Die stürmische Entwicklung der KI in der Gegenwart lässt Parallelen zu Entwicklungen in verschiedenen Phasen der industriellen Revolution zu. Eine historische Standortbestimmung hilft auch dabei, aktuelle Probleme zu bewältigen.
Man könnte es als kollektives Déjà-vu beschreiben: Für den Einzelnen liegen die Ereignisse zeitlich zu weit auseinander, aber in der kollektiven Erinnerung macht sich das Gefühl breit, Gegenwärtiges schon einmal erlebt zu haben. Die Verunsicherung infolge einer rasanten technischen Entwicklung, die bislang Menschengemachtes durch Maschinen ersetzt, und das Know-how der einstigen Produzenten entwertet, weil die Maschine stärker, schneller oder präziser ist – das erleben heute viele mit KI. Aber dieselben Gefühle prägte bereits die Menschen ganz zu Anfang der industriellen Revolution.
Die erste Welle
Vom aktuellen KI-Hype lassen sich viele Parallelen zu anderen Perioden der Industriegeschichte des letzten Vierteljahrtausends ziehen. Der Historiker Oliver F.R. Haardt beschreibt diesen Zeitraum technologischen Fortschritts als einen einzigen Prozess, in dem sich fünf lange Phasen oder Wellen abzeichnen. Mit dem KI-Zeitalter stehen wir am Beginn der sechsten Welle.
Die erste – etwa von 1770 bis etwa 1810 – war geprägt durch Mechanisierung mithilfe der Dampfmaschine, insbesondere in der englischen Baumwollindustrie. Dort vervielfachte beispielsweise die Spinning Jenny, eine von James Hargreaves erfundene Spinnmaschine, die Produktivität schlagartig, weil man mit ihr viele Spindeln zugleich bedienen konnte. Anfangs wurde sie noch manuell betrieben, spätere, weiter verbesserte Versionen dann auch mit Dampfkraft. Herkömmliche Spinner hatten keinerlei Chance, mitzuhalten und viele wurden arbeitslos, was schließlich zur Bewegung der Maschinenstürmer führte.
Diese Innovation brachte später weitere Neuerungen hervor: Dampfmaschinen brauchten große Mengen Kohle. Man erfand die Verkokung und erhielt Koks, der mit weniger Asche und Rauch verbrennt. Das wiederum brachte viel Kohlegas und Kohleteer als Nebenprodukte hervor. Das Gas machte man für die Stadtbeleuchtung nutzbar. Der Koks revolutionierte schließlich auch die Eisen- und Stahlindustrie als wichtigstem Materiallieferanten. In der Folge erlebte der Maschinenbau einen Aufschwung.
Eine Pyramide aufeinander aufbauender Innovationen – auch das sehen wir heute in der KI-Revolution. Angefangen von ersten Versuchen, natürlicher Sprache mit statistischen Mitteln beizukommen, über Expertensysteme bis zum Maschinellen Lernen, Neuronale Netze, Embeddings, die Transformer-Technik – das alles sind einzelne Innovationen, die aufeinander gründen und die heutige LLMs erst möglich gemacht haben.
Die zweite Welle
Die zweite lange Welle, etwa ab 1840 in Europa, wird von einer Revolution im Transportwesen geprägt: Dampfschiff und Eisenbahn. Erstmals konnte man auch schwere Güter über große Entfernungen in vergleichsweise kurzer Zeit transportieren. Das rückte Märkte zusammen und vereinheitlichte sie. Gleichzeitig war der Betrieb der Eisenbahnen so kapitalintensiv, dass sich eine eigene Finanzwirtschaft herausbildete. Die ersten Aktiengesellschaften wurden gegründet, weil kein Einzelner mehr für die enormen Kosten aufkommen konnte. Hohe Baukosten und geringe Einnahmen am Anfang ließen bei vielen Eisenbahnen dennoch die Schuldenberge wachsen.

Die Dampflok war ab Mitte des 19. Jahrhundert eine kostenintensive Spitzentechnologie wie heute KI. (C) Sergey Breev / 123RF.com
Heute ist KI ein sehr kapitalintensiver Wirtschaftssektor und die US-Tech-Giganten wie Nvidia, Microsoft oder Alphabet sind wieder Aktiengesellschaften. (OpenAI vergibt ebenfalls Aktien, auch wenn die nicht öffentlich handelbar sind.) Wie bei der Eisenbahn stehen exorbitanten Kosten mindestens zu Anfang keine adäquaten Gewinne gegenüber. Laut der Bank of America haben die fünf großen Tech-Konzerne, darunter Amazon und Microsoft, im Jahr 2025 121 Milliarden Dollar neue Schulden aufgenommen – das Vierfache des üblichen Durchschnitts.
Die dritte Welle
Die dritte lange Welle ist gekennzeichnet durch die Verbindung von Wissenschaft und Produktion: Große Industriebetriebe gründen eigene Labore und Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Dadurch entstehen ganz neue Industrien, die es zum Anfang des 19. Jahrhunderts noch nicht gab: die Elektroindustie, die Chemieindustrie, die pharmazeutische und die optische Industrie. 1882 erfindet Edison die Glühbirne, die bald ihren Siegeszug antritt und gegen Ende des Jahrhunderts wird Strom immer öfter auch für Motoren gebraucht. Bessere Glasqualität erlaubt bessere optische Geräte, zum Beispiel Mikroskope, die wiederum die Chemieindustrie beflügeln, wo neue Produktionsverfahren und synthetische Produkte wie Farben, Fasern oder Harze jetzt künstlich hergestellt werden können. Die Landwirtschaft profitiert vom neuen Kunstdünger.
Die Verflechtung von Wissenschaft und Produktion gibt es auch bei heutiger KI. KI-Firmen investieren außer in Infrastruktur auch sehr viel Geld in Forschung- und Entwicklung und kämpfen mit harten Bandagen um die besten Köpfe unter den Forschern. Zwar münden diese Anstrengungen zweifelsfrei in Innovationen. Allerdings ist heute zumindest umstritten, ob und wann das auch einen konkreten, zählbaren Gewinn erwirtschaftet, der die immensen Ausgaben rechtfertigt. Investoren spekulieren mit einem enormen Wachstumspotenzial und hohen Renditechancen – deswegen ist KI für sie interessant. Was aber, wenn sich das so nicht realisiert? Schon lange mutmaßen Beobachter, dass sich mit dem KI-Hype und seinen Milliardeninvestitionen eine Blase gebildet haben könnte, die demnächst platzt.
Auch das gab es schon im 19. Jahrhundert, etwa beim Gründerkrach 1873, der den wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerjahre beendete. Nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg flossen 5 Milliarden Goldfranc Reparationsleistungen nach Deutschland. Das Geld beförderte die Spekulation mit Immobilien und Aktien. Damals erschienen den Anlegern insbesondere Eisenbahngesellschaften attraktiv und so schossen die wie Pilze aus dem Boden. Man hoffte auf hohe Renditen und baute Strecken ohne ausreichende Nachfrage. Banken vergaben großzügig Kredite, die Börsenkurse überhitzten. Das ließ eine Spekulationsblase entstehen. Hinzu kam eine Überproduktion, die die Preise fallen ließ, und hohe Zinsen zur Bekämpfung der Inflation. Damit waren viele Projekte wirtschaftlich nicht tragfähig und das führte schließlich zum Platzen der Blase und zu einem Börsencrash, gefolgt von einer tiefen Depression, der ganz Europa und die USA erfasste.
Die vierte Welle
Die vierte Welle beginnt nach dem Ersten Weltkrieg, sie wird zum Zeitalter der industriellen Massenproduktion, angeführt von amerikanischen Automobilproduzenten wie Henry Ford, der als erster Fließbänder in seinen Fabriken einführte. Die Massenmotorisierung, die sich in Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg durchsetzte, war ein Katalysator für viele andere Wirtschaftsbereiche darunter die Stahlindustrie oder den Städte- und Straßenbau oder den Tourismus. Indirekt ist aber beispielsweise auch der Einzelhandel betroffen, denn das Einkaufszentrum vor den Toren der Stadt hätte ohne Auto keine Kunden.
Gleichzeitig war das Verbrennen fossiler Kraftstoffe und damit ein hoher CO2-Ausstoß eine Folge der neuen Mobilität. Ein Umstand, der uns direkt in die aktuelle Klimakrise geführt hat.
Eine Krise, an der heute auch KI einen beträchtlichen Anteil hat. Denn bezeichnenderweise gibt man die Rechenleistung der heutigen, gigantischen KI-Rechenzentren in Mega- oder gar Gigawatt Stromverbrauch an. Nach Schätzungen von Bitkom und Borderstep Institut wird die Anschlussleistungen aller Rechenzentren 2030 in den USA 95 und in China 64 Gigawatt betragen. Dazu kommen enorme Mengen Wasser, das zur Kühlung der Rechner benötigt wird. Gerade in Amerika werden wieder Kohlekraftwerke hochgefahren oder auf Gas umgerüstet oder bereits stillgelegte AKWs reaktiviert, um den Stromhunger der KI zu befriedigen. Die Kohleverstromung stieg 2025 gegenüber dem Vorjahr in den USA um 13 Prozent. Damit stiegen auch die Treibhausgasemmissionen wieder an – obwohl das Gegenteil das Ziel sein müsste.
Die fünfte und die sechste Welle
Die fünfte Welle prägen schließlich Mikroelektronik und moderne Informations- und Kommunikationstechnologien. Der Computer, später der PC treten auf dem Plan. Das Smartphone folgt. Das Internet bildete sich in dieser Zeit heraus, es entstanden die sozialen Medien. Die Werbung eroberte das Netz, die persönlichen Daten der Nutzer wurden zu einer Währung, mit der sich Dienstleistungen bezahlen lassen. Es entsteht eine eigene Datenökonomie.
All das erscheint heute selbstverständlich, war aber noch vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar. Und diese ungeheure Dynamik setzt sich nun, am Beginn der sechsten Welle, fort, die durch das Aufkommen der KI geprägt wird. Computer können nun Fähigkeiten imitieren, die einst allein dem Menschen vorbehalten waren: Logisches Denken, Lernen, Planen und Kreativität. Sie verstehen natürliche Sprache, interpretieren Bilder, komponieren Musik und es gibt keinen Lebensbereich mehr, in dem sie keine Rolle spielen. In immer kürzeren Abständen erscheinen neue Versionen insbesondere der generativen KI mit erweiterten Features.
Aus der Geschichte lernen
Aus dieser historischen Standortbestimmung lässt sich lernen, wie man es heute besser machen könnte. So könnten wir eine KI entwickeln, die Menschen nicht ersetzt, sondern ihnen als Werkzeug dient. Anders als zu Anfang der industriellen Revolution wo dampfgetriebene Textilmaschinen konventionelle Spinner und Handweber ins Elend stürzten, könnte die heutige revolutionäre Technologie Menschen Routinearbeit abnehmen und sie dazu befähigen, anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen.
Dafür hilft es, sie nicht als Naturgewalt zu verstehen, sondern als Teil eines historischen Prozesses, den wir aktiv gestalten können. Jedenfalls solange wir uns das Denken und Entscheiden nicht abnehmen lassen. Damit die Zukunft eine gute wird, dürfen wir sie nicht nur unter dem technologischen Aspekt diskutieren und nur die Features vergleichen. Wir müssen sie Sinnfrage stellen.



