Aus Linux-Magazin 10/2001

E-Business mit Zelerates All-Commerce-Suite

Vor das E-Business haben die Entwickler von All Commerce 1.2.3 den Schweiß gesetzt: Das sehr leistungsfähige Produkt ist leider ausgesprochen unhandlich.

Der Hersteller von All Commerce, die Firma Zelerate, bezeichnet sich selbst als führenden Anbieter von Open-Source-Lösungen für E-Commerce. All Commerce läuft unter anderem auf der Think-Geek-Website, der Fanshop-Abteilung des Open Source Developer Networks (OSDN). Dort macht die Applikation subjektiv einen herausragend schnellen Eindruck – also Grund genug, das Produkt in einer Kurzvorstellung genauer anzusehen.

So viel sei gleich vorab verraten: Wer sich von All Commerce vielleicht verspricht, ohne größeren Installations- und Einarbeitungs-Aufwand einen Onlineshop ins Netz stellen zu können, sollte diese Illusion getrost sofort beiseite legen. Ambitionierte Hobby-Bastler werden sich dagegen schon während der Installationsphase heimisch fühlen und Leute, die auf eine intuitiv bedienbare Produktverwaltung sowieso verzichten können oder wollen, werden in All Commerce einen guten Freund finden.

Genug Vorschusslorbeer – jetzt sollen die Fakten sprechen. All Commerce untersteht der GPL. Die in Perl geschriebene E-Commerce-Applikation ist unter Linux, Solaris, FreeBSD und Windows 2000 verfügbar, als Datenbanken unterstützt sie MySQL, MSQL, Oracle, Informix und PostgreSQL.

Installation mit Hindernissen

Nachdem die benötigten Perl-Programmpakete von [1] heruntergeladen wurden, eine SQL92-fähige Datenbank und ein Webserver (beispielsweise Apache) installiert und konfiguriert sind, erfolgt das Entpacken des unter [2] verfügbaren Tar-Pakets: Der Aufruf hierfür lautet »tar zxvf os_AllCommerce.1.2.x.tar.gz«. Danach muss der künftige Shop-Betreiber das Perl-Skript »configure .pl« auf der Konsole ausführen, um Einstellungen bezüglich der verwendeten Backoffice-Software (Datenbank und Webserver) vorzunehmen.

Außerdem werden hier die wichtigen Shop-Daten wie Shopname, Administrator-Passwort und beispielsweise der Mehrwertsteuersatz eingetragen. An dieser Stelle wird der eine oder andere eine übersichtliche Eingabemaske wahrscheinlich schmerzlich vermissen. Bei der Installation traten zudem zahlreiche Ungereimtheiten auf. So sind zum Beispiel absolute Pfadangaben hart in Perl-Module kodiert und müssen dort gegebenenfalls angepasst werden.

Abbildung 1: Die Web-basierte Administrations-Oberfläche von All Commerce ist in verschiedene Module aufgeteilt. Für jede Aufgabe steht ein eigener Manager zur Verfügung.

Abbildung 1: Die Web-basierte Administrations-Oberfläche von All Commerce ist in verschiedene Module aufgeteilt. Für jede Aufgabe steht ein eigener Manager zur Verfügung.

Web-basiertes Administrationstool

Nach erfolgreicher Installation kann sich der Shop-Betreiber über einen Webbrowser als Administrator einloggen. Abbildung 1 lässt den modularen Aufbau von All Commerce ahnen, der Administrator gelangt über ein ansprechendes Menü zu den funktionalen Einheiten der E-Commerce-Suite. Hier spielt All Commerce seine Stärken aus. Es bietet Module für die folgenden Bereiche:

  • Content
  • Produktverwaltung
  • Promotion (Sonderaktionen, Rabatte)
  • Auftragsabwicklung
  • Statistikauswertung

Die einzelnen Module bieten zahlreiche Funktionalitäten. So liefert die Statistikauswertung Informationen über die beliebtesten Shopseiten, die zurzeit im Shop eingeloggten Benutzer oder über die Warenkörbe der Shop-Kunden. Weitere Features sind die optionale Anbindung an ein Kreditkarten-Gateway, die Erstellung von WAP-fähigen Shopseiten und XML-Support.

Abbildung 2: In der Produktverwaltung von All Commerce kann der Administrator nach bestehenden Produkten und Produktgruppen suchen oder diese neu anlegen. Leider fehlt eine Übersicht über die bisher eingetragenen Produkte.

Abbildung 2: In der Produktverwaltung von All Commerce kann der Administrator nach bestehenden Produkten und Produktgruppen suchen oder diese neu anlegen. Leider fehlt eine Übersicht über die bisher eingetragenen Produkte.

Umfangreiche Produktverwaltung

Bevor der Betreiber seine Produkte in den Onlineshop einfügen kann, muss er innerhalb des Content Managers zuerst so genannte Brands spezifizieren. Darunter sind Gruppen zu verstehen, die später Produkte enthalten können. Abbildung 2 zeigt die Menüpunkte des Content Managers.

All Commerce bietet zwar umfangreiche Funktionen zur Spezifikation von Produktgruppen und Produkten, so können beispielsweise beliebige Attribute hinzugefügt oder Produkte und Produktgruppen untereinander verlinkt werden. Es fehlt aber eine Übersicht aller bisher eingetragenen Angebote. Beim Auffinden von Produkten ist zwar eine gute Suchfunktion einsetzbar, aber eine visuelle Hilfe wie etwa eine Baumstruktur der erzeugten Produkthierarchie wäre an dieser Stelle wesentlich sinnvoller.

Hat der Betreiber die Produktdaten erst mal mühselig eingetragen, dann möchte er die HTML-Seiten generieren lassen. Vergebens wird er nach einem Menüpunkt wie etwa »Generate Shop« suchen. Stattdessen heißt es erneut, auf die Kommandozeile zurückzugreifen. Die Seiten werden nämlich über ein weiteres Perl-Skript (»./crons/generate_site.pl«) erzeugt. Warum die Entwickler von All Commerce nicht einfach einen entsprechenden Menüpunkt in das Web-Interface aufgenommen haben, bleibt schleierhaft. Auch für die statistische Auswertung muss ein Skript von Hand gestartet werden.

Nachdem die Seiten aufgebaut wurden, zeigt sich jedoch ein wirklich ansprechendes Shop-Layout mit sinnvoller Funktionalität. Der Shop verfügt über ein ausgereiftes Warenkorb-System, eine gute Such-Unterstützung, eine Benutzerverwaltung und eine Wunschliste für den Kunden.

Änderungen im Layout müssen allerdings von Hand geschehen. Die einzelnen Elemente liegen aber als HTML-Templates vor und können nach Belieben angepasst werden – entsprechende HTML-Kenntnisse vorausgesetzt.

Fazit

Viele Shop-Betreiber werden wohl schon während der Installationsphase die Lust an All Commerce verlieren. Wer die Einrichtung tapfer erledigt hat, wird dann vielleicht bei der Eingabe seiner Produktdaten aufgeben: Es fehlt einfach eine Übersicht über die bisher eingetragenen Stammdaten.

Wer davon nicht abgeschreckt wird, erhält aber eine E-Commerce-Suite mit großem Funktionsumfang, die sich an eigene Bedürfnisse anpassen lässt. Alles in allem ist All Commerce eine Applikation eher für den ambitionierten Perl- und HTML-Programmierer als für EDV-Laien, die schnell ein Internet-Geschäft eröffnen wollen. (uwo/fjl)

Infos

[1] CPAN-Archive: [http://www.cpan.org]

[2] Zelerate: [http://www.zelerate.org]

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