langen Release-Zyklen. In den Monaten vor der Release brachte außerdem der Mangel an Testhardware die Mitglieder des Sicherheitsteams in Schwierigkeiten, sodass sie sofortige Security-Updates für alle Architekturen zwischenzeitlich nicht mehr garantieren konnten. Aber besonders Martin Schulze, Kernmitglied des Security-Teams, setzte sich trotzdem mit Erfolg dafür ein, die plattformübergreifende Struktur beizubehalten.

Im Mai 2005 erreichte Sarge endlich den Freeze-Zustand, kurz nachdem die Infrastruktur des Sicherheitsteams wieder stand. Am 6. Juni hatten die Entwickler dann schließlich die Release-kritischen Fehler ausgebessert, sodass die Presseabteilung die Veröffentlichung bekannt geben konnte.

Sarge-Festmahl: Käsetrüffel und gefüllteBaguettes

Passend zur Debian-Release zwei Rezepte, die sich schnell umsetzen lassen und ideal für jede Debian-Release-Party geeignet sind.

Für die Käsetrüffel 100 g geriebenen Käse mit 40 g Butter verrühren und die Mischung kalt stellen. Danach aus der Masse kleine Kugeln formen und in geriebenem Pumpernickel wenden. Danach die Kugeln nochmals kalt stellen. Serviert werden die Trüffel mit Brötchen oder Baguettescheiben, als Getränk passen Bier oder Wein.

Für das gefüllte Weißbrot eine halbe Salatgurke würfeln, zwei Gewürzgurken, 300 g gekochten Schinken und 200 g Käse. 150 g Butter schaumig rühren, 150 g Quark darunter mischen und anschließend ein Bund fein gehackte Petersilie dazugeben. Die gewürfelten Zutaten mit der Creme vermengen und die Mischung nach Belieben mit Salz und Pfeffer würzen.

Ein Baguette je nach Größe in drei oder vier Teile schneiden und die Teile aushöhlen. Die Masse in die ausgehöhlten Baguettes füllen und die Mischung für ein bis zwei Stunden kalt stellen. Danach die Baguettes in Scheiben schneiden und auf einer Platte anrichten.

Viel Spaß beim Feiern

Zum Schluss der obligatorische Aufruf: Wer ein gutes Programm kennt, schätzt oder entwickelt und es in der Projekteküche vorgestellt sehen möchte, schreibe eine E-Mail an [2]. (csc)

Infos

[1] Debian: [http://www.debian.org]

[2] Hinweise und Vorschläge: [projektekueche@linux-magazin.de]

Der Autor

Martin Loschwitz ist Schüler aus Niederkrüchten und hilft in seiner Freizeit dabei, die Debian GNU/Linux-Distribution weiterzuentwickeln. Momentan arbeitet er am Debian-Desktop-Projekt.

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