Aus Linux-Magazin 04/2014

Zu Besuch bei einem der wichtigsten OSS-Events Europas

Um 1700 war Brüssel ein wichtiges Zentrum der Spitzenklöppelei, am 1. und 2. Februar 2014 dagegen die Pilgerstätte für Open-Source-Entwickler. Ein (zu) dicht gedrängtes Programm der Fosdem lockte eine ungezählt große Besucherschar an, darunter einen Reporter des Linux-Magazins.

Die Fosdem ist Spitze. Zumindest in der Open-Source-Szene hat sich das 2001 erstmals veranstaltete Event etabliert, hier trifft sich alles, was in der freien Software Rang und Namen hat – vom Kernelentwickler bis zum BSD-Mastermind und dem Desktop- oder Groupware-Evangelisten.

Frei wie die Uni

Die vielleicht größte Open-Source-Konferenz Europas [1], traditionell an der Libre Université de Bruxelles [2] ausgetragen und wie immer mit dem legendären Beer Event im Café Delirium (Abbildung 1) eingeleitet ([3], [4]), stellt den Besucher schon bei der Planung vor einige Probleme: 512 Vorträge [5], Lightning Talks, Workshops, LPI-Zertifizierungen, Devrooms, BOFs (Birds of a Feather) verteilen sich auf über 20 Tracks und in mehr als zehn verschiedene Räume in vier Gebäuden des ausgedehnten Solbusch Campus im Osten der belgischen Hauptstadt.

Abbildung 1: 10 000 Bier gingen über den Tresen – glaubt man den Informationen, die am Ende des feucht-fröhlichen Beer Events im Café Delirium kursierten.

Abbildung 1: 10 000 Bier gingen über den Tresen – glaubt man den Informationen, die am Ende des feucht-fröhlichen Beer Events im Café Delirium kursierten.

Wären da nicht die Videos [6], die das Team dieses Jahr kurzerhand von allen Vorträgen aufzeichnete und im Web veröffentlichte, dann hätte niemand die Chance, einen auch nur annähernd signifikanten Anteil der Veranstaltungen zu verfolgen. Die Idee für die Videos und die Organisation der Technik entstand spontan innerhalb von zwei Wochen, die Keynotes finden sich auf der DELUG-DVD dieses Magazins.

Der Besuch der vollständig von freiwilligen Helfern organisierten und von OSS-Firmen gesponsorten Veranstaltung (Abbildung 2) ist kostenlos, was allerdings auch jedwede Messung des Besucherstroms unmöglich macht – es gibt keine Eintrittskarten, Listen oder Ähnliches. Doch weil die Fosdem-Netzwerker wieder einmal ein fast perfekt funktionierendes WLAN (Abbildung 3, 2014 erstmals auch mit IPv6) auf die Beine stellten, bestand die Möglichkeit einer Schätzung.

Abbildung 2: Sponsoren – ja, aber organisiert wird die Fosdem traditionell von vielen Freiwilligen. Die organisieren das Netz, filmen die Videos und moderieren.

Abbildung 2: Sponsoren – ja, aber organisiert wird die Fosdem traditionell von vielen Freiwilligen. Die organisieren das Netz, filmen die Videos und moderieren.

Abbildung 3: Ein WLAN für 8000 Geräte mit wahlweise IPv6, Dual Stack oder IPv4 parallel? Was auf kommerziellen Messen oft zum Ärgernis wird, scheint kein Problem, wenn sich die richtigen Open-Source-Leute drum kümmern.

Abbildung 3: Ein WLAN für 8000 Geräte mit wahlweise IPv6, Dual Stack oder IPv4 parallel? Was auf kommerziellen Messen oft zum Ärgernis wird, scheint kein Problem, wenn sich die richtigen Open-Source-Leute drum kümmern.

Gesichert ist nur die Mindestanzahl: “Wir hatten wenigstens 450 Besucher – so viele Referenten waren nachvollziehbar anwesend. Genauso sicher ist, dass mehr als 8000 unterschiedliche MAC-Adressen im Netz waren. Also waren ungefähr 5000 bis 12  000 Leute hier, je nachdem, wie viele Geräte pro Person man als Durchschnitt annimmt”, erklärten die Veranstalter am Sonntagabend in der Abschluss-Keynote.

Teilweise überfüllt

Bei so vielen Besuchern, Räumen und prominenten Rednern wird schnell klar, dass es für den Besucher nicht realistisch ist, alle interessanten Vorträge zu besuchen. Gerade Themen, die die OSS-Community aktuell hitzig diskutiert, sorgen regelmäßig für lange Schlagen vor den Hörsälen. Unter anderem bei Lennart Poettering trat dieser Effekt auf. Der Kernelentwickler, der mit Systemd für erbitterte Diskussionen gesorgt hatte, stellte in einem vollbesetzten Raum, in dem schätzungsweise 100 Sitzplätze waren, Kdbus vor [7]. Vor der Tür drängelten sich mindestens ebenso viele Interessierte, die aber der Moderator abwies (Abbildungen 4 und 5).

Abbildung 4: Vielleicht die Hälfte der Interessierten schaffte es, einen Sitzplatz bei Lennart Poetterings Vortrag über Kdbus zu ergattern. Der Rest drängte sich vor der Tür, während …

Abbildung 4: Vielleicht die Hälfte der Interessierten schaffte es, einen Sitzplatz bei Lennart Poetterings Vortrag über Kdbus zu ergattern. Der Rest drängte sich vor der Tür, während …

Abbildung 5: … drinnen Lennart – unterstützt von Greg Kroah-Hartman und Kay Sievers – die Vorteile des neuen Interprozess-Kommunikation-Mechanismus Kdbus vorstellte.

Abbildung 5: … drinnen Lennart – unterstützt von Greg Kroah-Hartman und Kay Sievers – die Vorteile des neuen Interprozess-Kommunikation-Mechanismus Kdbus vorstellte.

Kdbus

Poettering (auf Google Plus unter dem Pseudonym “LennartPoetteringTheOneAndOnly” unterwegs), der wie sein Entwicklerkollege Kay Sievers wieder im roten “Open Source Tea Party”-T-Shirt auftrat (ein Seitenhieb auf eine Diskussion mit Canonicals Mark Shuttleworth), darf sich freuen, beim Thema Kdbus mit dem ebenfalls anwesenden Greg Kroah-Hartman einen der wichtigsten Kernelentwickler auf seiner Seite zu haben.

Doch auch die vorgetragenen technischen Argumente vermochten die Zuhörer wohl zu überzeugen – die kritischen Stimmen hielten sich bei den Nachfragen in Grenzen. Kdbus sei deutlich performanter als der D-Bus-Daemon (es brauche bisweilen nur ein Fünftel der Context Switches), stehe bereits beim Booten zur Verfügung und habe auch sonst einige Vorteile. Über ein Unix-Standardinterface samt API (ein Device unter »/dev« ) können Anwendungen über das Kdbus-System Informationen und Daten austauschen (Interprozesskommunikation), wobei sich sowohl effizienter Datentransfer im Gigabyte-Bereich wie auch Credentials und Meta-Informationen, Timestamps und viele andere Features umsetzen lassen.

PostgreSQL- und Libre-Office-Days

Am Freitag vor der Fosdem trafen sich die PostgreSQL-Entwickler im Radisson-Hotel. Der “Fosdem PG Day” (Abbildung 6, [8]) ist geprägt von technischen Vorträgen, Talks und Keynotes. Abends setzen sich die Datenbank-Developer gemütlich zusammen, in einem eigenen Event in Konkurrenz zum gerne überfüllten Fosdem Beer Event.

Abbildung 6: Die PostgreSQL-Community traf sich vor der Fosdem, …

Abbildung 6: Die PostgreSQL-Community traf sich vor der Fosdem, …

Eine andere Entwicklergruppe blieb dagegen länger in Brüssel: An den Tagen nach der Konferenz traf sich die Libre-Ofice-Community, um auf dem “Libre Office UX Hackfest” ([9], Abbildung 7) weiter an der freien Officesuite zu arbeiten. Kurz vor der Fosdem hatte das Team erst die Version 4.2 herausgegeben [10], die die Konferenzbesucher am Libre-Office-Stand unter die Lupe nehmen konnten. Auch der Termin für die diesjährige Libre Office Conference steht mittlerweile fest: Sie findet vom 2. bis 5. September in Bern statt.

Abbildung 7: … die Libre-Office-Entwickler in den Tagen danach.

Abbildung 7: … die Libre-Office-Entwickler in den Tagen danach.

Automotive

Großen Raum auf der Fosdem nahmen die Vorträge aus dem Embedded-Bereich ein, allen voran die Themen “Connected Car und FOSS”, etwa im Vortrag von Mikael Söderberg. Der schilderte, wie viel freie Software in Autos eingezogen ist und wie aus dem Infotainment-Bereich mehr und mehr Open-Source-Produkte in andere Bereiche der Fahrzeuge “springen”. Marktforschern zufolge werden bereits in wenigen Jahren “die meisten Infotainment-Systeme mit Linux statt QNX oder Windows laufen” (Söderberg).

Vollvirtualisierte ARM-Architektur

Auch Xen on ARM war ein Thema. Nicht nur ein weiterer Port sei das, erklärt Stefano Stabellini, vielmehr habe man auch die Architektur aufgeräumt und “viel Kram rausgeworfen, der aus der x86-Historie kommt, etwa Qemu – jetzt ist keine Emulation mehr notwendig und die Codebase ist deutlich kleiner”. Nur noch ein Zehntel soll die umfassen – bei fast gleichem Feature-Umfang.

Auf ARM gäbe es keine Unterscheidung mehr zwischen Para- und Vollvirtualisierung, sondern nur noch Hardware-Virtualisierung mit so genannten Paravirtualized Interfaces. Und für Android wollen die Entwickler bald Xen auf ARM in der Version Kitkat (Android 4.4) bringen, basierend auf Kernel 3.8.

Archäologie

Während sich in den Technik-Tracks die Urgesteine wie Howard Chu (“Was ist neu in Open LDAP”?, Abbildung 8, [11]) tummelten, drehten sich die Keynotes beispielsweise um Wikipedia-Autokorrektur: Daniel Naber schilderte die Probleme der Wikipedia mit Grammatik- und Stilfehlern und wie sie das mit Hilfe des Java-Language-Tools lösen konnte.

Abbildung 8: Auch wenn das Grumpy-Cat-Bild am Ende seiner Präsentation nichts Gutes vermuten ließ, blieb der Open-LDAP-Entwickler Howard Chu für Fragen nach seinem Vortrag doch aufgeschlossen.

Abbildung 8: Auch wenn das Grumpy-Cat-Bild am Ende seiner Präsentation nichts Gutes vermuten ließ, blieb der Open-LDAP-Entwickler Howard Chu für Fragen nach seinem Vortrag doch aufgeschlossen.

In der zweiten Keynote gab John Turnbull Anregungen, wie sich ein neuer Entwickler am besten in ein altes Softwareprojekte einarbeitet. Unter dem Titel der “Software-Archäologie” schilderte er sowohl soziale Regeln mit Verhaltensweisen wie auch das technische Vorgehen für den, der neu zu einem etablierten, alten Projekt stoße. Reden, höfliches Nachfragen, Lesen, Dokumentation updaten und Tests einbringen und beschreiben seien da hilfreich, meint Turnbull.

OSS und die NSA

Und zu guter Letzt blieb auch die sonst beabsichtigt unpolitische Fosdem nicht vor einer Keynote über den NSA-Skandal verschont. In einem anschließend viel diskutierten Vortrag zeigte der Varnish- und BSD-Entwickler Poul-Henning Kamp auf unterhaltsame Weise Spekulationen, wie denn die NSA-Einflussnahme auf Open-Source-Projekte und die gängigen Sicherheitstechnologien aussehen könnte – Deckname: Orchestra (Abbildung 9).

Abbildung 9: "Open SSL ist ein Kronjuwel der OSS-Welt, aber das API und die Dokumentation sind so schlecht, dass es ein Leichtes wäre, darin bösartigen Code unterzubringen" – Poul-Henning Kamp über die Möglichkeiten der NSA.

Abbildung 9: “Open SSL ist ein Kronjuwel der OSS-Welt, aber das API und die Dokumentation sind so schlecht, dass es ein Leichtes wäre, darin bösartigen Code unterzubringen” – Poul-Henning Kamp über die Möglichkeiten der NSA.

Hätte er “die finanziellen und technischen Möglichkeiten der US-Geheimdienste, dann würde ich die Open-Source-Community unterwandern” und “sicherheitsrelevante Projekte unnötig komplex und APIs so kompliziert und undurchschaubar gestalten wie etwa das Open-Source-Kronjuwel Open SSL”. Außerdem würde er dafür sorgen, dass niemand selbst signierte Zertifikate verwendet, sondern nur die von der NSA beglaubigten Root-CAs.

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