Aus Linux-Magazin 05/2005

Interview mit dem Wikipedia-Gründer Jimmy "Jimbo" Wales

Mit rund 400 Millionen Pageviews im Monat ist die freie Enzyklopädie Wikipedia heute eine der beliebtesten Sites im Web. An ihrem Anfang stand die Idee des Internet-Unternehmers Jimmy Wales. Wir trafen ihn auf der Fosdem 2005 in Brüssel, um mit ihm über die Geschichte und die Zukunft des Projekts zu sprechen. Ulrich Wolf, Mathias Huber

Abbildung 1: Vor voll besetztem Saal: Jimmy Wales spricht auf der Fosdem 2005.

Abbildung 1: Vor voll besetztem Saal: Jimmy Wales spricht auf der Fosdem 2005.

Jimmy Wales rief im Januar 2001 zusammen mit dem Philosophen Larry Sanger das Wikipedia-Projekt ins Leben, um eine frei verfügbare Enzyklopädie zu schaffen. Das Geld, das ihm die Arbeit an seinen Projekten ermöglicht, verdiente der US-Amerikaner mit Termingeschäften an der Börse. In den 90er Jahren war er außerdem CEO des Internetportals Bomis.com. Wales lebt mit Frau und Kindern in Florida.

Linux-Magazin: Wikipedia ist ein sehr populäres Projekt, das häufig in den Medien auftaucht. Aber blicken wir auf Ihre ursprüngliche Vision zurück: Was hat Wikipedia erreicht und was bleibt noch zu tun?

Wales: Unser Ziel ist es, eine freie Enzyklopädie zu erstellen und jedem Menschen auf der Welt zugänglich zu machen. In Westeuropa und den USA, vor allem bei Leuten, die Englisch sprechen und eine schnellen Internetzugang haben, ist unser Ziel im Grunde erreicht. Aber in den Entwicklungsländern und in deren Sprachen gibt es noch viel zu tun. Das betrifft sogar die Verbreitung der englischen und französischen Versionen in Gegenden, in denen diese Kolonialsprachen eine Rolle spielen.

Linux-Magazin: Was kann Wikipedia tun, um diese Kluft zu überbrücken?

Wales: Meiner Meinung nach ist der wichtigste Aspekt dabei die freie Lizenz von Wikipedia. Sie erlaubt es, unsere Arbeit auf kommerzieller oder nicht-kommerzieller Basis zu verbreiten, um Wissen auch in abgelegene Gegenden zu bringen – zu Menschen, die sich eine traditionelle Enzyklopädie nie leisten könnten.

Linux-Magazin: Apropos Lizenzen: Es gibt einige, die mit der GFDL unzufrieden sind. Gibt es noch eine Diskussion über Lizenzen oder werden Sie sich einfach damit abfinden, weil Sie die Lizenz ohnehin nicht ändern können?

Wales: Es wäre praktisch unmöglich für uns, von der GFDL auf eine andere Lizenz umzusteigen, weil wir Tausende von Autoren haben. Aber es gibt auch keinen zwingenden Grund dazu, weil sich die Free Software Foundation der Nutzbarkeit der Lizenz verpflichtet hat. Im Großen und Ganzen sind wir uns alle einig. Jetzt geht es nur noch darum, die Details auszuarbeiten.

Linux-Magazin: Eric S. Raymond unterscheidet in “The cathedral and the bazaar” hierarchisch geführte (Kathedrale) und selbstorgansierende Projekte (Basar). Vor dem großen Basar Wikipedia arbeiteten Sie an der hierarchisch organisierten Nupedia. Kannten Sie Wikis, bevor Sie die neue Richtung einschlugen?

Wales: Wir haben lange nach einem brauchbaren Ansatz gesucht. Ich wollte eine offenere Arbeitsweise und damit mehr Beteiligte, aber unsere Software und das soziale Modell gaben das nicht her. Nach fast zwei Jahren, in denen wir kaum Erfolge vorweisen konnten, hat mir ein Mitarbeiter Ward Cunninghams Wiki gezeigt. Das war Ende 2000 und es war das erste Mal, dass ich ein Wiki sah, obwohl es schon fünf Jahr alt war.

Linux-Magazin: Aber die Entscheidung für das neue Modell stand fest, bevor Sie die Wiki-Software gesehen hatten?

Wales: Ja. Wir wussten, dass das Cathedral-Modell keine Zukunft hat, und suchten eine praktikable Alternative. Dann haben wir das Wiki gesehen. Use Mod Wiki, die Software, die wir anfangs eingesetzt haben, war für ein kleines Wiki bestens geeignet, aber sehr schnell haben wir weitere Features gebraucht – und die mussten wir selbst entwickeln.

Linux-Magazin: Welche Pläne gibt es für die nahe Zukunft?

Wales: Wir sind gerade mit Wikinews durchgestartet – ein riesiges neues Projekt. Sonst haben wir zurzeit nichts von vergleichbarer Größenordnung in der Pipeline. Wenn Sie mich fragen, gönnen sich alle eine kurze Pause, bis wir analysiert haben, was noch zu tun ist. Außerdem veranstalten wir im Sommer eine große Konferenz in Frankfurt, die viel Planung erfordert. Was die Technik angeht, möchten wir in naher Zukunft von unserem einzigen Rechenzentrum in Amerika wegkommen – daneben haben wir nur drei Squid-Proxies in Paris – und auf verteilte Standorte setzen. Das ist eine große technische Herausforderung.

Linux-Magazin: Wie weit sind die Überlegungen zum Kartografie-Projekt Wikimaps gediehen?

Wales: Alle hier auf der Konferenz waren von dieser Idee begeistert, auch innerhalb der Community interessieren sich viele dafür. Man kann zwar nicht einfach ein Mediawiki aus dem Boden stampfen und mit der Arbeit an Karten beginnen, aber die allgemeinen Prinzipien des Wiki mit Zusammenarbeit im großen Stil können auch auf diese Datentypen angewendet werden.

Linux-Magazin: In der Freie-Software-Community gibt es viel Interesse an geografischen Informationssystemen.

Wales: Viele dieser Systeme sind proprietär und viele Daten sind es ebenfalls. Aber es gibt auch Projekte, die Karten erstellen, indem Freiwillige mit GPS-Empfängern Koordinaten aufnehmen. Wir möchten gerne komplexe Karten unterstützen und vielleicht werden wir ein paar zentrale Repositories mit Daten dieser Art ins Leben rufen.

Abbildung 2: Die Wikipedia strebt nicht nur nach Masse, sondern auch nach Klasse. Der deutsche Zweig des Projekts rief daher eine Qualitätsoffensive aus.

Abbildung 2: Die Wikipedia strebt nicht nur nach Masse, sondern auch nach Klasse. Der deutsche Zweig des Projekts rief daher eine Qualitätsoffensive aus.

Linux-Magazin: In Ihrer Rede hier auf der Fosdem sagten Sie, dass die Probleme von Wikipedia sozialer und nicht technischer Art sind.

Wales: In Wirklichkeit habe ich genau das Gegenteil gesagt: Sozial geht es der Community blendend, sie ist ein großer, chaotischer und lauter Haufen, aber dort schlagen wir uns ganz wacker. Die größte Herausforderung für uns ist, die Website schnell genug zu machen, und da geht es nicht einfach um Hardware-Anschaffungen, sondern um Entwickler, Software und Administration. Es geht also nicht darum, Server zu kaufen – Geld haben wir.

Linux-Magazin: Wer zahlt für die Server und den Traffic?

Wales: Die Allgemeinheit. Die Lounsbery Foundation (eine amerikanische Privatstiftung, die Bildung und Wissenschaft fördert, Anm. d. Red.) hat uns 40000 US-Dollar für Server und Bandbreite zur Verfügung gestellt.

Linux-Magazin: Wie sieht es mit der Förderung durch andere Unternehmen aus, etwa der geplanten Kooperation mit Google, die an die Öffentlichkeit gelangt ist?

Wales: Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass wir uns mit Google über kreative Möglichkeiten unterhalten, uns zu unterstützen. Aber auch unabhängig vom Thema Google gilt: Wir legen größten Wert auf unsere Unabhängigkeit und die Neutralität unserer Inhalte.

Wir begrüßen jede Hilfe, aber nicht um den Preis, dass die Integrität unserer Arbeit in Frage gestellt wird. Wir haben genug Angebote, was Geld und sonstige Unterstützung angeht. Zudem führen wir gerade eine Spendenkampagne auf unse- rer Website durch. Aber die Kosten sind sehr niedrig, weil in unserem Projekt Freiwillige arbeiten.

Vor zwei Wochen habe ich eine Konferenz in den USA besucht und dort den Chef des Nachrichtenportals Usatoday.com kennengelernt. Er erzählte mir, dass sie 300 Millionen Pageviews im Monat haben. OK, nicht schlecht, sagte ich, wir haben 400 Millionen. Da fragte er, wie viele Mitarbeiter haben Sie denn? Er hat 180. Ich sagte, wir haben einen einzigen Teilzeitmitarbeiter, der sich um die Server kümmert, aber tausende Freiwillige, und so kommen wir mit wenig Geld aus. In unserem IRC-Channel findet man immer acht bis zwölf erfahrene Techniker, die unsere Site in- und auswendig kennen, die kann ich jederzeit fragen.

Linux-Magazin: Was halten Sie von einer stabilen Version der Wikipedia?

Wales: Das ist ähnlich wie bei freier Software. Es gibt die allerneueste Version aus dem CVS, die unter Umständen nicht einmal kompiliert, aber gleichzeitig existiert eine stabile Version für den produktiven Einsatz. Das gleiche Konzept können wir hier anwenden, um Versionen mit unterschiedlichen Qualitätsstufen zu identifizieren.

Die Veröffentlichung einer stabilen Version wäre für viele Zwecke sehr wünschenswert: als CD-Version, für Druckausgaben, stabile Links für Schulen – kurz, für alle Benutzer, die etwas Zuverlässiges brauchen. Das ist aber viel Arbeit und wirft die Frage auf, wie man die Qualität garantieren und es dennoch mit unserem offenen Community-Modell verbinden kann. Es gibt schon erste Vorschläge und langsam, aber sicher arbeiten wir uns in dieser Richtung voran.

Linux-Magazin: Käme ein stärker formalisierter Prozess in Frage?

Wales: Ja, es ist aber noch zu früh, um Näheres dazu zu sagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine kleine Gruppe von Experten die Artikel überarbeitet, es müsste ein verteilter Ansatz sein.

Auf jeden Fall ist es der Wunsch und das Ziel der Community, qualitativ hochwertige Arbeit zu liefern. Das hat zwar nicht Vorrang vor der Offenheit, aber es ist der eigentliche Zweck, dem die offene Community dient. Es geht uns also nicht um Anarchie der Anarchie willen, sondern um Anarchie, die es uns ermöglicht, vernünftig zu arbeiten.

Linux-Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

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